Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438720--6009-2446045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr. 46 Die nationale Bewegung Jüdische Frauen Wiens! Jüdischer iNationalrat für Deutschösterreich Die zweite Sitzung des Nationalrates hat am 10. d. M. unter dem Vorsitz von Dr. Isidor Margniies stattgefunden. . Vor Eingang in die Tagesordnung gab Dr. Josei Kißmann. eine Erklärung über den Eintritt der jüdischen sozialdemokratischen Partei in den Nationalrat ab. Hierauf folgte das politische Referat nebst Debatte, das Referat des Finanzausschnsses über das Budget und das Referat des Organisationsausschusses über Geschäftsordnung und Organisationsent%vurf. Die Sitzung wird Sonntag, am 17. d. M. fortgesetzt werden. ♦ Der Jüdische Nationalrat hat wiederholt bei der tschechoslowakischen Gesandtschaft in Wien wegen der Ausweisung von Flüchtlingen aus Böhmen und Mähren interveniert und ein Memorandum überreicht. * Donnerstag, am 14., veranstaltet der Nationalrat im Hotel Post eine Versammlung der indischen Staatsbeamten, in welcher, die brennendsten Fragen der Wahrung der Interessen der Beamtenschaft besprochen werden sollen. Der jüdische Nationalrat für Westgalizien (Ein Pole gegen die Assimilanten.) Vorige Woche konstituierte sich wie bereits gemeldet, in Krakau ein Jüdischer Nationalrät für Westgalizien, der sich aus je fünf Vertretern der monistischen, poale-zionistischen und jüdisch-sozialdemokratischen Partei zusammenset'zt. Von zionistischer- Seite gehören dem Natfionalrat an die Herren Dr. Thon, Dr. F e 1 db 1 um, Dr. Wahrhaftig, Samuel Spira und Dr. Schwarzbart als Mitglieder und Dr. Zimmermann und Leistner als Stellvertreter. Im Präsidium, das aus je einem Vertreter der 3 Parteien besteht, sind die Zionisten durch Dr. Thon vertreten. Der Nationalrat erließ ein Manifest an die Juden, worin die national-jüdischen Postulate und die Aufgaben des-NR. kurz skizziert und die Juden zur Mitarbeit aufgerufen werden. Namens des J. N. R. begaben sich die Herren Dr. T h o n, Dr. Wahrhaftig, Dr. S ch r e iber, Dr.- Guttmann und. Dr, Schipper zu der polnischen Liquidationskommission, um ihr die Gründung des J. N. R. und die' Forderungen des jüdischen Volkes zur Kenntnis^ zu bringfeic Der Sprecher der Deputation, Herr Dr. Thon, erklärte in Anknüpfung an den AAufruf der P. L. K. an die Juden, daß das jüdische Volk bereit sei, an dem Aufbau eines unabhängigen, geeinigten und freien Polen mitzuarbeiten, wobei er die im Manifeste enthaltenen Postulate darlegte. Schließlich appellierte Dr. Thon an die P. L. K., den in Galizien überhandnehmenden antisemitischen Exz'e s s e n auf das energischeste entgegenzuwirken und entsprechende Anordnungen zu treffen. Der Präses der P. L. K., Dr. Tertil, nahm die Erklärung des J. N. R. zur Kenntnis und versprach, die gestellten Forderungen der Plenarversammlung der P. L. K. vorzulegen imd zu unterstützen. Hierauf erklärte der zweite Präses der P. L. K:, Dr. Ptas, daß das polnische Volk den Forderungen der jüdischen Bevölkerung stets geneigt war, und daß das Haupthindernis in der Realisierung der jüdischnationalen Postulate die früheren Vertreter der Juden, z. B. die Herren Löwenstein, Kolischer u. a. gewesen seiea Die beiden Präsidenten der P. L. K. betonten, daß die P. L. K. als provisorische Behörde nicht berufen sei, über grundsätzliche Postulate des jüdischen Volkes in Polen -zu entscheiden. Dies obliege lediglich dem künftigen polnischen Landtag. Hingegen sei die P. L. K. bereit, in laufenden Angelegenheiten sich mit dem