Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 50 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 . Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds" Wien, Freitag, den 13. Deaember 1913 Bezugspreis: Vierteljährig 6 K ganzj. 24 2, Einzelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 » V Großes Reinemachen Die assimilatorische Intiigue Das iüdischeWolk ist in Gefahr und schwerer Not Eine gewaltige Erregung hat die Massen ergriffen. sie blicken mit banger Erwartung und selinsüchtfeer Hoffnung' auf die nächsten Ereignisse, die das Los des jüdischen Volkes für Jahrhunderte entscheiden sollen. In solchen kritischen Zeiten, wo das Los des Volkes, nicht nur von äußern Faktoren, sondern vor allem von ihm selbst abhängt haben bisher immer alle Völker, so gespalten sie auch sonst in Parteien wären. Entschlossenheit und Einigkeit bewiesen. In den letzten Jahren hatten wir viele Beispiele in unserer .nächsten Nähe. Nur . das jüdische Volk ist auch in dieser Hinsicht eine Abnormalilät. Man kann nicht ungestraft Jahrhunderte hindurch im Ghetto sitzen: Niemals ist die Wirkung des Ghetto so deutlich geworden. wie als es zu bestehen aufgehört hat Die Abkömmlinge des Ghetto sind Sklavenseelen geblieben. wenn auch die äußeren- Fesselngefallen waren. Es hat aber immer einen gesunden, iugendfrischen und lebensfreudigen Kern “im jüdischen Volk gegeben. Die jüdische Jugend hat mit Schmerz und mit Scham die'Knechtschaft ihrer Väter empfunden und sie hat verstanden, daß eine wirkliche Befreiung nur durch Befreiung des ganzen Volkes, durch seine Wiederherstellung als freies Volk erfolgen könnte. Dieser Ge-v danke erstarkte immer.mehr, er weckte' die latente Sehnsucht in den Seelen der Juden, er gab ihnen das beglückende Gefühl wledergeiundenen Zusammenhanges. er befreite sic von der Last immerwährender Unaufrichtigkeit gab ihnen das verlorene Gefühl der Würde,^und Selbstachtung zurück. Die jüdische Jugenc^ will an die große Vergangenheit ihres Volkes' ankaüpfen. sie will die ganze Fülle der durch die Jahrhunderte im Volke angesammelte Energie in lebendige Kraft umwandeln, sie will ihr eigenes Leben ihrer Eigenart entsprechend und aut den Schätzen der eigenen beispiellos reichen Kultur aufbauend wieder zur Blüte bringen. Es ist unerträglich, immer ducken imd kriechen zu müssen und nach rechts und links zii schielen. Das jüdische Volk will endlich aufrecht durch die Weit gehen und seinen Anspruch auf Achtung seitens der anderen Völker neu begründen. Dieses ist die einzige jüdische Zukunft, die möglich ist. Es gibt nur eine Entscheidung: entweder auf jede Zukunft des Jüdischen Volkes verzichten, oder aber diese Zukunft als ' die eines freien Volkes mit allen Mitteln anstreben. Das Kopenhazener Bureau der Zionistischen Organisation hat die Forderungen, des jüdischen Volkes in einem bedeutungsvollen, an die ganze Welt gerichteten Manifest kundgetan. Diese Forderungen sind: die nationale Heimstätte in Palästina, vollkommene und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern, nationale Rechtp auf kulturellem, sozialem und politischem Gebiet in allen Ländern, deren jüdische Bevölkerung auf sie Anspruch erhebt. Dies sind die Mindestforderungen. me eine jüdische Fortexistenz ermöglichen. Die überwiegende Mehrheit des ganzen Volkes steht hinter ihnen. In dieser großen Stunde, wo ’ wir alle unsere Kräite zur Erreichung unserer Ziele bedürfen, ist trotzdem ein innerer Kampf, im Judentum unvermeidlich geworden. Wir haben den Kampf nicht gewollt und nicht beaonner«. Aber die Art. in der er aufgenommen wurde, niacht seine Durchführung zu einer moralischen Angelegenheit. Es gilt ein großes Reinemachen. Das jüdische Volk darf ■nicht ferner dadurch geschändet werden, daß Leute sich eine