Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 48 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG_. . __ Kr 48 Der Lügenfeldzug der Polen Während einerseits die entfesselten tierischen Instinkte des .. polnischen Volkes Orgien feiern und die letzten Pogrome gegen die Juden in Lemberg ihresgleichen in der so reichen Pogromgescliiclite unserer Zeit nicht haben, sind die- Polen andererseits am Werke, diese Unmenschlichkeiten zu verschleiern. Durch einen gut organisierten Pressedienst trachten sie in gewohnter Doppelzüngigkeit und mit gleißnerischen Beteuerungen die Untaten abzuleugnen und dem Ausland glaubhaft zu machen, daß es sich um Ausschreitungen von „Deserteuren“ des aufgelösten österreichischen Heeres und des einheimischen Mobs handelt. Dieser Lügenfeldzug wiTd jedoch kaum gelingen, da man auch im Auslande sich wird fragen müssen, was für eine Bewandtnis es-denn mit diesen eingentümlichen „Deserteuren“ habe, die gerade die polnischen Gebiete, wie Polen und' W e s.t galizien, aufsuchen, um gegen die dortigen Juden loszuziehen, während z. ß. der östliche Teil Galiziens, den die Ukrainer besetzt halten, von diesen „Deserteuren“ und sogar vom - heimischen Mob unbehelligt bleibt; warum diese „Deserteure“ vor. den polnischen Legionen nicht nur nicht fliehen, sondern ihnen geradezu an den Fersen kleben und gleichzeitig mit dem Einzuge des polnischen Heeres in eine Stadt diese ^Deserteure“ eben an der Arbeit sind, die Juden zu morden und auszurauben, w'ie es in Przemysl, in Lemberg usw. der Fall war, - Aber mit dem Lügen&ldzug ist die polnische Vertuschuhgsmethode nicht erschöpft Es gibt noch ein bewährtes, von den Polen nur zu oft angewandtes Mittel: man läßt die Ju- -den selbst dementieren. Man erinnere sich nur an ein Beispiel aus den letzten Wochen: Es fand seinerzeit' in Krakau ein Pogrom gegen die Juden statt und da beorderte man den Krakauer" Kultüsvorstand bezw. den leibeigenen Dr. Till es — und er dementierte. Nun sind allerdings die Tilles et tutti ’quariti heilte nicht mehr am Räder. Auch and die verübten Schandtaten so ungeheuerlich, daß sich kaum jemand bereit finden würde, sie in Abrede zu stellen. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß' in Westgalizien zum großen Teil das Standrecht proklamiert wurde und die Juden unter dem Drucke desvorgehaltenen Revolvers zum Aeußersten gezwungen <s werden können. . Es überrascht uns daher auch •nicht zu Jiören, daß manche Rabbiner oder Kul- .tusvorsteher, besonders in den - kleinen Städten, im Begriffe, sind, die Pogromnieldungen zu dementieren. oder abzuschwächen. Dies wird jedoch, wenn es von irgendteiner Seite auch erfolgen sollte, an der feststehenden, mit Strömen .jüdischen Blutes besiegelten und dokumentarisch belegten Tatsachen nichts ändern: daß die Polen m den ersten Stunden ihres staatlichen Werdens, die ihnen verheässene Freiheit mißbrauchend; organisierte Massacres gegen ihre friedlichen jüdischen Mitbürger veranstalteten, denen gegenüber die Pogrome des zaristischen Rußland ein Kinderspiel waren und für die nicht nur die Werkzeuge,- s'oridefh in erster Reihe die Organisatoren . und Führer zur Verantwortung gezogen werden müsste.. M. H, Aus Tamobrzeg wird der „Wr. Morgenzeittmg“ berichtet: Seitens der politischen Behörde bereist jetzt ein_ Kommissär däe benachbarten Ortschaften, in denen Pogrome, stattgefunden haben, um von den betreffenden Kultusgemeinden ein Dementi zu erpressen. So wurde unlängst an den Kultuspräsidenten Reich in Rözwadow,. wo alle jüdischen Wohnungen ausgeraubt wurden, das Ansinnen, gestellt eine Erklärung zu' unterschreiben, daß dort nichts geschehen sei, was dieser jedoch verweigerte. Eine jüdische Delegation beim General Roja. „Kurier Lwowski“ vom 24. November 1918 berichtet: