Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 43 (25.10.1918)
- Date
- 1918-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration. Wien II., Zirkusgasas 33 Fernsprecher Sr. 45-325 Naiional'jüdifches Organ Mit der Beiiage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wetty Freitags den 25. Oktober 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 6 R ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Postsparkaasenkonto 133.404 Der Jüdische Nationalverein für Oesterreich veranstaltet SS= VIER VERSAMMLUNGEN s== ern Samstag, den 26- Oktober 1918, um halb 8 Uhr abends in folgenden Bezirken Wiens: Hotel Post, I- Fleischmarkt Hotel Bayrischer Hof, H. Taborstraße Jaroschauer Blerhaile, »■ Aussteiiungsstr. Cafe Kört, xx. Mathiidenpi. n Tagesordnung: Anerkennung der jüdischen Nationalität m Österreich Als Referenten werden sprechen: Die Reichsratsabgeordneten Straucher, Reizes, Breiter, die Herren Staatsbahnrat Ing. Stricker Adolf Stand, Dr. Kadisch, Löbl Taubes, Dr. Abeies, Dr. Bernfeld, Dr. Plaschkes, Dr. Tisch, Dr. Marguiies. SelbsM'nunungsreclit Oer Juden Die Beschlüsse Öer Reichskonferenz Die zionistische Reichskonferenz, welche Soimtasr, den 20. d. M. im Saale des Irarenieur- und Architektenvereines tagte. war aus allen Tedlen Oesterreichs stark beschickt. Es waren iin Kanzen 102 Delegierte und Vertrauensmänner anwesend. Den Vorsitz führte Herr Adolf Stand. In dem einleitenden Referate legte Herr Dr. W e 11 s c h der Konferenz den Beschlußdes Exekutivkomitees auf Einsetzung eines jüdischen Nationalrates und Ausschreibung von Waiden zu einer Nationalversammlung vor. Es sprachen sodann die . Herren Dr. Krämer (Czernowitz). Prof. Engel (Präs:). Dr. Altbach (Mähr.- Ostrau). welche .über die ..bisher)'»: politische Aktion hi ihren Ländern Bericht erstatteten. Im weiteren Verlaüfe der Debatte sprachen die Herren Nathan E i d i n c e r. Dr. H a 1D e r n. Adolf Böhm. Dr. Schallt. Es wurde eingehend die Lage in den einzelnen auf dem Gebiete des ehemaligen Oesterreich entstehenden Nationalstaaten besprochen und die Möglichkeiten einer jüdischen Politik innerhalb der einzelnen territorial abgegrenzten nationalen Staaten sowie die Möglichkeit eines einheitlichen Programmes und eines taktischen Zusammengehens erwogen. Am Schluß der VormittaKssitzvm'Z wurde auf Antrag des Heim Geller eine Kommission zur Redaktion der zu fassenden Beschlüsse und zur Beratung des Doliitischen Programms eingesetzt. welche dem Plenum Bericht zu erstatten hat. ' In der Nachmittagssitzung wurde zunächst die Debatte fortgesetzt. Sodann wurden seitens der Kommission die Resolutionen vorgelegt welche mit einer von Dr. Krämer beantragten Abänderung angenommen wurden. Beschlüsse: 1. Die Kelchskonlerenz der Zionisten Oesterreichs beschließt die EinsetzungeinesiüdischenNatlonalr a t e s. bestehend aus allen iüdisch-nationalen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten und Delegierten aller jüdischen Parteien, welche auf nationalem Programme stehen. Der Natioiialrat bat den Zusammentritt der au! breitester demokratischer Batis zu wählenden konstituierenden Nationalversammlung vorzubereiten und gilt bis zum Zusammentritt derselben ais einzig legitimierte Vertretungs- Körperschaft für die jüdische Nation. Das Exekutivkomitee konstituiert sich ais vorbereitender Ausschuß und hat den Zusammentritt des Nationalrates sofort in die Wege zu leiten. 2. Die Reichskonferenz fordert die Abgeordneten Dr. Straucher und Reizes auf. sich im Abgeordnetenhaus ais Nationalrat der Juden zu konstituieren. 