Wortführung anmaßen. deren Programm an! die Vernichtung des Volkes, auf (De Abschneidung seiner nationalen Zukunftsmöglichkeit gerichtet ist Wir müssen diese Schande vor der ganzen Welt bekennen, aber wir müssen auch gegen sie kämpfen und sie ausrotten. Wehe denen, die die große Stunde verkleinert haben, die uns den Schmutz dieses Kampfes aufnötigten! In den Ländern der ehemaligen jZentralmächte wurden überall jüdische Nationalräte gebildet. deren Ziel es ist. die Voraussetzungen zu schaffen, damit die jüdische Gemeinschaft sich in jüdischem Geiste entfalten könne. Sie wollen, ohne .ihre Pflichten gegen den Staat im geringsten zu vernachlässigen, die Jugend zu ganzen und selbstbewußten Juden erziehen, sie wollen die vergessenen Schätze des jüdischen Volkes wieder zum Gemeingut maclien und das Volk unter eigener Verantwortung wieder zu eiuem gesunden Gemeinchaftsleben führen. Dagegen wehren sich diejenigen Juden, deren ganze-Arbeit nur darauf gerichtet war. ihre iüdiche Abstammung vergessen zu machen. Sie wollen nicht an iiir Judentum und ihre jüdischen Pflichten, gemahnt sein. Allerdings ereignet sich das Groteske, daß sie selbst bei* dieser negativen Erklärung wieder als Juden h§gvorzutreten genötigt sind. Aber in ihrer Schwäche vermögen sie nichts als lächerliche Proteste in die Welt zu setzen. Wir bekämpfen diese Leute nicht etwa weil, wir sie fürchten, sondern weil sie das Ansehen des Judentums vor der ganzen Welt in verächtlichster Weise bloßstellgru, _ . In Deufschösterreich hat die „Oesterreichische Israelitische Union“ diese ehrenvolle Arbeit auf sich genommen. Die Union, deren Mitglieder in großer Zahl z. B. in dem jetzt tschecho-siowakischen Gebiet leben, entblödet sich nicht, mit der Erklärung jpervoraitreten. daß sich die Juden als Deutsche fühlen. In Berlin hat eine Anzahl von ..angesehenen“ jüdischen Verbänden einen Protest gegen die Forderungen der nationalen Juden veröffentlicht und erklärt,, daß sich ihre Mitglieder „als unablöslichen Bestandteil deutschen Volkes“ fühlen. In den Prager Zeitungen haben die; tschechisch-jüdischen Assimiianten , als Inserate Protestkundgebungen gegen den jüdischen Nationalrat veröffentlicht. Der Prager Kultuspräsident arbeitet mit Fälschungen gegen den Nationalrafc In Ungarn beharrt die jüdische Finanzclique bei ihrer magyarisch-chauvinistische« Politik, deren unheilvolle Wirkungen jetzt in der, Slowakei und in Siebenbürgen so offenbar werden. ..Ein edler Bund“ — schreibt unser Prager Bruderblatt ..Selbstwehr“ — „dieses jüdisch-assimilatorische: Mitteleuropa. In der ganzen Weit sonst ist die iiidische Assimilation vernichtet und auch dieser üble Rest der früheren Zentralmächte ist in Auflösung begriffen. Mit der Reaktion fällt auch die Assimilation.“ Alle gutgesinnten Juden aber haben die undankbare Aufgabe, gegen die Sklavenseelem in ihrer Mitte den Ausrottungskamof zu führen. Selbst den blindesten und uiünformiertesten Elementen der Völker muß es klar werden, daß diese Gesellschaft, die sich in Bücklingen vor dem jeweilig Herrschenden nicht genug tun kann, die gestern noch Kaiser und Reich ungefragt ihrer unentwegten -Treue versicherte, und; morgen für die. Republik schwärmt, nicht ernst zu nehmen ist. Es liegt auch im eminentesten Interesse der Völker, sich mit diesen zweifelhaften Repräsentanten nicht einzulassen und in jüdischen. Fragen sich nur an den Teil des jüdischen Volkes zu halten, der einzig ein ehrlich jüdisches Programm ^vertritt und vom Vertrauen des jüdischen VolkesT das leben will, zur Vertretung autorisiert ist. Zählet die jüdische Volkssteuer! An Öie jüdische Öffentlichkeit! Die Greueltateu. welche ht diesen Tagen in den verschiedensten Orten an Juden begangen wurden, maehen eine sofortige, weit ausgreifende HUIsaktion