Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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*r. 4S JÜDISCHE ZEITUNO Seite & Ein Assimilant für die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Der erste Vizepräsident der Lembereer Advokatenkammer und bekannte Führer der Assitniiaufen in Galizien. Dr. Tobias Asc h keil a s e. veröffentlicht in der Letnberger polnischen Tageszeitung ..Wiek Nowy“ einen Aufsatz „Zur Judenfrage“. der wegen seiner entschiedenen Stellungnahme für die Anerkennung der jüdischen Nationalität beachtenswert ist. Dr. Aschkenase schreibt: Man kann keinesfalls die Sache so stellen, daß der Jude in diesem Lande entweder Pole oder Ukrainer sein muß. Diese große Lüge muß endlich verschwinden. Die große Masse des jüdischen Volkes ist weder polnisch noch ukrainisch und will weder polnisch noch ukrainisch sein. Sie i s t jüdisch uni will es bleiben. Wir müssen mit dieser Tatsache rechnen und sie anerkennen. Es läßt sich an eine derartige Begriffsverwirrung nicht Klauben, daß jede momentane Feueriinie im Lande oder par in Lemberg darüber entscheiden soll, ob ein Jude zwangsweise in die polnische oder ukrainische Armee eirigereiht werden soll, wenn diese zwei Armeen miteinander Krieg führen. Ueberleget nur einen Moment das Fürchterliche dieser Situation: Ein Bruder weilt zeitweise ln der Sapiehagasse. wo ihn die Polen zwajtgsweisc in ihre Reihen gegen die Ukrainer einstellen, der andere Bruder weilt zeitweise am Rihgplatz und wird’ deshalb zwangsweise in die ukrainische Armee'zum Kampfe gegen die Polen eingereiht. Wohin führt das? Hat so das Selbstbestimmungsrecht der Völker auszusehen? Käjui man von den Juden dieses unglücklichen dritten Bezirkes (Anmerkung der Redaktion: des Judehvicrtels, von dessen Regulierung in der Stadtgemeinde Lemberg seit Jahren die Rede jst). welcher von den Polen letzt so gründlich ..reguliert“ (!) wurde, daß sie jetzt in die Armee jener eingererht werden, welche sie in den letzten Tagen so gründlich vernichtet haben? Ich fprdere hn Namen aller göttlichen und menschlichen Rechte die Anerkennung der iücll-. <■ scheu Nationalität. Ich fordere die Zucrkennuna des Rechtes der nationalen Selbstbestimmung für alle Juden unseres Landes. Nur dies wird die wichtigste Ouelie der konventionellen, teilweise unbewußten, teilweise heuchlerischen Lüge, welche unser öffentliches Leben vergiftet, beseitigen. Die Kriegsflüchtlinge (L. ,W.) Der Zerfall Oesterreichs hat die Flücbttingsfrage, die im Abwickhmgsstadiura war, zufolge der Pogrome und Kriegszustände m Galizien und verschiedenartiger Maßnahmen der neuen tstandenen Staaten zu einer sehr schwierigen gestaltet In Wien weilten in diesem Monat 17.275, 61 Niederösterreich 121 Flüchtlinge: in OberösterTetoh 1795; ia Steiermark 644; in Kärnten 13; in Böhmen 9594; in Mähren 6887; in Schlesien 1130 Flüchtlinge, die die staatliche Unterstützung bezogen. Die neuentstandenen Staaten legten die Absicht an den Tag, diese FlücRfürtge So schnell wie möglich in Ütrd Hdimat zu bringe». War der bisherige durch den Krieg aufgenötigte Aufenthalt in der Fremde den riüchtlingen kaum erwünscht, so machen aber die polnischen Pogrome, sowie ferner die Kämpfe zwischen Ukrainern und Polen, von der Zerstörung der Heimatsorte abgesehen* eine Rückkehr unmöglich. Der Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich. der Jüdische Nationalrat für den tschechoslowakischen Staat, der Abgeordnete Heinrich Reizes, Dr. Benno Straueher, sowie auch der ukrainische Nationalrat nahmen sich der Unglücklichen und hilflos Verlassenen an. Mehrfache Interventionen beim Staatssekretär des tmvern für Deutschösterreich, Dr. Mataja,, und beim Präsidenten des' Staatsrates, Dr. Hauser, beim ischecho-Slowakischen Gesandten in Wien, beim Narodni Vybor m Prag, beim tschecho-slowakischen