Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 46 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 46 Au! Grund dieser heute unerschütterlichen Prinzipien, die am Friedenskongreß nach den von allen Völkern angenommenen Vorschlägen Wilsons die Richtschnur für die Neugestaltung der Welt bilden .werden, haben sich die Völker und Staaten cinzurichten. Und diese Einrichtung soll, nach den weiteren Forderungen Wilsons, so erfolgen, daß kein Volk mehr m seiner freien Entwicklung und in seinem Selbstbestimmungsrecht verkürzt werden darf. Der deiftschösterreichische Staat wird sich in seinen Grundgesetzen diesen Prinzipien anpassen müssen. Wohl scheint es. daß sich auf seinem Boden das Territorialprinzip — ein Staat, ein Volk — restlos durchsetzen lasse, aber, sobald eine ansehnliche Volksminorität, die auf seinem Boden wohnt, seine nationalen Selbstbestimmungsrechte reklamiert so müssen sie ihm nach den Prinzipien, der neuen Weltordnung gegeben werden. Die Poliriker Deutschösterreichs glauben, befangen in den Vorstellungen der bisherigen Zeit daß dies eine Angelegenheit sei. die mit Majoritätsbestimmung entschieden werden kann. Sie sehen noch nicht ein. daß ein Volk, das sich als solches fühlt, als solches von allen Nationen, unter denen es lebt anerkannt und in den Völkerbund aufgenommen ist nach den auch vom deutschösterreichischen Staat angenommenen Grundsätzen in seinen nationalen Rechten nicht verkürzt werden kann. Den Fall angenommen, der deutschöstermchische Staat würde die jüdische Nation als solche nicht anerkennen und ihr die Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten nach ihren bescheidenen Wünschen nicht gewähren. In welche unmögliche Situation würde er sich dadurch begeben! Als Mitglied des Völkerbundes würde die jüdische Nation nicht aufhören können. ' die Beseitigung dieses Unrechtes zu verlangen und der deutschösterreichische Staat wäre von Geburt an mit dem Makel behaftet einer nationalen Minderheit die ihr nach dem neuen Weltrechte zukommende Stellung im Staate versagt zu haben. Welches Recht hätten dann die Deutschen, für ihre Minderheiten im tschechoslowakischen Staat nationale Minderhoitsrechte zu verlangen? Wie könnten sie solche vor dem Weltforum durchsetzen? Die deutschösterreichischen Politiker, die solches tun wollten, begingen einen doppelten politischen Fehler. Der eine wurde schon bloßgelegt. Der andere besteht in dem irrtümlichen Glauben, daß das Territorialprinzip gesiegt hätte, wie dies nach dem Zerfall Oesterreichs in nationale Staaten den Anschein hat Dies ist aber nicht der Fall. Bei der ..Gernenglage“ der Nationen im alten Oesterreich ist eine reinliche Scheidung nicht möglich. Es wurde schon von den deutschen Minoritäten im tschechischen Staate gesprochen; es gibt auch solche in Ungarn und Galizien, ebenso wie polnische im ruthenischen. magyarische im rumänischen Gebiete usw. Söll nicht aufs neue der Sehr»-der unterdrückten Völker oder Völkersolitter - schrill durch die Hallen des neugebauten Friedenstempels gellen, soll nicht aufs neue Zündstoff aufgehäuft werden und iii absehbarer Zeit der Kriegswahn wieder angefacht werden, dann muß all den zersprengten Minoritäten in fremdnationalen Staaten ihr Recht auf Selbstbestimmung in allen rein nationalen Angelegenheiten werden Den Jüdischnationalen wird auf diese Argumentation stets erwidert, daß die Juden ja kein Territorium haben, daher . . . Hier bricht aber die Logik ab. Denn die Fortsetzung ..kein Volk sind“, würde besagen, daß das eigene Land das wichtigste konstitutive Merlanal einer Nation