Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438720--6010-2446046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 .JÜDISCH!3 ZEITUNG Nr. 46 Grundlage aufgebauten Ausführungen wurden die gegen den Zionismus erhobenen Einwände gründlich widerlegt. Tosender Beifall folgte dieser glän-, zcndea Rede. Als nächster Redner sprach Rabbi Sal. Friedmann aus Sadagora, der die Berechtigung der zionistischen Bestrebungen vom Gesichtspunkte der chassidischen Weltanschauung begründete und die chassidischen Massen zu tatkräftiger opfervoller Mitarbeit aufforderte. Eine rhetorische Glanzleistung bildete die hierauf folgende Rede des Herrn Rabb. Dr. Samuel Rappaport aus Lemberg, der die Versammlung zu heller Begeisterung fortriß, und die vom Redner vorgeschlagene Resolution wurde mit jubelnder Akklamation einhellig angenommen. Nach Rabbiner Kramer aus Wien sprach Abg. Dr. S t r a u c h e r, der die jüdischen Massen zur Einigkeit und einmütigem Kampfe für Palästina imd die jüdischen Volksrechte aufforderte. Zuletzt sprach Herr Oberleutnant Wallach e r, der der Versammlung die Grüße des jüdischen Soldatenrates überbrachte. Die Versammlung brachte den Bejveis, daß auch die strenggläubigen Juden die Bedeutung der nationalen Forderungen voll erkennen. Der Kampf um den jüdischen Nationalismus in Ungarn Am 6. November hat in Budapest eine von „Notabein“ einberufene Landesversammlung der ungarischen Judenschaft getagt, die einen ganz merkwürdigen Verlauf nahm. Bei früheren ähnlichen Anlässen ging alles wie am SchnürL Die Reden troffen von Loyalität die Einberufer konnten sich nicht genug tun in Beteuerungen, die jüdische Konfession sei nur magyarisch, und alle Anwesenden waren stets durch und durch eines Sinnes mit den Einberufern. Diesmal kam es anders. Aus der offiziellen Versammlung wurde eine inoffizielle, und der assimilatorische Anfang fand eine zionistische Fortsetzung. Die Notabein mußten der Uebermacht weichen, verließen den Saal, und die Zionisten führten die Versammlung zu einem von den Einberufern nicht beabsichtigten Ende. Diesen 6. November wird man sich wohl merken müssen. Er bedeutet einen wichtigen Merkstein in der Geschichte der Juden Ungarns. Zum erstenmal ist in Ungarn an diesem Tage der jüdischnationale Gedanke vor der' größten 0effentlichkeit verkündet worden, und die offiziellen jüdischen Führer mußten aus dem MundS eines aktiven Ministers vernehmen, daß die Juden eine Nation seien! Die Nofabeln, die die Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nation — wie es im offiziellen Kommuniquee heißt — noch immer „verurteilen“, scheinen die Entwicklung der letzten Jahre gänzlich verschlafen zu haben. Das nationale Erwachen des gesamten Judentums und die'Demokratisierung der Weltordnung ist' spurlos an ihnen vorübergegangen, sie, die die Einheit, ja sogar die Existenz des jüdischen Volkes stets verneint haben und immer noch verneinen, wenden - sich trotzdem im Namen der jüdischen Solidarität an das Judentum in den Ententeländem mit der Bitte, für die territoriale Integrität Ungarns einzutreten. (!) Es besteht gar kein Zweifel darüber, daß die ausgestreckte Hand ins Leere greift, keine Bruderhand wird sich ihr entgegenstrecken, denn die Juden der ganzen Welt bringen den jüdischen „Notäbeln“ in Ungarn Mißtrauen entgegen. Nachstehend lassen wir den Bericht über die Versammlung folgen: Der kleine Redoutensaal war dicht besetzt; mehr als 1000 Personen hatten sich eingefunden. Man sah auch Delegierte aus der Provinz. Auch mehrere Reichstagsabgeordnete bemerkte man in den Reihen des Publikums. Um halb 4 Uhr wurde die Versammlung von Hofrat Franz Szekely mit einer kurzen Rede eröffnet, in der er auf die Gründe hinwies, die die Einberufung notwendig gemacht haben. Die Landesversammlung sei aus dem Grunde einberufen worden, um der Judenschaft des ganzen Landes Gelegenheit zu geben, ihrer Treue