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Jüdische Zeitung · 1918-10-18 · 42 (18.10.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
42 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Lemberg kämen, könnten sich Majestät schon nach den geschlossenen Läden eine Vorstellung davon machen, welches Element dort vorherrscht.1 Petruszewicz soll darauf erwidert haben, daß, soweit er informiert ist, Dr. Löwenstein nur eine kleine Oberschicht vertritt, die mit dem Polentum gute Geschäfte gemacht hat, die breite jüdische Volksmasse aber fühle sich absolut nicht polnisch, sondern jüdisch und er glaube, daß ein Plebiszit das Resultat ergeben würde, das 95 Prozent "der Juden für die Zugehörigkeit zu Oesterreich votieren würden. Er sei jedoch nicht autorisiert, über jüdische Angelegenheiten zu sprechen und verweise daher den Kaiser auf den Abg. Reizes. ' Aus. diesen Mitteilungen geht deutlich hervor, daß Dr. Löwenstein mehr gesagt hat, als in dem Komnumiquee steht. Dieser Mann, der über das Judentum in Galizien schon so viel Unglück gebracht hat, dieser Mann, der nur durch Gewaltakte gegen Juden ins Parlament gewählt werden konnte, die sogar in d^r politischen Geschichte Galiziens nicht ihresgleichen haben, dieser Mann, der unauslöschliche Kainszeichen auf der Stirne trägt, def jüdisches Blut vergießen ließ, um seine hochstaplerische politische Ambition zu befriedigen, dieser Mann wagt es, in so ernster Stunde im Namen des jüdischen Volkes Galiziens zu sprechen. Das ganze jüdische Volk wird daraui nur eine Antwort der Entrüstung haben. Es wird mit aller Feierlichkeit und mit aller Bestimmtheit erklären, daß es mit Dr. Löwenstein und seines- .. gleichen nichts zu tun haben will. Der Mann rechnet sich zur polnischen Nation und kümmere sich um polnische Angelegenheiten. Mit jüdischen Angelegenheiten hat er nichts x au schaffen. Es ist richtig, daß sich die Juden mit den Polen verständigen und einen modus vivendi finden wollen. Aber dieses Verhältnis wird nur getrübt, wenn die Polen es zulassen, -daß sich so unlautere Individuen mit ihren Fälschungen dazwischen stellen. Wenn der Kaiser kören will, was die Juden denken, so berufe er oj*en Vertreter des jüdischen Volkes. Der Abg. Reizes, der als letzter empfangen wurde, hatte noch Gelegenheit, den Kaiser über die wahren Verhältnisse einigermaßen aufzuklären.' In sachlicher Beziehung hatte der Monarch ohnedies vor kurzem Gelegenheit, sich von der autoritativsten Seite, durch den volkstümlichen, die Verhältnisse genau kennenden Oberrabbiner tob Wien informieren zu lassen. Auch Abg. Reizes konnte sachlich einiges richtigstellen und der Kaiser zeigte sich diesen Aufklärungen sehr zugänglich und dankte dem Abg. Reizes herzlich. Es ist zu hoffen, daß der Kaiser den Eindruck empfangen hat, daß er in jüdischen Dingen sich von anderen Personen beraten lassen muß, als von Löwenstein. Auch dieser bedeutungsvolle politische Akt konnte also nicht vorübergehen, ohne daß das traurige Bild des durch seine eigenen Söhne verratenen und entehrten jüdischen Volkes zutage getreten wäre. Diese Schmach wird das jüdische Volk tilgen. Das jüdische Volk ist mündig geworden und es wird auch mit den Leuten abrechnen, die sich als seine Führer aufgeworfen haben nnd es ins Unglück gestürzt haben. Die Christlichsozialen und die Judenfrage Wir haben schon wiederholt Gelegenheit gehabt, daraui hinzuweisen, daß die „Reichspost“ vom unseren nationalen, Bestrebungen zusiimmend Notiz genommen hat. Wir konnten dabei feststellcn, daß gerade die „Reichspost“ vernünftiger und verständnisvoller zn unseren Forderungen Stellung genommen hat, als andere Organe, insbesondere die liberalq Presse, die ln ihrem alten Sjstem beharrt Trotzdem sind wir weit davon entfernt, die Antisemiten als unsere Bundesgenossen anfznfassen. Und leider können wir uns auch nicht verhehlen, daß die Motive der christlichsozialen Zustimmung aus einer Gesinnung der Gehässigkeit fließen, die jedes ernste Eingehen urid jede politische Auseinandersetzung unmöglich macht- Die Ankündigung der Versammlung am 14. sowie die Einberufung der zionistischen Reichskonferenz nimmt die „Reichspost“ zum Anlaß. um in einem langen „Endlich!