Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 könne und verließ gemeinsam mit den anderen jüdischen Vertretern die Konferenz. Die Vorgänge in Warschau Ein Augenzeuge berichtet uns: Am vorigen Montag war in Warschau eine nationale Revolution. Die deuischen Soldaten wurden von den polnischen Legionären entwaffnet. Diese Gelegenheit wurde auch' zu antiiüdischen Exzessen ausgenützt- Im Verlaufe von zwei Tagen wurden drei Juden aus dem Hinterhalt erschossen. Auf den Straßen wurden einzelne Juden überfallen und blutig geschlagen. Juden, die Pakete trugen, wurden-von jungen Burschen oder Legionären überfallen und ihnen die Ware weggenommen. In den Straßenbahnwagen wurden die Juden beschimpft man ließ sie häufig nicht hinein. Tagsüber spazierten Legionäre im jüdischen Viertel und schossen zur Einschüchterung in die Luft bis die Gassen wie ausgestorbeu von Juden waren. Ueberall wurden Hetzreden ah die Masse gehalten. Niemand wagte es. sich der Juden anzunehmen, sonst galt er als einer, der sich den Juden verkauft hat Im Stillen wurde diese Beschuldigung sogar gegen Pilsudzki erhoben. Die Presse, von der konservativsten bis zur demokratischesten, hetzte gegen die Juden: sie hätten auf „wehrlose*“ Legionäre geschossen, jüdische Arbeiter hätten „Nieder mit Polen“ geschrieen. die Juden seien Landesverräter. Bolschewiks usw. .Die Verhetzung geht so weit.' daß es nicht einmal zu einer'Verständigung mit den polnischen sozialistischen Parteien .über die Bildung eines gemeinsamen Arbeiterrates kommen konnte, weil die polnischen Arbeiter nicht zusammen mit den jüdischen iw einem Rate sitzen wollten. So mußten die jüdischen Parteien (Bund. S. S.. P. Z.) einen separaten bildeten. Die Legionäre bedrohten eigenmächtig jüdische Versammlungen. So mußte eine Hocbsohülerzusaminenkunft auseinandergehen, uni nicht als J3olschewiki“ von den Legionären verhaftet zu werden. .Jüdische Arbeiter werden massenweise verhaftet ■'.. , - ' Dem jüdischen Korrespondenzbureau in Bern wird gedrahtet: In ganz Polen herrscht furchtbare Pogrom- Stimmung. In Warschau schießen die Legionäre die ehe Aufrechterhaltung der Ordnung übernahmen, wahllos auf jüdische Passanten. Am 10. -November wurdui in’Siedlce sechs, in Warschau ein Jude von den Polen getötet An den Pogromen beteiligen sich anführend auch Studenten und andere gebildete Kreise. ö Proteste in Holland. Aus Haag wird vom 15. November telegraphiert1: „Trotzdem, abgesehen von der Tagespresse, zahlreiche aus Galizien in Holland eingetroffene Privatbriefe entsetzliche Tatsachen über die . von polnischer Seite verübten Judenpogrome melden,- dementiert das polnische Korrespondenzbüro in Haag alle Zuschriften über die Ausschreitungen von polnischer Seite und bezichtigt vielmehr die jüdische Oeifentlichkeit der Beschimpfung des jungen, demokratischen polnischen ■ Staates. Selbstverständlich hat das polnische Dementi tin maßgebenden Kreisen keinen Glauben gefunden. Auf Ersuchen des holländischen Staatsrats Oppenheim hat der holländische Minister des Auswärtigen sowie der Gesandte der Vereinigten Staaten die Ententeregierungen über die Pogromnachrichten informiert Die Zionistische Organisation sowie der Oberrabbiner Onderwyzer in Amsterdam , ersuchten telegraphisch den Präsidenten W i 1 - son, seinen Einfluß aufzubieten, tun weitere Pogrome zu verhindern. Eine am 14. November in Amsterdam einberufene Protestversammlung ge- . gen das empörende Vorgehen der Polen gegen die jüdische Bevölkerung war‘trotz der Revolutionsstimmung von Tausenden besucht. Auch nach. Rotterdam wurde eine große Protestversammlung einberufen.