und Anhänglichkeit für die ungarische Nation Ausdruck zu verleihen. Sodann unterbreitete Dr. Franz Mezc.v einen Beschlußantrag, in dem der Anschluß an den Nationalrat bzw. an die Volksregierung angemeldet wird, und die im Ausland lebenden Juden aufgefordert werden, von der heutigen Manifestation Kenntnis zu nehmen und für die territoriale Integrität Ungarns cinzutreten. Hierauf ergriff Minister Barnabas Buza das Wort Er habe soeben den Zwischenruf vernommen, die jüdische Nation möge leben. Der Minister erklärt, daß er sich diesem Rufe an schließe. (Stürmischer Beifall in den Reihen der Zionisten. Anhänger der zionistischen Richtung erheben sich von den Sitzen und jubeln dem Minister minutenlang zu.) Ich glaube — fuhr der Minister fort —, daß es sich um keine Differenzen, sondern nur um Mißverständnisse handelt. (Erneuerter Lärm.) Ich habe den vorhin erwähnten Zwischenruf mit einer gewissen Sympathie auigenommen, denn ich habe das Gefühl, daß dieser Ruf keine Tendenz gegen die ungarische Nation hat Wir sind in einem Lande, in dem mehrere Nationen miteinander leben. Die ganze Vergangenheit Ungarns, die Geschichte dieses Landes zeigt, daß die hier lebender. Nationen niemals ein abgeschlossenes Ganze gebildet haben. Aber ich behaupte, daß ein großer Teil der hier lebenden Nationen mit der ungarischen Nation verschmolzen ist. (Stürmische Zustimmung.) Das ungarische Judentum kann stolz darauf sein, daß die Juden eine separate Nation bilden. .Gleichzeitig will ich aber kundtun, daß von allen hier lebenden Nationen die jüdische Nation am tiefsten in der ungarischen Nation auigegaugen ist (Rufe: Wir schwören, daß wir treue Söhne des ungarischen Vaterlandes sind und bleiben werden!) Der Minister und der Staatssekretär verließen hierauf unter stürmischen Eljenrufen den Saal. ■ ' Sodannergriff der Führer der Zionisten, Dr. Nikolaus H a j d u das Wort. Seine Rede wurde durch eine Flut von Zwischenrufen unterbrochen. Er sagte: Der Katholik Buza hat die jüdische Volksseele besser verstanden als viele*Juden selbst. (Stürmische Zustimmung in den Reihen der Zionisten.) Besser als jene, die heute, in den historischen Zeiten, die Geschäfte der Landeskanzlei leiten. (Großer Lärm. Vorsitzender Szekely versucht .vergebens, die Rühe wieder herzustellen.) Dr. Hajdu fort-fahrend: Nicht ich habe die Disharmonie gesucht. (Rufe bei den Fortschrittlern: Das gehört nicht hieher!) In meinem Besitze befindet sich eine Einladüng zur Teilnahme an der heutigen Landesversammlung. Auf der Tagesordnung steht ein Punkt, der eine Schmach für das ungarische Judentum ist,“ eine Schmach und eine Insulte! Die ungarische Judenschaft soll ihrer Treue und Anhänglichkeit für die ungarische Nation Ausdruck verleihen. So steht auf der Einladung. Ist das notwendig? Als ob es noch eines Beweises dafür bedurft hätte! Das ist nichts. anderes als eine Insulte. (Stürmischer Beifall bei den Zionisten.) Nun geschah etwas Unerwartetes. Hofrat Szekely, der sich-"vergeblich bemühte, die Ruhe wiederherzustellen, rief in den Sal: „Unter solchen Umständen kann ich den Vorsitz nicht weiterführen. Ich entferne mich aus dem Saal e.“ Nach diesen Worten erhob er sich von seinem Sitze und verließ, begleitet von seinen Freunden und Anhängern-, die Estrade. - Dr. Hajdu setzte hierauf unter großem Lärm seine Rede fort. Er richtete heftige Angriffe gegen -die Landeskanzlei. In'der allgemeinen Verwirrung übernahm Professor Adolf Strauß, Präsident des zionistischen Landeskomitees, den Vorsitz, dem es mit schwerer Mühe gelang, die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Dr. Hajdu führte aus, daß die Zionisten der Einberufung der heutigen Versammlung fernstehen. Die Einberufung der Versammlung habe das Judentum geschädigt Er unterbreitet einen Beschlußantrag, in dem ausgesprochen wird, daß der freie Organisationsrat der unabhängigen ungarischen Juden sich mit den