“ überschriebenen Artikel den Forderungen nach gesetzlicher Anerkennung der Juden als Nation und nach Schaffung eines Judenstaates ein „bravo bravissimo“. zuzurufen. Aber diese Partei kann sich nicht über den Ton der .demagogischesten Phrase erheben, sie schreibt beständig im Ton eines Witzblattes, ergeht sich in Ironie, faselt von „Selbstbestimmungsrecht der Christen“, das eine willkommene Folge des Selbstbestimmungsrechtes der Juden sein werde, klagt über die Unterdrückung des christlichen Geistes und benützt dann einen ernsten politischen Artikel der „Arbeiter-Zeitung“, um an diesem Judenblatt jüdische Schadenfreude am Zerfall Oesterreichs nachzuweisen Gewiß ist es richtig, daß auch wir gegen das unmäßige Vordrängen der assimilatorischen Juden in der Politik und im Geistesleben der anderen Völker sind; aber will man darüber Erteilen, so muß man ernsthaft die Tatsachen prüfen, muß nach der Kenntnis der Ursachen, nach den psychologischen und historischen Gründen dieser Erscheinung forschen, muß einen Weg suchen, der eine Gesundung herbeiführt und ei* friedliches Weiterleber, der Völker miteinander ermöglicht. Wir bedauern, dal die Herren von Wien noch immer solche Leute sind, mit dene* nun «lebt sprechen kann. -Wie teuer die staatsrechtlichen Probleme Oesterreichs gelöst werden, das eine steht fest, daß die Wiener Frage in weit höherem Maße als bisher im Zentrum des Interesses stehen wird. Sollte Wien die Hauptstadt eines kleinen Oesterreich oder gar, wie es jetzt Otto Bauer täglich in der „Arbeiter-Zeitung“ propagiert, Hauptstadt eines deutschen Bundesstaates werden, in jedem Fall werden sehr schwerwiegende Veränderungen, insbesondere wirtschaftlicher Natur, vor sich gehen. Es wird notwendig sein, daß die Wiener Kommunalregierung dieser neuen Lage gewachsen ist, daß sie einen Kontakt mit der Bevölkerung hat und vernünftige Wege geht, um gewaltsame Umwälzungen zu verhüten. Die wichtigste Vorbedingung zur Schaffung einer erträglichen Atmosphäre ist in Wien die Lösung der Judenfrage und aut der auderen Seite ist für das jüdische Volk gerade die Wiener Judenfrage vielleicht die brennendste. Ob es 'nu den Christlichsozialen angenehm ist oder nicht, sie müssen sich mit der Tatsache abfiiiden, daß heute in Wien eine Vicrtelmillion Juden leben. Wir verlangen für diese Juden die Sicherung ihrer politischen Rechte, eine politische Vertretung, eine Autonomie in allen kulturellen Angelegenheiten. Wir glauben, daß sich auf dieser Basis auch eine Verständigung finden ließe, die beide Teile befriedigt. Die Christlichsozialen sollten so viel politische Reife besitzen; diese Frage als ernstes politisches Problem zn begreifen und den Weg zu einer Auseinandersetzung zu suchen. Es würde sich dann vielleicht heraussteilen, in welcher Weise die Einzeliragen 211 behandeln sind. Wir unterschätzen jedenfalls nicht die Schwierigkeiten des Problems, insbesondere auch die Schwierigkeiten, die sich für die Juden ergeben. Aber mit Hohn und Witzen ist die Sache nicht zu machen. Leider besteht wenig Hoffnung, daß eine derartige Verständigung angebahnt werde. Die Christlichsozialen haben immer "einen engen politischen Horizont gehabt und haben mehr Stimmungspolitik, als sachliche Politik getrieben. Sie haben das Ansehen Wiens in der ganzen Weit untergraben. Sie haben die Hauptstadt Wien