größten Stils nötig. Der Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich hat im Einvernehmen mit den von den Jüdischen Massen in Galizien selbst eingesetzten National- und Volksräten die Einleitung einer Aktion unternommen, welche sich nicht auf Verteilung von Unterstützungsgeldem beschränkt; sondern einen Wiederaufbau nach gesunden, sozialen Prinzipien ermöglichen soti. Zur Beschaffung der Mittel ergeht hiermit die Aufforderung an die gesamte Oeffentlichkeit, dieses Werk der Menschlichkeit und Brüderlichkeit durch Ueberweisung möglichst hoher Spenden zu fördern. Spenden sind zu richten an die Bank, und Wcciiselstuben-Aktiengesellschaft JVtercur“, Wien* Kontonummer 6447. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. Dr. Jacobson nach London abgereist Kopenhagen. 10. Dezember. (Telegr. d. „Jüd. Ztg.“) Das Kopenhagener Zionistische Bureau teilt mit: Dr. Viktor Jacobson, Mitglied des Engeren Aktionskomitees der zionistischen Weltorganisation und Leiter des Kopenhagener Zionistischen Bureaus, hat sich nach London begehen. / Die jüdische Konstituante und die Friedenskonferenz. Die jüdische Nationalvertretung für die Friedenskonferenz soll gebildet werden. Es besteht begründete Hoffnung, daß diese unsere legitimierte Vertretung im Namen der nationalen Gesamtjudenheit werde auftreten können. Gleichwohl ist unsere Vertretung noch nicht gebildet worden. Größte Eile tut not. Die jüdische Kongreßbewegung war in fast allen Ländern jüdischer Siedlung noch vor einem Jahre so weit gediehen, daß sie im gegenwärtigen Entscheidungspunkte wieder aufgenommen werden kann. Als größter und wichtigster Teil der nationalen Judenheit wird der 12. Zionistenkongreß der allgemeinen Nationalkonstituante vorangehen müssen. Schon ist für die Zionisten der alliierten und neutralen Länder eine Konferenz nach London einberufen; der amerikanischjüdische Kongreß, bis zur Friedenssiebt verschoben, soll tagen; das jüdische Vorparlament in der U k r a i n a ist bereits zusammengetreten. In sämtlichen mitteleuropäischen Ländern haben sich aus allen nationalen Parteien provisorische jüdische Nationalräte konstituiert, die nach dem Zusammentreten ihrer jüdischen Landeskonstituanten aus definitiver Wahl ihr Mandat empfangen werden. (Jüdische Nationalräte für Deutschland, West- und Ostgalizien, Tschechosloväkei, Deutschösterreich, Ungarn, Bukowina, Jugoslavia mit den Sitzen in: Berlin, Krakau, Lemberg, Prag, Wien, Budapest, Czemowitz, Agram.) Angesichts dieser durchgreifenden politischen Organisierung der Judenheit Mitteleuropas muß sich die politische Vertretung der Gesamtjudenheit unschwer ergeben, zumal die jüdische Kongreßbewegung den aufgeschobenen Termin nunmehr in greifbare Nähe gerückt sehen muß. Darum stehen alle gegenwärtigen Fragen der jüdischen Nationalvertretung vor und über aller Landespolitik, die uns für kurze Zeit den weltpolitischen Ausblick der Judenfrage benahm. Vor allem die zionistische Judenheit trägt heute die historische Verantwortung für das Wohl und Wehe der Gesamtjudenheit. Sie hat dies immer wieder betont; allein sie vermochte noch immer nicht die Majorität des Volkes zu organisie-, ren. Vielmehr hat sie in letzter Zeit den Weg langwieriger zionistischer Erziehungsarbeit zum Teil verlassen und begnügt sich mit der führenden Rolle im jüdischen Volke. Dieser raschen Erkenntnis einer allgemein jüdischen Gegenwartspolitik, die durch den gesamten .Willen der nationalen Judenheit getragen werden muß, ist es zu verdanken, daß die zionistische Forderung ungetrübt aus dem Weltkriege hervorgeht. Nun gilt es aber auch diese unangemaßte. rein selbstverständliche F ü hr u i>g des Zionismus zu rechtfertigen. Schon die Wahlen zum amerikanisch-jüdischen Kongreß, die 60 Prozent zionistische Man-