Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite » Polen * Die jüdischen Gemeindewahlen in Polen. Aus Warschau wird dem „Berliner Tagblatt“ berichtet: Die deutsche Verwaltung hat bekanntlich im Generalgouvernement Warschau eine moderne Organisation der jüdischen Religionsgesefischaft eingeführt. Die Wahlen zu den Gemeinden waren schon im ganzen Lande durchgeführt bis auf Warschau und Lodz. Nun hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde Warschau, der auf Grund eines mittelalterlichen plutokratischen Wahlrechtes gewählt und dessen Amtszeit längst abgelaufen ist, auf Veranlassung des polnischen Kultusministeriums die Neuwahlen, die jetzt stattfinden sollten, aufgehoben. Darüber herrscht in der jüdischen Bevölkerung lebhafte Erregung; sie glaubt aus dieser Maßnahme schließen zu müssen, daß der polnische Staat nicht einmal eine moderne Organisation der Juden als Religionsgesellschaft, ohne die die Verwilderung des Gemeindelebens nie beseitigt werden kann, zulassen will. Die Verordnung entsprach nicht den zionistischen und nationalistischen Forderungen; sie war aber doch ein erheblicher Fortschritt gegenüber dem früheren Zustand. Offenbar wollen aber die polnischen Instanzen, geleitet von törichtem Antisemitismus, der die Bedürfnisse des eigenen Staates verkennt und das Urteil der Welt mißachtet, oder irregeführt von Ratschlägen der jüdischen Assimilanten, überhaupt keinen Fortschritt auf diesem Gebiet. Das Vorgehen in dieser Sache zeigt deutlich, daß die polnische Judenfrage auf der Friedenkonferenz besprochen und geregelt werden muß. * Die Autonomie ln Polen. Ein Redakteur der in Kiew erscheinenden ..Neuen Zeit“ hatte mft dem dortigen polnischen Gesandten eine Unterredung in Sachen der Autonomie für die drei MflEonen Juden im polnischen Staate. Der Gesandte Herr Wenkowski erklärte ihm folgendes: Den Juden sollen alle Rechte als Bürger und Polen gegeben werden. Keine Art von Beschränkungen soll erlassen werden. Sie fragen, ob den nationalen Minderheiten Autonomie gewährt werden wird? Von einer nationalen Autonomie für die Minderheiten in Polen kann keine Rede sein, weil sie ein Imperium in imperio darsteileu würde.. . . Derartiges gibt es in keinem Reich und ist auch iür Polen ganz ausgeschlossen. Es kann nur die Rede von einer kulturellen Autonomie sein, wie für Gemeinden. Schulen, Sprache u. dgl. Ueber eine volle politische Autonomie ist überhaupt nicht zu reden. Dasselbe kann auch von den anderen Völkern in Polen gesagt werden, von den Russen. Ukrainern. Deutschen usw. Wilsons Note kann.. was das Selbstbestimnningsreeht betriift. keinesfalls auf die nationalen Minderheiten, die in Polen wohnen, ausgedehnt werden. Wilsons Punkte können nur auf das Volk Anwendung finden, das ein bestimmtes Territorium besitzt und einen selbständigen, Staat gründen will. Deutschland * Walther Rathenau und das „auserwählte Volk“. In seinem jüngsten Buche „An Deutschlands Jugend“ beschäftigt sich Walther Rathenau mit der Ueberspannung des nationalen Selbstbewußtseins, wie es sich in Deutschland während der ersten Kriegsjahre gezeigt hat. Diese „maßlose, schamlose Ausschüttung des Selbstlobes“ erscheint ihm als undeutsch. Rathenau fährt fort: „Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf Aus- ,e r w ä h11 h e i t aber ist es in vier W i n d e zerstreut worden, seine Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt und Ihrer Buße und ihrer Tränen ist noch heute kein Ende. Gott verhüte uns, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle“. Gegen diese seltsame Geschichtsauffassung wendet sich im Hamburger „Israelitischen Famlllenblätt“ Cheskel Zwi Klötzel und weist darauf hin. daß die jüdische Auffassung der Auserwähltheit zu einer höheren Aufgabe mit der Ueberspannung , des europäischen Nationalismus nichts zu tun hat. Es ist jedoch