3. Die zionistische Reichskonferenz nimmt für das Vierzeiinmilliouenvolk der Juden, das eine untrennbare nationale Einheit bildet, das volle Seibstbestimniungsrecbt in AnsDrucb. Sie fordert die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina. Sie fordert die volle nationale und bürgerliche Gleichberechtigung für die Juden in allen ihreu Wahnländern. , Die Relchskonferenz verlangt. daß das jüdische Volk gleich allen anderen Nationen zum Friedenskongreß zwecks Vertretung seiner Rechte zugelassen wird. Die Reichskonierenz beschließt ferner, daß das E. K. für seine Arbeiten zur Schaffung eines Nationalrates durch die Mitglieder der Programmkommission zu erweitern ist. Weiters wird beschlossen, daß die Parteileitung beauftragt wird, eine Vertretung zu der immiwhpi "-■TT'~--i-Tr--Tni|iiiTriiii"|i"Hi»iii"'M"‘"«iii'ii'i''n für den 27. <L M. einberurenen Parteiratssitzung des galizischen Parteirates in Lemberg zu entsende!}. .At Weiters wird das E. K. beauftragt, ein Bureau für die_ Arbeiten des Natioiiäirates zu schaffen und eine groß angelegte Finanzaktion einzuleiteu. Der jüdische Nationalrat Durch den Beschluß der zionistischen Reichskenferenz ist ein jüdischer Nationalrat eingesetzt worden. Gleichzeitig wurdebestimmt, daß die jüdische Nationalversammlung, auf Grund des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes von allen Angehörigen des jüdischen Volkes gewählt, sobald als möglich zusammentreteri soll. Damit ist eine völlig neue Lage geschaffen und der Anfang zu einer nationalen Konsolidierung der Juden gemacht. Um die Aufgabe des jüdischen Nationalrates klar zu erkennen, bedarf es nur einer kurzen Ueberlegung der letzten Ereignisse. Die österreichischen Völker mit Ausnahme der Deutschen unJ Ungarn haben bereits seit Jahren ganz orten von Oesterreich weggestrebt Man hat ihren Wunsch nach_ Unabhängigkeit nicht ernst genommen- und half sich darüber hinweg, indem man die Augen zudrückte und von der unentwegten „Treue“ der österreichischen Völker sprach. Daß sich das Freiheitsstreben eines erwachten Volkes nicht durch Phrasen beseitigen und nicht eindäinmen läßt, w'oilte die österreichische Bürokratie nicht begreifen. Alle einsichtigen und wahrhaft freiheitlichen (durch keinen Chauvinismus beeinflußten) Geister haben stets darauf gedrungen, daß der österreichische Staat seiner Aufgabe als Nationalitätenstaat gerecht werde, indem er durch die nationale Autonomie das Zusammenleben seiner Völker ohne Vorherrschaft irgend eines Volkes ermögliche. Man hat nun zwei Jahre lang mit dem Plan einer Verfassungsrevision gespielt und zwar in einem Moment, als diese Pläne schon hinfäl'ig geworden waren, weil die Völker mit einer Verfassungsreform in Oesterreich unter Wahrung der Integrität Ungarns nicht einverstanden sein konnten. Es kam nun. wie es kommen mußte. Die österreichischen Völker erwarteten ihre Befreiung von der Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns. Erst als sich infolge der militärischen Lage die Notwendigkeit'erwies, im Innern Ordnung zi: machen, in letzter Stunde also, und wie sich zeigte, zu spät, schritt man zu einer Veriassungsreform. die über alle früheren Pläne hinausging. Das kaiserliche Manifest vom 16. Oktober fand allerdings bei den Völkern keinen Widerhall mehr. Die Regieiungsgewalt selbst hat jeden Widerstand anfgegeben und bat den Völkern die Bestimmung ihres Geschickes übertragen. Diese Selbstbestimmung wird aber weder an den Grenzen Ungarns, noch vor sonstigen Schranken Halt machen. Da das Manifest den Völkern noch immer weniger gab. als sie sich faktisch schon genommen hatten, wurde es von den Völkern abgelehnt. Sicher ist, daß das bisherige Oesterreich in eine Anzahl territorial abgegrenzter Nationalstaaten zerfallen ist. daß die Regierungsgewalt in diesen Nationalstaaten an die Nationalversammlungen und Nationalausschüsse übergeht, wobei noch die wichtige Tatsache des Anschlusses von Westgalizien an das selbständige Polen nicht übersehen werden darf. Für uns ist von Bedeutung, was sich aus dieser Sachlage für die jüdische Politik für Konsequenzen ergeben. In dem Kommentar zum kaiserlichen Manifest ist die Rede von sechs Nationen; die jüdische Nation ist nicht erwähnt. Nicht nur darum, weil sie in Oesterreich nicht „anerkannt" ist (wieviel Nichtanerkanntes mußte in diesen Tagen als existent bestätigt werden!), sondern weil die Neuregelung der nationalen Frage auf t e r r i t o r i a 1 c r Basis erfolgt. Die Juden bewohnen jedoch it; Oesterreich kein größeres Territoriu!’