Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-11-15 · 46 (15.11.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438720--6007-2446043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Redaktion und Administration: Wien II., Zirkuagasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Naiional~jüdifches Organ A\it der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 15. November 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 6 Ä ganzj. 24 K, Einzelnummer 5t) A Postsparkassenkonto 133.404 Der Siegeszug gegen den Kahal Krakau. Die Kultusgemeinde bat die vom Jüdischen Nationalrat iür Westgalizien gestellten Bedingungen angenommen. Ein aus den nationalen Parteien zusammengesetzter Ausschuß wird im Einvernehmen mit dem unter Leitung des Dr. Rafael Landau stehenden Kultusvorstand eine neue demokratische Wahlordnung und ein Programm iür die Volksgemeinde ausarbeiten. Die Neuwahlen sollen so bald als möglich stattiinden. Lemberg. Inmitten der durch den polmsch-ruthenischen Konflikt verursachten Wirren, die die Stadt Lemberg in ein Feldlager verwandelt haben, in dem der Bjirgerkrieg tobt, haben die nationaüüdischen Parteien sich der Kultusgemeinde bemächtigt. Der mit der Leitung der Kultusgemeinde betraute Regierungkommissär Dr. Parnas wurde abgesetzt. Die Führung der Geschäfte übernahm unter jubelnder Zustimmung des ganzen Volkes ein Komitee, an dessen Spitze die Präsidenten des jüdischen Nationalrates Dr. Michael Ringel und Dr. Leon Reich stehen. Nähere Einzelheiten fehlen, da die Kommunikation mit Lemberg unterbrochen ist. PrzemysI. Zum Leiter der Kultusgemeinde wurde der bekannte poalezionistische Führer Dr. Max Rosenield bestellt. T a r n o w. Die Kultusgemeinde hat sich unter dem Drucke der Volksstimmung neu konstituiert. Es wurden 21 neue Kultusräte aus allen nationalen Parteien kooptiert. Die Zionisten Joach. Neiger und Schwager sind im Präsidium. In der ersten Sitzung unter Vorsitz des Herrn E. Baron wurde beschlossen, die Bezeichnung „Kultusgemeinde“ in .Jüdisch-nationale Kehillah“ abzuändern. Auf Antrag Neiger (Zionist) und Leibei (Poale-Zion) wurden folgende Ausschüsse eingesetzt: Für Wahlreform, Budget, Beamtenangelegenheiten, soziale Fürsorge, Jugendfürsorge. Die Ausschüsse haben sofort ihre Arbeit aufgenommen. N e u - S a n de z. Unter dem Eindruck einer großen jüdischen Massenversammlung zugunsten der nationalen Forderungen hat der Kultuspräsident Dr. Körbel am 7. November schriftlich demissioniert, während gleichzeitig die in der Synagoge versammelte Gemeinde den Jüdischen Nationalrat als einzige kompetente jüdische Behörde anerkannt hat Von den bisherigen Mitgliedern des Kultusvorstandes haben alle (mit Ausnahme Dr. Körbels) das nationale Programm unterschrieben. An der Spitze stehen Dr. Leon Silbermann und Dr. Hersch Syrop (Zionisten.) Drohobycz. Auf dem Gebäude der Kultusgemeinde wurde die blau-weiße Fahne aufgezogen. Auch auf dem Stadthause wurde neben der ruthenischen Fahne die blau-weiße Fahne gehißt. Die Juden gelten als gleichberechtigte Nation. Brünn. Eine Abordnung der jüdischnationalen Parteien begab sich zum Kultuspräsidenten und forderte sofortige Neuwahlen auf Grund des allgemeinen gleichen Wahlrechtes. Der Kultus- .vorstand soLl deipissianigyen. Die Abordnung setzte eine Frist bis 13. d. M. In den Kreisen der jüdischen Soldaten * verfängt inan' stürmisch eine sofortige Besetzung der Kultusgemeinde und : Absetzung des noch heute deutschnational sich benehmenden Vorstehers. Mähr.-Ostran. Der Verband der mährischen Kultusgemeinde bat bereits das nationale Programm angenommen. Am 10. tagte der Verband der s c h I e s i s c h e n Kultusgemeinden, denen dieselbe Resolution vorgelegt wurde, deren Annahme wahrscheinlich ist. Genaue Nachrichten stehen noch aus. Mödling. Hier hat ^ich ein Komitee gebildet, das die Vorarbeiten zur Umwandlung der Kultusgemeinde in eine nationale Volksgemeinde im Sinne des Programmes des Jüdischen Nadonalrates durchführen will. Der Pogrom greift nach Mähren über! Nach Redaktionsschluß treffen bä uns Nachrichten über Pogrome in Mähr.