charakteristisch, daß Walther Rathenau, den manche Leute als Juden rühmen, seinem deutschen Volk ein verzerrtes und gefälschtes Bild des Judentums zur Warnung vorhält. Holland * Eine zionistische Propagandawoche in Haag. „Algemecn Handelsblad" vom 7. Oktober 1918 schreibt: In Haag findet jetzt eine interessante Ausstellung, die im Mittelpunkt einer zionistischen Propagandawoche steht, statt. Sie wurde von der Föderation der Zionisten aus Belgien organisiert. Bel der Eröffnung im Kurhaus war ein sehr großes Publikum anwesend, das mit großer Aufmerksamkeit die Eröffnungsrede des Dr. L. iJerz, des Vorsitzenden der Föderation, anhörte. Hierauf sprach der Vorsitzende des niederländischen Zionistenbundes Nehemia de Lieme, der ausführte, daß die Befreiung Palästinas, die mit Hilfe von jüdischen Soldaten erfolgt, jetzt eine Tatsache geworden sei, nnd'daß er in den Erklärungen der leitenden Persönlichkeiten der Entente eine Bürgschaft dafür erblicke, daß die Erwartungen der Juden, Palästina als ihre nationale Heimstätte betrachten zu können, in Erfüllung gehen werde. Schließlich dankte Herr Jean Fischer tm Auftrag des Aktionskomitees für die Leistung, die hier für den Zionismus vollbracht wurde. * Jubiläum der nlcderländ. zkm. Studentenorxanisatiou. ..Nieuwe Rotterdanische Courant“ vom 8. Oktober 1918 meldet: Sonntag feierte in Amsterdam die niederländische zionistische Studentenorganisation Ihren 10jährigen Bestand. Der Festredner Dr. David Cohen setzte ausführlich das Ziel der Organisation auseinander. Der Festversammlung wohnten die Professoren der Amsterdamer Universität Kuyper und Schölten bet. Zionistische Bewegung Mährisch-schlesischer Distriktstag. Sonntag, am 3. November findet um 10 Uhr vormittags im Deutschen Hause in Mährisch- Ostrau der mährisch-schlesische Distriktstag statt. Tagesordnung: 1. Eröffnung trnd Wahl -des Bureaus. 2. Referat über die politische Lage. 3. Referat über Organisation und Kultur. 4. Referat über Palästina und Nationalfonds. 5. Referat über Jugendarbeit. 6. Debatte. 7. Wahlen. 8. Eventuelles. Als vorbereitender Ausschuß für den Distriktstag wurde von der am 13. Oktober in Mähr.-Ostrau tagenden Vertrauensmännerversämmlung des Distriktes der Ausschuß des Zionistischen Vereines in Mährisch-Ostrau eingesetzt. An diesen sind sonach alle Zuschriften zu richten und die Wahlen der Delegierten bekanntzugeben. Gleichzeitig wird darauf aufmerksam gemacht. daß nur jene -Vereine und Gruppen wahlberechtigt sind, welche für das abgelaufene Verwaltungsjahr (5678) Schekel und Parteisteuer abgeführt haben. Es ergeht sonach die Aufforderung an alle jene Gruppen, die das bisher verabsäumt haben, den entfallenden Betrag sofort an das. Zionistische Bureau Ln Wien abzuführen und sich nötigenfalls beim Distriktstag durch Vorweisung des Aufgabescheines zu legitimieren. In Anbetracht der Wichtigkeit des Distriktstages für die Reorganisation der Arbeit im mähr.- schlesischen Distrikt wird mit Bestimmtheit darauf gerechnet, daß alle Gruppen Delegierte entsenden. Die Wiederaufnahme der Arbeit ist ein kategorisches Gebot der Stunde. Es ist zu hoffen, daß alle Kräfte sich dazu vereinen werden. Propagandafond Propagandalond. Für den Propagaudafoud spendeten zu Händen des Herrn Adolf Stand: Dr A. Seil. K 100.—: Tili . ... K 1000.