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Jüdische Zeitung · 1918-10-25 · 43 (25.10.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
43 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE UN«: brutalsten Vergewaltigung und des schändlichsten Wahlschwindels nicht die Zahl der Abgeordneten, die ihm von rechtswegen zukommt. Die Löwensteins haben mit Polizei und Maschinengewehren verhindert, daß die Judenschaft ihren wahren Willen durch die Wahl von Männern ihres Vertrauens zum Ausdruck bringe. Der einzige jüdischnationale Abgeordnete ist Dr. Straucher, und der Abgeordnete Reizes, der der galizisch-demokratischen Partei angcliürt, bekennt sich zur jüdischen Nation. Die Reichskor.ferenz hat daher an diese beiden Abgeordneten die Aufforderung gerichtet, sich im Parlament als jüdischer Nationalrat im Sinne des kaiserlichen Manifestes zu konstituieren. Der Nationalrat soll Delegierte aller Parteien enthalten. Wir hoffen, daß wie bei allen Völkern, auch bei uns die'verschiedenen Gruppen, insbesondere die Sozialdemokraten und die Orthodoxen, ungeachtet ihres Sonderprogrammes und unter Wahrung ihres Standpunktes an dem Kampf um die nationalen Rechte teilnchmen werden. Der Nationalrat, dessen Exekutive in Wien sitzt, wird eine au s s c h 1 i eß 1 ich j üdi sch e Politik machen, und an alle Juden die Aufforderung richten, eine ausschließlich jüdische Politik zu machen. Er wird dabei den Verhältnissen in den einzelnen Ländern Rechnung tragen. Aber er .wird auch’ den Völkern gegenüber den Standpunkt wahren, daß es keine polnischen, ukrainischen und böhmischen etc. Juden gibt, sondern nur.die einheitliche jüdische Nation. Der Naiionalrat und später die Nationalversammlung wird vor allem der inneren Verfassung des Judentums sein Augenmerk zuwenden müssen. Da er berufen ist, die Geschicke des Judentums zu lenken und seine Autonomie zu verwirklichen, so wird er auch sofort die nötigen Verfügungen und Einrichtungen treffen müssen: Es wird sicli zeigen, ob das jüdische Volk reif ist. sein Geschick selbst zu bestimmen. Es bedarf jedenfalls der Zusammenfassung aller Kräfte. Es gibt heute keinen Schutz als den Selbstschutz. Da muß jeder Jude mitluli. Das Bukowinaer Manifest Am 14. Oktober 1. J. fand eine gemeinsame Besprechung von Vertretern sämtlicher jüdischer Parteien der Bukowina statt. Gegenstand der Beratung war die Einberufung eines jüdischen Nationalrates und die Vorbereitungen zu demselben. Herr Dr. Pist'in e r begrüßt die Erschienenen worauf die Herren Dr. Straucher, Dr. Friedmann und Dr. Rosner das Präsidium übernehmen. Namens der jüdisch-sozialdemokratischen Partei begründet Herr Dr. P i s t i n e r die von dieser Partei aufgestellten Leitsätze für die Konstituierung der jüdischen Nation als vollberechtigtes Glied in der Gemeinschaft der Nationen, namens der jüdischen Landespartei und der zionistischen Landesorganisation begründet Herr Dr. Mayer Ebner die von diesen Parteien aufgestellten Grundsätze in „obiger Richtung. Die Leitsätze der Poale Zion entwickelte Herr R o s.n e r. Nach längerer Debatte wurde eine vollständige Einlegung erzielt und die Erlassung des nachstehenden Aufrufes beschlossen: ' An das jüdische Volk! Eine neue Ordnung bereitet sich in der Welt und vor allem in Osteuropa vor. Alle Völker verlangen das Recht ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen und sich ein freies nationales Leben zu sichern. Wenn alle Nationen ihr Haus bestellen, dürfen die Juden nicht müssig bleiben. Jetzt ist die Stunde, in der auch wir unsere' nationalen Rechte durchsetzen müssen, soll die Geschichte nicht über uns hinweggeheu. Unsere Forderungen fassen wir also zusammen: . Nun folgen die Leitsätze, denen wir folgendes entnehmen: Die