Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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6eite 2 date ergaben, noch mehr aber die Nationalisierung der jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa beweisen deutlich, daß eine allgemeine'jüdische Nationalkonstituante im zionistischen, wie allgemein-jüdischen Interesse dringend notwendig und unbedingt erfolgversprechend ist. Wie mit einem Schlage könnten alle unberufenen assimilatorischen, konfessionellen und philaiitropisch-plutokratischen Sachwalter hinweggefegt werden. Die jüdische Nationalvertretung, gewählt von der jüdisch-nationalen Weltkonstituante, würde keine unbeauftragten Klüngel und Klubcliquen dulden. Daß unbefugte Geldgroßorganisationen ä la Alliance und Einzel-Großjuden nichts" unversucht lassen werden, um ihre Hintertreppenpolitik ausüben dürfen, wissen wir heute schon. Andererseits darf auch die nationale und zionistische Judenheit sich nicht etwa darauf verlassen, daß in der amerikanischen Delegation der, wenn auch noch so verdienstvolle Zionist Oberrichter L. Br and eis, in der englischen der Jude Lord Reading sitzt, sondern unsere Sachwalter müssen eine eigene, nur das jüdische Volk legitim darstellende Nationalvertretung sein. Auch ein zionistisches Bureau Zu Paris oder Versailles unter Nahum Sokolows Leitung kann nicht unsere Vertretung auf dem Friedenskongreß darstellen. Der Sachwalter des Zionismus ist der Zionistenkongreß. Das engere Aktionskomitee, die englische und amerikanische Landsmannschaft, die zionistische Palästinakommission, sie alle müssen in diesem entscheidenden Augenblicke die einige und einheitliche Bestätigung aller Zionisten auf dem XII. Zionistenkongreß herbeiführen. Es- Ist gar nicht unwichtig, daß die Zionisten der mitteleuropäischen Länder aus eigener Initiative Ihre freie Zustimmung zur Weizmann'schen Konzeption «eben. Darum genügt weder die Errichtung des? zionistischen Bureaus, noch' der Zusammentritt des großen A C. Allein der Kongreß ist zu dieser wichtigsten Entscheidung befugt Jeder anders Versuch bärge die Gefahr. künftiger Unstimmigkeiten in sich 1 Aber es kann die Palästinaforderung auch' nicht yom Zionistenkongreß allein, noch durch sein Peümanenzbureau, dessen permanente Aufgabe für die Dauer der Friedensverhandlungetä vom Kongreß in den Grundzügen zu beschließen wäre, so nachdrücklich vertreten werden, als namens des allgemeinen jüdischen Natio-, nalkongresses, durch die oberste und alleinige jüdische Nationalvertretung. - Diese, von den Juden selbst durch allgemeine: Wahl aller nationalen Juden gewählte Nationalvertretungwürde zum ersten - Male kraft Auftrages des jüdischen Volkes als legitimierter Sachwalter •auf dem Völkerkongreß erscheinen. Es entspräche; nur die Bedeutung der größten jüdischen Organi- , sation, der zionistischen, wenn diese, wie fnder Kongreßbewegung, so auch in der gewählten Nationalvertretung die Führung erringt, was angesichts des amerikanisch-jüdischen. Kongreßergebnisses und der-führenden zionistischen Rolle beider Nationalratsbildung und Nationalisierung der Kultusgemeinderi in fast allen Einzelländern, bestimmt vorauszusehen ist. Ueberdies ist die Annäherung-aller nationalen- Parteien gelegentlich, de.