** Iu Rotterdam fand am 16. d. M., wie uns das Jüdische Korrespöndenzbüro in Haag . telegraphisch mitfeilt, eine große Volksversammlung statt, in welcher in der schärfsten Weise gegen die Pogrome protestiert wurde. Herr Jakob Landau dankte in seinen Rede der englischen . Regierung für ihre warnende Botschaft an die Polen. Die angenommene Resolution fordert cm ..Eingreifen in Galizien und Polen und eine jüdische Vertretung beim Friedenskongreß. ■ ■ Protest in der Schweiz. Zürich, 20. November. Die „Neue Züricher Zeitung“ veröffentlicht einen Protest des Schweizer Zionistenverbandes gegen die Pogromme in Galizien. In zionistischen Kreisen wird mitgeteilt, daß die Entsendung amerikanisch-englischer Truppen nach P.olen und.Galizien zum Schutze der bedrohten Minoritäten in Aussicht genommen sei. Pogrome > in Mähren Vorige Woche sind uns unmittelbar vor Redaktionsschluß Meldungen über Judenausschreitun- «en In Mähren, insbesondere auch in Mährisch- Ostrau. von einer sonst unbedingt vertrauenswürdigen Seite' zugekommen. Wir haben diese Nachrichten mit dem'Bemerken veröffentlicht daß nähere Einzelheiten.'noch fehlen. Wie uns letzt mitgeteilt wird, waten diese Nachriohten mehr von der Angst diktiert als den Tatsachen entsprechend und .es wurden einzelne vorgefallene Plünderungen als Vorzeichen größerer Ausschreitungen gedeutet. ■ Dagegen bewahrheite« sich leider die Nachrichten, über große Plünderungen in Neu-Hrozenkau, Kariowitz, Ungarisch-Ostra. In der ganzen : Waetiner Gegend herracht Pogromstimmung. Di». Umgebung Ung.-Brods ist von Juden geradezu •stvi&ert. Juden Sichteten .3wn Teil rechtzeitig, zum Teil zu spät Auch unrechtmäßige Ausweisungen von seit langer Zeit ansässigen Juden kommen vor. In mehreren Dörfern wurden Ausschreitungen durch die tschechische Miliz und die Sokolen verhindert Es hat sich gezeigt, daß die aufgeregte Menge durch einige beruhigende Worte besonnener Elemente von Ausschreitungen abgebracht werden kann, lim so bedauerlicher ist cs. daß nicht überall mit derselben Einsicht vorgegangen wurde. Wir glauben, daß der neue tschechoslowakische Staat das größte Interesse daran hat iede pegromartige Regung zu unterdrücken. Es könnte für den neuen Siaat von der traurigsten Wirkung sein, wenn er durch Pogrome vor der ganzen Welt koinpronEhert würde. Die Entstehung der Pogrome in SQdmähren. Mittwoch, den 6. November 1918 kehrte der Bauer K o s e 1 aus der ungarischen Slowakei nach Groß-Karlowitz zurück und begann im Verein mit seiner Frjtu eine lebhaite Agitation zwecks Plünderung der Juden unter den Bauern. Gegen die Einwände einzelner, daß es sich um eine Gesetzeswidrigkeit handle, bemerkte er, daß bis Freitag, den 8. November, wo neue Gesetze erlassen werden, vollständige Gesetzlosigkeit herrsche und die Juden vogelfrei seien.- Jedem Bauern, der sich weigerte, sich ihm anzuschließen, drohte er mit Beraubung und Plünderung auch seines Besitzes. Im übrigen hielt er allen das slowakische Beispiel vor Augen. So gelang es ihm, eine Bande von Bauern um sich zu vereinen, welche alle Juden in Groß-Karlowitz derart ausraubten, daß den Flüchtenden nichts übrig blieb, als was sie am Leibe hatten. Selbstverständlich verbreitete sich diese Bewegung soiort auf das schnellste. Im benachbarten Neu-Hrozenkau gelang es dem tschechischen Lehrer Duschalko, die Banden zur Besonnenheit und zum Auseinandergehen zu bringen, ln Wsetin, wo die Lage bereits sehr bedrohlich aussah — es hatten sich bereits 6J)ß Bauern aus den umliegenden Dörfern angesammelt —. gelang es dem energischen und besonnenen Auftreten der Sokoliührer Bubela un J Halla und dem BeziTkshauptmann Kral, mit Hilfe der sich tadellos benehmenden Sokoln und Sokolinnen die Ruhe aufrecht zu erhalten. So wurde die Bewegung in dieser Richtung niedergeschlagen, in anderer aber, wo sie auf zu geringen oder zu spät einsetzenden Widerstand stieß, über Vall. Klobonk weiteryerpflanzt. „Abstimmen“ Unter dieser Spitzmarke veröffentlicht die Blochsche Wocbenschriit in’ ihrer letzten Nummer einen Leitartikel über die jetzige Lage in der Gemeinde. Der Anikelschreiber