Der General Roja empfing gestern um 11 Uhr vormittags die. jüdische Delegation, die aus Vertretern des Kultusgemeindepräsidäums und des jüdischen Bürgerklubs.bestand. Die Delegierten schilderten das Bild der Verwüstung, welches besonders in -den Straßen der Zolkiewer Vorstadt die uniformierten Banditen, welche die Geschäfte ausgeplündert und die Prfvatwohmm- . gen angegriffen haben, angestiftet haben. Esdauerte die ganze Nacht von Freitag auf Sams-. tag und Samstag früh. Der General Roja drückte . sein tiefes Mitleid und Entrüstung darüber ans, da die Vorgänge umso bedauerlicher sind; da an der Spitze dieser Banden verschiedene uniformierte Individuen und Verrbecher, stehen, die weder mit dem polnischen Militär, noch mit den Legionen .etwas gemeinsames haben. Noch Freitag abends erließ er diesbezüglich einen Befehl an die Truppen, der (he schärfsten Maßregeln verlangtes. Unabhängig von diesem militärischen Befehl, der der Einführung des Standrechtes gleichkommt, erßeß .der General Roja in Anwesenheit der Delegation kurzerhand die entsprechenden Verordnungen, die die weiteren Plünderungen verbieten sollen. Im-Laufe des Tages erfolgte schon eine ganze Reihe von Arretierungen und die Hoffnung ist begründet, daß die überaus traurigen Vorfälle sich nicht mehr wiederholen werden. (Anm. <L Red „J. Ztg.“: Die Beschwichtungen des Generals sind leider angesichts der Berge jüdischer Leichen etwas zynisch. Die „uniformierten Verbrecher“ von polnischen Legionären zu unterscheiden, bedarf es wohl auch des besonderen Scharfblickes eines polnischen Generals. Wir geben diese Meldung als Illustration der polnischen BeschönSgungsversuche wieder.) Protestkundgebungen In Wien haben Mittwoch, am 27. d AL, unter ungeheuerem Andrang vier große Versammlungen stattgefunden, welche der Jüdische Nationalrat einberufen hat. Die Redner, darunter. Oberrabbiner Dr.. Chaies, Frau Anltta Müller, Abg. Dr. Straucher, Dr. Bruno von Pollack. Nebenzahl, Ing. Stricker. Dr. Sokal, Dr. Wattenberg, AL Singer, E. Torczyner usw. gaben der Trauer und Entrüstung de6 jüdischen Volkes würdigen Ausdruck. Kundgebungen von Eilen Key und Georg Brandes. Georg Brandes richtete an eine vom zioni- •stisch-sozialistischen Arbeiterverband Poale-Zion in Stockholm veranstaltete Protestversammlung gegen die Judenpogrome in Polen folgendes Teie-' . gramm: ..Mit Wehmut und ohne Wirkung zu er— warten, schließe ich mich dem Proteste an. Ich war 30 Jahre hindurch. Fürsprecher von Polens Unabhängigkeit, jetzt ist allmeine Hoffnung auf die menschliche und freiheitliche Gesinnung des polnischen Volkes zusammengebrochen.“ Ellen Key telegraphiertejn gleichem Sinne. Der Veranstaltung wohnten zahlreiche Vertreter der schwedischen Oeffentlichkelt bei. Die Versammlung nahm eine Resolution " an, welche die schwere Schuld der polnischen Führer feststellt, ihre Bestrafung verlangt und einen Appell an die Regierungen aller Völker richtet sofort wirksame Maßnahmen zwecks Verhinderung der Massenmorde und Plünderungen zu treffen. Diese Resolution wurde sämtlichen diplomatischen Vertretern in Stockholm zugestellt- Eln schweizerischer Appell. Folgendes Telegramm wurde an den; Polnischen Ministerpräsidenten Daszynski in Warschau gerichtet: Nach hier eingegangenen Mitteilungen fanden in Galizien Judenpogrome statt Wir hoffen, daß Sie alles äufbieten . werden. ■ damit im freien Polen sich keine Greuel des Zarismus wiederholen. Z ü ri c h. den 18. November 1918. Nationalrat G t e u l.i c h. Kantönsrat F a r b s t e i n. Oberrichter Dr Sälsiger. Nationalrat Dr. Studer. Kantonsrat Pfarrer R o 1 c h eff.. Stadtrat Dr. K l ö t f. tTraber. Präsident der sozialdemokratischen Partei, Präsident der schweizerischen sozialdemokratischen Partei. Stactrat Otto Lang. Förster. Präsident