niciit als Metropole eines großen Reiches verwaltet, sondern als ihre private Domäne angesehen. Das krasseste Beispiel haben sie in der Fliichtlingsfrage gegeben Als infolge des Krieges, den die Monarchie führte, die Kriegsflüchtlinge der Monarchie in die Hauptstadt der Monarchie kamen, hatten die Herren von Wien nichts besseres zu tun, als von „Fremden“ und „Ausländern“ zu schwätzen, die Hauptstadt abzusperren, ihr den Charakter der Hauptstadt zu nehmen. Sie haben in Wien eine erbärmliche Krähwinkelei etabliert Die Partei der kleinen Leute hat kein Verständnis für das Wesen einer europäischen Hauptstadt. Immer wieder tritt diese Verständnislosigkeit zutage. Dieses Verhalten hat Oesterreich mehr geschadet, als ihm die patriotischen Tiraden der „Reichspost" genützt haben. Wir wissen nicht, ob das Schicksal stark genug war, um auch die Christlichsozialen klüger zu machen und ihren Horizont zu erweitern. Es liegt im Interesse Wiens, im Interesse des künftigen Oesterreich und seiner Völker, daß auch die Judenfrage im modernen Geiste der Selbstbestimmung der Völker gelöst werde. Das politische Programm der jfidisch-sozialdem. Partei Die Bukowinaer Landesorganisation der jüdisch-sozialdemokratische;! Partei hat in ihrer letzten breiteren Sitzung zur Neuregelung Oesterreichs Stellung genommen und folgende Leitsätze aufgestellt: 1. Die Regelung der Beziehungen zwischen den Nationen des Reiches und zum Reiche selbst hat au! der Grundlage der Freiheit, Gleichberechtigung nnJ Selbstregierung aller Nationen zu erfolgen. Demgwiäß verlangt auch die jüdische N a t i o n-ihre Anerkennung nnd die Ermöglichung der Konstituierung ihrer Nationsvertretung u. zw. i gemäß der Besonderheit ihrer Siedelung auf der Grundlage des Personalitätsprinzipes durch freiwillige Eintragang in den jüdischen Kataster. 2. Diese Nationalvertretnng ist von den nach dem gegenwärtigen Reichsratswahlrechte wahlberechtigten Mitgliedern des jüdischen Katasters in der Art zu wählen, dal auf je zehntausend Einwohner eines zusammenhängenden Territoriums ein Abgeordneter entfällt Sie soll die Verfassung nnd die Verwaltungsorganisation für ihre Angehörigen ausarbeiten, ferner eine Verständigung mit den Mehrheitsnationen, in deren Mitte die jüischen Nationen leben, suchen und vereinbaren, welche Angelegenheiten und auf welche Art diese gemeinsam, einerseits mit den Mehr- -heitsnationen, andererseits mit dem Reiche, zu regeln wären. 3. Als besondere Angelegenheit der jüdischen Nation werden neben den kulturellen, die ausschließlich in die Kompetenz der Nation fallen, auch die national wirtschaftlichen, sowie jene, die rieh aus der Stellung der jüdischen Nation als Mrnderheiisnation ergehn, bezeichnet. 4. Als wesentliche üiundlage der Anerkennung der jüdischen Nation werden folgende Forderungen erhoben; 1. Politische nnd bürgerliche Gleichstellung mit allen Bewohnern der betreffenden Territorien, 2. gleiche Berechtigung der Teilnahme an dert Vertretungen der Mehrheitsnationen, welche territoriale Aufgaben zu erfüllen haben nnd 3. volle Freizügigkeit innerhalb des Reiches ohne Beeinträchtigung der politischen, wirtschaftlichen nnd nationalen Rechte. Die jüdischen Parteien werden •ingeiad«, auf Grund dieser Leitsätze an einer gtmm**aam Aktion teilsmelKBML 9 Neue jüdische Bücher * von denen man spricht: Max Rosenfeld, Selbstbestimmungsrecht der Juden in Polen K 2.64 §Mäx Reaenfeld, Die polnische Jndenfrage. K 11— 9 Max Rsseafeld, Polen und Juden K 2.20 f Eugen Hoeflich, Der Weg in das Land, Palästineneiache Aufzeichnungen K 4.40 Kurt Blamenfeld, Zionistische Betrachtungen K 2.— Constantia Brunner, Der Judenhaß nnd die Juden geh. JC 32.— Lord Beaeonsfleld (Disraeli), Tancred oder Der neae Krenzzug geh. K 24.— Karl Haoptmann, Ismael Friedmann, Roman geb. K 15.