Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 47 (22.11.1918)
- Date
- 1918-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438721--6019-2446056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 .JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Fenninger, das gänzlich ausgeraubt wurde. Dann plünderte die Menge sämtliche jüdische Geschäfte. Der Ringplatz, der jetzt auch einen Schutthaufen darstellt, ist bedeckt mit leeren Schachteln, kaufmännischen Köchern und Papieren. Die in der Stadt anwesenden Legionäre die diesen Raubaniall verhindern konnten, erklärten, hiezu keinen Befehl erhalten zu haben. Eine radikale Kur. In den Ortschaften des Strzyzower Bezirkes wurde folgender ..Auftrag“ angeschlagen: Vom Beziri;smi!itärkon.mando in Strzyzow, Punkt 5. Bürger! Die traurige Erfahrung, nötigt mich. Euch um Hilfe zu bitten, um teures Material vor Zerstörung zu schützen. Angesichts dessen verfüge ich bis zur späteren Bestätigung durch die P. K. L. folgendes: Alle Waren nehme ich für den polnischen Staatsschatz in Beschlag, mit Ausnahme der Viktualien, welcher der Ortsbevölkerung zum täglichen Leben nötig sind. Diese müssen , ausschließlich im Laden des örtlichen „Kolko rolnize“ verkauft werden. Ich gebe dem Herrn Bürgermeister und dem Herrn Kommandanten der Miliz den Auftrag heute noch sämtliche israelitischen Kaufläden in Beschlag zu nehmen, womöglich Inventare anzulegen, die Läden zu schließen, den Verkauf zu verbieten, die gesperrten Kaufläden mit einer sichtbaren Aufschrift zu versehen: Konfisziert zugunsten des „polnischen Staatsschatzes“. Der Ausverkauf wird seinerzeit zu Maximalpreisen durch bestimmte Firmen stattfmden. Sowie ich mich in meinen Verfügungen loyal und ruhig bezeigt habe, ebenso warne ich das P. T. Publikum vor jeglicher Störung der öffentlichen Ordnung und vor Vernichtung von öffentlichem Vermögen. Ich erkläre, daß falls sich solche Versuche kun lgegebcn werden, ich imstande bin, ganz rücksichtslos und mit schärfster Strenge vorzugehen, und zu diesem Zwecke habe ich bereits den entsprechenden Sicherlieiisorganen die darauf bezüglichen Befehle erteilt Für die genaueste Ausführung dieses Auftrages mache ich die Ortsmiliz, sowie die Verwaltungsorgane der Gemeinde verantwortlich. Stryzow’, den 6. November 1918. Die beh5rdHche Entwaffnungen der jüdischen Selbstwehren. Zur Frage der Verantwortlichkeit der polnischen „anständigen“ Gese’lschaft für die Pogrome ist es von großem Belang, daß in sehr vielen Städten die jüdischen Selbstwehren, meist gewesene Soldaten und Offiziere, von den polnischen Behörden und Legionären mit Gewalt entwaffnet worden sind, so in Brzozow, Chrzanow, Przemysl, Jaroslau usw. wonach der Pogrom losging. Oder man ließ die Bildung der Selbstwehren von vornherein nicht zu, wie z. B. in Rzeszow. Charakteristisch ist ein Bericht aus Krakau in der „Wiener Morgenzeitung“, vom 16. November, wo es heißt: Herr Sch. P., der jetzt aus Krakau hierher gekommen ist, erzählt daß man dort in der Nacht von Mittwoch (den 13. November) .auf Donnerstag auf einen Pogrom gerechnet hat Von den Dörfern strömen Massen von Bauern, bewaffnet mit Knütteln und Ersenstangen, in die Stadt Die Juden wagen nicht auf die Gasse hinauszukommen und verlassen massenhaft die Stadt; alle Geschäfte sind geschlossen. Der Hunger ist sehr groß, da man nicht hinauskommen kann. Gerade an jenem kritischen Mittwoch abends kam der Befehl vom Stadtkommandanten Raja, daß diie jüdische Miliz sofort entwaffnet werden soll. Manche versuchten, sich dem zu widersetzen, wurden aber von den polnischen Legionäröl übermannt Diesen Befehl versuchte der Stadtkommandant damit zu begründen, „daß die jüdische Miliz die christliche •Bevölkerung reize“. Eine zionistische Abordnung mit Dr. Thon an der Spitze hat dagegen protestiert aber erfolglos. , Dies ist umso unverantwortlicher, als einige Tage früher die polnische Liquidierungskommission