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Jüdische Zeitung · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNO Seite 5 ■den, einhellig anerkannt wird, ihren Dienst in mustergiltiger Weise. Aufnahmsbedingungen sind: 6 K tägliche Löhnung für Offiziere und Mannschaften, volle Verpflegung, bestehend aus Frühstück, Mittagessen und Nachtmahl. Bewerber melden sich am Montag und Donnerstag im Souterrainlokal des Cafe Rotenturm. Protestversammlung jüdischer Soldaten aus Galizien Am 11. Nov. wurde von einem Komitee der jüdischen Offiziere und Soldaten an Wien eine Massenversammlung einberufen, zur Stellungnahme gegen die in Westgalizien ausgebrochenen Pogroms. Die Redner schilderten die traurige Lage der Juden in Westgalizien, erhoben feierlichen Protest gegen die Judenexzesse und forderten die jüdischen Offiziere imd Soldaten auf, sich zwecks Anschluß an1 den dort’ gegründeten Selbstschutzverein schleunigst in die Heimat zu begeben und den bedrängten Brüdern Hilfe zu bringen. Nach Anhörung der Redner wurde folgende Resolution vorgeschlagen und einstimmig angenommen: Die am 11. November 1918 in Wien stattfindende Versammlung von jüdischen Offizieren und Soldaten begrüßen voll Freude die Gründung der jüdischen Nationalräte für Deutsch- Österreich, Westgalizien. Ostgalizien und die Bukowina, sowie die in all diesen Gebieten gegründeten jüdischen Soldatenräte und erklären, daß die Juden der ganzen Welt eine unteilbare Einheit bilden. Die jüdischen Offiziere und Soldaten prote- .stieren aufs Nachdrücklichste gegen die eben in Westgalizien stattfindenden Judenpogrome und geloben feierlichst zum Schutze ihrer verfolgten Brüder und Schwestern alle ihre Kräfte einzusefzen, sobald ihnen Gelegenheit zur Heimkehr geboten wird, ihren Eintritt in die Reihen der jüdischen Reserven Westgaliziens als Angehörige des freien gleichberechtigten jüdischen Volkes und zwar nur zum Schutze desselben vollziehen wollen. Die jüdischen Soldaten verlangen auch Wahrung strengster Neutralität im Bürgerkriege zwischen Polen und Ruthenen und fordern, daß keiner von ihnen in diesem unseligen Kampfe verwendet werde. Die jüdischen Offiziere und Soldaten ersuchen den Jüdischen Nationalrat für Deutschösterreich, hn Einvernehmen mit allen zuständigen Stellen, insbesondere mit dem Jüdischen Nationalrat für Westgalizien, die notwendigen Veranlassungen zur schleunigsten Erfüllung der vorgebrachten Forderungen, vor allem einer geordneten ehebaldigen -Heimkehr zu treffen.- ■ Das unter einem fünfgliedrig gewählte Spldatenkomitee hat sich sofort mit dem Jüdischen Nationalrat in Deutschösterreich in Verbindung zu setzen. __ Eine Jüdische Massenversammlung in Prag Das Jüdische Preßbureau beim jüdischen Nationalrat in Prag teilt mit: Sonntag, den 10. November fand im großen Saale der Produktenbörse eine Versammlung statt, die vom Jüdischen Nationalrat für den tschechoslovakiSchen Staat einbe- , rufen war. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn war der Saal so überfüllt, daß aui dem Platze vor der Produktenbörse eine zweite Versammlung improvisiert werden mußte, in welcher Dr. Angelo G o i d s t e i n sprach. Es mochten wohl weit mehr als 4000 Personen anwesend gewesen sein. Nach der Eröffnung der Versammlung und Wahl des Präsidiums (Herr Norbert A s 11 e r als Vorsitzender, Herr Karl Fischl als Stellvertreter und Herr Dr. Kornfeld ais Schriftführer) überbrachten unter begeistertem Beifall der Versammelten der italienische Leutnant Schubert in italienischer Sprache, der russische Soldat A s c h k e n a s i in russischer und das Mitglied der Przemysler jüdischen Selbstwehr Glanzberg in hebräischer Sprache die Grüße der italienischen, russischen und galizisdien Zionisten. Es referierten hierauf der Präsident des Nationairates Dr, Ludwig Singer und das Mitglied des Jüdischen