-Ostrau, Oderfurt, Marienberg ein. Zahlreiche jüdische Läden wurden total ausgeplündert, viele Juden verwundet. Der Schaden und die Verwüstung sind riesig. Nähere Einzelheiten fehlen noch. — Auch in Groß-Karlowitz (bei Wsetin) wurden die Juden ausgeraubt und geschlagen. Die Pogrome gegen Öie Juden in Galizien Die jüdische Bevölkerung Galiziens durchlebt jetzt Schreckenstage, die jene des August 1914 und der russischen Invasion in den Hintergrund stellen.- Die fürchterlichen Pogrome gegen die Juden, die seitens der freiheitstrunkenen polnischen Bevölkerung allenthalben veranstaltet .werden, stehen den russischen Pogromen von 1905 weder an Bestialität noch in bezug auf den organisierten Charakter derselben nach. Infolge der gegenwärtigen Verkehrsstörung kommen die Nachrichten nur spärlich und auch nur aus einem Teile Galiziens. Aber was zu unserer Kenntnis gelangt, ist so haarsträubend, daß wir für die Bezeichnung dieser Schandtaten keine Worte finden. Aus beinahe hundert Ortschaften Galiziens liegen bereits Meldungen über Pogrome, teils von Augenzeugen, vor, die in ihren Einzelheiten voneinander wohl abweichen, in der Hauptsache aber alle über Mord, Raub, Plünderungen, Schändungen, Mißhandlungen und Brandschatzungen zu erzählen wissen. Wir wollen uns diesmal nur auf die Aufzählung eines Teiles der betroffenen Ortschaften beschränken, und zwar: Chrzanow, Tarnow, Dembica, Zabo, Brzezin und Wielopolie im Bezirke Roprzyce, Rymanow, Blazowa, Dobra, Grodzisko, Iwonicz, Jaworzno, Mielec, Morawica. Mszana Dolna, R o z w a d o w, Strzyzow, S z c z a k o w a, T r z e b i n i a, VV a do w i c e, Z a t o r, Tycyn, Czudec, Brzozow, Siersza, Pilzno. Z m i g r o d usw. Namentlich in den Dörfern und kleinen Städten ist die jüdische Bevölkerung infolge völligen Mangels an Waffen und wehrhaften Männern stündlich dem Tode preisgegeben. Es ist daher nur begreiflich, wenn diese nun in Massen panikartig die Flucht ergreift, ihr ganzes Hab und ■Gut"sclnrtzlos ■ zurücklassertd,- ohne auch---nur irgend ein Ziel vor Augen zu haben. Schilderungen glaubwürdiger Personen zufolge sollen die nach Krakau führenden Landstraßen mit jüdischen Flüchtlingen, Greisen, Frauen und Kindern bedeckt und Krakau, sowie Rzeszow und Tarnow mit Flüchtlingen überfüllt sein. Die Präsidenten der Polnischen Liquidationskommission in Krakau haben gelegentlich des Empfanges der Vertreter des dortigen Jüdischen Nationalstes an diese das Ersuchen gerichtet, ihren ganzen Einfluß in der Richtung der Beruhigung der jüdischen Bevölkerung geltend zu machen, ist jedoch angesichts des passiven Verhaltens der provisorischen polnischen Regierung und der polnischen Intelligenz gegenüber diesen Greueltaten eine solche Beruhigung denkbar? Die in Todesgefahr schwebenden Juden beruhigen, wo die polnischen Militärbehörden weder die Kraft noch den Willen zeigen, den Schutzlosen auch nur den geringsten Schutz angedeihen zu lassen, und oft sogar diese an der Organisierung des Selbstschutzes hindern? Wo die _ örtlichen Sicherheitsorgane und die Bürgermilizen fast überall dem traurigen Schauspiel passiv Zusehen, wenn nicht, was in vielen Fällen festgestellt werden konnte,, an den Pogromen tätigen Anteil nehmen? Oder trägt etwa die polnische öffentliche Meinung zu dieser Beruhigung bei? In der ganzen polnischen Presse ist kein Wort der Verdammung dieser unerhörten Grausamkeiten. Bestenfalls weiß ein oder das andere demokrat'.'Cii svr. nennende polnische Blatt über „Unruhen“ zu erzählen, wobei es sich über den Selbstschutz der .luden empört und diesen als den Anlaß hiezu bezeichnet Was wir in Anbetracht der geschilderten Sachlage tun zu