J. N. R. in Krakau zu verständigen. Hierauf wurde die Deputation in Angelegenheit des angesprochenen Schutzes für die bedrohte jüdische Bevölkerung an die betreffenden Referenten Graf Lasocki und Tetmajer gewiesen. Im Einvernehmen mit derP. L. K. übernahm das dem J. N. R. unterstehende Komitee der jüdischen. ■ Soldaten die Organisierung der jüdischen Offiziere und Soldaten zum Zwecke des Schutzes der jüdischen Bevölkerung in Krakau und in der Provinz. Der an die jüdischen Soldaten gerichtete Werbeaufruf ist vom J. N. R. und von der P. L. K. gezeichnet Eine jüdischnationale Massenkundgebung in Krakau (Die Kultusgemeinde kapituliert.) Die von der zionistischen Organisation in Krakan für den 6. d. M. einberufene Volksversammlung gestaltete sich zu einer großartigen und erfolgreichen Kundgebung der Krakauer Judenheit zugunsten der Nationalisierung und Demokratisierung der dortigen Kultusgemeinde. Das ganze jüdische Viertel ließ in den Vormittagsstunden seine Arbeit ruhen,-um sich an der Versammlung zu beteiligen. Es fanden gleichzeitig 5 Versammlungen an verschiedenen Punkten statt,' die zusammen 20.000 Teilnehmer auiwiesen. 24 Redner sprachen zu den Zuhörenden,, die aufmerksam lauschten und schließlich der ihnen vorgelegten, gleichläutenden Resolution zustimmten. Diese Resolution verdammt die Politik des gegenwärtigen Kahals. spricht ihm das Recht der Repräsentierung des jüdischeu Volkes ab, fordert die Abdankung des KuUusvorstandes und die Durchführung neuer Wahlen auf demokratischer Basis innerhalb vier Wochen, ebenso die Umgestaltung der Israelitischen Kultusgemeinde in eine jüdische Volksgemeinde, die neben den bisherigen religösen auch die kulturellen und nationalen Bedürfnisse des jüdischen Volkes befriedigen müßte. Die Versammelten wählten aus ihrer Mitte eine aus Zionisten und Poale-Zionisten zusammengesetzte Abordnung, die an der Spitze des hiesigen Demonstrationszuges in dieKultusgeineinde sich begab, um dem Präsidium die Forderungen des jüdischen Volkes zur" Kenntnis zu bringen. In Abwesenheit des Präsidenten Dr. T i 11 e s verhandelte die Delegation mit dem Vizepräses Dr. Rafael Landau, indes die vor der Kahalstube versammelten Volksmassen gegen den Kultusvorstaud und für den jüdischen Nationalrat sowie iür ein freies jüdisches Volk und eine Heimstätte in Palästina manifestierten. Ungeheuern Enthusiasmus tief die spontane Entfernung des Schildes von der Kultusgemeinde, an dessen Stelle die blau -weiße Fahne unter Anstimmurig von nationalen Liedern aufgezogen wurde. Es wurde auch eine Tribüne improvisiert, von der mehrere Redner zum Volke sprachen. Die Verhandlungen währten ziemlich lange und als die Demonstranten ungeduldig zu werden begannen und eine gewaltsame Besetzung der Kultnsgemeinde drohte, entschloß sich Dr. Tilles, telephonisch seine Zustimmung zur Demission za geben Hernach wurden zwischen beiden Parteien folgende Vereinbarungen getroffen: 1. Dr lilles gibt seine Demission; 2. Binnen 3 Tagen muß det Kultusvorstand darüber entscheiden, ob auch er zurücktreten und nach Kooptierung einer entsprechenden Anzahl Vertreter der jiidischnationalen Parteien gemeinsam mit ihnen eine Rtiormierung der Kultusgemeinde durchführen will. Nach Verkündung dieses mit großem Jubel begrüßten Ergebnisses formierte sich die versammelte Menschenmasse zu einem imposanten Zuge, an dessen Spitze die jüdischen Offiziere und Soldaten mit blau-weißer Fahne schritten. Der Zug bewegte, sich durch mehrere Gassen und hielt vor dem Hause des Präsidenten des Jüdischen Natioiialrates, unseres