Neuordnung in allen Nationalitätenstaaten hat auf der Grundlage des freien Selbstbestimmungsrechtes jeder Nation zu erfolgen. Demgemäß proklamiertdiejüdischeNation ihr Selbstbestimmungsrecht und wird ihre Konstituierung gemäß der Besonderheit ihrer Siedlung auf der Grundlage des Personalitätsprinzips durch die einzuberufende Nationalversammlung. deren Anerkennung als jüdische Konstituante sie fordert, vornehmen. Es folgen nun die Bestimmungen über die jüdische Konstituante, das Verhältnis zu den Mehrheitsnationen und die außerpolitischen Forderungen. Das Manifest schließt mit den Worten: Indem wir diese Forderungen erheben, appellieren wir an die Mehrheitsnätionen. mit denen, wir in Frieden und Freundschaft leben wollen, unsere Rechte zu achten und jene Vereinbarungen, die aus der gemeinsamen Siedelung notwendig werden, im Geiste der Versöhnlichkeit zu treffen. Vor allem aber rufen wir Euch auf, Ihr sollet ,die Leitsätze Euch zu eigen machen, sollet in Massenversammlungen für ihre Durchführung demonstrieren, und dürfet nicht ruhen, bis die Forderung gen sich durchgesetzt' haben. Genug lange waren wir die Enterbten unter den Nationen, Häftlinge im Ghetto und Opfer der Pogrome, gut genug um als ..Andere" verstoße«, verachtet und verfolgt zu werden, jedoch nicht gut genug, um als „Andere“ auch unser Haus selber bestellen zu dürfen. Sogar die Nationalität bestreitet man uns. Wir sind eine Nation, die jüdische Nation, und als solche erheben wir unsere Forderung. An Euch liegt es, wieviel Recht und Anerkennung wir erringen. Auf denn und gelobet alle, die Energie, die man uns Juden nachsagt, in den Dienst der großen Sache zu stellen. Auf zum Kampf, für das Selbstbestimmungsrecht der Jüdischen Nation. Gezeichnet ist Aufruf: Für die jüdische Landespartei: Reiclisratsabgeordneter Dr. Benno Straucher, Landtagsabgeordneter Dr. Max Fokschaner,.Landtagsabgeordneter Dr. Neumann Wender, Handelskammerpräsident Wilhelm Tittinger, Bernhard Flemminger. Für die jüdische sozialdemokratische Landesorganisation:- Dr. Jakob Pistiner, Markus Kaswan, Dr. Berthold Friedmarin, Wilhelm Ippen, Dr. Moritz Oberländer, Nathan Tropper. Für die zionistische Landesorganisation: Dr. Mayer Ebner, Dr. Benjamin Fuchs, Dr. Salomon Kaßner, Dr. Markus Krämer, Prof. Israel Schleier, Sigmund .Weißglas! Für die Landesorganisation der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion:' Meier Rosner, Leib Buchbinder, Feiwel Stemberg, Chaim Lecker, Jehuda Steinmetz, Hersch Eßner. Gleichzeitig wurde beschlossen, ein Zentralbüro der vereinigten jüdischen Parteien in der Bukowina in Czernowitz, Karolinengasse 7 zu errichten. Zu Sekretären wurden gewählt: Die Herren Markus Kaßwan; Dr. Benjamin Fuchs und Dr. Meier Rosner. Zuschriften sind an das obige Bureau zu richten. Für Mittwoch, den 23. Oktober 1. J. ist eine Vertrauensmänner-Versammlung sämtlicher jüdischer Parteien der Bukowina nach Czernowitz einberufen. Die Massenversammlungen am 14. Oktober Aus der Provinz geht uns eine große Anzahl vor. Berichten über stattgefundene jüdische Massenversammlungen zu, in welchen für die Anerkennung des jüdischen Volkes und seiner Forderungen Kundgebungen beschlossen wurden. Wir sirid leider aus Gründen des Raummangels nicht in-der Lage, alle diese Berichte und Resolutiorieu vollinhaltlich abzudrucken und müssen uns mit dar auszugsweisen Wiedergabe begnügen. In Galizien wurde allerdings die Abhaltung der größten geplanten Versammlungen, insbesondere in den großen Städtern von der Polizei iverboten. Es ist jedenfalls schon aus den vorliegenden Berichteri festzustellen, daß die jüdischnationale Bewegung nie zuvor dagewesene Dimensionen angenommen hat. In allen Städten — auch in Wien — sind alle Versammlungen