Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 RUNDSCHAU * Das Staatsbiirgergesetz. Die Regierung hat einen Gesetzentwurf über die Staatsbürgerschaft im deutschösterfeichischen Staat vorgelegt, den Dr. O f n e r als Referent vertreten hat Die Staatsbürgerschaft wird darin zunächst an das Bekenntnis geknüpft ein treuer „deutscher“ (!) Staatsbürger sein zu wollen. Was mit diesem Attribut „deutsch“ gemeint ist ist nicht leicht zu verstehen. Der Abg, Wolf verlangte Zugehörigkeit zum deutschen Volk, Abg. Ofner begnügt sich mit dem Bekenntnis Es scheint, als ob damit den nationalen Minoritäten die Staatsbürgerschaft abge-. sprachen werden sollte. So ein Gesetz beantragt der freiheitliche Dr. Ofner, der sozialdemokratische Staatskanzler' Dr. Renner,- der Theoretiker der nationalen 4ütonomie, der heute Diktator, in Deutschösterreich ist, läßt so ein Gesetz im selben Augenblicke einbringen, wo in Prag der bürgerliche Dr. Kramarsch erklärt, alle Nationen würden im tschechischen Staat ihre nationalen Rechte ungeschmälert erhalten. Die heutigen Machthaber •wollen gewaltsam die Fiktion aufrecht erhalten, daß in Deutschösterreich Staat und Nation identisch-sind. Wir fürchten, daß sich eine derartig verblendete Politik arg rächen wird. Die Bestimmung über die Seßhaftigkeit ist zudem das reaktionärste. was auf dem Gebiet der Gesetz- -gebung möglich ist. Es wird eine zehnjährige Seßhaftigkeit verlangt! So ein Gesetz machen Sozialdemokraten! Diese deutschösterreichischen Sozialdemokraten sind wirklich eine Spezialität und verdienen einen besonderen Ehrenplatz in der Internationale. * Die jüdischen Beamten in DeutschösterreJdi.-_ Der .Jüdische Nationalrat für Deutsch-Oesterreich“ hat an den Staatskanzler Dr. Renner folgendes Schreiben gerichtet: Sehr geehrter Herr StaatskanzlerJ Mit Bezug auf Ihre an die Beamtenschaft des vormaligen Ministerpräsidiums gehaltene in den Tageszeitungen veröffentlichte Ansprache, in der Sie über die Zukunft der deutschen Staatsangestellten im deutschösterreichischen Staate beruhigende Aufschlüsse gaben, bitten wir Sie, uns auch Ihre Anschauung auch bezüglich der Stellung der jüdischen Beamtenschaft mitzüteilen. Ein großer Teil der jüdischen Beamtenschaft; welche bisher dem Staate mit dem Auf wände aller ihrer Kräfte und Fähigkeiten treu gedient hat, bekennt sich. zur jüdischen Nation und will ungeachtet dieses Bekenntnisses in gleicher Treue und Ergebenheit dem neuen deutschösterreicbischen Staate dienen. Wir können wohl die Behauptung wagen, daß gerade dieser Teil der Beamtenschaft mit zu den fähigsten und tüchtigsten Beamten gehört. Es ist aus Ihren Worten nicht klar, ob Sie durch die Betonung des Deutschtums eine Ausschließung dieser jüdischnätiönalen Beamtenschaft andeüten wollen. Wir müßten dies nicht nur als - eine, den Grundprinzipien der Demokratie widersprechende Vergewaltigung der Gerinnung auffassen, sondern wir sind der Ueberzeugung, daß durch eine solche Stellungnahme die- Interessen des Staates erheblich gefährdet werden, weil dadurch der Unaufrichtigkeit Vorschub geleistet wird. Wir hoffen über diesen Punkt beruhigende Aufklärungen von Ihnen zu erhalten. Hochachtungsvoll . Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich, gez. Ing Robert Stricker, Dr. Bruno von Pollack. * Abg. Dr. Straucher, der jüdischnationale, Vertreter im ehemaligen österr. Parlament, hat an den Präsidenten Wilson eipe Bittschrift gerichtet, in welcher er die bedrängte Lage der österreichischen Staaten durch die inneren Verhältnisse und die Blockade schildert und den Präsidenten Wilson im Namen der Menschlichkeit bittet, die Waffenstillstandsbedingungen zu mildern und den notleidenden Völkern ehestens Hilfe zu senden, damit größeres Unglück sowie Anarchie und Bürgerkrieg verhindert werde. * Die antisemitischen Exzesse der „Arbeiterzeitung“ haben den Jüdischen Nationalrat veranlaßt, ein Schreiben an die Parteileitung der sozialdemokratischen Partei zu richten, in welcher die Verantwortung der Parteileitung für die Folgen dieser verhetzenden Tätigkeit angerufen wird. Die Parteileitung besaß die Taktlosigkeit, diesen Brief der „Arb.