- Nationalrätebildung die natürliche. Grundlage für die überall gleichlautenden Forderungen nach- Gleichberechtigung, nationaler Autonomie und Palästina. Die Palästinaforderung würde also gemäß der jüngsten zionistischen Politik namens der gesamten jüdischen Nation ebenso zu erheben seinwie der Zionistenkongreß separat und ausschließlich das zionistische Programm verträte. Die technischen Schwierigkeiten für den XII.. Zionistenkongreß sind große. Ihre Ueberwindung jedoch dient ja gleichzeitig der Wiederaufrichtung der unterbrochenen Beziehungen«und der Vorbereitung der Großkolonisation nach dem Friedensschluß. ., Ebenso sind die Voraussetzungen für die allgemeine jüdische Konstituante gegeben. Teils kann und wird die.allgemein-jüdiscbe Kongreßbewegung allüberall mit erneuter KTaft Wiederaufleben, teils bringt die Durchführung der allgemeinen jüdischnätionalen Wahlbewegung für die jüdisch-nationalen Landeskonferenzen als Repräsentanz der Landesjudenheit von selbst die geistige Grundlage für die Delegiertenwahl zur jüdischen Gesamtkonstituante. In der Tat besteht begründete reale Aussicht zur Bildung unserer legitimen Nationalvertretung auf der Friedenskonferenz. Das ganze, jüdische Volk erwartet diese Nationalvertretung als erlösende Tat in schwerster Stunde. Die kleinliche Gefahr der Zersplitterung, die Einzelheiten oes Wahlmodus, die programmatischen Vorbereitungen mögen die jüdischen Nationalräte in aller Welt in einem provisorischen Wahlvorbereitungskomitee bewältigen. Die Aufgabe aller politisch reifen Juden, Führer und Geführten, ist heute die große, welterschütternde Parole der nationalen Antoemanzipation, der würdevollen, aktiven Selbstbefreiung, die schon Hillel in die ehernen Worte Weidete: Wenn nicht ich für mich — wer für mich? Und wenn ich allein - was bin ich? . Und wenn nicht jetzt — wann denn? Dr. Heinrich Glanz. jnrwSCHP 7FITI fNH . - Nr. 50 Die Lage in Galizien Brief aus Lemberg :/ (Von unserem Korrespondenten.) I.embcrg, den 3. Dezember 1913. Nach dem Pogrom. Noch immer sind fast alle jüdischen Geschäfte Lembergs gesperrt, denn sie sind ausgeraubt, ausgeplündert und devasnert Die polnischen Behörden haben zwar -durch Aufrufe "die Kaufmannschaft ersucht, die Geschäfte zu öffnen, aber dieser Aufforderung" konnten, mit Ausnahme der christlichen, nur sehr wenig jüdische Kanfleutc Folge leisten. Die Stadt sieht daher noch immer sehr traurig aus. Im großen und ganzen herrscht hier bereits Ruhe, aber die jüdische Bevölkerung fühlt sich noch immer nicht ganz sicher, insbesondere in der Nacht, denn die jüdischen Gassen sind ohne jedwede Beleuchtung und ohne Schutz. - Es ist 2war eine polnische Bürgermiliz geschaffen worden, diese aber schützt alle möglichen Stadtteile und Straßen,. die des Schutzes nicht bedürfen, nur nicht die jüdischeg. Ueber-dies hegt -die Judenschaft, kein- Zutrauen zurpolnischen Miliz, welche während der Pogrome die Wegweiser für die Pogromhelden abgab. Bis zur Neubildung einer jüdischen Miliz wird die Juden- . heit Lembergs in Unsicherheit leben, zumal sich noch immer in der Nacht vereinzelte Ueberfälle auf jüdische Häuser ereignen. Aber auch am helllichten Tage verüben Legionenpatrouillen unter 1 dem Deckmantel von Hausdurchsuchungen’ nach versteckten Waffen Erpressungen an Juden, wobei sie sich bewirten und verschiedene Geldbeträge ansfolgen lassen. Die Zahl der im Judenviertel niedergebrannten, teils dreistöckigen Häuser beträgt zirka 50, darunter drei Synagogen. Die Zahl der Beraubten und' Geplünderten sowie der Obdachlosen- >und— Ermordeten konnte noch nicht genau festgestellt werden. Damit ist ein spezielles Komitee be- - schäftigt, welches sich auch mit der Feststellung der Schäden befaßt Nach längeren Auseinandersetzungen zwischen dem jüdischen Nationalrate und den durch die Kultusgemeinde repräsentierten Assimiianten kam die Gründung eines gemeinsamen Rettungskomitees zur Linderung der Not der Pogromopfer zustande. Dieses große Komitee, welches unter der Leitung der Kultusgemeinde mit Doktor Parnas an der Spitze steht, verteilte die Gesamtarbeit unter mehrere Sektionen, welche ihre eigenen Bureaus eingerichtet und eigene Vorsitzende eingesetzt haben. Ein genauer Bericht über dieselben wird sich erst nach deren vollständiger JConstkuieruBg bringen-'; lassen. Jn : einer jeden dieser Sektionen hat. die