überfüllt, viele Hunderte Menschen können keinen Einlaß mehr erhaben, des ganzen Volkes hat sich eine entschlossene Stimmung bemächtigt. Ein erfreuliches Symptom ist es, daß überall alle nationalen Gruppen Zusammengehen, insbesondere die Poale Zion, die jüdischen Sozialdemokraten und die nationale Orthodoxie ihren Anschluß an die von den Zionisten geführte Aktion erklärt haben. Im folgenden geben wir gekürzt die wichtigsten Berichte wieder. Drobobycz. Am 14 d. M. fand eine Versammlung jüdischer Bürger statt. Eine ähnliche Versammlung wurde hier noch niemals gesehen. Eine 2000köpfige Menge erfüllte den Saal. Unter ungeheurem Andrang sprach Dr. David Spindel über die gegenwärtige Lage, worauf in Anwesenheit der Vertreter der Bezirkshauptmannschaft folgende Resolution gefaßt wurde: . 1. Die Versammlung betrachtet als einzig mögliche Lösung, der Judenfrage in ihrem Gesamtumfange die Schaffung einer öffentlichen rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und ersucht die Regierung um Unterstützung diesty Forderung des jüdischen Volkes bei dem herannahenden Friedenskongreß. 2. Die Versammlung stellt mit Entrüstung fest, daß die gesamten Forderungen der nationaln Judenschaft nach Sicherstellung ihrer staatsbürgerlichen. insbesondeie ihrer politischen '•und kulturellen Rechte noch immer unberücksichtigt geblieben sind. 3. Anläßlich des Umbaues der Staats- oder Landesverfassung fordert die Versammlung: Die verfassu irg sreclitliclie Anerkennung der jüdischen Nationalität als einer öffentlichen Körperschaft, berufen zur Ausübung der Rechte im Sinne des durch die national personale Autonomie garantierten Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechtes. Der jüdischen autonomen Gemeinschaft gehören alle als Juden geborenen Bürger an, insoferne nicht durch gesetzlich vorgeschriebene Form der Austritt aus dieser Gemeinschaft erfolgt ist. In den Wirkungskreis der autonomen jüdischen Gemeinschaft fallen nebst den konfessionellen vornehmlich Angelegenheiten der jüdischen Kultur, wie das Erziehungs-, Schul- und Volksbildungswesen, überdies die Pflege sozialer Wohlfährt sowie Organisierung wirtschaftlicher Arbeit. 4. Da die vorstehend erwähnten nationalen Rechte der Judenheit als unverjährbare Forderung gelten müssen, allüberall,_ wo Juden in Massen wohnen, verlangt die Versammlung im Falle einer neuen Staatsbildung identisch mit dn Forderungen der in den neugebildeten Randstaaten des Ostens wohnhaften Juden von den in Betracht kommenden Faktoren die Gewährleistung der autonomen nationalen Rechte. 5. Die Versammlung billigt die Schritte* welche die Wiener zionistische Exekutiv« bei der ■Nr. 45' östeireichischen Regierung zwecks Anerkennung der jüdischen Nationalität unternommen hat ö. Die Versammlung erhebt Protest dagegen, daß über die Zukunft Galiziens ohne Anhörung und Erfüllung der Wünsche des jüdischen Volkes Entscheidungen vorbereitet werden. 7 Die jüdischen Wähler der Stadt Drohobycz, des Wahlbezirkes1 des Abgeordneten Dr. Natan Löwens Fein, spreclien dem Dr. Natan Löwenstein die Berechtigung ab, im Namen der Juden Erklärungen abzugeben oder etwas vorzunehmen. Die Versammlung protestiert dagegen, daß Doktor Löwenstein als Sprecher und Vertreter der. galt zischen Judenheit auftritt. Die Versammlung stelltfest, daß die von Dr. Löwenstein an maßgebender Stelle erteilten Informationen f a 1 s c h _s i n d. Tarnopol. Die am 14. Oktober tagende jüdische Massenversammlung hat außer den von der Parteileitung ausgegebenen Leitsätzen noch folgende Resolutionen gefaßt: Die Versammlung erklärt* daß die von Doktor Straucher in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 4. Oktober 1. J. abgegebene Deklaration der Rechte des jüdischen Volkes mit