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Jüdische Zeitung · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4- JÜDISCHE ZEITUNG *Nr. 45 essen organisieren und bereit sein, für ihren eigenen .Schutz einzustehen Sie darf sich aber durch die antisemitische Hetze nicht provozieren und nicht aus der Ruhe bringen lassen. Im übrigen ist es Sache des Jüdischen Nationalrates, alle jene Maßnahmen zu treffen, welche zum Schutze der Juden erforderlich sind. Die Verhandlungen des Jüdischen Nationalrats Besprechung mit dem deutschösterreichischen Staatssekretär des Innern Dr. Mataja. Montag, den 4. wurden die Vertreter des Jüdischen Nationalrates von Dr. Mafaja, dem Staatssekretär des Innern in längerer Audienz empfangen. Dr. Mataja teilt ihnen mit, daß er im eigenen Wirkungskreis, d. h. bei der Stadtwache, welche der Wiener Polizeidirektion untersteht, verfügt habe, daß das Tragen eines blauweißen Abzeichens der jüdischen Gruppe gestattet sei. Bezüglich der Frage der Erwerbung des Staatsbürgerrechtes' in Deutschösterreich sagte Dr. Mataja, daß beabsichtigt sei, eine Option einzuführen, nach der es jederman, der im Staatsgebiete wohne, die Erwerbung des Staatsbürgerrechtes freistehe. Sodann wurden mit dem Herrn Staatssekretär ausführlich die Forderungen des Jüdischen Nationalrates erörtert Er erklärte, er erkenne die Berechtigung aller erhobenen Forderungen an und werde sich für deren Gewährung, insbesondere die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die Rechte der Volksgemeinden einsetzen. Auf die Forderung, daßr insolange die jüdische Volksgemeinde nicht im eigenen Wirkungskreis Schulen errichtet hätten, alle Unterrichtsanstalten - den jüdischen Schülern frei zugänglich bleiben mußten, erklärte er wiederholt und mit Nachdruck: „Eine Ausschließung der jüdischen Schüler von irgendwelchen Schulen ist unter allen Umständen vollkommen ausgeschlossen. Zum Schlüsse versprach der Staatssekretär wegen einer vorgebracliten Beschwerde bezüglich Ausweisung der Juden aus einer Öberösterreichischen Gemeinde, daß er sofort telegraphisch intervenieren werde. Unterredung mit Präsidenten Seitz. Montag, den 4 hatte eine Abordnung dies Nationalratspräsidiums eine zwanglose Unterhaltung mit Präsidenten Seitz. Dieser erklärte, er könne mit der Abordnung im gegenwärtigen Zeitpunkte nicht für den Staatsrat, auch nicht für die sozialdemokratische Partei, sondern nur für seine Person sprechen. Er erklärte, daß ihm persönlich die Anerkennung der jüdischen Nation und Zuerkennung gewisser Rechte an diese, etwa eine Wahlkurie, diskutabel erscheine. In der Schulfrage sei er aber persönlich seit jeher ein Vorkämpfer der bloßen Ünterrichfsschule ohne jede Tendenz. Unterredung mit dem tschechischen Gesandten Tusar. Am 6. November 1918 erschien eine Abordnung des jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich beim Gesandten des tschecho-slowa«- kiseben Staates Ln Wien. Herrn Tusar. Auf die Frage bezüglich Stellung der tschecho-slowakiklsclien Regierung zu der jüdischen Nation in Böhmen erwiderte der Gesandte, daß seine Regierung die Rechte aller Minoritäten, also auch der Juden, strengstens achten w-erde, ebenso wie sie die . Anerkennung ihrer Minoritätsrechte in Deutschösterreich durchzusetzen wissen wrerde. ln dieser Hinsicht halte er ein Zusammenarbeiten des tschecho - slowakischen Nationairates für Deutschösterreich mit dem jüdischen für. wünschenswert und empfiehlt ein gegenseitiges Einvernehmen. Vom jüdischen Nationalrat im tschecho-slovakischen Staate Wie wir bereits inder letzten Nummer berichtet haben, hat sich im tschechoslowakischen Staate ein jüdischer Nationairat konstituiert, der auch bereits vom Präsidium des tschechoslowakischen Nationalrates in Prag empfangen wurde. Ueber diesen Empfang berichtet die Prager „Selbstwehr“ folgendermaßen: