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Jüdische Zeitung · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr/45 Demission des Kultuspräsidenten Dr. Stern Der Kultuspräsident Dr. Stent hatdemissioniert. Wie wir erfahren, haben sich einige Herren aus dem Vorstand in Erkenntnis der Lase, die infolge des Volkszornes eine gewaltsame Störung der Verwaltung der Kultusgemelnde beiürchten ließ, wodurch die Existenz vieler Hundert Beamten, das Schicksal von wichtigen Wohlfahrtsinstitutionen gefährdet war, an den J ü d ischcn Nationalrat gewandt und nachdem eine Einigung Ober die Bedingungen zustande gekommen war, hat sich eine aus Kultusvorstehem bestehende Abordnung zu Dr. Stern begeben, um ihn zur Demission zu bewegen. Die Herren wiesen darauf hin. daß der neuen Lage auch Im Rahmen der Kultusgemelnde Rechnung getragen werden müsse. Präsident Stern erklärte hierauf, wenn auch unter großem Widerstreben. daß er dem Kultusvorstand die Demission unterbreiten werde. Die Sitzung des Kultusvorstandes hat Dienstag, den S. d. M„ stattgefunden. Die Demission des Präsidenten - wurde mit-16 zu € Stimmen zur Kenntnis genommen. Zur Führung der Geschäfte wird nunmehr eiH Permanenzausschuß eingesetzt, bestehend aus drei Delegierten des Kultusvorstandes und drei Delegierten des Jüdischen Nationalrates. Dieser Permanenzausschuß hat folgende Aufgaben: 1. muß er einverständlich einen Präsidenten wählen, weicher gleichzeitig als Präsident der Kultusgemeinde fungieren wird: 2. obliegt dem Ausschuß die Ausarbeitung einer Wahlreform in demokratischem Sinne und Vorlage des Entwurfes ' innerhalb vier Woeben: der Kultusvorstand ist verpflichtet, den Entwurf gleichfalls innerhalb vier Wochen zu verabschieden: 3. obliegt dem Ausschuß die Besorgung aller Agenden, welche sich aus der momentanen Lage ergeben. Seitens des Jüdischen Nationalrates wurden in diese Kommission delegiert die Herren Dr. Josef Auerbach. Dr. Karl Pollak und Dr. Leopold Pia sch k es. Diese drei Herren wurden mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß ihr Amt ausschließlich die Permanenzkommission sei. in den Vorstand kooptiert. Die Konstituierung des Jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich Unter großer Feierlichkeit und mit dem tiefen Emst, der der heutigen weltgeschichtlichen Stunde angemessen ist, wurde Montag) am 4 November die Konstituierung des Jüdischen Nationalrates für den deutsch-österreichischen Staat vollzogen. Die Versammlung, welche im Festsaäle des Ingenieur- und Architektenvereömes tagte, umfaßte 46 Delegierte der - zionistischen Organisation, welche auch bisher außerhalb der Organisation stehende Persönlichkeiten herangezogen hatte, und 6 Vertreter der sozialistischen Arbeiterpartei „Poalc-Ziion“. Die Galerien waren überfüllt und1 auf der Gasse hatten sich eine Menschenmenge eingefunden, obwohl der Nationalrai ausdrücklich Demonstrationen untersagt hatte. : . . ' Namens der Einberuf er eröffnete um-3-Uhr Ing. Robert Stricker die Versammlung. In seiner Eröffnungsrede machte er Mitteilung davon, daiß der vorbereitende Ausschuß gezwungen war. bereits vor Konstituierung des Naüonälrates politisch hervorzutreten, da die sich überstürzenden Ereignisse nicht die Möglichkeit boten, die Entscheidung, und die Aufnahme der Verhandlungen mit den kompetenten Stellen hinauszuschieben. Die Delegierten des Exekutivkomiteesder Zionisten Oesterreichs, das im Juden. Deutschösterreichs! In diesem entscheidenden Augenblick kni die nationale Gruppe im Judentum die Führung übernommen und wird mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft ausscjdießlich den Interessen des Volkes dienen. Wir