ist der Ansicht, daß die Majorität der Wiener Juden ohne Zuzählung der „Gäste“, die sich erst während des Krieges eingefunden haben, nicht auf Seite der nationalen Partei stünde. Man müsse daher sofort die Wähler sprechen lassen, die eine Vertretung ihrer Interessen bisher nicht gefunden hätten. Der Artikel Ist in demselben verwaschenen Stil gehalten, wie alle redaktionellen Kundgebungen dieses Blattes, das zwar recht gerne nach wie vor Liebkind bei den Assimilanten sein möchte, sich aber doch nicht mehr traut, der nationalen Bewegung offen entgegenzutreten. Sätze wie der folgende: „Man (welcher man?) ist bisher noch gar nicht über das große Prinzip übereingekommen, ob man den jüdischen Standpunkt stärker oder schwächer betonen solle“, zeigen, daß bewußt und absichtlich ern Eiertanz aufgeführt wird, um nach keiner Seite hin anzustoßen. Was es übrigens heißen soll, daß eine Jüdische Politik den jüdischen Standpunkt „schwächer“ betonen soll, wird nur dem klar, der aus Erfahrung weiß, daß die Politik des Kahals es seit jeher war, den jüdischen Standpunkt überhaupt nicht einzunehmen und die absolute Verleugnung jüdischer Interessen als die einzig wahre jüdische Politik anzusehen. Der Artikelschreiber betont immer wieder, daß die Mehrheit der Wiener Juden überhaupt noch nicht zu Worte gekommen ist. Wirklich? Wen hat also bisher dti Wiener Kultusvorstand vertreten? Wir denken, daß er sich immer angemaßt hat. im Namen der Wiener, ja sogar der gesamtösterreichischeu Jndenschaft zu sprechen. Die Zionisten haben demgegenüber stets eingewendet, daß infolge des reaktionären Wahlrechts die „Mehrheit der Wiener Juden“ gar nicht vertreten war und deshalb das allgemeine Wahlrecht verlangt. Sie waren es, die es dem Kultusvorstand abgerungen haben, daß jetzt endlich die „Mehrheit der Wiener Juden“ abstimmen wird und da erkühnt sich die Wochenschrift, emphatisch diesen Appell an die Wiener Judenschaft als — ihre Forderung der Stunde zu erklären und in einem Atem zu behaupten — nein, nicht zu behaupten, denn so kräftig äußert sie sich nicht, sondern durchschimmern zu lassen —, daß. die Mehrheit nicht mit der jüdischnationalen Politik einverstanden sein wird. Allerdings, die von ihr geforderte Abstimmung stellt sie sich so vor, daß die jüdischen Vereine Delegierte zu einer Aussprache über die jüdische Politik wählen sollten. Ein köstlicher Einfall in der. Zeit der revolutionären Demokratie! Die Gemeinde soll eine Enquete-bei den jüdischen Vereinen veranstalten, um zu erfahren, welche jüdische Politik, gemacht werden soll. Der modrige Ghettogeruch, der aus d$n Spalten der Wochenschrift aufsteigt. Ist da wieder deutlich zu spüren. Statt der kräftigen, zielbewußten, programmatisch , klaren zionistischen Partei > eine energisch geführt»' Gegenpartei gegenüberzusteilen und In voller Qetfentllchkeit d»u Wahlkampf zu fthren, Zionistischer Zentralverein Sonntag den I. Dezember 1918 Abends 7 Uhr Großer Musikvereinssaal Mattfta&äer-Eeier Festrede: Sr. Erw. Oberrabb, Dr. Chajes Ferner wirken mit: Doz. Harry Torzyner, Opernsänger Frank, Oberkantor Morgenstern, Lia Rosen, Collis! Hugo Kreisler, Violinvirtuose Zimbler u. a. " Reingewinn dem jüdischen Schulwerk Karten von K 20.— bis K 4.— in der Buchhandlung R. Löwit, Wien L Rotenturmstr. 