—. Mitteilung der Palästinaabieiiung Mittwoch, den 30. d. M.. findet im Souterrainlokal des Cafe Müller. Obere Donaustraße (bei der Marienbriickc) eine Besprechung von Interessenten wesen Gründung von Achusoth und Industriegescllschaften für Palästina statt. Die Einladung hiezu ergeht liiemit an alle diejenigen. die sich aktiv an einer der geplanten Unternehmungen zu beteiligen gedenken. Lemberger Brief (Von unserem Korrespondenten.) Angesichts der gegenwärtigen, spannenden politischen Situation in der Monarchie und im Lande hat sich das Exekütiv-Kamrtee der zionistischen Partei in seiner Sitzung vom 11. d. M. über Antrag der Gg. Gg. L>r F. Waschitz, Dr. David Schreiber und Dr. Leon Reich, in Permanenz erklärt Seitdem finden täglich Sitzungen statt in welchen die gegenwärtige Lage eingehend besprochen und durchberaten wird Die Palästinairage bildet ebenfalls den inieusivsien Beratungsstoff. An der letzten Sitzung vom 14. d. M. nahm als Gast der Herausgeber von ..Unser Leben". Gg. S. Hochberg aus Odessa, teil, welcher Gelegenheit nahm, das Exekutivkomitee über die dortigen Verhältnisse zu informieren. Ueber dessen Anregung wurde auch, beschlossen, die Einberufung einer gemeinsamen Beratung der polnischen, ukrainischen und galirischen Zionisten in Erwägung zu ziehen. Die Aufgabe dieser Beratung wäre es, gemeinsame Richtlinien iür eine politische Aktion in alle« drei Ländern zurechtziilegen. In einer der letzten. Sitzungen wurde der Beschluß gefaßt, für den 27 d. M. einen zionistischen Vertrauensniänncrtag nach Lemberg einzuberufen. Auf der Tagesordnung werden stehen: 1. Palästinareferat, gehalten von Gg. Dr. Alexander Hausmann; 2. „Unsere Stellung zur gegenwärtigen politischen Situation“. Referent noch unbestimmt; 3. „Der Stand der zionistischen Bewegung in Galizien“, Referent Gg. Dr. Israel Waldmann. Für die. zu veranstaltende Manifestation des -galirischen Judentums gibt sich überall ein großes, reges Interesse kund. Wie beabsichtigt, sollten in ganz Galizien am 14. d. M. Versammlungen abgehalten werden. Diese wurden jedoch polizeilich verböte n. Da nun die Zelt zur Manifestierimg in anderer Forin zu kurz war, wurde beschlossen, die Kundgebung des galirischen Judentums für seine Rechte für die Zeit nach dem Vertrauensnännertage zu verschieben und intensiv vorzubereiten; Um dieser Kundgebung den Charakter einer Willensäußerung sämtlicher jüdischer Parteien, welche auf der nationalen politischen Basis stehen., zu geben und um eine gemeinsame Flatiiorm für den zu bildenden Nationalrat und für dis nationalpolitische Aktion zu schaffen, wurde di^ Anregung der Poalezkmistischea Organisation zu einer diesbezüglichen Aussprache akzeptiert. Von zionistischer Seite sind zu dieser delegiert geworden die Gg. Gg. Dr. Uerson Zipper. Dr Leen Reich und Redakteur M. A. Tannenblatt. Von male-zionistischer Seite werden an denselben teitnehfnen die Herren Ing. Anselm Reiss, Salomon Herz und Volksschullehrer Freund, von Seiten der „jüdiseben-sozialistischen Partei“ (Z. P. S.) Dr. EfnäugJej:;; -Ben Mordecha.i. - ■**-*' — . UV-1-. Wiener Nachrichten Eröffnungsfeier des Pädagogiums. Am 16. d. M. fand im Jüdischen Jugendheim die Eröffnungsfeier des Allgemeinen jüdischen Pädagogiums statt. Die großen Säle des Jugendheims konnten kaum die große Zahl der erschienenen Gäste fassen, unter denen sich auch Herr Dr. von Sch w arz- Hi 11 er. Frau Ani tta Müller. Herr N. L u r i e und viele andere Persönlichkeiten befanden. Herr Adoii Böhm erörinete die Feier und begrüßte die Anwesenden. Hierauf führte er aus. wie zahlreich und fleißig die jüdischpädagogischen Kurse vom vorigen Jahr besucht wurden und daß dies die Leitung bewog, dem Bitten der Hörer Folge zu leisten und das Allgemeine jüdische Pädagogium zu eröffnen, von dem wir hoffen, daß es vielen jungen jüdischen Menschen ermöglichen wird, ihr Ideal, dem Iüdischen Erzieherberufe sich zu widmen, zu verwirklichen. Herr Böhm teilte mit. daß Herr Oberrabbiner Dr. Chaics infolge Erkrankung leider verhindert sei. an der Feier tcilzunehmen und die angekündigte Begrüßungsansprache zu halten, ebenso Herr Doz. Dr. Torczyner. den ein Todesfall in der Familie dieser Feier fernzubleiben zwang. Das Wort ergriff Herr Dr. Bernfeld zu seinem Vorträge „Die Aufgaben des jüdischen Lehrers". Das jüdische Volk befindet sich gegenwärtig in einem Stadium der Revolution, der Umwälzung und Umwertung seiner