fordern eueh alle auf, den Nationalrat bei seinen Arbeiten zu unterstützen und euch der . nationalen Bewegung anzuschließen. Eine Gruppe von Menschen; die sich nicht organisiert, die nicht Selbstbestimmung und Selbstschutz übt, ist tatsächlich schutzlos. Juden .Deutschösterreichs! Brüder und Schwestern! In dieser große« Stunde müssen wir einig sein. Wir wollen der Welt nicht mehr das Bild der Zerfahrenheit und der Schwäche geben. Wir wollen zeigen, daß das jüdische Volk mündig geworden ist und daß sein heißer Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit sich vereinigt mit dem Wunsche der Gutgesinnten aller Völker. Scharet, euch alle einmütig um die einzige Vertretung, die ihr" habt, um den Jüdischen Nationalnit! Der Jüdische Nationalrat für Deutschösterreich Das Präsidium: Böhm Margulies Pollack Sokal Stricker Sinne des Beschlusses der Reichskonfereuz vom 20. Oktober als vorbereitender Ausschuß für den Nationalrat zu fungieren hatte, haben daher bereits bei der Regierung votrgesprochen, mit mehreren Staatssekretären konferiert und den Entwurf einer Denkschrift an die Regierung vorbereitet. Den unmittelbaren Anlaß zu dten Verhandlungen gab die Notwendigkeit, für die jüdisch-nationalen Soldaten eine angemessene Lösung der sich aus'der Auflösung-der gemeinsamen Armee und; Schaffungvon nationalen Armeen ergebenden Komplikationen. Der Nationalrat habe sich genötigt gesehen, für Samstag abends eirie Soldatenversammlung eänzuberufen und habe dann im Einvernehmen mit dem dorf gewählten_Soldatenausschuß beim Staatssekretär für Heerwesen Mayer und beim Staatssekretär des Innern Dr. Matäja interveniert Von beiden Seiten habe der Nationalrat die Zusicherung erhalten, daß bei der Abnahme des Eides für die deutsch-österreichische. Armee jede Formulierung eines Bekentnisses zu einer Nationalität entfaEen werde. Ferner wurden Verhandlungen wegen der Schaffung eigener jüdischer Abteilungen innerhalb des Volksheeres gepflogen; die ein günstiges Ergebnis versprechen. Der Staatsrat werde sich 'bereits in den nächsten Tagen mit der Frage befassen. Jedesfalls ist es unseren Soldaten gestattet, das blauweiße Abzeichen zu tragen. Redner referiert sodann über die Verhandlungen mit dem Staatssekretär des Innern und hebt-insbesondere herv.or, daß .‘der . Staatssekretär ausdrücklich ‘ betont hat daß die Anerkennung der jüdischen Nation keine nachteiligen Folgen für die Beamten und auchr-nicht für unser Recht des Besuches )3er "öffentliehen'JSchürefi und Ubferrichfsanstalten haben kann. Damit wird das beliebteste Argument unserer Gegijer hinfällig. Ferner be- . richtet der Referent noch' über die aus den Kreisen der Bevölkerung an den Nationalrat gelangten stürmischen Forderungen nach einer energischen Aktion gegen das gegenwärtige Regime in der Kulfusgemeinde. Der Nationalrat habe es für seine Pflicht gehalten, auch in dieser, Hinsicht vor übereiltem Schritten, zu warnen und es bestehe gegenwärtig die beste Aussicht, daß diese Angelegenheit in unserem Sirene und entsprechend den Wünschen d!er "Mehrheit der Wiener Bevölkerung geregelt werde. Nach der mit Beifall aufgenommenen Eröffnungsrede gab der Vertreter der sozialistischen Arbeiterpartei Pöale-ZIon Herr ,-Dr. Sokal die Erklärung ab, daß diese Partei, welche immer schön im. Kampfe um das nationale Recht in dien ersten Reihen gestanden hat, auch in dem neuen Staate Deutsch-Oesterreich mit allen Kräften mitwirken will, damit unsere' Anerkennung als Nation und die von uns geforderten Rechte, insbesondere die kulturelle Autonomie, dürehgesetzt werde. Daher haben die Poale-Zion sich auch dem Nationalrat angesehlossen, ohne dadurch auf ihre