zionistische Partei den .Löwenanteil, wie überhaupt die Bildung dieses Rettungskomitees ohne Hilfe der zionistischen •Organisation nicht möglich gewesen wäre. Trotz ■dieser Zusammenarbeit führen die zionistischen Trauen und Mädchen ihre Arbeit gesondert von •den Assimilantinnen. Die polnische Pt esse und die Pogrome. Die polnische Presse in Lemberg hat den -.schauderhaften Pogrom im Judenviertel zunächst ganz verschwiegen. Dann - Hat sie in kleinen . Chrqniknotizen die Vorfälle als einfache Ausschreitungen von pöbelhaften Räuberbanden dargestellt, welche infolge des Mangels an einer -Sicherheitswache sich zu Plünderungen und! Räubereien haben verleiten lassen, wobei sie auch Mi Brandstiftungen griffen, um sich die Räubereien zu erleichtern.- Natürlich wollte die polnische Presse nichts davon wissen, daß die Pogrome •durch das Kommando der polnischen Legionäre,. mit -dem gegenwärtigen Stadtkommandanten Czes-. . law Mnntschinski an der Spitze, von langer Hand vorbereitet und-organisiert worden sind, wofür in jüdischen Händen sich sichere Beweise befinden,. welche einer unparteiischen, internationalen Untersuchungskommission vorgelegt werden würden. . Aber unter dem Drucke der traurigen und für das Polentum beschämenden Tatsachen mußte die polnische Presse wie auch die polnische Oeffentlichkeit das Verschweigen der blutrünstigen Ausschreitungen .der „siegreichen“ polnischen Truppen aufgeben. Jedoch an Stelle einer objektiven Darstellung der Vorfälle -und Aufzählung der Tatsachen, zu welcher sich keine der polnischen — nicht einmal der ach demokratisch nennenden -— Zeitungen emporschwingen konnte, traten sie mit einer unverschämten Verleumdung und Beschimpfung der jüdischen Nationalisten hervor, um ihnen die Schuld an den" polnischen Pogromen in perfidester Art in die Schuhe zu schieben. Und anstatt auf das polnische Volk beruhigend zu wirken, was zwar die polnischen Militär- und Zivilbehörden durch zweideutige Aufrufe zu bewirken versuchen, wird es noch mehr aufgehietzt, indem in ihm die Überzeugung erweckt wird, daß die Juden Lembergs feindselig gegen die polnischen .Legionäre aufgetreten sind, was keinesfalls zutrifft.- So wurden /durch das Organ der polnischen Heeresleitung, „Pobudka“, Legenden erdichtet,-als ob die Juden am Grabe der Pogromopfer Rache dem polnische® Volke geschworen und die Gründung einer jüdischen Legion beschlossen'hätten, welche sich mit den Ukrainern zum Kampfe gegen die Polen vereinigen solle. Diese Legende nahm auch General ' Rozwadowski zum Anlasse, um am 29. November abends eine Abordnung von zehn jüdischen Vertretern, darunter unsere Genossen Dr. Leon Reich, Dr. Michael Ringel und Dr. Alexander Hausmann zu sich zu berufe» und Ihnen die Bombardi erung des J udenvLe.rtels in Lemberg an'zudjrohfc'«i falls sich diese Ver'I-eumdung bewahrheiten sollte. Natürlich konnten ihn alle ‘ Anwesend&fl,tfnüer denen sich fünf Vertreter der Assimiianten befanden, rundweg versichern, daß kein wahres Wort an der tendenziösen, der Verhetzung des polnischen Volkes gegen die so schwer geprüfte Judenheit Lembergs dienenden Lüge sek Die Sprecher der Zionisten wie auch Herr Dr. Tobias Aschkenase benützten die Gelegenheit, um ■dem kommandierenden General -ihre Meinung über die Lösung des polnisch-jüdischen Problems klär und offen herauszusagen, sowie ihre Forderung hinsichtlich der Eindämmung der Unruhen im jüdischen Viertel mitzuteilen. General Rozwadowsky versprach, sein Möglichstes zu tu*. Nur befürchtet man, daß bei der bekannten polnischen’Wirtschaft die guten Absichten des Köm- 'mandanten durch die unverläßlichen untergeordneten Organe in das Gegenteil verwandelt werden, zumal der verhaßte Stadtkommandant Monfschinski, dessen Hän.de in jüdischem Blute getränkt sind und zu welchem in der jüdischen Gasse