! und können daher keinen Nationalstaat bilden. Der Nationalitätenstaat Oesterreich ist verschwunden; die von den Jüdischnationalen in Anlehnung an Reimer stets geforderte Zusammenfassung der Nationen zu Korporationen nach dem Personalitätsprinzip und Erteilung der Autonomierechte an diese — die einzige Möglichkeit, den Nationalitätenstaat zu erhalten — ist nicht Wirklichkeit geworden. Vom Schutz der nationalen Minoritäten ist in dem, kaiserlichen Manifest nicht die Rede. Jedes Volk wird auf seinem Territorium unbeschränkte Herrschergewalt ausüben. Der Friede zwischen den Völkern kann aber nicht geschaffen werden, wenn nicht auch Garantien für den Schutz der Minoritäten geboten werden. Es wäre ein schlechter Uebergang zu der neuen Weltordnung des Völkerbundes, wenn durch die Schaffung neuer Nationalstaaten einer neuen Unterdrückung der Weg bereitet würde. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker darf nicht nur aui die starken, sondern muß auch auf die schwachen, kleinen Völker Anwendung finden. Dies ist ein' ausdrücklicher Punkt von Wilsons Programm und muß daher von allen Völkern respektiert werden, die sich auf dieses Programm berufen. Das jüdische Volk wird in allen aui dem österreichischen Territorium entstehenden neuen Staaten als Minderheit leben. Es muß daher mit aller Energie vor aller Welt sein Recht auf Selbstbestimmung geltend machen und muß verlangen, daß der Schutz der nationalen Minoritäten von derselben Völkergemeinschaft verbürgt werde, welche auch den Schutz der kleinen Staaten garantiert. Dieses Recht geltend zu machen, wird. Aufgabe des jüdischen Nationalrates sein. Da die Interessen der jüdischen Minorität innerhalb aller neuen Staaten beinahe identisch ist, so ist ein gemeinsames Programm leicht aufzustellen. Selbstverständlich wird sich innerhalb jedes Staates, also innerhalb Polens, des böhmischen Staates, des ukrainischen Staates usw., ein selbständiger Nationalrat bilden müssen, der die nationale Judenschaft im Lande organisiert und die Wahlen für die Nationalversammlung vorbereitet, gleichzeitig in der Lage ist. als legitime Instanz mit den gleichartigen Vertretungen der anderen Völker zu verhandeln. Jedoch wird, wenn es nötig sein wird, die jüdische Nationalversammlung aus allen Gebieten Oesterreichs zusammentreten. Das jüdische Volk bildet eine Einheii auf der ganzen Welt, nicht nur innerhalb der österreichischen Grenzen, und es ist eine Selbstverständlichkeit, daß wir nach Tunlichkeit den Zusammenhang hersteilen, zumal zwischen denjenigen Gruppen, die bisher nicht nur geographisch, sondern auch organisatorisch und ideell eine Einheit gebildet haben. Der jüdische Nationalrat wird sich an aile Völker des In- und Auslandes wenden und seine Rechte geltend machen. L> i e jüdische Nation erklärt durch die Einsetzung des Nationalrates feierlich vor aller Welt ihren Willen zum Leben. Diese Tatsache wird in Hinkunft von keinem Faktor mehr übersehen werden können. Das Regiment verstaubter Akten ist vorbei. Die Losung der Gegenwart heißt: Respekt vor der Wirklichkeit! Kein Reichsgericht wird in Hinkunft mehr entscheiden können, daß es eine jüdische Nation nicht gibt Das System des Himvegdekretierens von Tatsachen hat Oesterreich zu Grunde gerichtet. Das kaiserliche Manifest, hat die Abgeordneten jedes Volkes als vorbereitenden Nationalrat erklärt. Das jüdische Volk hat infolge der