sei. Ein Volk, das von seinem Lande vertrieben wurde und zu ihm wieder zurückkehrt, wäre also in der'Zwischenzeit der Landlosigkeit kein Volk! Es erübrigt sich heute, solche Diskussionen zu führen. Die Juden sind als Nation von den Pronagatoren des Völkerbundes anerkannt, sie sollen auch ihr Land wieder erhalten, kein Politiker der Welt kann ihnen heute den Nationscharakter bestreiten. Die deutschösterreichischen Politiker waren bisher gewohnt die Juden als willenloses Material zu behandeln. Sie können, nach ihrer ganzen1 Vergangenheit. nur schwer umlernen. Heute treten ihnen die Juden als politischer Faktor entgegen, der ihnen vielleicht im innerstaatlichen Leben schwach erscheinen mag. Mit Unrecht. Denn wenn die ganze Weltpolitik und die Beziehungen, die die Juden, die als einheitliches Volk in den Völkerbund aufgenommen wurden, gerade infolge ihrer zerstreuten Lage dn allen Ländern haben, berücksichtigt wird der nach den Zerstörungen des "Krieges auf die Hilfe des Auslandes angewiesene Staat diesen Faktor -nicht gering einschätzen dürfen. Als kürzlich in Warschau Pogrome vorkamen, hat Präsident Wilson den Polen bedeutet, daß dies ihrer Stellung in der Welt schaden werde. Als in Böhmen judenfeindliche Strömungen hervortraten, hat der frühere Antisemit Klofac gewarnt den Juden Unrecht_zuzufügen. da dies dem tschechischen Staat sehr schaden würde. Allüberall sehen die Politiker ein. daß heute ein Forum besteht vor das jedes an Volksteilen begangene Unrecht gebracht werden kann und daß eine Nichtachtung der Grundsätze Wilsons nicht ohne Folgen bleibt. Die Verhandlungen der Vertreter des Jüdischen Nationalrates mit einzelnen Mitgliedern der deutschösterreichischen Regierung haben gezeigt daß zwar die Judenfrage innerhalb des Staatsrates sehr lebhaft diskutiert wind, daß aber noch keine Einigkeit über diese Frage herrscht Die Verhandlungen werden von den jüdischnationalen Vertretern unablässig weitergeführt in einer dem Gedeihen des Staalsganzen und dem Wohl der Juden förderlichen Haltung, ln weiiigen Tagen wird die provisorische Entscheidung fallen, da die; Staatsgrundgesetze in der nächsten Woche beschlossen werden sollen. Die endgültige Entscheidung kann aber erst die Konstituante des deutschösterreichi- •schen Staates fällen, deren Wahl in Kürze ausgeschrieben werden wird. Sie wird umso eher im Kundgebungen des jüdischen Nationalrates Der Jüdische Nationalrat für Deuts chösterreidi hat folgende Telegramme abgesand Präsident Wilson, Washington. Jüdischer Nationalrat Deutschösteirelchs spricht tiefempfundenen Dank aus für Zusage des - Schutzes kleiner Nationen, bittet dringend, den furchtbaren unmenschlichen Ausschreitungen der - Polen gegen Juden in Westgalizlen mit allem Einfluß entgegenzutreten. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. - Justice Louis D. Brandeis, Washington. Der Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich hat an Präsidenten Wilson den schärfsten Protest des jüdischen Volkes über die unmenschliche Behandlung unserer Brüder in Galizien durch die Polen telegraphisch übermittelt Wir bitten Sie, alles aufzubieten, damit dieser Protest an zuständiger Stelle Beachtung finde und den entsetzlichen Pogroms Einhalt geboten wird. . Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. Polnische Liquidationskommission, Krakau. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich erhebt schärfsten Protest gegen unmenschliche Pogroms in Westgalizien. Schänden das Ansehen Polens in der ganzen Welt. Bitten sofort alle Maßnahmen zum Schutze der Juden ergreifen. Jüdischer Nationalrat für . Deutschösterreich. Fürsterzbischof Sapieha Krakau. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich protestiert aufs schärfste gegen Unmenschüchkeiten der Polen gegen Juden und gegen die Beteiligung der polnischen Geistlichkeit an der Volksverhetzung. Die Pogroms schänden die Ehre des christlichen Polenvolkes vor der ganzen Weit Bitten dringend mit allem Einfluß entgegenzKwlrken. Jüdischer National»! für Dentschösterreich. Rabbiner Thon, Krakau. Jasna S Beglückwünschen Jüdischen Nationalrat Westgaliziens zur Konstituierung. Wir -sind tief bestürzt über das über Juden Westgallzieas hereingebrochene Unglück. Werden in unverbrüchlicher Solidarität zn euch stehen. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. Der Wiener jüdische Nationalrat an die amerikanischen Juden Justice Louis D. Brandeis, Washington, D. C. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich entbietet dem Führer des amerikanischen nationalen Judentums den herzlichsten Gruß. Jüdischer Nationalrat beglückwünscht die Brüder in Amerika zu der großartigen Haltung des amerikanischen Judentums in den schweren Zeiten des Krieges und dankt ihnen für ihr treues Zusammenhalten mit dem ganzen Volke. Wir hoffen, daß ein baldiger Friede auch uns die Möglichkeit geben wird, wieder Hand ln Hand mit ihnen im Dienste unseres Volkes zu arbeiten. Wir rechnen damit, daß Sie auch ln den kommenden schweren Tagen des Wiederaufbaues helfend zu uns stehen werden. Gleichzeitig bitten wir, Präsidenten Wilson den tiefempfundenen Dank der österreichischen Judenschaft für seine großherzige Förderung der nationalen Bestrebungen des Judentums zu übermitteln. Jüdischer Nationalrat für Deutschösterreich. Sinne der nationalljüdischen Forderungen ausfallen. je geschlossener die Judenschaft des Staates hinter ihnen stehen wird. Eine ungemeine Verantwortung lastet deshalb a.uf der Judenheit Deutschösterreichs. Wird sie v'jcderum zu einem Teiledeutsche, Israeliten wählen, so wird sie wie bisher wöhr- und schutzlos bleiben, wird.demüWöhl~;{jder- Uebelwollender Nichtjudea preisgegeben sein. Der Jüdische Nationalrat wird in machtvoller-Propaganda dafür zu sorgen haben, daß dies nicht geschehe, daß auch in Deutschösterreich wie .überall in der Welt die Juden ihre Selbstbefreiung vollziehen, indem sie die Gestaltung ihres Schicksals, in die eigene Hand nehmen. Der Zusammenbruch des Systems Dr. Stern ist das erste Anzeichen dafür, daß es mit dem Israelitentum zu Ende geht. Ein neuer Kurs, den neue Männer, aufrechte, volksbewußte und volkstümliche Vertreter steuern, wird die Judenschaft Deutschösterreichs" zur Befreiung führen. Der Schwanengesang des Kultusvorstandes Wir haben in unserer letzten Nummer den Aufruf veröffentlicht, den der scheidende Wiener Kultusgemeindevorstand erlassen hat. Es kann nicht wundernehmen, daß in diesem Aufruf von - einer „Beunruhigung“ der Wiener. Judenschaft wegen der Bildung des Jüdischen-Nationalrats gesprochen wird Dehn diese „Beunruhigung“ ist nur dadurch verursacht worden, daß die offiziellen Juden das Programm und die Forderungen der Zionisten der Oeffentlichkeit immer sp dargestellt haben, als ob diese, welche die einzigen wahren Vertreter der jüdischen Interessen sind, die Stellung der Juden untergraben wollten. Die Herstellung eines klaren jmd aufrichtigen Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden, wie es die Jüdischnationalen wollen, ist die einzige Basis dafür, daß künftig die unerträgliche Lage der Juden ein Ende habe und die Forderung nach Selbstverwaltung in allen jüdischen Angelegenheiten auf demokratischer Grundlage kann nur solche Juden „beunruhigen“, die entweder gegen die Demokratie und für" die Plutokratio •cintreten oder die überhaupt keine jüdischen Völksinteressen kennen. . Bei den bisherigen Kultusgewaltigen war beides der Fall. Kein Wunder, daß sie trachten, noch-in ihrem Schwanengesang die Juden über die Ziele der Zionisten selbst zu .beunruhigen. Aber, leider.