Einberufern der Landesversammlung nicht identisch erklärt. In den gegenwärtigen schweren Zeiten war die Einberufung überhaupt nicht am Platze. Die ungarische Judenschaft schließt sich mit ganzer Kraft dem Nationalrat an, bittet die Regierung,, den Glaubensgenossen in der Provinz, deren Leben und Gut bedroht ist, sofortigen Schütz angedeifien'zTr lassen, begrüßt die Naüonalgarde und fordert die Juden auf, die Nationalgarde in ihrer Arbeit zu unterstützen. Die Landesversammlung betraut den freien Organisationsrat der unabhängigen Juden damit, die ungarische Volksregierung im Interesse des inneren Friedens des ungarischen Judentums über die Ungeregeltheit der öffentlichen Zustände der ungarländischen Juden aufzuklären. Die Landesversammlung spricht aus, daß die Landeskanzlei und die orthodoxe Kanzlei nicht berufen seien; die Interessen der ungarischen Judenscliaft zu Vertretern Die Landesversammlung fordert nachdrücklich die Einberufung eineraußerordentlichen Generalversammlung der Kultusgemeinden und die Neubildung der Repräsentanz auf Grund des allgemeinen und geheimen Wahlrechtes. Die Landesversammlung lenkt zum Schlüsse die Aufmerksamkeit der Regierung auf den Umstand, daß die Landeskanzlei seit Jahren die Genehmigung der Statuten des Zionistenvereines verhindert. Er empfahl seinen Beschlußantrag zur Annahme und schloß damit, daß die Bildung eines jüdischen Na-, tionalstaates in Palästina die Vaterlandsliebe der ungarischen Judenschaft nicht im geringsten alterniere. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, wurde nach den Schlußworten Professor Strauß’ der Beschlußantrag einstimmig angenommen und die Versammlung geschlossen. Professor Strauß schloß damit, daß die schweren Fehler, die in der Vergangenheit geschehen sind, in der Zukunft wieder gutgemacht werden müssen. Wie in Oesterreich, haben sich auch in Ungarn-, wie schon gemeldet, jüdische Offiziere und Soldaten zusammengefunden, um eine jüdische Garde zu bilden. Kaum ist diese Nachricht in die Oeffentlichkeit gedrungen, als auch schon die Assimilanten alle Hebel in Bewegung setzten, um die Gründung der jüdischen Garde zu hintertreiben. Sie ließen in den Budapester Tageszeitungen ein „Dementi“ veröffentlichen, worin gesagt wird, daß die Organisierung einer besonderen jüdischen Garde geeignet wäre, die konfessionelle Frage aufzurolien, was unter allen Umständen zu vermeiden sei. Der in dem „Dementi“ ausgedrückte fromme Wunsch der Assimilanten“ ist jedoch nicht in Erfüllung gegangen, vielmehr ist die Gründung der jüdischen Garde bereits zur Tat geworden, und einige Abteilungen sind unter Leitung von Offizieren in die Provinz abgegangen. £ ij; Wie uns aus Ungarn berichtet wird, hat sich in Temesvär, unter Vorsitz des dort Militärdienst leistenden Dr. Alexander Mer mosch ein jüdischer Nationalrat gebildet. Dr. Marmosch und Oberleutnant-Auditor Dr. Dohäny sind nach Budapest abgereist, um sich mit dem' dortigen Organisationsrat ins Einvernehmen zu setzen und gegebenenfalls die Schaffung eines jüdischen Nationalrates in Budapest in die Wege zu leiten. V - ’{t Unerhört, aber zugleich unsäglich lächerlich wirken die Anregungen der jüdischen Assimilanten in Ungarn, das Judentum als eine bloße Konfession hinzustellen. Nun haben sie in der von. ihnen einberufeuen Landesversammlung eriahreu müssen, daß sie eine Nation bilden. Es liegt nun unseren Gesinnungsgenossen in Ungarn ob, in ihrem Werke fortzufahren und das jüdische Volk in Ungarn zu organisieren. L. B. * * * -. Das Zionistische Zentralkomitee in Budapest veröffentlicht einen Aufruf an die Juden in Ungarn, dessen Programm in den nachstehenden Thesen zusammengefaßt ist: 1..In den von den nichtungarischen Völkern bewohnten Gebieten wird die Lage des Judentums unhaltbar, wenn die jüdische Nation nicht anerkannt wird. 2. Die Regelung der nationalen Verhältnisse ist unmöglich, wenn in" den