den Aspirationen der jüdischen Nation in Oesterreich vollkommen übereinstimmt, und beschließt, demselben für die mutige Verteidigung der jüdischbn Rechte ihren besonderen Dank auszusprechen. Die Versammlung verurteilt aufs schärfste das Vorgehen der jüdischen Mitglieder des Polcnklubs, insbesondere die Ac.ußerungen des Abg. D r. Löwe n s.t e i n während der Audienz beim Kaiser am 12. Oktober 1. J. und protestiert dagegen, daß d.ievomjüdischenVolke abgef a-llenen Abgeordneten, welche sich immer bloß der polnischen Sache anuehmen und die eigenen Brüder, sogar in der äußersten Not und während der größten Verfolgungen, verlassen, im Namen des jüdischen Volkes auftreten oder Erklärungen abgeben. x Nach der Ansprache von Dr. Sclunetterling über die Zukunft der Juden in Oesterreich folgten Solidaritätserklärungen von HeTrn Israel Grimberg namens der jüdischen sozialdemokratischen Partei und von Herrn Wallfisch "namens der Orthodoxen. Bielitz. Die gesamte jüdische Jugend von Bielitz Biala, sowohl die orthodoxen als auch die mehr assimilierten Kreise, wurde vom Bielitzer . Ortsausschuß zu einer Versammlung eingeladen. Herr Dr. Wilhelm Wagner hielt eine Ansprache, in der er unsere jetzige Lage in begeisternden Worten schilderte und die Jugend zum Zusammenschluß aufforderte. Darauf gaben die Vertreter der erschienenen Organisationen Erklärungen ab. die in folgender Resolution, welche von allen Anwesenden bestätigt wurde, zusammengefaßt sind: 1. Die heute, am 16. Oktober 1918, in Bielitz versammelte jüdischnationale Jugend von Bielitz- Biala erklärt hiermit, daß sie die einzige Lösung der Judenfrage in der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina erblickt. 2. In allen Ländern, wo Juden wohnen, soll in Ausfluß des Selbstbestimmungsrechtes den Juden nationale Autonomie gewährt werden. 3. Die Jugend insbesondere erklärt, daß sie ihre Erziehung in national-jüdischem Sinne mit der Richtung auf Palästina garantiert wissen will. — Mit der Absingung der Hatikwah endete der Abend, der uns zeigte, dag. trotz der großen Meinungsverschiedenheit in vielen Fragen, doch die. ganze Jugend ein einziger Wille leitet. Oswieclm. Am 14. d. versammelte sich im Saale des Hotel „Herz“ eine vielhundertköpfige Menge. Die Versammlung, wurde in feierlicher Weise durch Dr. Wechsler eröffnet. Nach den Referaten der Herren Dr. Krängel, Isch Herlinger und Gleitsihann, die mit begeistertem Jubel entgegengenommen wurden, wurde die von Dr. Krängel verlesene Resolution einstimmig angenommen: „Die am 14 Oktober in Oswiecim abgehaltene Jüdenversammlung begrüßt die Erstehung eines freien, unabhängigen, geeinigten. Polens und wendet sich in diesem großen Augenblicke an das polnische Volk mit dem Appell, den drei Millionen Juden, die bestrebt sind, loyale Bürger des polnischen Staates zu sein, alle nationale Rechte einzuräumen, die sich aus der Selbstbestimmung der Nationen ergeben. Wir fordern keinen Staat im Staate, sondern Rechte der nationalen Minoritäten und die Möglichkeit der Einrichtung unseres Lebens wie es unsere Tradition erfordert'. Insbesondere fordern wir das Recht der eigenen Schule, der Pflege der Sprache unserer Vorfähren und ihrer Religion. Ueberdies richten wir an -die ganze zivilisierte Menschheit, somit auch an das polnische Volk den Appell, unser unverjährbares Recht auf das historische Vaterland der Juden — auf Palästina anzuerkennen, wo das jüdische Volk bestrebt ist, sich ein Zentrum nationalen Lebens und nationaler Entwicklung zu schaffen. In dem Augenblick, wo die Nationen sich aus der Erniedrigung erheben, soll es auch den Juden ermöglicht sein, sich zu erheben und den anderen Nationen gleich zu werden.“

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