parteimäßige Sonderstellung zu . verzichten. ' Hier wurden die Verhandlungen durch das Erscheinen einer Deputation der jüdischen Soldaten unterbrochen. Der Exekutivausschuß erschien korporativ im Saal und sein Obmann Lt. Dr. Reik begrüßte in herzlichen Worten den Nationalrat und. gelobte ihm namens der jüdischen Soldaten unter dem ungeheuren Jubel der Versammlung unverbrüchliche Treue und Gefolgschaft. Nach der Rede Dr. Reik wurde die in.der Versammlung am 2. d. M. gefaßte Resolution verlesen, und lebhaft akldamiert. - Hierauf erstattete Ing. Ackermann den Vorschlag zur Wahl eines Präsidiums. Es wurden bei Akklamation folgende Herren gewählt: Ing. Robert Stricken. Adolf” Böhm, Dr. Isidor Margulies, Dr. Bruno Pollack von Parnau und als Vertreter der Poale Zion Dr. Sokal. Als Stellvertreter: Dr. Karl Po llak, Dr. Isidor Sch älit und D.r. Waft.enberg (Poale-Zion). Ferner . wurde ein Organ-isations- Ausschuß eingesetzt, der die Aufgabe hat, einen genauen Organisationsplan für die: Arbeit des. Nationalrates, sowie eine Geschäftsordnung: zu entwerfen und der nächsten Sitzung vorzulegen. In diesem Ausschuß werden entsandt: Ing. Ackermann, Dr. Georg Halpern, Dr. Mayer Präger, Dr. Abraham. Sonne, Dr. Wertheim, Frau Anitta Müller, Dr. Abraham Schwadron, Medr Henisch, Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Alois Rottenberg, Dr. Saul Sokal. Der Vorsitzende Ing. Stricker begrüßt hierauf den erschienenen Reichsratsabgeordnetea Dr. Benno Straucher und dankt ihm für die Unterstützung, die er schon jetzt dem vorbereitenden Komitee des Nationalrats bei seinen politischen Verhandlungen hat angedeihen lassen. Hierauf erschien eine Abordnung des jüdischen Hochschulausschußes, deren Führer, Herr Dr. Baron, namens der Jüdischen Studentenschaft in hebräischer und' deutscher Sprache den Nationalrat begrüßte. Auch die jüdische Studentenschaft, die dem Nationalrat vollstes Ver- „Die politische Judenfrage“ Das neue Buch von Dr. Max Rosenfeld.*) Besprochen von Adolf;Böhm. I Das lang erwartete Buch des: bekannten .politischen Theoretikers Dr. Max Rosenfeld über die J ii d enfr age in Polen ist gerade zur richtigen Zeit erschienen. Iu diesen bewegten politischen Zeiten wendet, sich das Interesse vor . allem den programmatischen Forderungen zu, die der Autor für die Sicherung der nationalen Rechte der Juden' auf 'Grund 'der von ihm eingehend untersuchten Frage erhebt Wir : kennen diese bereits aus der Teilveröffentlichung, die unter dem Titel „Nationales Selbstbestimmungsrecht der- Juden in Polen“ kürzlich erschier nen. ist Ein Vergleich mit dien Verhältnissen in Westösterreich erübrigt sich heute nach der Selbständigkeitserklärung Polens. Für den polnischen Staat erscheint, was Rosenfeld postuliert besonders nach' den Kundgebungen der Massen zum nationalen Gedanken und den Ergebnissen ' der verschiedenen Wahlen in Kongreßpolen, bei denen die Assimilanten gar kerne Rolle mehr spielen konnten, als vollkommen der Lage entsprechend. Für Polen würden bei einem „freien Bekenntnis zur jüdischen Nationalität“ gewiß 99 Prozent der jüdischen Bevölkerung ein solches abgeben. Die Forderung, daß alle .Juden, die in der Kultusmatrik eingetragen und nicht aus dem Judentum ausgetreten sind, automatisch zur jüdischen Nation gehören sollen, ist für Polen deshalb vollkommen am- Platze.