Dr. Singer beglückwünschte den Närodni vybor in herzlicher Weise dazu, daß das tschechische Volk sein staatliches Ideal voll erreicht habe und betonte, daß das national bewußte Judentum stets für die unterdrückten Völker in Oesterreich mitgekämpft habe, unter anderem auch durch die vier Abgeordneten des ehemaligen jüdischen Klubs im Parlament.' Sodann stellte Dr. Singer die Lage und Postulate der Juden im neuen Staate dar und überreichte das Memorandum. Das Memorandum vertritt folgendes Programm: 1. Anerkennung der jüdischen Nationalität und Freiheit des Bekenntnisses zu dieser. Es soll kein Zwang auf die Juden ausgeübt werden, die sich als Angehörige des tschechischen oder deutschen Volkes betrachten. 2. Volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung. 3. Kulturelle Autonomie. Eine Sonderstellung der Juden in jeder anderen Beziehung, insbesondere auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet, muß vollkommen ausgeschlossen sein. Schließlich wird auch gegen die antisemitische Hetze protestiert. Als Vertreter des Närodni vybor waren amvesend die Herren: Sv eh Io. Dr. Souk u p, S t r i b r n y und Prof. Dr. S r d i n k o. Die erscliienenenMitgliederdesjüdischen - Nationalrates empiingen aus der mit sympathischer Wärme vorgetragenen ausführlichen Antwort des Vizepräsidenten des Närodni vybor S v e h 1 a den erfreulichen Eindruck, daß ihre Postulate außerordentlich entgegenkommendes Verständnis seitens der Repräsentanten des tschechischen Volkes gefunden haben. Die Prager Zentrale des Jüdischen Nationalrrates hat auch ein Zustimmungstelegramm aus Mähren erhalten. Als Mitglieder aus Mähren wurden in die Lcitunf»des Jüdischen Nationalrates entsandt die Herren: Dr. Robert Altbach und Dr. Josef Ruf eisen (Mähr.-Ostrau). Bürgermeister Dr. Gustav Zweig (Proßnitz) und der Obmann des Jüdischen Haudiungsgehilfenvereines in Brünn Julius Sch u 1 i er. ” Wie wur erfahren, hat auch die Versammlung des Zentralverbaudes der Israelitischen Kultusgemeinden in Mähren eine Teilnahme an den Arbeiten des Nationalrates in Aussicht genommen. Ein ähnlicher Vorgang dürfte auch seitens der Kulmsgemeinden Schlesiens erfolgen. Die Soldatenversammlung Samstag, den 2. November, fand im Hotel Bayrischer Hoi eine vom Jüdischen Nationalrat einberufene Versammlung der jüdischen Soldaten statt. Staatsbahnrat Stricker er öffnete und leitete die Versammlung namens des Jüdischen Nationalrates. der auch die Stellungnahme der indischen Soldaten zu den neu geschaffenen Staaten und Volksheeren als eine jüdische Angelegenheit bezeichnete und zur Stellungnahme der Soldatenschaft selbst zu dieser Frage aufforderte. Fhr. Dr. Plaschkes erstattete hierauf das Referat, in dem er im Wesentlichen Folgendes ausführte: „Auf den Trümmern, der . alten Donaumonarchie sind neue freie Nationalstaaten entstanden, die wir als freie Bürger alle auf das Herzlichste begrüssen. Wir Juden wollen in diesen Staaten als Staatsbürger unsere Pflichten voll und ganz erfüllen, wir wollen in ihnen auch der. Wehrpflicht genügen und wollen vor allem dazu beitragen, daß in diesen schicksalsschweren Stunden die Ruhe und Ordnung aufrechferhalten w'ird. Wir können den Soldateneid nicht mit einer Lüge befleckt a b 1 e g e n. Wir lassen uns nicht zwingen, uns dabei zu einem fremden Volke zu bekennen, als Judem w'ollen wfr unsere Pflicht erfüllen. W i r jüdische Soldaten in Deutschösterreich stellen uns daher dem jüdischen Nationalrat zur Verfügung. Durch diese Parole weisen wir nicht nur. den jüdischen Soldaten in Deutschösterreich den einzig richtigen Weg, diese Parole wird auch ein Wegweiser seii] für alle-Soldaten in den Staaten des alten Oesterreich-Ungarn. Wir fordern von den neugeschaffenen Regierungen die Anerkennung un s e r e r Nation a 1 i t ä f und1 Sicherung unserer nationalen Rechte. Von der