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Jüdische Zeitung · 1918-11-08 · 45 (8.11.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
45 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XII. Jahrgang — Nr. 45 Nalional-jüdifches Organ Redaktion und Administration: Wen II., Zirkusgasse 33 ~ Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: »Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 8. November 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 6 £ ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 / Demokratie in Der Kultusgemeinde! Es wäre ein Dins der Unmöglichkeit gewesen. daß. während in der Welt die srrößte Umwälzung vor sich seht, während Oesterreich zerfällt und die einzelnen Teile aus dem Schoße der Revolution neu geboren werden., die Israelitische Kultusscemeinde in ihrer vorsindilutlicherr Verfassung verharrt. Wir haben es immer schon mit Nachdruck betont und wir haben es unermüdlich den gegenwärtigen Machthabern als Warnung vorgehalten. daß die Demokratisierung der ganzen Welt vor den Toren des jüdischen Rathauses nicht Halt machen kann. In den letzten Wochen ist so Unerhörtes geschehen, wie es sich noch vor kurzer Zeit niemand hätte'träumen lassen. Die stärksten Säulen reaktionärer Gewalt sind gestürzt, das ungarische Magnatentum ist zusammengebrochen, das preußische Herrenhaus wankt in seinen Fugen und die Ratsherreg, von der Seitenstettengasse haben immer noch~gemeint, daß diese Neuerung der Welt spurlos an ihnen vorübergehen könnte. Das System der Kultusgemeinde konnte sich nicht halten, da. es auf absolutem Bürokratismus und auf dem Indifferentismus der Gemeindeaagehörigeh aufgebaut war. In der Bewegung dieser Zeit aber hat es jeder einzelne Mensch verstehen gelernt, und so hat es auch das unpolitischeste und gleichgültigste aller Völker, das jüdische Volk, erkannt, daß jedermann für seine politischen Inter- . essen eiustehen muß. daß der Indifferentismus zum Verderben führt; und als die Staatsgewalt, auf die man sich immer so gern verlassen hatte, aufhörte, die Völker ihre eigenen Vertretungen bildeten und die Macht übernahmen, da wurde es der jüdischen Oeffentlichkeit klar, daß sie eine Vertretung nicht besitzt und daß die einzige gesetzlich vorgesehene jüdische Behörde, die Kultusgemeinde, eine Farce ist und die Interessen der Judenschaft nicht zu wahren imstande ist. Immer lauter wurde der Ruf nach einer jüdischen Vertretung, immer ' lauter wurde das Verlangen..die einzig bestehende Instanz zn~ einem brauchbaren Instrument Umzuges talten. Die Stimmung der jüdischen Bevölkerung wurde insbesondere in den letzten Tagen immer erregter und in den Versammlungen und Kundgebungen fand der Unwille über die bedächtige Tatenlosigkeit der Kultusgemeinde lauten und mitunter recht ungestümen Ausdruck. Der Wirkung dieser Stimmung konnten sich die einsichtigeren Elemente innerhalb des Kultusvorstandes nicht entziehen. Sie wußten, daß auch das jüdische Volk so wie alle anderen Völker heute imbedingt gewillt ist. sich nicht mehr beherrschen zu lassen, sondern selbst sein Schicksal zu bestimmen und die Verwaltung seiner Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Es ist das Klügste, was unter diesen Umständen getan werden kann, wenn die Machthaber selbst die Konsequenzen ziehen. Leider kennen wir genügend Beispiele, die von dieser Einsicht weit entfernt sind. Der Kultuspräsident Dr. Stern hat verstanden, daß es im gegenwärtigen Augenblick unerläßlich ist, zur Aufrechterhaltung des Friedens