älteren und neueren Kuinirschöpfnngen; gleichen Schritt mit der politischen Umgestaltung geht auch die kulturelle, und Aufgabe des jüdischen Lehrers ist es. durcli richtige Erziehung der Jugend an der Erneuerung der jüdischen. Kultur mitzuarbeiten. Es ist dies ein schweres und verantwortungsvolles. An«, das in die Hände des Lehrers gelegt wird, wer in sich aber einen Funken heiligen Feuers fühlt, wer sich seinem Volke unbedingt nützlich machen will, der werde jüdischer Lehrer. Namens der Leitung der Jugemlkurse. deren Eröffnungsfeier mit der des Pädagogiums zusammeufiel. sprach Herr Dr. Heinrich Glaut über das Thema: ..Die Jugend und die Lehre“. Er führte aus. daß die Jugend seit jeher die Trägerin des Kultus ist und ihr allein geziemt es. neue Formen für unsere alten Kuiturwerte zu schaffen. Die Feier nahm einen sehr würdigen Verlauf und mau gewann den Eindnick. daß hier ein Grundstein gelegt wurde iür den großen Bau des Jüdischen Frziclumgswesens. jüdischer Nationalvereiu. Hei der am 17. Oktober 1918 stattgeiundenen Sitzung des Ausschusses wurden zu Stellvertretern des Übmannes die Herren Dr. Salomon Kassner (Czernowitz) und Dr. Auerbach (Wien), zum Kassaverwalter Herr Sitzinan, zum Schriftführer Herr Meir Heinisch bestimmt. Es wurde auch zur Verstärkung des Ausschusses eine Reihe von Persönlichkeiten als Vertreter von Städte-, Berufs- und Bezirksorganisationen zu Beiräten gewählt Die Namen derselben werden demnächst bekanntgegeben werden. Außerdem wurde die Gründung eines ständigen Sekretariats ttnd eines Rechtsschutzbüros politisch-sozialer Natur im eigenen Lokale, II.. Praterstraße 43. beschlossen. Zum Leiter derselben wurde Herr Dr. Finkeistein designiert. Es wurde ierner die Entfaltung einer intensiven Propagandatätigkeit durch große Versammlungen wie auch Organisierung der Judenschaft einzelner Bezirke Wiens beschlossen. Alle Zuschriften an den „Nationalverein“ sind zu richten an die Adresse: I!.#. Praterstraßt 43. Vortrag I)r. P. Limits. Herr Oberrabbiner Dr Perez Chajes hält über Einladung der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien, Montag, den 28. Oktober 1 j. im Vortragssaale des nrederösterreichischen Gewerbevereienes, I.. Eschenbachgasse 11, präzise '4~ Uhr abends, einen Vortrag über: „Das Ghetto von Venedig im 17. Jahrhundert.“ Karten zu diesem Vortrag zum Preise von 3 und 1 K sind in der Buchahndlung R. Löwit, L. Roienturmstraße Nr. 22, erhältlich. Die Lese- und RcdehaJle jüdischer Hochschiiler in Wien, deren Aufgabe die Vereinigung der gesamten jüdisch-bewußten Studentenschaft Wiens ist, hat ihre 7 ätigkeit nach 4jähriger Unterbrechung wieder angenommen. Mitgliederanmeltlungen und Auskiinite jeden Mittwoch von 3 bis 5 Uhr nachmittags und Sonntag von A10 bis 11 Uhr vormittags im Yereinslokal. IX. Türkenstraßc 9. 3. Stiege. Mezzanin Der jüdische, humanitäre Unterstützungs- Verein der Kolomeaer In Wien veranstaltet Sonntag. 3 Nov. a c.. um ’A8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Continental einen „Bunten Abend“ zugunsten notleidender, jüdischer Kriegsbeschädigter. Karten von K 3 bis K 10.— bei Löwit, L Rotenturmstraße 22, sowie auch bei sämtlichen Komiteeraitgliedern. Einführung in die Bibet. Im kommenden Wintersemester Rest unser Gg. Herr Dozent H. Torczvner an der Wiener Universität eü» Kolleg „Einführung in die Bibel für Laien“, das. da es keine Kenntnisse voraussetzt vor allem für Anfänger und für jüdische Studenten anderer Fächer in Betracht kommt. Jüdisch-pädagogische Abeudkurse. Aut zahlreiche Anfragen hin teilt das Jüdische Jugendamt mit daß auch in diesem Jahre, unabhängig vom Jüdischen Pädagogium. Abendkurse stattfinden werden, die im allgemeinen. Wiederholun^M Fortsetzung der vorjährigen Kurse seht wj«gg Ort und Beginn wird demnächst bekanntg«ieg Anmeldungen werden schon jetzt cntgeEng nominell. V*.