- - Jede andere - Fprm . der Konstituierung, der. Nation .könnte zu -dem” führen, was Rosenfeld die „nationale Nötigung“ nennt daß nämlich' die Polen, wie bisher in Galizien,'die Ju- *) Verlag R. Löwit, Wien. den zwingen würden, sich in den polnischen Kataster einzutragen. Daß die Polen in ihrem Staat es nicht nötig haben .werden, ihre Zahl durch solche Mittel größer erscheinen zu lassen, als sie wirklich ist, kann heute noch nicht sicher behauptet werden. Denn wenn alle territorialen Ansprüche der Polen erfüllt werden sollten, dann würde der Staat Polen eine ganz beträchtliche Zahl vom Nichtpolen umfassen;- Für die eigenartige Konstruktion, die einzig passend ist für jüdische Minderheitsrechte, ist, wie ich seit vielen Jahren übereinstimmend mit Dr. Rosenfeld betont habe, die jüdische Volksgemeinde 'die gebotene Zelle. Denn es handelt-sich nicht um bloße prozentuelle Vertretung, die ja durch Kataster oder Proportionalwahlrecht gesichert werden könnte, also nicht bloß um Anteilnahme an der allgemeinen 1 erritorialverwaltung, sondern um Selbstverwaltung in jenem Ausmaße, wie es durch die Eigenart der-jüdischen. Verhältnisse möglich und nötig erscheint. Als Angelegenheiten der jüdischen. autonomen Verwaltung erscheinen bei Rosenfeld a) das Schul-,-Bildungs- und Erziehungswesen, b) das Genossenschaftswesen, c) die Wohlfahrtspflege, d) Auswandermfgsschutz, e) Volkshygiene. Punkt b) scheint etwas zu eng gefaßt. Es müßte außer dem Genossenschaftswesen auch alle anderen Zweige der Wirtschafisfürsorge umfassen, z. B. die Errichtung von Gemeindesparbanken für Mittelstandskredit usw. Die religiösen Angelegenheiten sollen dem Rabbinat unterstehen) Die Volksgemeinden werden zusammengefaßt in Kreise (mit der- Kreisvertretung). Hier bricht aber die Integrierung-bei .Rosenfeld ab, denn die Kreise werden nicht weiter zusammengefaßt, sondern, die Spitze der Nationsgemeinschäft bildet die. direkt aus Urwahlen geschöpfte Nationalkammer. Es ist auch) nicht ersichtlich, wie die Kreisvertretungen gebildet werden:, ob sie aus Delegierten der Gemeinden oder aus Kreiswahlen hervorgehen sollen. Der Gedanke, daß die oberste 'Nationalrepräsentanz aus direkten Wahlen hervorgehen soll, entspricht' dem demokratischen Prinzip und verbürgt dessen restlose Durchführung. Die. Nationalkammer, erfüllt „die Aufgaben sozialer Fürsorge, die düich die staatliche Gesetzgebung und Verwaltung nicht oder in einem für die Angehörigen der Gemeinschaft nicht genügendem Maße besorgt werden“. Hiezu gehört wohl das nicht genannte, aber von Rosenfeld wie von Heinrich Margulies geforderte Jüdische „Wirtschaftsamt“. Die Metriken ersetzen bei den Territorialwahlem den jüdischen Kataster; natürlich wird Proportionalwahlrecht verlangt, ebenso' nationale Beamtung bei den territorialen Behörden, Aemtem . Gerichten. Damit ist natürlich auch gemeint, daß die Juden in den Regierungen des Staates and den Verwaltungen der Kreise gebührende Vertretung finden sollen.- ' Sehr glücklich ist die Forderung Rosenfelds gefaßt, daß die jüdischen Volksgemeinden als territoriale Minderheitsgemeinden gelten sollen. Damit scheinen die Schwierigkeiten beseitigt, die der Rennerschen Konzeption der nationalen Lokalverwaltung anhaften, die . mehr mit schematischmathematischen Formeln; arbeitet. Allerdings tauchen bei der Eigenart der jüdischen Wirtschaft sofort neue Schwierigkeiten auf. Die jüdische Minderheitsgemeinde ist durchaus keine wirtschaftliche Einheit, die Lokalverwaltung von heute ist aber insbesondere Wirtschaftsverwaltung. Es ist deshalb vielleicht doch besser,- wenigstens den Rennerschen Grundgedanken zu akzeptieren, daß die Verwaltung, soweit sie nicht direkte nationale Ziele hat, wie etwa das Schulwesen, eine gemeinsame sein muß und die Minderheiten in - ihr proportional vertreten sein sollen. In ' allen nicht bloßen Erziehungs- und Kultusfragen ist eben die Aufgabe der jüdischen Selbstverwaltnne bloß

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