in Krakau, vereint mit dem Jüdischen Nationalrat und dem jüdischen Soldatenrat einen Aufruf zur Bildung „einer freiwilligen. Reser von jüdischen Offizieren und Soldaten zwecks Schutzes von Leben und Gut der Juden in Krakau und in der Provinz“ erlassen hatte. Prügelstrafe in Ropczyce. Der Legionenkommandant in Ropczyce verurteilte den 70jährigen jüdischen Gemeinderat Pmkas Friedrich wegen . angeblicher Preistreiberei zu zehn Stockhieben. Friedrich bat vergebens, die Prügelstrafe in eine Geldstrafe bis 10.000 Kronen zu verwandeln. An einem Freitag Vorabend wurde er vor dem Rathause entkleidet und das Urteil an ihm vollstreckt Tamobrzeg. (Aus einem Privatbriefe.) Hier Ist eine Stimmung wie vor der russischen Invasion. Seit Sonntag sind -die Geschäfte gesperrt und kein Jude wagt sich auf die Straße. In Rozwadow, Mieliee, Majdan wird geplündert Gestern war hier eine Bauernversammlung, in welcher der Geistliche predigte, man soJLnicht morden und körperlich nicht schädigen, dann wurde geplündert Die Dorfburschen und die Bauern werden von Tag zu Tag frecher, da niemand die Autorität besitzt dagegen aufzutreten. Der Bezirkshauptmann und die Gendarmen verstecken sich in Zivilkleider, um nicht gelyncht oder getötet zu werden. Die Legionäre plündern gleichfalls. Ich persönlich bin mehr empört als geängstigt. Das ist polnische Freiheit! Es scheint daß die Polen nicht reif genug sind, einen .eigenen Siaat zu bilden. Ich bitte Sie, die dortigen Redaktionen möglichst von diesen Zuständen zu informieren, und vielleicht kann der Jüdische Nationalrat bei der Entente dagegen Proiest einlegen, Moses Perlrothm.p. Tamobrzeg. Vorigen Mittwoch hat der hiesige Pfarrer, ein Nationaldemokrat, eine vieltausendköpfige Menge gegen die Bevorzugten und die Juden aufgehetzt. Daraufhin hat sich nach ein paar Stunden die ganze Menge auf die jüdische Gasse geworfen und zuerst das Haus des Owadja Silber überfallen, aus einem Magazin Maschinen, Uhren und andere Waren auf Wagen verladen und w'eggeführt dann die Türen und Fenster zerhaut und den Genannten mit der ganzen Familie fürchterlich verbeult. Auch Beinisch Federbusch samt Frau, Chaim Jizchak Rosner, Joel Rosenbaum und noch viele andere Juden sind ausgeplündert und geschlagen worden. Frau Taube Wahl ist vor Schrecken gestorben, Andrychow. Mittwoch, den 6. d. M., haben Bauernbanden die hiesigen Juden überfallen und ganz ausgeplüRdert. Die Legionäre und die ganze polnische Gesellschaft haben dem ruhig zugesehen. Von W a d o w i c e ist den Legionären der Befehl zugekommen. sie sollen nicht schießen, so lange die Banditen die polnische Bevölkerung nicht angreifen. Der Ortsrabbiner samt Frau waren genötigt durch das Fenster des ersten Stockwerkes hinuiuerzuspringen. Dynow. Sonntag, den 3. d. M., nach dem Gottesdienste in der Kirche, haben sich die Bauern zusammengerottet und, obgleich Vertreter der Intelligenz sie zur Ruhe gemahnt haben, weil sonst das Ansehen Polens in Wilsons Augen verlieren würde, überfielen sie dennoch die Stadt. Die Juden wurden geschlagen und geplündert viele bis zum letzten Hemd beraubt. Auch die Legionär e haben daran in großem Maße teilgenommen. Die jüdische Bevölkerung lebt in schrecklicher Furcht. — Der Pogrom dauerte hier den ganzen Tag des 5. d. M. Die Bauern haben erbarmungslos geplündert und alles vernichtet. Auch auf dem Bahnhöfe sind zwei Juden, Friedmann und Reich, geschlagen und verwundet worden. Das Dementi der Polen* Der Bevollmächtigte der polnischen Liquidationskommission Dr. Kasimir Ritter von Qalecki versendet eine Mitteilung, in welcher die Meldungen über Judenpogrome m Abrede gestellt oder „richtiggestellt!