Gg. Rabbiner Doktor Thon, der die Versammelten in hebräischer, jiddisdier. und nolnischerSpiache :zum. Ausharren im Kampfe für die nationalen Rechte mahnte. Nach einer Ansprache des Dr. Feldblum löste sich der Zug in Ordnung auf. Die nationale Bewegung in Mähren Unter dem Eindruck der letzten Ereignisse hat die , jüdischnationale Bewegung in Mähren einen rapiden Aufschwung genommen. Der Verband der mährischen Kultusgemeinden hat, wie bereits gemeldet, in seiner konstituierenden Versammlung am 3. Oktober eine Resolution angenommen, die die Anerkennung der Juden als Nation und die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina fordert. Am 5. d. M. haben in Brünn zwei Massenversammlungen im größten Stile stattgefunden, bei welcher Rabbiner Dr. Lewy, Dr. Hugo Herrmann und Dr. S o n n e n f e I d sprachen. Es wurde ein Volksrat in Brünn als lokales Organ des Jüdischen Nationalrates gewählt. Der Volksrat wurde vom Narodni Vybor empfangen und die Erfüllung unserer nationalen Forderungen zugesagt. Der Narodni Vybor erkennt in jüdischen Angelegenheiten ausschließlich die nationalen Institutionen an, und zwar den Volksrat für lokale Angelegenheiten, den Verband der Kultusgemeinden für mährische Angelegenheiten und den jüdischen Soldatenrat für militärische Angelegenheiten. ln den anderen mährischen Städten werden ebenfalls im Laufe der letzten Wochen überall große Versammlungen abgehalten, die sich ausnahmslos auf den Boden des nationalen Programms stellen. In den meisten Städten haben sich lokale jüdische Nationalräte konstituiert Die mährische Judenschaft im tschechischen Sprachgebiet arbeitet im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalrat in Prag. InProßnitz wurde während einer Demonstration von einem Jungen dfeTafel vom Deutschen Haus heruntergerissen und durch eine Tafel Zidovsky narodni dum (Jüdisches Nationalhaus) ersetzt. Diese Aenderqng blieb mit Zustimmung der bisherigen Herren des Deutschen Hauses aufrecht Auf den meisten Gebäuden in den mährischen Städten wurden die blau-weißen Fahnen gehißt In die Verbandsleitung der jüdischen Kultusgemeinden wurden nachstehend angeführte Herren, gewählt: Präsident: Dr. Hilf (Ostrau), Vizepräsident: Rabbiner Dr. Lewy (Brünn), Schriftführer: Dr. Fuchs (Ostrau). Weitere Mitglieder: Bürgermeister Dr. Zweig (Proßnitz), Rabbiner Dr. Goldschmidt (Proßnitz), Dr. Haas, (Brünn), Dr. Schreier (Brünn), Dr. Sonnenfeld (Brünn). Fünf .dieser Herren sind altbewährte Zionisten, die drei anderen haben sich ebenfalls unter dem zwingenden Eindrücke der letzten Ereignisse für die nationale Bewegung erklärt Der Verband Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s wird am 21. November, 7 Uhr abends, im großen Konzerthaussaal über „Die jüdische Frau und ihre Arbeit für das jüdische Volk“ sprechen. Erscheint ln Massen! Karten ä K 4.—, 3.—, 2.—, 1.— zu haben an der Kasse des Konzerthaus, im Bureau des Nationalfonds, II. Zirkusgasse 33, Buchhandlung Löwit, I. Rotenturmstraße 22, Cafe City, IX. Porzellangase 1, Cafe Döbling, XIX Hauptstraße 39. der Kultusgemeinden wird wahrscheinlich Delogierte in den Prager Jüdischen Nationalrat entsenden. Die jüdischen Studenten beim Rektor Eine Deputation den Jüdischen Hochschutausschusses hat am 11. d. M. dem Rektor der Universität die weiter unten angeführte Resolution überreicht, welche die iüdlsche Studentenschaft in der Versammlung am 6. November 1. .1. einstimmig angenommen hat Diese Gelegenheit benützten die Vertreter des Jüdischen Hochscbulausschusses zur Besprechung der jüngst erfolgten