Sozialistenrates Herr Rudolf Kohn, deren Ausführungen ungeheure Beifallsstürme entfesselten, die sich insbesondere am Schlüsse der Rede Dr. Singers zu minutenlangen Ovationen für ihn steigerten, ln der Debatte sprachen von tschechisch-jüdischer Seite Dr. Eduard Lederer, Neuhaus, und Dr. Heinrich Kohn, Pilsen, in versöhnlichem Sinne, ferner Dr. Jakob Scharf, von nationaljüdischer Seite Dr. Kornfeld und Dr. Go Idstein, schließlich Prof. Klimt als Nichtjude. Bemerkenswert ist, daß dieser tschechische Redner sich gegenüber den Rednern der tschechisch-jüdischen Assimiianten sehr warm für die nationaljüdischen Bestrebungen aussprach und u. a. erklärte, ein Zionist sei ihm lieber a 1 s-zehn jüdische Assimilanten. Der Punkt der vorgeschlagenen Resolution, welcher sofortige Demokratisierung der Kultusgemeinden verlangte, wurde einstimmig, die Dankeskundgebung an den Nationalrat und die von ihm erhobenen Forderungen nach Anerkennung der jüdischen Nationalität und voller bürgerlicher -Gleichberechtigung mit weit überwiegender Majorität, gegen vereinzelte Stimmen tschechischer Assimilanten, angenommen. Glossen Freiheitsjubel und Pogromstimmung. Die jüdischen Blätter Warschaus bringen Einzelheiten über die dortigen antisemitischen Exzesse, die beweisen, daß, wenn auch noch kein Pogrom in großem Stile vorgekommen sei, doch in Warschau Pogromstimmung herrsche, zweifellos eine Folge der unausgesetzten Aufhetzung der polnischen Bevölkerung gegen die Juden. Nach den in vielen Tausenden Exemplaren wiederholt verbreiteten Pogromaufrufen fanden am 14. Oktober in der Chlodnogasse unter der Parole „Nieder ‘mit den Juden!“ Ausschreitungen statt, bei denen eine größere Anzahl von Juden mißhandelt und geplündert wurde. Diese wiederholten sich am 21. an mehreren Stellen und arteten am 28. in einen größeren Exzeß aus. Diesmal fanden Schlägereien zwischen jüdischen und christlichen Trägern am Grojecer Kleinbahnhof in der Warschauer Vorstadt Mokotow statt Ungefähr 2000 Personen beteiligten sich an den Ausschreitungen. Eine jüdische Kaffeewirtschaft wurde zertrümmert, Wirtsleute und Gäste mißhandelt und beraubt. Jüdische Läden und Wohnungen wurden durchsucht und verwüstet. Auch Messerstechereien kamen vor. Die jüdische Bevölkerung Mokotows lebte in großer Angst. Kein Jude wagte sich nach Anbruch der Dunkelheit mehr auf die Straße. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde entsandte ihren Vizepräses und den Rabbiner Perlmutter zum Ministerpräsidenten S w i e r z y n s k i, die der polnischen Regierung ein ausführliches Memorandum über diese Vorfälle überreichten und ein energisches Einschreiten zwecks Vermeidung einer Wiederholung derselben forderten. Auch die jüdischen Ratsmänner des Warschauer Stadt’rates brachten diesbezüglich eine Interpellation ein, deren Erledigung jedoch, wie die jüdischen Blätter empört berichten, willkürlich hinausgeschoben wurde. Daß diese absichtliche Verzögerung das Treiben der Dunkelmänner und die Zunahme der Judenexzesse begünstigt, ist selbstverständlich. Mut Infolge Aengstlichkeit. Entgegen der Gewohnheit der Assimilanten, alle polnischerseits an Juden verübten Greueltaten zu vertuschen, haben sich nun die Warschauer Assimilanten zu einem Schritte entschlossen, der nicht nur die volle Bestätigung der letzten Judenexzesse bedeutet, sondern auch die öffentliche Anklage gegen die städtische Miliz erhebt. ln einem Memorandum an den polnischen Ministerpräsidenten führt die neugegründete assimilatorische „Partei für bürgerliche Gleichberechtigung in Polen“ Klage über die letzten Vorfälle und über die antisemimtische Haltung der polnischen Miliz während derselben, die die geforderte Hilfe ostentativ verweigerte. Die Beschwerdeführer forciern' die Ertfeitüng klarer Befehle an die betreffenden Regierungs- und Verwaltungsorgane. die die jüdische