sollen glauben, ist nicht „die jüdische Bevölkerung beruhigen“, sondern sie zur raschen Organisierung des Selbstschutzes eindringlichst zu ermahnen und andererseits die ganze gesittete Welt und die internationale Demokratie.um Hilfe und Schutz anzurufen. Diejenigen, von deren Hand die Polen ihre nationale Freiheit empfangen haben, sind berufen und verpflichtet, den Mißbrauch dieser Freiheit schon in der Geburtsstunde der polnischen Staatlichkeit zu verhindern. An diese Adresse auch richten wir unseren Anspruch auf moralische Satisfaktion sowie auf materielle. Entschädigung der bei den jetzigen Pogromen betroffenen Judefn: Beim jüdischen Nationalrat in Wien und bei der Redaktion der „Jüd. Ztg.“ sind eine Menge Zuschriften eingelaufen, ferner meldeten sich zahlreiche Flüchtlinge, mit denen Protokolle aufgenommen wurden. Wir werden das ganze Material noch verwerten. Inzwischen sind wir außerstande, unseren "Lesern, ein genaues detailliertes Bild der furchtbaren Verwüstung zu geben. Als Vertreter des Jüdischen Nationalrates intervenierte Herr Dr. J. Schallt bei dqr holländischen Gesandtschaft in Wien, und bat, den neutralen und ausländischen Regierungen von den Ausschreitungen Mitteilung zu machen und um sofortige energische Intervention zu ersuchen. Der holländische Gesandte erklärte sich in entgegenkommendster Weise bereit, alles zu tun, was in seiner Macht steht, um die Juden zu schützen und weiteren Ausschreitungen vorzubeugen. Herr Dr. Schalit hat nachstehende Zuschrift erhalten: Wien, den 12. XI. 1918. Nr. 3580. Euer Hochwohlgeborenl Beehre mich mitzuteilen, daß ich über die in Ihrem Schreiben vom 8. d. M. enthaltenen Beschwerden bereits mit den kompetenten Stellen einen ausführlichen Gedankenaustausch gepflogen habe. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die polnischen Behörden, deren Aufmerksamkeit nunmehr in passender Weise auf die in Rede stehende Angelegenheit gelenkt wurde, in Bälde Mittel und Wege finden werden, um dem Unfuge zu steuern. Hochachtungsvoll Der kgl. Niederländische Gesandte gez. De Weede. Seiner Hochwohlgeboren Herrn Dr. Isidor Schalit Wien. Die jüdische Frage im deutschösterreichischen Staate Die Umwälzungen im Gebiete Deutschösterreichs vollziehen sich in einem Tempo, daß es schiyer ist. einen festen Punkt der Betrachtung zu gewinnen. Noch ist weder die Staatsform, noch sind die grundlegenden Fragen der Staatsbürgerschaft und der Minoritätsrechte auch nur so weit geklärt, daß die provisorische Staatsleitung darüber feste Beschlüsse gefaßt hätte. Aus allem, was sie bisher getan haben und was aus den von den Vertretern des Jüdischen Nationalrates geführten Verhandlungen hervorgeht ist ersichtlich, daß sie sich noch nicht endgültig entschließen konnten, mit den hergebrachten Vorstellungen zu brechen und sich auf den Boden iener politischen Neuordnung zu stellen, welcher die Grundlage des Wiederaufbaues der Welt werden soll Die Politiker haben bisher alle „inneren Fragen“ eines Gebietes als nur der souveränen Entscheidung der legislativen Körperschaften des betreffenden Landes unterliegend betrachtet. Es ist begreiflich, daß die in dieser Anschauung aufgewachsenen Männer noch, nicht vollkommen verstehen konnten, daß die Völkerbundidee gewisse Richtlinien iür die Behandlung einer Reihe von Fragen interner Natur enthält, die von allen Völkern zur Grundlage der Regelung ihrer Beziehungen untereinander angenommen werden müssen. Die absolute Souveränität der Staaten wird durch den Völkerbund in manchen Punkten eingeschränkt Es gibt keine selbständige und einseitige Entscheidung in diesen Fragen seitens der Glieder dieses Völkerbundes mehr. Und das zweite wichtige Grundprinzip der sich vollziehenden Neuordnung der Welt ist daß nicht mehr Staaten, sondern Völker die Zellen des Weltenbaues bilden werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.