und zur Vermeidung von Kämpfen auch persönliche Opfer zu bringen. Wir begreifen, daß dieser Entschluß dem 87jährigen Mann nicht leicht gefallen sein mag. Die Entwicklung ist aber unerbittlich und das Judentum, das.in der ganzen Kraft einer neu erwachten Jügend sich auszuäeben entschlossen ist, kann sich durch nichts und' durch niemanden in seiner Entfaltung hemmen lassen. Wir begrüßen daher auf das freudigste den Rücktritt Dr. Sterns und sind überzeugt, daß die Tatsache dieses Rücktrittes nicht nur bei der indischen Bevölkerung. sondern auch in der Oeffentlichkeit den Besten Eindruck machen wird. Wir hoffen, daß dieser Tag der Beginn einer neuen Epoche für das Wiener Judentum sein wird. Ein neuer Geist soll in die Mauern des Jüdischen Rathauses eihziehem Die alt gewordene Kultusgemeinde soll einer neuen, jugendfrischen, tätig belebten Volksgemeinde Platz machen. Die breitesten Schichten des jüdischen Volkes werden an all den schwierigen und mühevollen Arbeiten, die sich jetzt ergeben, freudig und opferbereit Anteil nehmen. Die zur provisorischen Leitung der Geschäfte eingesetzte Kommission wird ein neues Wahlstatut ansarbeiten. Wirsindüberzeugt, -'daß diese Wahlreform kein anderes Resultat haben kann, als die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und. geheimen Wahlrechtes '-für-alle vollberechtigten Personen männlichen u.nd weiblichen Geschlechtes. Die jüdische Oeffentlichkeit wartet mit Ungeduld auf die Verabschiedung dieses Gesetzes und erwartet, daß die Neuwahlen dann sobald als irgend tunlich ausgeschrieben werden, .damit endlich der wahre Wille der Judenschaft Wiens seinen unzweideutigen Ausdruck finden kann und damit die unaufschiebbaren Aufgaben der Gemeinde unter Mitwirkung der ganzen Bevölkerung erfüllt werden können. Der jüdische Nationalrat für Deutschösterreich erläßt das nachstehende An die Juden im deutschesten eichischen Staate! Der Jüdische Nationalrat für den deutschösterreichischen Staat hat sich konstituiert und übernimt die Wahrung der Interessen der Juden im deutschösterreichischen Staate. Bis zum heutigen Tage haben wir Juden bei allen großen Umwälzungen der Geschichte nicht als Juden gehandelt. Wir warteten, was mit uns geschehen werde, wir sind Abhängige geblieben, die, auf das Wohlwollen der anderen angewiesen, ihrem UebelwoHen schutzlos preisgegeben waren. Wir waren nicht Herren unseres eigenen Schicksals. , Die neue Umwälzung, welche die endgültige Befreiung der Weit von aller Fremdherrschaft und allem nationalen Zwange bringen soll, muß auch uns Juden aus dieser schmachvollen Lage erlösen. Auch wir Juden wollen unser Schicksal selbst bestimmen. Das jüdische Volk, dessen nationale Existenz seit zweitausend Jahren bedroht ist und das sein Volkstum allen Schwierigkeiten zum Trotz unter großen Opfern bis auf den heutigen Tag erhalten hat, muß bei der Neuordnung der Weit, die große und kleine Nationen in gleicher Weise schützen wird, Gerechtigkeit finden. Schon haben die großen Demokratien des Westens die jüdische Nation als gleichberechtigtes Glied der Völkerfamilie anerkannt und die Zusicherung gegeben, daß ihre Forderung nach einer nationalen Heimstätte in Palästina Erfüllung finden wird. Durch unsere Aufnahme in den Völkerbund wird unsere Steilung überall in der Welt geschützt und sichergestellt werden. Unser einziger Rückhalt ist unsere eigene Kraft, die zusammengefaßte Kraft des jüdischen Volkes von vierzehn Millionen, das eine untrennbare Einheit bildet, obwohl es über die ganze Weit verstreut