Bevölkerung beruhigen könnten. Die Angst vor dem Zornesausbruch seitens der verbitterten jüdischen Massen muß sich in den Kreisen der assimilatorischen Lesetreter sehr gesteigert haben,. wenn sie den Mut zu einem derartigen Schritte aufzubringen vermochten ... Ein Dementi. Dem „Moment“ zufolge hat das Pressedepartement beim polnischen Ministerium des Aeußern an alle ausländischen Zeitungen ein Dementi betreffs der Judenexzesse in Warschau versendet . . . Neue Zeiten — alte Lieder. Der „Klub des polnischen Bürgertums“ in Warschau veröffentlicht neuerdings in der polnischen Presse einen Aufruf, worin die polnischen Hauseigentümer aufgefordert werden, ihre Häuser an Juden nicht zu verkaufen. Gleichzeitig wurden überall große, schwarzumrandete Anschläge angebracht, die 17 christliche Hauseigentümer in Warschau öffentlich annageln, die ihre Häuser an Juden verkauften . . . Die politische Orientierung der Flüchtlinge. Die nunmehr nach Polen _ zurückkehrenden jüdischen Flüchlinge werden aui ihrer Heimreise in besonderen Baracken interniert, woselbst nicht nur über die Person der Heimkehrenden, deren Bern und Lebenswandel, sondern auch über deren politische Orientierung Erhebungen gepflogen werden. Daß speziell dieses letztgenannte Moment den nicht judenfreundlichen polnischen Behörden die willkommene Handhabe zu Schikanierungen bietet, ist klar. M. H. RUNDSCHAU * Jüdische Flüchtlinge im tschechoslowakischen Staate. Der Abgeordnete Rejzes erhielt ein Telegramm von Professor Alfred Engel aus Prag im Namen des Jüdischen Nationalrates im tschechoslowakischen Staate, damit er in Angelehenheit der jüdischen Flüchtlinge, die sich im Bereiche des tschechoslowakischen Staates befinden, interveniere. Im tschechoslowakischen Staate weilen nämlich derzeit noch über 17.000 jüdische Flüchtlinge aus Ostgalizien und der Bukowina, welche in ihre Heimat nicht zurückkehren konnten. weil die Ortschaften zerstört sind und noch nicht wieder aufgebaut wurden. Der Abgeordnete Reizes begab sich hierauf mit Redakteur Leon W e c ii s 1 e r in Vertretung der ostgalizischcn Flüchtlinge und .Herrn Nathan E i d i n g e r in Vertretung der Bukowinaer Flüchtlinge zum tschechoslowakischen Gesandten in Wien Vladimir T us a r, den sie ersuchten, daß die Flüchtlinge, bis ihnen die Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimatsorte gegeben wird, im tschechoslowakischen Staate bleiben können und daß ihnen die Flüchtiingsuuterstützung wie bisher weiter ausgezahlt werde. Der Gesandte Tusar erklärte, daß er noch heute telegraphisch den Narodni Vybor in Prag dieses Ansuchen übermitteln werde und seinerseits es weitgehendst unterstützen werde. Er erklärte weiter, daß er veranlassen wird, daß der Narodni Vybor den Prof. Engel zu sich berufe, mit dein die Details der Frage geregelt werden sollen. Bei dieser Gelegenheit macht Gesandter Tusar der Deputation die Mitteilung, daß er gestern aus eigenem Antriebe dem Bezirkshauptmann in Ung.-Hradisch die Weisung erteilt hat, 200 jüdische Flüchtlingskinder, welche im dortigen Flüchtlingsbarackenlager untergebracht waren, irgendwo anders unterzubringen. Das Flüchtlingsbarackcnlager in Ung.-Hradisch ist nämlich als Unterkunft für die durch den Vlarapaß. nach Ungarn marschierende tschechoslowakische Armee bestimmt worden. Aui diese Weise wären diese Kinder obdachlos geblieben. Gesandter Tusar fügte hinzu, daß es auch wegen militärischer Maßnahmen nicht angehe, daß unglückliche arme Kinder obdachlos bleiben. Ein polnisches Kommando anerkennt dia jüdische Nation. Wie uns berichtet wird, hat das polnische Kommando des seinerzeitigen Ers.-Baons des I.