der sozialdemokratischen Partei des Kantons-Zürich; Redakteur-N o b s. Präsident der Arbeiterunion Zürich, Stadtrat Paul Pflüger. Liudhagen für eine neutrale Untersuchung der •-•-poerome. Stockholm. Anläßlich ehier großen Protestkundgebung Kegen die Pogrome verurteilte Bürgermeister Lindhagen die Passivität Europas gegenüber den Ereignissen, in'Polen und forderte die sofortige Entsenduiut ^ner neutralen Kommission zur Untersuchung; der Pogrome. P rotes tve r s am m 1 u n gen in Berlin Rede des Untersfaätssekretärs Oskar Cohn. (Telegramm d^r „Jüdischen Zeitung“.) Die Berliner zionistische Vereinigung und die Poale-Zionisten beriefen für den 25. d. M. Massenversammlungen gegen die polnischen und gälizischen Pogrome in die Philharmonie und Sophiensäle ein, die von „vielen Tausenden besucht waren. Wegen der Ueberfüllung waren Parallelversammlungen notwendig. Als Redner fungierten die Zionisten Klee, G o 1 d in a n n, Hermann und Glaser, der Poalezionist Rubaschoff, ferner der unabhängige Sozialdemokrat Unterstaatssekretär .des Reichsjustizamtes Oskar Cohn und der Mehrheitssozialist Schriftsteller Julius Kaliski. Die Redner geißelten auf Grund des überwältigenden Tatsachenmaterials die furchtbaren* Ausschreitun- . gen gegen die jüdische Bevölkerung, sie appellierten an die Kultiirwelt, insbesondere an die gesamte Demokratie und verlangten, daß - alle Kulturvölker die Abstellung der Pogromhetze" erzwingen, sofern sie nicht mitschuldig werden wollen. Sie erklärten, daß die Polen ihr eigenes Freiheitsstreben durch diese Ausschreitungen entweihen und fordern gleichzeitig die Sicherstellung der nationalen Gleichberechtigung und kräftige Unterstützung des gesamten Judentums. Die sozialistischen Redner unterstützten die zionistischen Reden vollinhaltlich. Unterstaatssekretär Cohn sprach in zwei Versammlungen unter stürmischer Zustimmung gegen die polnische Pogromtaktik und nationale Vergewaltigungsmethode und geißelte das Ableugnen der feststehenden Tatsachen seitens der Polen. Er führte an, daß er im Aufträge der schweizerischen Sozialdemokratie ein Protesttelegramm an Ministerpräsident Daszynski in Warschau gerichtet hat. Ein an den polnischen Abgeordneten Korfanty in Posen (derselbe ist inzwischen nach Warschau gereist) gerichtetes Telegramm gleichen Inhalts wurde vom obersten polnischen Volksrat in Posen mit der Behauptung beantwortet, daß in Polen keine Pogrome sind, sondern überall Ruhe herrscht. Cohn bezeichnete dies als Verteidigung frecher Lügner. Unter Verlesung eines poalezionistischen . Telegrammes aus Stockholm erklärte, er dann, daß,die nationäljüdischen Forderungen die Unterstützung des gesamten Proletariats, insbesondere auch die des deutschen, fipden. Er verlas auch die englische Warnung an Polen und erklärte, daß die Hauptstütze der jüdischen Bevölkerung-Jhr nationales Selbstbewußtsein und der angeborene Makkabäergeist sein muß, Cohns Anerkennung der Forderungen des jüdischen Volkes-löste stürmische Beifallskundgebungen aus. ebenso die Rede Kallskis über Kraft und Größe der polnischen Judenheit und die Forderung, daß das gesamte Judentum die nationalen Fordeningen, insbesondere auch die Palästinaforderung. unterstützen möge. Die einstimmig angenommene Protestresolution stellt die Empörung-und den Schmerz über die entsetzlichen Pogrome fest, durch welche das polnische Volk seine Befreiungsstunde befleckt hat, und ruft einerseits die gesamte Kulturwelt, andererseits die Demokratie und das sozialistische Proletariat in. Polen zur Anerkennung der bürgerlichen und nationalen Gleichberechtigung der polnischen Judenheit auf ", Kundgebung der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion In Berün. Die Jüdische sozialdemokratische Arbeiterorganisation Poale Zion veranstaltete