— diese sind heute so bekannt, daß die Kahalisten in ihrem Aufruf selbst zugestclien müssen, daß aüf keinen Juden ein Zwang, sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen, ausgeübt wird (fordern doch die Zionisten das „freie Bekenntnis“),. und daß den vollen Rechten und Pflichten der jüdischen Staatsbürger Deutschösterreichs kein Eintrag geschehen wird. Also: wozu der Lärm? Wer hört heute noch auf die Worte einer in Auflösung begriffenen Tischgesellschaft von Kahalgrößen? Was heute vor der jüdischen Oeffentlichkeit zu sagen ist, das steht im Manifeste des Jüdischen Nationalrates, der allein die Interessen der Juden — aller Juden — vertritt Juden und Jüdinnen! Zum Schutze der schwer bedrohten Interessen des Judentums hat sich am 4. November 1918 der Jüdische Nationalrat für Deutschösterrelch konstituiert. Bis zur Einberufung der Jüdischen Nationalversammlung, welche auf Grund Ides allgemeinen, und - direkten Wahlrechtes-,., yop allen volljährigen '.lüden und Jüdinnen beschickt werden und die oberste jüdische Behörde bilden wird, hat der Jüdische Nationalrat die Vertretung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der Juden zu besorgen, ihre Rechte vor dem Dentschösterrelchlscben Staatsratc und vor dem Völkerbünde zu vertreten. I:r bat darüber zu wachen, daß in dieser verhängnisvollen Zeit der großen Umwälzungen dem Gesamtiudentum und dem einzelnen Juden kein Unrecht widerfahre und dafür zu sorgen, daß die Forderung der Juden nach Gleichberechtigung und freier Selbstbestimmung gehört und berücksichtigt «erden. Er hat anch alle Hilfs-, Rechtsschutz- und Für- .Sorgeaktionen zn organisieren. Die Wiener jüdische Stadtschutzgruppe ist bereits eingerichtet. ebenso eine großzügige Fürsorgeaktion für durchreisende und ln Deutschösterreicii zurückgehaltene Soldaten. Zum Zwecke der Aufbringung der großen Mittel, welche die Einrichtung der Betrieb seiner Aemter und Hilfsstellen erfordern, schreibt der Jüdische Nationalrat hiemlt eine freiwillige jüdische Volkssteuer aus. Juden und JQdinnen! Der Nationalrat bittet nicht um Almosen, er wendet sich nicht an einzelne bevorzugte Personell und Gesellschaftskreise, Er fordert euch alle auf. ihm die Erfüllung seiner heiligsten lüdlschen Pflicht zu ermöglichen. Jeder von euch soll selbst bestimmen, was er für die Ehre und den Schutz des Judentums, für die Sicherung seiner bedrohten Volksgenossen und der eigenen Existenz und Zukunft leisten kann und leisten muß. Wer die ißdlsche Volkssteuer entrichtet, arbeitet mit an der Erhaltung und Neubelebung unseres altehrwürdigen Volkstums und genügt einer Pflicht, der sich keiner entziehen darf, wenn er den Namen „Jude“ noch ferner ln Ehren tragen wilL Die iüdlsche Yolksstener kann bei der Kasse des Jüdischen Nationalstes; Wien’ II.. Zlrknsgasse Nr. 33. ferner bei allen vom'Nationalrate legitimierten Inkassanten und bei den Geschäftsstellen des „Merkur“ auf das Konto des Jüdischen Nationalrates entrichtet werden. " Das Präsidium des Jüdischen Natioufratee: Ingenieur Robert Stricker. Vorsitzender. Adolf Böhm. Dr. Sauf S o k a 1. Dr. Isidor M a r % u 11 e s. Dr. Bruno P o 11 a c k von Pärnu. Wien. im.November 1918.