— Blau-weiB Llederbneh geb. Je 5— Pin KoBi, Liaderbnch der Schomrhn geb. K 2.20 Empfehlenswerte Zeitschriften: Der Friede . . vierteljährlich Ä 10.— Der Jude. » » 8-30 erubbaal. > » 5.70 1 Rat^Baij&Aubi SuUuidns K. L&WT, Wim X., Sotentuxmstraese 22 geeeeeeeoeoeaeeeeeeeoaeeoosaeaetB Wilsons Programm Die Aufmerksamkeit der ganzen Weit ist jetzt aiu Woodrow Wilson gerichtet. Die Mittelmächte haben sein Kriegszielprogramm angenommen und die ganze Welt ist. nach schwerem, blutigem Kampf, einig über die Grundsätze des Aufbaues einer neuen Weltordnung. Die große Botschaft vom 8. Jänner 1918 ist ein historisches Dokument, ein wirklicher Markstein in der Menschheitsgeschichte. Das Neue daran ist die Lehre, daß die Beziehungen der Völker nicht nach Sonderinteressen, nicht einseitig nach der Gewalt, sondern nach der Idee geordnet werden sollen. Uraltes Geistesgut ist hier wieder lebendig geworden, dessen Wiege im jüdischen Volke gestanden ist Das jüdische Volk erhoift von diesen Grundsätzen auch seine eigene Betretung. Heute hängt alles nur von den Völkern selbst ab. Es ist eine Kraftprobe für alle Völker. Wilson sagte in seiner Rede am 8. Jänner: „Jede Nation darf fortan jede mit der Gerechtigkeit und dem Erdfrieden vereinbare Absicht offen ankünden und sich stets zu den Zielen bekennen, die ihrem Streben notwendig irnd mit Menschheitsrecht «vereinbar scheinen.“ „Wir sind in den Krieg eingetreten, weil das Recht verletzt, unser eigenes Leben dadurch schmerzhaft berührt worden, war und unerträglich geworden wäre, wenn das Unrecht nicht gesühnt die Welt nicht vor Rückfall gesichert würde. Wir erwarten und verlangen von diesem Kriege nicht irgendwelchen SondervorteiL Wir verlangen nur: Weltordnung, die das freie Leben der Völker schirmt und jedem Volk, nicht nur unserentdasRechtverbürgtseinLeben nach ungehemmtem Ermessen einzurichten. jedem das gerechte Wohlwollen der anderen sichert jedes vor eigennützigem Angriff und Ueberwältigung schützt Dahin müssen alle Völker streben: dahin weist aller Interesse. Uns wenigstens ist durchaus klar, daß wir gerechter Behandlung nur sicher sein dürfen, wenn sie allen Völkern gesichert ist Unser Programm fordert Weltfrieden: und kein anderes dünkt uns heute noch möglich.“ „Ein Völkerbund muß. in klaren Vertragsvorschriften. großen und kleinen Völkern unantastbaren Besitzstand und politische Freiheit durch Gemembürgschaft sichern.“ „Das ganze Programm, das ich verkündete, rankt sich um den einen Grundsatz: Allen Völkern, starken nnd schwachen, allen Stämmen, großen und kleinen, gleiches Recht, in gesicherter Freiheit so zu leben, wie ihnen beliebt. Der Bau internationalen Rechtes kann weder ganz noch in irgendeinem Teil standhaft dauern, wenn dieser Grundsatz nicht sein Fundament ist.“ Jedes Volk soll so leben, „wie es ihm beliebt“. Die Stunde der Entscheidung ist da und alle Verantwortung liegt auf uns. Wir müssen der Welt sagen, was wir wallen. Nur an unsliegtes,zn verhüteiudaßdie Welt wieder über uns zur Tagesordnung übergeht Wir müssen uns entscheiden, den rechten Weg zu wählen. Wehe uns. wenn wir nicht deutlich sprechen! Der Umschwung in der Türkei In der Türket haben sich große Umwälzungen vollzogen. Mit den neuen Männern, die die Regierung übernommen haben, ist auch ein Umschwung der Stimmung gekommen. Die Türkei, die nun fast zehn Jahre im Kriege steht hat Uebermenschliches geleistet Das Menschenreservoir, aus dem sie schöpfen konnte, war im Vergleich mit den riesigen Flächen, die sie zu verteidige» hatte, viel zu schütter, die Kommunikatijaen linierst dürftig und die Bahnverbindungen Mit der Hauptstadt »och »icht dnrehgehends aussrsbant. Daz» kau* der Mangel m bodenständiger

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