-Ztg.“ zur Veröffentlichung zu übergeben, die daran so boshaft entstellende und sinnlose Bemerkungen knüpft, daß wir das Urteil darüber ohne weitere Polemik jedem aufmerksamen Leser ■ überlassen können. Wir können aber nicht unterlassen, auf die ganz und gar unhonorige und unter halbwegs anständigen politischen Parteien völlig unzulässige Kampfmethode hinzuweisen, die gerade das Organ der Sozialdemokratie in Oesterreich anzuwenden beliebt. Der ,Arb.-Ztg.“ ist kein Mittel zu schmutzig, um rieh seiner zur "Verunglimpfung der jüdischen Nation zu bedienen. Und das will das Organ einer Partei sein, zu deren Programmpunkten auch die Forderung nach Gerechtigkeit und nach Menschenrechten gehört Man wird Gelegenheit haben, djeses Verhalten vor dem internationalen Forum ins rechte Licht zu rücken. * Die Kirchenstürmer. Rudolf Goldscheid, der bekannte Soziologe, hat kürzlich die Aeußerung getan: „Mit den Thronen müssen auch die Altäre fallen.“ Darüber große Aufregung in der „Reichspost“, die erregten Tones die Juden auffordert, diesem „Schandtreiben“ der jüdischen Antiklerikalen ein Ende zu bereiten .Wie stellt sich das'die „Reichspost“ eigentlich vor? Sind dünn die Juden als Juden einheitlich organisiert und haben sie die Macht auch wenn sie wollen, ipdem einzelnen Juden politischen Takt zu gebieten? Allerdings, wir Jüdischnationalen haben -immer den S,iandpunkt vertreten, daß es sehr unerwünscht Ist, wenn Juden sich als Vorkämpfer des Antiklerikaüsmus expenieren. Keinem Juden kann das Der Jüdische Nationalfonds Nr. 47 . Der Bericht Professor Weizmanns. London, 5. November (Telegramm des Jüdischen Preßbüros in Stockholm). Am 2. und 3. November fand in Queens Hall in London eine Konferenz der englischen Zionisten statt die aus allen Teilen des Landes beschickt war. Die Zahl der Delegierten erreichte 260. Im Namen der zionistischen Organisation begrüßte S o k o 1 o w die aus Palästina zuriiekgekehrte Palästinakommission unter Führung von Professor Weizman Begrüßungsansprachen an die Palästinakonimisrion Weiten ferner Sacher im-Namen des Maccabean-Verbandes. Dr ScBönfeld im Namen der Misrachi-Organisation, .Morris . Meyer im Namen der Poale-Zion-Partei, Kirch im Namen der Ordensgesellschaften, Perlzweig im Namen der Zeire-Zion. y Professor W c i z ni a nii bestieg hierauf unter außerordentlichen Enthusiasmus der Konferenz die Rednertribüne, dankte im Naipen der Kommission für die begeisterte Aufnahme und brachte den Dank der Z'onisteii an die britische Regierung zum Ausdruck für ihren historischen Akt vom 2. November vorigen Jahres und für die große Förderung, die sic seit jenem Tage der Sache des jüdischen Volkes zuteil werden ließ, sowie an General Allenby und an die britische Armee, die Beireierin Palästinas. Besonders große Begeisterung löste die Stelle in Weizmanns Rede aus, die den Anteil der jüdischen Truppen, an der Befreiung Palästinas schilderte. Weizmanh erstattete hierauf den Bericht der Palästinakommission. Als die Kommission hn Frühling dieses Jahres ihre Arbeit begann, führte er aus, war die Zeit sehr kritisch, in jener Zeit fing die große Offensive im Westen an, und die Operationen der britischen Truppen in Palästina hörten auf. Die Kommission stieß anfangs auf die Opposition der arabischen Presse in Egypten. Auch die britischen Okkupationsbehörden in Egypten und Palästina waren sich anfangs nicht recht klar über die Bedeutung und die Konsequenzen der Balfourschen Erklärung. Eingehende Verhandlungen, die drei Monate in Anspruch nahmen, änderten die Sachlage zu unseren Gunsten . Es ist gelungen, ein gutes Verhältnis mit den arabischen Fellachen herzustellen. Sie haben genug Grund und Boden, sind mit dern britischen Regime zufrieden und haben gegenwärtig schon.besseren Absatz für ihre Produkte. Dagegen sind die Effendis weniger zufriedengestellt. Die meisten von ihnen leben außerhalb Palästinas, und haben nicht mehr v wie früher die Gelegenheit zur Ausbeutung der Bevölkerung.