Sonntag, den 17; November, in den Logen-Festsälen ihre erste . öffentliche Massenkundgebung nach der Revolution. Der Hauptredner S. Rubaschoff sprach über die üegenwartsaufgaben des jüdischen Sozialismus. Er zeichnete die Entwicklung des Sozialismus unter den Juden. In seinen Anfangsstadien unterschied sich der jüdische Sozialismus vom nichtjüdischen nur dadurch, daß sein Objekt das jüdische Proletariat war. Im Laufe seiner Entwicklung nahm er aber immer mehr.auf die ganz besonderen Bedürfnisse der jüdischen Arbeiterklasse Rücksicht, deren Situation durch die besondere Lage des jüdischen Volkes bestimmt Ist. So nahm der' jüdische Sozialismus zum Kampf um die eigene nationale Sprache Stellung und führte zu jüdisch-nationalen Forderungen in der Diaspora und zum Kampf um die selbstständige jüdische Heimat in Palästina. Die sozialistische Bewegung des Poale-Zionismus erscheint so als die reifste Entwicklungsstufe des jüdischen Sozialismus, der gegenüber die Strömungen des „Bundes“ als Uebergangsstufen anzusprechen ist. An der Diskussion beteiligten sich auch Vertreter der jüdischsozialistischen Gruppen des Bundes und der •H ap oe 1 H a z a i r. Verschiedene Redner protestierten gegen die Pogromhetze in Polen Nach dem Schlußwort des Referenten wurde eine entsprechende Resolution angenommen. Unter den Begrüßungen, die zur Versammlung eingelaufen waren, wurden die Schreiben der deutschen Sozialdemokraten Dr. Josef Bloch und Julius Kali sk i verlesen. » Das Schreiben Dr. Josef Blochs, des Herausgebers der „Sozialistischen Monatshefte“, der hervorragendsten deutschen sozialdemokratischen Zeitschrift, lautet: „Der ersten Versammlung der Poale Zion in der freien deutschen Republik meine herzlichsten Glückwünsche! Diese.Kundgebung des Willens der jüdischen Arbeiterklasse zur Selbstbestimmung ihres Volkes ist ajrch eine Angelegenheit des internationalen Sozialismus. Das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina ■ folgt aus. der Pflicht . zur produktiven Arbeit, bedeutet also die Erfüllung einer auf hohe Menschheitsziele gerichteten Aufgabe. Daher müssen die Sozialisten aller Länd'er, müssen insbesondere auch:; dje.;deutschen Sözialisten dafür eintreten, daß dieser Gedanke seine Verwirklichung findet Josef Bloch. Im gleichen Sinn äußerte sich auch Julius K a 1 i s k i. der bekannte sozialistische Wirtschaftspolitiker. | Hans Gideon Heymann I —* ■■■■■ " —ia—mtf Wir erhalten aus Berlin telegraphisch die . Trauerbotschaft, daß unser Gg. Dr. Hans Gideon . H e y m a n a. plötzlich an Grippe imN57. Lebenswahr gestorben ist. Heymann war einer der füh- . renden und aktivsten Zionisten Deutschlands.'Er stand seit seinem 18. Lebensjahr in der Bewegung . und war Mitglied des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland sowie des großen Aktions-Komitees der Weltorganisation: - Heymann hat vor allem für die zionistischen Bankinstitute großes Interesse bekundet und betätigt. Wir werden seine Verdienste noch eingehend würdigen. Wir sprechen der Familie des Verstorbenen, der ein Schwiegrsohn unseres Wiener Gg. Ing. . Johann Kremenezky war, sowie der Zionisti- . sehen Vereinigung für Deutschland unser innigstes Beileid aus. Die Zionisten Oesterreichs teilen den tiefen Schmerz um den vorzeitig Dahingegangenen und werden sein Andenken in Ehren halten. Zionistischer Zentralverein Sonntag den I. Dezember 1918 Abend« 7 uhi- Großer Musikvereinssaal IMkaEiäer-Eeier Festrede: Sr. Erw. Oberrabbi, Dr. Chajes Begrüßungsansprache: Doz. H. Torczyner. Ferner wirken mit: Opernsänger Frank, Oberkantor Morgenstern, Lia Rosen, .Cellist Hugo'Kreisler, Violinvirtuose Zimbler ' u. a. Reingewinn dem Jüdischen Schulwerk Karten von K 20.— und K 15.— in der Buchhandlung R. L3wit, Wien L Rotenturrastr. 22 Kassastunden: 8—4 '