22 Kassastunden: 8—4 sollen Bethaus- und Wohltätigkeitsvereine Delegierte zu einer Schmuserei über Politik zusammentreten lassen. Und mit solch jämmerlichen Khillegedanken glaubt das „Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums“ in der Zeit der größten Weltrevolution das Judentum vor seinen einzig bewährten Vertretern retten zu können! Wir würden uns mit diesem läppischen Artikel nicht weiter belassen, wenn er nicht die deutliche Tendenz aufwiese, die nationalen Ideen den „Gästen, die sich erst während des Krieges in Wien eingeiunden haben“ zuzuschreiben und die autochthoue jüdische Bevölkerung Wien* dazu aufzuruien, sich das nicht gefallen zu lassen^ So vorsichtig dies auch ausgedrückt ist, so ist es doch antisemitischer Jargon, die Flüchtlinge als Fremde zu bezeichnen, sie, die alle Schrecken des Krieges gekostet haben, indes die Wiener Juden nichts mitzumachen hatten. Der tiefste und schönste Zug der jüdischen Seele, das brüderliche Einstehen für alle Stammesgenossen, die jüdische Solidarität, die einzig und allein Grundlage einer „jüdischen Politik“ sein kann, nicht nur aus GefüHismomenten, sondern wegen der untrennbaren Verknüpftheit des jüdischen Schicksals — das wird mit dem Worte von den „Gästen“ zerrissen und die angeblichen Lokalinteressen der Wiener Juden im Gegensatz zu denen der Gesamtjudeoheit zu bringen versucht. Verlorenes Spiel! Die gesunde Grundlage der jüdischnationalen Politik, die Idee der Einheit des jüdischen Schicksals und der Identität der jüdischen Interessen hat den Triumph des Zionismus besiegelt Das Ghetto ist endlich gefallen — die jüdische Heimstätte ersteht; das assimilatorische Israelitentum ist aus den usurpierten Positionen - geworfen — das jüdische Volk hat sie besetzt und tritt in den Völkerbund ein; die Hilflosigkeit der mosaischen gegenüber den christlichen Deutschen. Polen etc. ist vorbei, die nationale organisierte Judenschait regelt das Verhältnis der Juden zu den anderen Nationen von Volk zu Volk. Wie Selbstironie mutet es an, da# di» Wochenschrift gleich nach dem Artikel über das „Abstimmen“ einen anderen über den vollständigen Ausschluß der Juden aus dem polnischen Wirtschaftsleben bringt. Das ist also das Resultat der polnisch-assimilatorischen Kahalpolitikt Und wahrscheinlich die Illustration für die Behauptung im ersten Artikel, daß die Nationaliuden den „Erfordernissen des täglichen wirtschaftlichen Lebens“ nicht gerecht werden, die den Assimilanten Leitsterne der Politik sind! Statt der verschämten Versuche der Bedienten der israelitischen Kowed streber. deren unglückselige Politik noch heute zu verteidigen, sollten sie angesichts deren vollkommenem Zusammenbruch lieber den Mund halten, utn nicht zur Niederlage noch die unsterbliche Blamage hinzuzufügen. Vom jüdischen Nationalrat. In der 3. Plenar-Sitzung am 17. d. M. wurde die Beratung der Geschäftsordnung zu Ende geführt und die Beratung des Organisationsentwurfes fortgesetzt. Als Berichterstatter fungiert» Dr. Sonne, lieber die einzelnen Punkte entspann sich eine Debatte, die zu völliger Einigung der Parteien führte. Die Frage der endgültigen Zusammensetzung des Präsidiums wurde zurückgestellt. Weiters wurden die politische Lage und dl» Aktionen des Präsidiums besprochen. Der Nationalrat beschloß die Veranstaltung von Protestversammlungen wegen der Pogrome und Entsendung einer Delegation ins neutrale Ausland. Die Organisation gesetzestreuer Juden „Jlschuw Erez Israel“ hat ihren Anschluß erklärt und Delegierte in den Nationalrat entsendet. Das Präsidium des Nationalrates intervenierte auch wegen des Gesetzes über die Staatsbürgerschaft beim Präsidenten Dr. Dinghof er. beim Berichterstatter Dr. Ofner und mehreren Abgeordneten. Die Abordnung wies darauf hin, daß der Zusatz „deutsch“ statt „deutschösterreichisch“ eine Intoleranz gegenüber den Staatsbürgern nichtdeutscher Nationalität bedeutet und verlangte die Streichung des ganz überflüssigen Beiwortes „deutsch“ sowie eine Aenderung der Bestimmung über die Heimatzuständigkeit. Weiters intervenierte der Nationalrat beim Bürgermeister Dr Weiskirchner und forderte; da# gelegentlich der Neuaufteilung der - Mandate im Gemeinderat auch der jüdisch-nationalen Partei . eine Vertretung zuerkannt werde: Der Jüdisch» Nationalverein hat sich mit dieser Forderung auch an den Vorsitzenden d»r bürgerlich-freiheitlichen Partei, Herrn GemolBdtrat Dr. Osker Heto. gewandt. .