Einschränkung der Nachinskription auf die nach Deutschösterreich zuständigen Hörer. Rektor Dr. Becke vertrat den Standpunkt, daß durch die politische Umwälzung der Charakter der ehemaligen Reichsuniversität umgestoßen wurde; und daß die Universität vornehmlich für deutschösterreichische Hörer Vorbehalten sei, daß man jedoch, soweit die Räumlichkeiten es gestatten, den anderen Nationalitäten das größte Entgegenkommen zeigen werde. Auch für das laufende Semester würden Gesuche individuell Berücksichtigung finden. Hierauf versprach Rektor Dr. Becke, die ihm überreichte Resolution im akademischen Senat wohlwollend zu beraten. Der Wortlaut dieser Resolution ist folgender: Die jüdische Studentenschaft Wiens weiß sich eins mit dem gesamten jüdischen Volke im Kampfe um seine nationalen Rechte. Sie entbietet ihren brüderlichen Gruß ihren Volksgenossen der ganzen Welt insbesondere den heldenmütigen Pionieren der jungjüdischen Bewegung iri Palästina, die mit unerschrockenem Mute ausharrend und; kämpfend für unseren Besitzstand in Palästina mit ihrem Leben eintraten. Sie entbietet ihren brüderlichen Gruß ihren Kommiltonen an de» anderen Hochschulen, mit. denen sie. eine unverbrüchliche Gemeinsamkeit verbindet. Die jüdische Studentenschaft begrüßt mit Begeisterung den bevorstehenden Rechtsfrieden auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes det Völker, welcher auch dem auf eine viertausendjährige Geschichte zurückblickenden, bislang unterdrückten jüdischen Volke seine nationalen und politischen Freiheiten gewährleisten solL Die jüdisch-akademische Jugend Wiens fordert daher iür das jüdische Volk: 1. Palästina als öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte sowie die Schaffung der für ihren ungehinderten Aufbau notwendigen Vorbedingungen, 2. völlige nationale Gleichberechtigung überall, wo Juden leben, insbesondere nationale Autonomie auf kulturellem, sozialem, politischem Gebiete in den Ländern jüdischer Massensiedlung. Die jüdische Studentenschaft Wiens gelobt feierlichst, ihre ganze Kraft in den Dienst der heiligen Sache unseres Volkes zu stellen und versichert dem jüdischen Nationalrat als der einzigen legitimen Vertretung der Juden in Deutschösterreich seiner unbedingten Treue und Gefolgschaft Von dem autonomen akademischen Senate der Wiener Hochschulen fordert die jüdische Studentenschaft bei vollkommener Wahrung des deutschen Charakters der Wiener Hochschulen die sofortige Anerkennung der jüdischen Nation, das Recht des freien Bekenntnisses zu dieser, sowie die ausnahmslose Durchführung des Prinzipes der Lehr- und Lernfreiheit. Die orthodoxen Juden für die nationalen Forderungen Aui Einberufung des Vereines „Jiscbub Eres Israel" in Wien fand am 5. d. M. im großen Konzerihaussaale ein Massenmeeting statt. Eine tausendköpfige Menge — überwiegend strenggläubige Juden — füllte dichtgedrängt den großen Saal bis auf das letzte Plätzchen. Den Vorsitz führte der Präsident des Vereines Herr Rabbiner Chaim Schapira aus Drohobycz, welcher mit einer kurzen Begrüßungsansprache die Versammlung eröffnete. Als erster Redner sprach, stürmisch akklamiert und mit begeisterfen Hochrufen empfangen, Herr Oberrabbiner Dr. P. H. C h a j e s. Redner drückte einleitend die freudige Genugtuung darüber aus, daß endlich auch das orthodoxe Judentum aus seiner Passivität heraüstrete, um sich in die Reihe der Vorkämpfer für Palästina und die jüdischen Volksrechte zu stellen, ln seiner geistvollen, auf talmudisch-wissenscbafllcber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.