Ministerpräsidenten. Dr. Karl Kramarsch, und bei einigen Mitgliedern seines Kabinette ergaben folgende Anordnungen: Das deutschösterreichische Staatsamt des Innern beauftragte mit Drahterlaß vom 21. Nov. 1918,;Z. 63.914, vorläufig von der beabsichtigten Abschiebung der Flüchtlinge in ihre Heimatsländer* nach Galizien und nach der Bukowina, unbedingt Abstand zu nclunen. Ini Erfaß des Präsidiums der provisorischen Landesregierung vom 11. .November 1918, Z. 24.977/K wird ferner angeführt: Sobald die derzeit bestehenden Verkehrshemmuhgen w egge fallen sein werden, wird die Zeutraitransportteitung den Abtransport der ordnungsmäßig bei ihr anzumeldenden, für eine Repatriierung in Betracht kommenden Flüchtlinge raschest durchzufübre» trachten. Nachdem es nun bedauerlicherweise vorge- Jcomnten ist, daß aus einer Landgemeinde die Hirschen Flüchtlinge mit Braclifalgewalf vertrieben wurden und sich auch sonst die Klage und Befürchtung wegen Bedrohung derselben in besorgniserregender Weise mehren, werden die'Bezirkshäuptmamischaften aufgefordert, <£e vorangeführte Verfügung des Staatsamtes des Innern sofort den Gemeindevorstehungen zu publizieren und dieselben aufzuklären, daß vorläufig noch der Truppen- und Sachgüterrücldaiif sowie che Approvisionierungstransporte den Eisenbahnverkehr in erster Linie voll und ganz in Anspruch nehmen müssen und daß es sich hier um ganz besonders wichtige Staatsinteressen handelt - Sollten in der für den hlerfändischen. Aufenthalt der Flüchtlinge ohnehin nicht mehr lange erübrigenden Zeit indirekte Zwangsmittel, Bedrohungen oder gar Angriffe auf die Person, auf Hab und Gut der jüdischen Flüchtlinge unternommen werden, so ist mit aller Strenge und Wirksamkeit hiergegen c’nzuschr eiten. Schließlich wird bemerkt, daß die Bargeld- Zuschüsse weiter auszuzablen sind. F. d. provisorische Landesregierung geizeichnet Thun. Somit erscheint die Angelegenheit für Deutschösterreicta derzeit vom humanen Standpunkt geregelt. Die tscbecho-slowakische Regierung beabsichtigte, den Abtransport der Flüchtlinge für den 15. November, über (He erwähnten Interventionen wurde dieser Termin mit 1. Dezember festgesetzt Auf eine weitere Vorstellung des Abgeordneten Dr. Straueher langte vom Ministerpräsidenten Dr. Kramarsch folgendes Telegramm ein: » „Es tut mir herzlich leid, daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann, die Wohnungsnot ist infolge der Rückkehr der Einberufene» und unserer. Beamten aus Wien, nicht! nur in Prag, sondern auch auf dem Lande so groß, daß wir die von den Flüchtlingen besetzten Wohnungen bedingungslos haben müssen. Wir haben diesen cfie Frist tuid die Unterstützung bis 15. Dezember verlängert. Bitte für sie weiter zu sorgen. Dr. Kramarsch. Dr. Straueher dankte in seiner Antwort für das Hinausschieben des Termines auf den 15. Dezember, machte aber aufmerksam, daß bei einem Elfmillionenstaate doch' Wohnungen von 18.000 Flüchtlingen kaum in Betracht kommen, zumal diese - meist auf dem flachen Lande in armseligen Zimmern untergebracht sind. Dr. Straueher verwies auf die trostlosen Pogromzust'ände iii Galizien und auf die Unmöglichkeit des Abtransportes unter «fiesen Umständen. Die Heimatsorte der Flüchtlinge sind entweder zerstört oder von den Rumänen besetzt, schließlich wurden sie 'in den letzten Tagen ukrainisch-polnisches Kampfgebiet Er regte die eventuelle Unterbringung in einem Barackenlager oder in einer Kaserne an und appellierte an Dr. Kramarsch, das Leben des freien tschecho-slowakischen Staates nicht mit dem Hinausjagen von hilflosen,. verlassenen Kriegsopfern zu inaugurieren.’ Der ukrainische Nationalrat als Regierung für Ostgalizren "erklärte durch seinen Delegierten Abg. Dr. Lewiickyj sich bereit sämtliche Auslagen für die Kriegsflüchtlmge zu ersetzen und im geeigneten Momente in geschlossenen Zügen unter entsprechender Bewachung für den Rücktransport zu sorgen. “ Auch die schweizerischen Organisationen Pro causa Judaica, der Ostiudenverband und die zionistische Organisation haben bei der tschechoslowakischen Regierung neuerdings interveniert. Die Entscheidung^ stehi noch ans. - In Angelegenheit dör noch in Ungarn weilenden Flüchtlinge steht eine Intervention Ass ukrainischen Nationalrates bevor. Die Prager Kültusgemeinde auf dem Kriegspfade. Die israelitische Kultusgemeinderepräsentanz Prag versendet ein Rundschreiben an alle Gemeindeangehörigen. durch welches in perfidester Weise gegen den Jüdischen Nationalrat Stimmung gemacht wird. Obwohl die leitenden Männer des tschechischen Volkes der Abordnung des Nationalrates bereits ihre Sympathien für die jüdischnationale Sache bekundet haben und Präsident Masaryk in einer Botschaft an die amerikanischen Zionisten ganz eindeutig Stellung genommen hat, wagen die Kahalgrößen die Aeußerungen des Ministers Dr. Raschin als Ausfall gegen die Jüdischnationalen zu mißbrauchen und gestehen fn demselben Zirkulare, daß sie sich dem Dr. Raschin als die Vertreter „der jüdischen Angehörigen der deutschen und tschechischen Nation sowie der Zionisten“ (!) vorgestellt haben. Diese Anmaßung in einem Augenblick, wo die überwiegende Mehrheit des tschechischen Staates, das ganze mährische und schlesische Judentum, die gesamte jüdische Jugend, Studentenschaft, Soldatenschaft, die jüdische Arbeiterschaft und die organisierte Orthodoxie den jüdischen Nationalrat jubelnd als einzige Vertretung anerkannt hat, ist wahrhaftig eine ungeheuerliche Frechheit. Dr. Raschin soll gesagt haben, daß zwar den Juden, sofern sie den höchsten Anforderungen genügen, gewisse Stellen im Staate offen stehen sollen, daß aber „die Juden eine Vertretung als Nation nicht anstreben dürfen; sie können immer nur erwarten, irgend eine Würde auf Grund der dem Einzelnen zukommenden Eignung zu erlangen.“ . Wir haben allen Grund zu bezweifeln, daß die Aeußerung in dieser Weise erfolgt ist. Sofern damit gesagt sein soll, daß jeder Mensch ein Amt nur nach persönlicher Qualifikation, nicht aber wegen Zugehörigkeit zu einer Nation erlangen kann, so ist das eine Selbstverständlichkeit, der auch wir natürlich zustimmen. Sollte damit aber wirklich etwas gegen den Nationalrat gesagt sein, so hätte Raschin sich deutlicher ausgesprochen. Jedenfalls: Die Kultusgemeihde, dieser leblose Koloß auf schwankenden Füßen, versucht sich durch Manöver wie diese Zirkularversendung an der Macht zu halten. Es wird ihr nicht gelingen. In dieser kritischen schweren Zelt, wo Juden in Massen gemordet werden, wo die jüdischen Flüchtlinge aus Böhmen ins Nichts gestoßen werden, zu derselben Zeit, wo der jüdische Nationalratalle diese jüdischen Angelegenheiten ttiit Energie und Tatkraft, mit der brüderlichen Gesinnung einer verpflichtenden Solidarität als mutiger Sachwalter vor der OeffentUchkeit führt, während die Kuliusvemelnde schläft — fällt die Kultusgemeinde dem Nationalrat in den Rücken. Es wird ihr nicht gelingen. Der Nationalrat wird den Kampf anfnehmen. Die Herren, die im [Niidilni üanczenw] Geschäftsstelle der in Wadowice empfiehlt den P. T. Gesinnungsgenossen Lose zur 11. Klassen- Lotferie. Zhhungsbeginn der I. Klasse 11, and 12. Dezember 1918. ’tj Los kostet K 40-80, ’U Los kostet K l't‘20. 