das größte Mißtrauen herrscht, noch immer im Amte bleibt. Schikajiierung der nicht polnischen * Presse. Das ukrainisches „Dilo“,: welches nach ,der Eroberung Lembergs wieder zu erscheinen ber gönnen hatte, wurde nach der zweiten Nummer verboten, ln seiner ersten Nummer brachte es einen Leitartikel, in welchem es der ukrainischen Regierung imputierte Schuld an den Pogrome» durch angebliche Entlassung der Häftlinge von - sich wies. Ferner brachte es ein rührendes Bild von dem Lemberger Ghetto. Seit dem 1. d. M. . begann die ukrainische sozialdemokratische Partei ein eigenes tägliches Organ in ukrainischer Sprache unter dem Titel „Wpered“ („Vorwärts“) herauszugeben. Dieses Blatt wird jedoch auf'dies» Weise gemaßregeli, daß es gleichzeitig mit-zyrillischen und lateinischen Lettern gedruckt werde* muß, was dem. Unternehmen eine doppelte materielle Last auferlgt Das Blatt nimmt eine sehr freundliche Stellung zur Judenfrage ein', die vom der bekannten intransigenten Stellung, der polnischen sozialdemokratischen Partei sehr absticht In der dritten Nummer des genannte* Blattes lasen wir eine rührende Beschreibung de« Begräbnisses der Pogromopfer. Die Beschreibung schließt mit den Worten: „Vielleicht wird dies <3» Auferstehung des jüdischen Volkes sein!“ Das zionistische ,,Tagblatt“ erscheint seit dem 25. November wieder. In der letzten Zeit wkd 'es durch die polnischen Militärbehörden i* der Weise verfolgt, daß es den Kolporteuren dürch die Legionäre auf der Gasse abgeriommen und zerrissen oder verbrannt wird. Der Herausgeber, Gg.. Dr, Michael Ringel, intervenierte bei den maßgebenden Stellen, tun eine Reriiedur zu veranlassen. Ob mit Erfolg, muß erst abgewartet werden. Ab 4. d. M. muß das „Tagblatt“ zugleich mit lateinischen Lettern gedruckt werden. Das zionistische Exekutivkomitee, welches" durch die im Oktoberstattgefundene Vertrauensmännerkonferenz eingesetzt worden war, hielt seit der Zeit ..einige Sitzungen unter dem Vorsitze des Gg. Dr. Leon Reich ab, konnte jedoch eine formelle Konstituierung erst in der Sitzung vom 30. v. M. vornehmen. Es wurde beschlossen, -das Amt eiines amtierenden Vorsitzenden zu kreiieren, da bekanntlich durch die V. M. K. zwei Parteipräsidenten mit! gleichen Prärogative», und zwar die Gg. Dr. Leon Reich und Dr. Michael Ringel gewählt worden waren. Ferner wurden einige Spezialsektionen organisiert, an dere* Spitze je ein Referent aus der Mitte des Exekutivkomitees gestellt wurde. An die-Spitze des Generalskretariäts wurde Gg.'Dr. Maier Gey er berufen. Zu erwähnen wäre . noch die Kreierung eines Preß- und Redaktionskomitees . mit de» Gg. David Schreiber lind Dr. Emil Schmorak als Leiter. Ben-Mordechaj. Das neue Blutmärchen' Ans einem Privatbriefe. Przemyd, den 16. November 1918. Was die Juden hier am II., 12., und J3. <L M. erlebt haben, läßt sich heute mit kaltem BhA nicht - beschreiben. Noch ist der furchtbare Eindruck des Geschehenen wach, noch die Empörung zu stark, die Erinnerung am Raid», Mord und Plünderung frisch, der heilige Zorn der gedemütigten, geschlagenen Menschen, der besudelten Heiligtümer, aufbrausend^ daß man ohne innere Erregung darüber berichten könntet- Das Wort „Pogrom" versteht nur jfener, der alle Qualen des Gefühles der Machtlosigkeit, all« Nuancen der Angst überstanden hat! In diese* 3 Tagen war das gesamte Judentum in PrzesnysS vom den Polen als „vogelfrei“ betrachtet lind außerhalb jedes Rechtes gestellt. Die nackte, rohe, hundertfach / die preußische übersteägeude, polnische Gewalt triumphierte über die waffenlosen Juden! Wie wilde Tiere, Hunnenhorden, drangen sie in die Stadt ein (das reguläre polnische Heer) plündernd^ Taubend und mordend a u s s c hl Le'l- Iich Juden, mit der Begründung . . . „dieJndea schossen auf die Pden“. Das alte, antisemitische,