Friedenskonferenz fordern wir die Erfüllung des uns von'den Mächten der Welt gegebenen Versprechen auf Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Redner richtete schließlich an unsere Väter und Brüder im Bürgerkleide den dringenden Appell, sich gleich uns voll und ganz zum jüdischen Volk zu bekennen und sich dem Jüdischen Nationalrat zu unterwerfen. Die Rede des Referenten, der zum Schluß zur unbedingten ‘ AuiTechterhaltung der Ruhe und zu eiserner Disziplin mahnte wurde von der Versammlung mit ungeheurem Beifall aufgenommen. Den Höhepunkt erreichte der Enthusiasmus der jüdischen Soldaten, als der nächste Redner Lt Dr. Re i k den Gruß der Versammlung an die jüdische Legion in Palästina übermittelte, der es vergönnt war, in so bewundernswerter Weise für unser Erez Jisroel zu kämpfen. Dr. Reik brachte auch die an anderer Stelle ver-; öffentlichte Resolution zur Verlesung. Die folgenden Redner Vmst. J u h n, Oblt. Wallach u. a. befürworteten die von der Versandung mit großem Beifall aufgenommene Resolution, während Lt. Dr. Großmann, der. der jüdisch sozialdemokratischen Partei angehört, unter großem Widerspruche der Versammlung gegen die Annahme der. Resolution sich aussprach und ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung verlangte, weil darin die Sozialdemokraten so schwach vertreten seien. Reichsratsabg. Dr. Benno Str.aucher begrüßte im Namen des parlamentarischen Jüdischen Nationalrates, die jüdischen Soldaten, dankte ihnen für ihr kraftvolles und mannhaftes Auftreten für das Juden-- tum und sagte — von der Versammlung bejubelt — seine tatkräftigste Unterstützung für die Forderungen der Versammlung zu. Nachdem . die eirigebrachte Resolution mit überwältigender Mehrheit angenommen und ein ans den Herren Oblr. Altbach, Inft. Behrmami, Lt Großmann, VmsL.Julm, Zgsf. Doll, Rgt.-Arzt Körner, Oblt. Dr. Herrn. Löw, Fhr. Dr. PlaschRes, Lt Dr. Reik, Feldw. Weldler. und den Invaliden Oblt. Dr. Fritz Singer und Oblt. Wallach bestehender Exekutivausschuß gewählt wurde, wurde die Versammlung unter Absingung der Hatikwah geschlossen. Die Entschlossenheit, mit der die jüdischen Soldaten ihr Bekenntnis zum Judentum ablegten, und ihre Forderungen zum Ausdruck brachten, bürgt dafür, daß sie denselben auch zum Siege verhelfen werden. Der. oben genannten Exekutivausschuß erschien Montag bei der konstituierenden Versammlung des Jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich, um dort durch seine Sprecher Lt. Dr. Reik unter, enthusiastischem Beifall der Versammlung die Beschlüsse der Soldatenversammlung zur Kenntnis zu bringen; Der Jüdische Nationairat hat die Forderungen der Soldatenschaft bei djen kompetenten Behörden bereits vorgebracht; die Antwort derselben dürfte in allernächster Zeit erfolgen. Der Exekutivausschuß der jüdischen Soldaten hat sich in Permanenz erklärt und erteilt Auskünfte TU Zirkusgasse 33 und II., Ob. Donaustr. 91. Resolution der Soldatenversammlung, Wir jüdischen Soldaten in Deutschösterreich begrüßen die Konstituierung des Jüdischen Nationalrates. Wir erkennen ihn als die einzig berufene Vertretung aller Juden in Deutschösterreich an. Wir entbieten den Völkern der alten Donaumonarchie, die sich als freie Nationalstaaten erklärt haben, unseren Gruß und wollen als freies Volk mit diesen freien Völkern in Frieden, Freundschaft und' Eintracht leben und arbeiten. Insbesondere beglückwünschen wir das deutsche Volk, in dessen Mitte wir heute tagen, zur Begründung seines freien Staates Deutsch- Österreich. - Wir Juden fordern von der Friedenskonferenz die Erfüllung des uns von den Mächten gegebenen Versprechens auf Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, auf Anerkennung unserer Nationalität und Zuerkennuhg nationaler Minderheitsrechte hierzulande. Wir erwarten die Unterstützung dieser gerechten Forderungen auch