-R. 56 in Kielce (Polen) die Juden als Nation anerkannt und demgemäß seine jüdischen Offiziere und Mannschaften als polnische Staatsbürger jüdischer Nation am 3. November 1918 vereidigt. Dieser Eid wurde unter dem Vorbehalte geleistet, daß er von seihst außer Kraft tritt, wenn die nationalen Wünsche des jüdischen Volkes erfüllt sein werden und ist es wohl über jeden Zweifel erhaben, daß dieser Fall in absehbarer Zeit auf dem Weltfriedenskongresse eintreten wird. Hiebei wird besonders hervorgehoben, daß bei Besprechung und Durchführung dieser Aktion sämtliche sich beim Ers.-Baon befindenden jüdischen Offiziere und Mannschaften geschlossen vorgegangen sind. Zionistische Bewegung Mährisch-schlesischer Distriktstag in Mähr.-Ostrau (Originalbericht der „Jüdischen Zeitung“.) Samstag, den 2. November 1918 iand als Einleitung zu dem mährisch-schlesischen Distriktstag in Mährisch-Ostran eine öffentliche Volksversammlung statt mit dem Thema: „Anerkennung der jüdischen Nation“, welche von vielen Tausend Juden besucht war. wobei noch weitere Tausende kernen Einlaß gefunden haben. Bei dieser Volksversammlung wurde die bereits mehrfach veröffentlichte Resolution gefaßt die den vom Kopenhagener zionistisch»! Büro proklamierten Friedensforderungen entspricht. Als Referenten fungierten die Herren Rabb. Dr. Leopold Goldschmiedt aus Proßnitz, welcher über das Thema „Die Juden als Nation“ sprach. Dr. Hugo Herrmann, welcher das politische Referat erstattete und über die Prager iüdisch-nntionale Arbeit referierte, insbesondere eine ausführliche Schilderung des Empfanges des Jüdischen Nationalrates in Prag durch den Narodni Vybor gab, worauf als dritter Redner Bezirksrichter Dr. Wilhelm Wagner aus Bielitz über Schulwerk und Jugendorganisation sprach. Nach dieser wirklich erhebenden und imposanten Einleitung fand Sonntag, den 3. November, der mährisch-schlesische Distriktstag statt, welcher aus allen Teilen Mährens und Schlesiens beschickt war. Dem Distriktstag wohnten als Gäste auch das Präsidium der Mährisch-Ostrauer Kultusgemeinde. sowie das Präsidium des Verbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Mähren bei. Es wurden nachstehende Referate erstattet: Von Dr. Hugo Hermann das politische Referat, welches mit dem einstimmig angenommenen Anträge schloß, die Gründung des jüdischen Nationalrates im tschech slowakischen Staate mit. Freude und Genugtuung zu begrüßen und in denselben Delegierte aus lenen Teilen des mährisch-schlesischen Distriktes. zu entsenden, welche unbestritten diesem Staate angehören;' gleichzeitig aber auch mit den übrigen Repräsentanten des mähr.sch-schlesischen Judentums, insbesondere mit dem Verbände der israelitischen Kultusgemeinden in Mähren in Verhandlungen zu treten, damit auch dieser Delegierte in den jüdischen Nationalrat im tschechoslowakischen Staate entsende. Hiermit erstattete Gg. Dr. A11 b a c h das Referat über die Organisation. Aut Grund der Thesen des Referenten wurde Mähren und Schlesien in acht Arbeitskreise, und zwar Bielitz (Ostschlcsien). Brünn (Landesgerichtssprengel Brünn). Mährisch-Ostran (Kreisgerichtssprcngel Neutitschein). Olmütz (Kreisgerichtssprengel Olmütz mit Ausnahme der üerichtsbezirke Proßnitz und Kremsier). Proßnitz (Gerichtsbezirk Proßnitz und Kremsier), Tropoau (Westschlesien). Iglau (Kreisgerichtssprenge! Znaim and lehnt) und Ungariseh- Hradisch (Kreisgerichtssprcngel Ungarisch-Hradisch) cingeteiit An der Spitze eines jeden Arbeitskreises steh: der hreisobmaim. Die acht Kreisobmänner zusammen mit den; Distriktskomitee bilden den erweiterten Pm teilet der mährisch'- schlcsisehen zionistischen Organisation. Es wurde weiters beschlossen, einen Kataster der organisierten Zionisten in Mähren and Schlesien anzulegen, welcher zu einem Kataster der Zionisten der gfS samten tschechoslowakischen Staat erweitert werden soll. Es wurde weiters beschlossen die Gründung von l.okaiorganisationen an dem Sitze einer jeden Kultusgemeinde und die Bestellung von Ver-

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