-Ihre Freundlichkeit ist'aber auch von viel geringerem Wert für die Juden. Weizman hatte eine Konferenz mit dem Sohn des Königs der Hedschas. der die arabischen Truppen befehligt und arabischer 1 hronfolger ist Es ist gelungen, mit ihm zu einem vollen Einverständnis zu kommen und jedes Mißverständniszwischen Arabern und Juden zu beseitigen. Ebenso ist es der Kommission gelungen, die besten Beziehungen mit der christlichen Bevölkerung des Landes herzustellen. ln mannigfacher Hinsicht wurde mit den maßgebenden Vertretern der christlichen Bevölkerung Hand in Hand gearbeitet und sie war such vertreten bei der Grundsteinlegung der hebräischen Universität in Jerusalem. * Das Verhältnis der britischen Administration * zur jüdischen Sache ist als sehr gut zu bezeichnen. Die Kommission hatte Gelegenheit, in mehreren Konferenzen mit den Okkupationsbehörden ihre Ansichten zu entwickeln und sie fand sie in jeder * Hinsicht entgegenkommend. Es winde vereinbart, daß die Juden ihre Steuern nicht durch arabische Beamte, sondern durch spezielle jüdische Kommissionen abfOhren sollen. Es wurden eine jüdische Sicherheitspolizei und Organe der jüdischen Selbstverwaltung geschaffen. Es gelang auch der Kommission, die Evakuierung der jüdischen Kolonien, die man anfänglich aus militärischen Rücksichten vornehmen wollte, zu verhindern. Mit großer Wärme sprach Weizman über den Heroismus und. die-Ausdauer der jüdischen Bevölkerung in den Kolonien Er konstatierte, daß die Kolonie Petach-Tik.wah und ein T.eil des Herzl- Waldes stark beschädigt sind, während di® anderen Kolonien bei weitem nicht so schlecht abgeschnitten haben, . als man ursprünglich erwartet hatte. Was das Hilfswerk betrifft, so sind große Anstrengungen notwendig, um die jüdische Bevölkerung über Wasser zu halten. Es gilt vor allem 3000 Waisen und Hunderte von Witwen zu retten: dazu sind 2200 Pfund sofort notwendig Der Typhus hat viele Personen hingerafft. Die medizinische Kommission tut gute Arbeit Außer den Kosten für Brot und Reis mußten in Jerusalem noch 20.000 Pfund monatlich verausgabt werden. In Jerusalem wurden Werkstätten eingerichtet, um den Beschäftigungslosen Erwerbsmöglichkeiten zu verschaffen, dagegen aber winde die Sehnorrkorrespöndenz der Chalüka-Leute, die demoralisierend wirkt, eingestellt. Leider ist-infolge der Kriegsumstände ein moralischer N i e d e r g a n g1 der J erusalemer Bevölkerung zu konstatieren. Jerusalem weist heute 500 Prostituierte auf, eine Erscheinung, die vor dem Kriege nicht bekannt war. ln den anderen Teilen des Landes, namentlich in den Kolonien sind die Zustände glücklicherweise viel, günstiger. gPie Kommission arbeitete in vollster Harmonie mit den'Arbeiterorganlsationeü. Sie verausgabte für Genossenschaftszweck* 175.000 Francs und für hebräische Kurse HXX000 Francs. Außerdem wurde ein Budget für die Errichtung von zwei Arbeiterheimen,in Aussicht gestellt. Die - hebräisch? Sprache ist in Palästina zur lebenden geworden. Die jüdischen Arbeiter gehören zu den eifrigsten Verfechtern der hebräischen Sprache. . Die Vorlesungen an der hebräischen Universität werden wahrscheinlich in fünf bis sechs Jahren beginnen können. Die politischen Bedingungen für die Errichtung einer jüdischen Heimstätt* in Palästina sind sehr günstig. Die ersten Schritte ln dieser Richtung sind bereits getan. Die Errichtung eines Jüdenstaates ist im gegenwärtigen Moment noch nicht erwünscht Die jüdische Bevölkerung wünscht Palästina unter britischem Schutz (trusteeship), bis das Land reif-sejin wird, sich .. selbst zu verwalten. Die Arbeit der Kommission