von den freigewählten Vertretern Deutschösterreichs. - Das Bekenntnis zu einem anderen Volk wäre ein Meineid, den niemand. von uns erzwingen kann und wird. Treu wie bisher wollen wir auch in dem neugeschaffenen Nationalstaat alle Bürgerpflichten erfüllen, als Juden, als gleichwertiges und gleichberechtigtes Volk. Wir jüdischen Soldaten halten als Volksgenossen zusammen, tragen unser blau-weißes Band an der Kappe und stellen uns dem Jüdischen Nationairat für. Deutschösterreich zur Verfügung. Nur dieser ist berechtigt, über unseren Eintritt in das neue Volksheer zu verhandeln. Die jüdischen Soldaten aller heugeschaffenen Staaten werden diesem Beispiel folgen. Auch von unseren Vätern und Brüdern im .Bürgerkleid, für deren Ehre wir geblutet haben, verlangen wir die Unterordnung unter den Jüdischen Nationalrat. In dieser entscheidenden Stunde stehen überall auf ihren Posten die jüdischen Soldaten. Resolution der mährischen Kultusgemeinden Der Zentralverband der israelitischen Kultusgemeinden in Mähren hat in seiner Verbandsversarntnlumc vom 30. v.- M. nachstehende' -Entschließung einstimmig angenommen: Als Angehörige eines L4 Millionenvolkes verlangen die Juden vom Friedenskongreß, zu dem ihre Vertreter zuzuziehen sind. . 1. die Anerkennung der Nation und demgemäß die Zuerkennung aller Rechte, die den einzelnen Nationen zustehen, in deren Mitte sieleben, ferner als Staatsbürger jener Staaten, in welchen sie wohnen, die volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung ohne Rücksicht auf ihre Umgangssprache: der Verband spricht gleichzeitig aus, daß die jüdische Glaubensgemeinschaft nach wie vor alle Juden ohne Unterschied der Umgangssprache umfaßt: 2. d i e E r r i c.h t u n g einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in P a 1 äs t i n a, Gewährung weitgehender Rechte zunr Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens daselbst unter eigener Verantwortlichkeit und inter- .nationaler Garantie. Kampf gegen die „Neue Freie Presse“! Das neue Oesterreich und das lebenswillige jüdische Volk haben einen gemeinsamen Feind. Die von unseren Feinden sogenannte ..Judenpresse“ hat nicht nur das alte:Oesterreich ins Verderben gestürzt, sie hat auch dem jüdischen Volke unerhörten Schaden zugefügt. Nicht nur dadurch, daß sie bewußt-in allen jüdischen Angelegenheiten gelogen und-betrogen hat. nicht nur. daß sie allen Nachrichten über die wahre Stimmung des jüdischen Volkes unverschämt gefälscht und ihre auf den Grundlagen des Kapitalismus und des Snekulantentums sowie dies alten feudalen und bürokratischen Systems festgegriindete Macht dazu mißbraucht hat. alle gesunden und von neuem Geist erfüllten Bewegungen und Strömungen totzuschweigen und die politische Atmosphäre mit ihrem Modergeruch und ihrer Verhetzung zu vergiften, nicht nur. daß sie daher auch die neuen ehrlichen Bestrebungen des jüdischen Volkes nach Läuterung und Reinigung seines nationalen Lebens, nach ehrlichem Bekenntnis und ehrlicher Politik bekämpft und ignoriert hat. sondern zu all dem mußten wir Juden noch das schwere Odium tragen; daß die ganze Verantwortung für das verabscheuungsw-ürdige Verhalten der Presse uns aufgebiirdef w'urde. Es hat nichts geholfen, daß wir immer wieder betont haben, daß dieses Blatt selbst vom Judentum nichts wissen will und mit dem Judentum nichts zu tun hat. Die „Neue Freie Presse“ ist kein Judenblatt, wenn auch ihr Herausgeber leider von Juden abstammt. Aber das jüdische Volk kann nicht für alles verantwortlich gemacht w-er den. was sich unter ■????? des Ghetto und der von den anderen Völkern ihm aufgezwungenen Assimilation als Mißgeburt ergeben hat. Daher ist es unsere Sache, auch eine der vielen Reinigungsarbeiten des, neuen Judentums unzweideutig darzutun, daß wir'von dieser Juden-

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