'f, Los kostet K 5'10. r== Eine Postkarte gentigt. Offener Versandt * Dienste des Judentums nichts anderes können als protestieren und intriguieren, müssenausdem öffen.tliehen Leben des Judentums verschwinden. Wir hoffen, daß unsere Freunde in Prag den Kampf mit aller Kraft führen werden. Das Wahlrecht muß sofort demokratisiert werden und bei den Neuwahlen wird das jüdische Volk sein Urteil sprechen. _ Rumänien in Österreich. Die Nationalversammlung bat ein famoses Gesetz über die Staatsbürgerschaft angenommen, das in der ganzen Welt einzig dasteht: Staatsbürger in Deutschösterreich wird nur, wer sich zur deutschen Nation bekennt. Das Staatsbürgerrecht wird erst durch dieses Bekenntnis konstituiert! Dadurch ist zweierlei bewirkt: Erstens wird dem Andersnationalen (Tschechen, Ungarn, Juden msw.) nahegeiegt durch eine . Lüge, ein falsches Bekenntnis die Staatsbürgerschaft zu erwerben; zweitens werden die ehrlichen Elemente nichtdeutscher Nationalität in Deutschösterreich poiitsch rechtlos. Das Bekenntnis zu einem Volke kann nicht nach Belieben geändert werden. Es Ist nieht der Ausdruck eines Wunsches, sondern die Feststellung einer Tatsache. Wenn der Staat Presslotten ausübt, die den Einzelnen zwingen, das Bekenntnis zu fälschen, um nicht vogelfrei zn werden, so ist das nicht nur unmoralisch und reaktionär, sondern auch das politisch Widersinnigste was geschehen kann. Die neuen Staatsbürger werde» durch das Bekenntnis nicht Deutsche; das deutsche Volk hat dann seine Reinheit geopfert und der Staat hat durch eine sanktionierte Lüge den Grund zu neuem Unfrieden gelegt. ' Dieses ungeheuerliche Gesetz kann nicht Wirklichkeit werden. Es ist nur ein Beweis, wie wenig die deutschösterreichische Nationalversammlung politisch ernst zu nehmen ist Die vereinigten Mächte der Welt können nicht zulassen, daß sich in Mitteleuropa ein neues Rumänien etabliert. Das Gesetz wird mit Hohn begraben werden. Die einfache Wahrheit, daß Staat und Nation Begriffe sind, die mit einander nichts zu tun haben, wird sich auch in den neuen Nationalstaaten durchsetzen müssen. Man kann ein guter , Staatsbürger sein, ohne der herrschenden Staatsnation anzugehören. Der nationalen Minderheit darf ihr politisches Recht nicht vorenthalten werden. Das Gesetz richtet sich gegen die Tschechen und die Jude u. Welche Konsequenzen daraus in der Praxis gezogen werden sollen, zeigt die V erweigerung der Beeidigung der jüdischen Aerzte durch den Staatssekretär Dr. Kaup. Nach den Darstellungen der Tagesblätter steht fest, daß diese Verweigerung eine unerhörte Rechtsverletzung Erstellt. Ueber das Staatsbürgergesötz sind, selbst wenn es als gültig angenommen wird, noch keine Durchführungsbestimmungen erlassen. Es sind also bisher die deutsch-arischen Aerzte ebensowenig Staatsbürger wie'die jüdischen, denn auch sie haben noch nicht das „Bekenntnis zw deutschen Nation“ abgelegt. Wenn es aber wirklich auf das Bekenntnis ankommt, so hätte manabwarten müssen, weiches Bekenntnis die jüdischen Aerzte ablegen werden. Aber da zeigt sich der Pferdefuß. Man will eben einen Vorwand haben, die Juden aus allen Stellen hinauszuwerfen Die jüdische Bevölkerung wird mit allem Nachdruck gegen diese Behandlung Einspruch erheben. Dr. Kaup hat Verhandlungen mit dem Jüdischen Nationalrat in Aussicht gestellt. Der Nationalrat wird ihm die Antwort nicht schuldig bleiben. Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß die Judo» ihren Anspruch, gleichberechtigte Staatsbürger zu sein, vor aller Welt reklamieren werden. Die „hmerpolitt-. sehen“ Fragen haben aufgehört, „innere“ Fragen zu sein, in die eine „Einmischung von außen“ abgelehnt wird: Es geht nicht mehr, daft eine Biertischgesellschaft in ihrem parlamentarischen Konventikel über Wohl und Wehe ganzer Volksschichten selbstherrlich beschließt. Die klugen Helden der Nationalversammlung haben eine Einmischung der Entente heraufbeschworen, die die Vergewaltigung von Minoritäten nach dem besiegten deutschen und ungarischen System niemals zulassen wird. Die Entente wirdsj*« auch eine rumänische JudenpraxiyljSj,' in Oesterreich niemals dulden, pids^ Juden werden beim Friedenskongreß vertreMgKggj sein und werden für entsprechende Aufklärung myt aller maßgebenden Faktoren gründlich sorgen.