“ werden sollen. Die ganze Sache wird darin als höchst harmlos dargestellt, als ob nur Deserteurbanden die Kaufläden, deren Inhaber meisU Juden sind, hätten plündern wollen und als ob die polnische Regierung „nichts unterlassen“ hätte, „was unter den gegebenen Verhältnissen möglich und geeignet schien, die erwähnte bedenkliche Bewegung einzudämmen“. Zum Schluß heißt es: „Alle bisherigen Ausstreuungen oder eine angebliche Beteiligung der polnischen Regierungsorgane und der Angehörigen der polnischen Truppen an den bedauernswerten Exzessen, beziehungsweise über ein passives Verhalten derselben Organe haben sich bisher als unwahr erwiesen, obwohl in jedem einzelnen Falle, selbst auf Grund von Zeitungsnotizen, eingehendste Untersuchungen gepflogen werden.“ Dieser kaltblütigen Ableugnung von Tatsachen, die durch Aussagen vieler Hunderte von Augenzeugen bestätigt sind, entspricht der bisherigen polnischen Methode. Demgegenüber sei festgestellt, daß tatsächlich Legionäre es waren, welche der Pogrombewegung in jeder Beziehung Vorschub leisteten und aktive Unterstützung gewährten. Von Legionären wurden die jüdischen Schut!zmannschaften entwaffnet, Legionäre haben sich in vielen Städten an den Plünderungen beteiligt, Legionäre haben geschossen und gemordet. Das Material darüber ist dn unserer Hand uud wird eine entsprechende Verwertung finden. Der polnische Staat wird nicht behaupten können, daß er sein Heer so schlecht in der'Hand hat. Von den Greueltaten dn Przemysl erwähnt Herr Galecki kein Wort.. Es geht aber nicht an, daß die Oeffentlichkeif wieder getäuscht wird. Die Pogrome in Galizien sind an Bestialität nicht hinter den Pogromen des zaristischen Rußlands zurückgeblieben. Dieselbe Entrüstung, die ganz Europa und Amerika seinerzeit bei der Kunde von Kischinew ergriffen hat, bemächtigt sich der zivilisierten Welt jetzt bei der Kunde von Brzesko und Przemysl. Die polnische Regierung hat nicht das Recht und nicht die Möglichkeit, eine Verantwortung abzulehnen und sich rein zu waschen. Wir sind überzeugt, daß es in ihrer Macht gelegen wäre, durch tatkräftiges Einschreiten und durch Beruhigung der Volksmenge den Ausschreitungen zu steuern. Wenn die Polen sich trotzdem jetzt ganz naiv benehmen, so wird dafür gesorglt werden, daß ihnen niemand darauf hinednfällt. Schon hat die Protestbewegung in der ganzen Welt große Dimensionen angenommen. Dre neutralen Zeitungen veröffentlichen ausführliche Berichte, dn Holland haben große Protestversamntiungen stattgefunden und die englische Regierung hat in einer unzweideutigen Weise die polnische Regierung gewarnt Den Polen ist dies unbequem und sie möchten sich reinwaschen. So leicht wird ihnen das nicht gelingen. Bis fetzt ist nicht festzustellen, daß wirklich ein entschiedener Wille zur Niederwerfung der Pogrome vorhanden ist' Es muß ein für allemal unzweideutig festgestellt werden, daß das jüdische Volk nicht vogelfrei ist Die polnische Presse schweigt sich in charakteristischer Weise aus. Auch die Wiener Wochenschrift „Polen“ weiß augenscheinlich kein Wort über die Vorgänge. Wir vermuten, daß jetzt wo endlich auch die Wiener Tageszeitungen von den Vorgängen Notiz genommen haben, der Lügenfeldzug in den polnischen Organen beginnen wird. Die Oeffentlichtoeit kann aber nicht mehr betrogen werden. Verbrechen und Unns'nn Unter diesem Titel schreibt das 6 Uhr Abendblatt der Wiener Allgemeinen Zeitung in einem Leitartikel vom 19. d. M. nach einem geschichtlichen Rückblick über die Judenpogrom« in Europa und nach einem Hinweis für die dauernde Verantwortlichkeit der dem einheitliche» Kulturkreis angehörigen österreichischen Staate« für einander: „Solche Begebenheiten sind aber, vom rei» menschlichen Gehalt der uns erschüttert und empört, abgesehen, durchaus ungeeignet, unsere« Kredit, den wir jetzt für die Arbeit der Konsolidierung der einzelnen Nationalstaaten so dringend brauchen, aufrecht' zu erhalten. Schon hat das Reütersche Bureau eine dringende und deutliche Warnung nach Warschau gerichtet un4 wer sich erinnert, welcher Sturm der Entrüstung Westeuropa und Amerika in den. Tagen von Kischinew ergriff, wird den Folgen solcher Ausschreitungen