ist noch nicht beendet. Die Voraussetzung für das Gedeihen des jüdischen Siedlungswerkes ist ein ungeteilies Palästina. Die Agrarfrage muß unverzüglich mit allem nötigen Ernst in Angriff genommen werden. Die Tatsache, daß der Grund und Boden in Palästina größtenteils brachliegt, daß ' 60% des Grund und Bodens sich in den Händen der?Effendis befindenj inaclit.das jüdische Werk ini Lande möglich. Weizman schloß seinen Bericht mit dem Hinweis darauf, daß die Errichtung einer jüdischen Heimstätte nicht nur gewaltige Geldmittel, sondern vor allem auch außerordentlich viel Energie, Geduld und Arbeitskräfte erfordert Nahum Sokolow erstattete hierauf den. Bericht des politischen Komitees. der zionistischen Organisation Englands. Er konstatierte eine, harmonische Zusammenarbeit der zionistischen Organisationen. Er sagte ferner, daß die. Einberufung einer Konferenz der zionistischen Organisationen der interalliierten und neutralen Länder in1 nächster Zeit währscheinlicn sei und drückte seine Meinung aus, daß der nächste Zio- . nistenkongreß wahrscheinlich in London statt- . finden werde. Es seien große Aussichten vorhanden für die Anerkennung der jüdischen Forderungen durch den Friedenskongreß. Die Unterstützung Englands sei sicher. Die Berichte Weizmans und Sokolows wurden mit großem Beifall einstimmig zur Kenntnis * genommen. Die Konferenz beschloß, die vollständige Reorganisierung der zionistischen Organisa. tion Engiannds. Es wird eine neue Organisation ins Leben gerufen, die imstande ist, die ganze Judenhelt des Landes, die auf der Plattform des Zionismus steht, zu -umfassen. Als Organisationseinheit sollen neben den zionistischen Vereinen die Versicherungsorden, Synagogen, Institutionen aller Art usw. gelten. An di® britische Regierung, au General Allenby und äh die britische Armee wurden zur Wiederkehr des J ahrestages der britischen. Erklärung Begrüßungstelegramnie gerichtet Während der Verhandlungen erschienen 400 jüdische Legionäre im Saal, denen begeistert* Ovationen bereitet wurden. Der Kabinettminister Alfred Mond zeichnet*, 25.000 Pfund für den Jüdischen Natiooalfonds» Recht genommen werden, als Staatsbürger gegen ein klerikales Regime zu kämpfen. Aber dieser Kampf wird nur kompromittiert, wenn er vor- 1 wiegenchvon Juden geführt wird. Daß dies oft so* ist, hat seinen Grund darin, daß die, Juden in allen Freiheitskämpfen die Pioniere sind. Wird aber der Kampf gegen die christliche Religion, nicht gegen den Klerikalismus geführt, so haben die Juden überhaupt sich nicht dreiiizumischen, da,es sie gär nichts ängeht,ob djte Christen religiös sein wollen oder nicht und solche Einmischung die gläubigen Christen gegen die Juden'aufbringt. In Deutsch- Österreich ist-^dfe Zeit des Klerikalismus vorbei, die „Altäre zu stürzen“- kann und' darf nicht Sache der Juden sein. -- * Politische Pressionen. Das Znaimer Wochenblatt „Deutscher Mahnruf“ fordert die Znaimer jüdische Gemeinde auf, im deutschtschechischen Streit eindeutig für die Deutschen W Partei zu nehmen. Das völkische Antisemitenblatt weist darauf hin, daß in deutschen Gegenden den jüdischen Mitbürgern stets die weitestgehende Duldsamkeit zuteil wurde, im Gegensatz zu den slawischen Ländern Rußland und Polen. Das Blatt scheut sich aber auch nicht, eine nicht mißzuverstehende Drohung anzufügen und „unangenehme FoIgen‘r in Aussicht zu stellen, wenn sicli die Juden dem völkischen Diktat nicht fügen.'—; Eine solche politische Erpressertaktik muß. ans Licht der Oeffentlichkeit gezogen werden. Di* Juden haben, selbstverständlich keinen Anlaß, sich im nationalen Kampf der Deutschen und Tschechen zu erigagierenfl Die Pogromdrohung der Znaimer Deutschen ist ein Requisit des niederträchtigsten 'politischen. Kampfes,- dereinen Deckmantel für antisemitische Gemeinheit bieten soll. Die Juden dürfen weder auf' das geheuchelte WoMw*J!*n, noch auf die Drohung hi.u*tafaU*tt ,