rein ungarischen Gebieten die bisherige konfessionelle Organisation des Judentums aufrecht erhalten wird. 3. Die internationale Lage der ungarischen Regierung würde eine außerordentliche moralische Stärkung erfahren, wenn sie sich der Idee des von England proklamierten jüdischen Staates in Palästina anschließen und unser Recht auf eigenes nationales Leben anerkennen wollte. -* * - $ Die zionistische Organisation hat eine Eingabe ap den ungarischen Nationalrat gemacht, in der sic verlangt, es möge sofort von Regierungswegen die nationale Organisation der ungarländischeri Juden angeordnet werden lind ihr die Minderheitsrechte auf den Gebieten des Unterrichtes der Verwaltung und der politischen Vertretung zugestanden werden. Zwei Urteile über die Assimilanten 1. Das Mitglied der britischen Regierung, Sir Alfred Mond, der schon wiederholt sein Interesse für die zionistische Bewegung kundgetan hat, hat küizlich durch den Erwerb von neuen Aktien der Jüdischen Kolonialbank in Höhe von 5000 Ptung Sterling (nach Friedenskurs 125.000 Kronen) einen weiteren Beweis für seine Sympathien mit den zionistischen Zielen erbracht. Sir Alfred M o n d tritt nach wie vor ener-. gisch für die zionistische Bewegung ein und hat erst kürzlich scharfe.Worte gegen diejenigen Juden gerichtet, „die keine Glut in ihrer Seele und keine Wärme in ihrem Herzen haben, u n d.,d i e - A.u s b.r.e i,t JUJ.g,, der., zionistischen Idee zu verhindern suche n.“ 2. ‘ - Der tschechische Professor Dr Kozäk sagte in einer großen Rede in Kuttenberg, über die die tschechischen Blätter ausführlich berichten, nach einer Würdigung der historisch begründeten Eigenart: „Den Juden bleibt nichts übrig als der Zionismus, sie haben ihr Erwachen erst vor sich, so wie wir etwa vor 100 Jahren und gegenwärtig. Es erübrigt sich für sie ein Vaterland iind eine Sprache zu besitzen. Sie sind ein Volk unter Völkern. Es ist dies ein tragisches Schicksal und wenn es nicht ein jeder Jude so empfindet, wie er es empfinden sollte, so ist das ein Zeichen ihrer um so grö-, ßeren Tragik, ihrer Oberflächlichkeit und des Mangels einer wah r h a f t tieferen Bildung.“ Der Redner wies dann noch auf die Notwendigkeit hin, daß sich die Tschechen mit der jüdischen Partei aufrichtig auseinandersetzen. Jüdiche Gruppe der Wiener Stadtschutzwache Die Soldatenversammlung, die am 2. Nov.- im „Bayrischen Hof“ tagte und unter allgemeinem Jubel beschloß, sich dem Jüdischen Nafionalrat für Deutsch-Oesterreich zur Verfügung zustellen, hatte mehrfache Verhandlungen mit den Staatssekretären für Heerwesen und Inneres zur Folge. Durch den Jüdischen Nationalrat wurde beim Staatssekretär für Heerwesen Mayer der Standpunkt vertreten, daß die Vereidigung jüdischnationaler Soldaten als Angehörige des deutschen Volkes unmöglich sei, weil ein in diesem .Sinne geleisteter Eid ein Meineid wäre. Staatssekretär Mayer billigte diesen Standpunkt der jüdischen Soldatenschaft vollkommen. Auch Staatssekretär des Innern Dr. Mataja erklärte, persönlich ganz auf unserem Standpunkte zu stehen, ln einer späteren Besprechung machte Staatssekretär Mayer die Mitteilung, daß ein neues Wehrgesetz in einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung zur Verhandlung kommen würde, bei welcher Gelegenheit auch über die Forderung bezüglich Eintrittes der jüdischen Soldaten in geschlossenen Formationen in das deutschösterreichische Volksheer Beschluß gefaßt werden würde. Da also diese Verhandlungen zu keinem abschließenden Resultat geführt hatten, beschloß der Exekutivausschuß der jüdischen Soldatenschaft im Rahmen der Wiener Stadts c h u t z w a c h e, die schon die seinerzeit von Dr. Siegfried Bernfeld organisierte Gruppe auf breitere und ganz militärische Grundlage zu stellen. Diese Aktion verlief durchaus erfolgreich; die aufgesfellten Kompagnien versehen wie von allen Seiten, besonders den zuständigen Behör-