leicht das Horoskop stellen können. Die Friedenskonferenz wird und kann an solche» Greueln nicht vorübergehen. Zu ihren vornehm- Bchsten Aufgaben zählt die Befestigung der Ordnung in Europa, der politischen wie der gesellschaftlichen, der sozialen wie der humanitären. Es ist das große Interesse der einzelnen neuen Nationalstaaten, auf ihrem eigenen Gebiet in jeder Weise autonom zu werden und den Schein der Berechtigung dazu aus eigener Kraft zu erbringen. Die regierenden Stellen in Warschau und in Prag müssen sich darüber klar sein* daß auch die Sympathien der Entente nicht schrankenlos sein können, sondern gleichfalls logisch an große Prinzipien- und Kautelen gebunden sind. Ein so. starrer Formalist des nationale» ‘ Rechtes wie Präsident Wilson kann dort nicht gleichgültig vorübergehen, wo sich nationales Unrecht noch mit Unmenschüchkedt vereinigt Es ist traurig genug, daß man mrt der Zuchtrute der Entente drohen muß, wo einfachste und schlichteste Einsicht genügen sollte." Ein Illustrationsfaktum. Die politische öffentliche Meinung, die über die in Galizien gegenwärtig wütende Pogrombewegung im Innern unzweifelhaft Befriedigung empfindet — hat sie doch jahrelang den Judenhaß geschürt und die Pogrome vorbereitet! —, sucht begreiflicherweise das polnische Volk von diese» Schandtaten reinzuwaschen. In der polnischen Presse wird nun der Versuch unternommen, die „Unruhen“ gegen die Juden in Galizien — daß diese speziell gegen die Juden gerichtet sind, wagt auch sie nicht mehr in Abrede zu stellen — als das Werk „zugereister, vom russischen Bolschewismus angesteckter Banden“ hinzustellen. Wie die Sache aber in Wirklichkeit sich verhält; möge der folgende, dem „Nowy Dziennik“ entnommene telegraphische Bericht aus O s w i e c i m illustrieren, zu dem wir uns einen Kommentar wohl ersparen können: Oswiecim, 9. November. Gestern fand eine Konferenz der Stadtverwaltung mit deu lokalen Militärbehörden, unter Beteiligung der Vertreter des polnischen Bürgertums statt, die den angesichts der gegenwärtige» Situation zu treffenden Vorkehrungen gewidmet war ... Im Einverständnis mit den Behörden und mit den Vertretern des polnischen Bürgertums machte der Bürgermeister den Vorschlag, die jüdischen Kaufleute mögen sämtliche Warenvorräte dem Bezirkskomitee zu den festzusetzenden Maxtmalpreisen ausliefern, wodann es vielleicht gelingen würde, die ungeheure Erregung zurückzuhalten. Im Laufe der Diskussion erklärte der Lehrer Bascik: „Die Juden irren, wenn sie meinen, daß dies eine Bewegung des bandistischen Abschaumes ist; dies sei eine Erscheinung des elementaren Hasses des polnischen Volkes gegen die Juden, die mit ihrem jetzigen Vorgehen das polnische Volk provozieren.“ Er erklärte weiters, daß bei Ausfolgang der Ware« seitens der Juden er morge» zu den Organisatoren dieser Unruhen sich begeben und ihnen dies mttteilen würde, er wisse aber nicht, ob diese von de* Plünderungen Abstand nehmen würden. Der Vertreter.der Juden, Dr. Reich, erwiderte, daß er den militärischen . Faktoren es überlasse, zu beurteilen, ob es der Würde des polnischen Heeres und dem Ansehen der polnischen Behörden entspricht, mit Banditen zu paktieren. Er bemerkt, daß die Kaufleute schon früher mit der Aktion der Preisermäßigung begonnen haben. Dagegen weigern sich die Bauern von den hohen Preisen Abstand zu nehmen und niemand wendetslchansie mit einem Appell. Leutnant Machnl e wic'z, Kommandant der Sicherheitswache, äußerte sich folgendermaßen: „Es sei eine Unverschämtheit seitens der Juden, zu appelliere» an die Ehre der polnischen Soldaten, die Juden zu schützen. Die Juden machen Zugeständnisse bezüglich der Preise nur. unter der drohenden Gefahr von Exzessen. Wenn „Wir“ in einigen Stunde« unser Militär zurückziehen werden, werdet ihr eingeäschert werden. Hierauf erklärte Dr. Pfizer, daß angesichts einer derartigen Stellung er an der Konferenz nicht länger teilnehme»