ist. Die Mißverständnisse, die sich um diesen Gedanken türmten» entwirren sich allmählich.. Wir wollen die Juden, nicht in ein Ghetto schließen» wir wollen die Juden vielmehr aus der Unfreiheit und Abhängigkeit, in der sie bisher lebten, herausführen;-wir wollen, daß die Juden die Bestimmung ihres Schicksals als Juden in die Hand nehmen. Wir fordern innerhalb des deutsch österreichischen Staates, daß gemäß den Grundsätzen der Demokratie voliko mmene politische und bürgerliche Gleichberechtigung für alle Bürger tatsächlich durchgeführt werde. In allen Angelegenheiten, die an das Territorium gebunden und daher allen Bürgern, gemeinsam sind, wollen wir im besten Einvernehmen mit dem deutschen Volke am Aufblühen des Staates mitarbeiten. Wir wollen, wie es die Juden stets getan habeu, unsere geistigen und materiellen Kräfte in den Dienst des Gemeinwesens stellen. Aber wir tun dies nicht als rechtlose und geduldete Einzelpersonen, sondern als Angehörige des jüdischen Volkes. Wir fordern im deutschösterreichischen Staate unsere Anerkennung als Nation. Wir wollen nicht zu einer Lüge gezwungen sein, wir wollen das Recht haben, als Söhne des jüdischen Volkes uns zu unserem Volke zu bekennen. Aber nicht nur die Anerkennung ist unser Ziel; wir fordern auch die Gewährung und Sicherung nationaler Rechte. Die Rechte, die wir. als Minderheitsnation geltend machen, müssen der Eigenart unserer Lage entsprechen. Alle Angelegenheiten, welche ausschließlich das jüdische Volk angehen, wollen * wir in autonome Verwaltung übernehmen. Wir wollen an Stelle der Kultusgemeinde die jüdischeVolksgemeinde setzen, welche auf Grund des demokratischen Prinzips nach dem allgemeinen gl e i ch en Wah 1 r ech t aller Männer und Frauen konstituiert wird. Dieser Volksgemeinde obifegt dfe Verwaltung des ganzen Gebietes des jüdischen kulturell en Lebens, vor allem auch des Schul- und Erziehungswesens. Das jüdische Volk soll selbst die Verantwortung für die Erziehung seiner Kinder tragen; wir wollen unsere Jugend zu aufrechten Menschen und ganzen Juden erziehen. Ebenso wird die Volksgemeinde die vom jüdischen Volke stets hochgehaltene Wohlfahrtspflege undsozialeFürsorge nach modernen Grundsätzen als eine wichtige Aufgabe zu betrachten haben. So schaffen wir für uns die Möglichkeit einer freien Entfaltung unserer nationalen Eigenart, wir beseitigen die Ursachen vieler Konflikte und schaffen gleichzeitig die Voraussetzungen für ein würdevolles und reibungsloses Zusammenleben mit den anderen Bürgern dieses Staates, das aut gegenseitiger Achtung gegründet sein muß. Wir sind überzeugt, daß dies nicht nur uns Juden zain Heile gereichen wird, sondern daß wir dadurch auch in die Lage versetzt werden, für das Aufblühen des politischen und wirtschaftlichen Lebens in» Staate zu wirken und den Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörtes Güter zu fördern. Juden Deutschösterreichs I Eine neue Zeit ist angebrochen, sie soll auch für uns eine stolze und glückliche Zeit werden. Das System der alten Politik, die auf unrichtigen Voraussetzungen aufgebaut und zu ängstlich war» um jüdische Interessen mannhaft zu vertreten, ist zusammengebrochen und muß einer gesunden Volkspolitik Platz 'machen. Es darf auch bei uns keine Gehefandiplomatie und keine Notabeinwirtschaft mehr geben.. Wir müssen eine ehrliche, aufrechte, selbstbewußte Politik machen, nur dann werden wfr uns schützen und auch den anderen Achtung einzuflößen vermögen. ' * BK

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