Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jQDiSCftK ZEITUNG '.Nr. 42 eines Volkes durch ein Volk, positiv ausgedrückt: was lebt, soll wachsen können. Aus allen neuen Klängen hören wir ein Wort, das uns wohl vertraut ist: schalem, Friede! Friede und nationale Befreiung für alle Völker, Friede und nationale Befreiung für das jüdische Volk. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Der nächste Redner Adolf Böhm schildert die historische Entwicklung und die geistigen Umwälzungen, die zu unserer heutigen Auffassung von Judentum geführt haben, nicht durch die Befreiung des Individuums, sondern durch ’ die Befreiung der Nationen ist das wahre Ideal des Rosmopolitismus zu erwarten. Vor zwei Jahrzehnten hat unser großer Theodor Herzl die Wahrheit ausgesprochen, daß unsere Befreiung noch nicht gekommen ist. daß sie erst durch Selbsthilfe des Volkes betätigt werden muß. Aber wir wären niemals so weit, wie wir heute sind, wenn nicht ein Häuflern von Arbeitern, Wächtern und Lehrern in Palästina ihre Arbeit, ilir Blut und ihr Leben hingegeben hätten. Im Kriege erlebten wir das großartige Schauspiel, daß nacheinander die russischen, amerikanischen, englischen Juden einmütig die zionistische Forderung auf ihr Programm schrieben. Redner spricht dann von unseren nationalen Forderungen. Die nationalen Rechte auch der kleinen -Völker werden in Hinkunft nicht vom Wohlwollen irgend eines Machtfaktors abhängen, sondern von der Gemeinschaft der Nationen verbürgt werden. Aber neben der nationalen Frage erhebt sich die soziale Frage: auch in dieser Hinsicht wollen wir in Palästina eine neue Ordnung schaffen, als deren wichtigster Grundstein schon heute das Gemeineigentum an Grund und Boden festgelegt ist Redner verliest sodann unter enthusiastischer Zustimmung und nicht endenwollendem Beifall der Versammlung <h'e von uns an anderer Stelle bereits wiedergegebene Resolution. Sodann verliest der Präsident die nachfolgende Depesche des Abg. Dr. Straucher: „Mußte in dringender Sache nach Czernowitz reisen und kann deshalb an der Volksversammlung Montag nicht teilnehmen. Bitte der Versammlung brüderliche Grüße zu übermitteln. Möge ein strammes, einiges Zusammengehen des Gesamtjudentums in dieser geschichtlich großen Zeit der heiligen Sache des jüdischen Volkes zum Siege verhelfen. — Gruß Dr. Straucher." (Lebhafter Beifall.) Der Präsident erteilt das Wort dem anwesenden Abg. Heinrich Reizes, welcher nachstehende Deklaration verliest: „Namens der radikal demokratischen Partei in-Galiziea .undüber^Auftrag. des Vollzugsausschusses derselben habe ich die "Ehre',"dergeehrten Versammlung nachstehende Erklärung abzugeben: - ' Die radikal demokratische Partei in Galizien hat schon auf. ihrem am 2. Mai 1914 in Lemberg abgehaltenen Kongreß unter anderem auch die Durchführung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker als wichtigstes Postulat aufgestcllt Getreu diesen nunmehr von allen Staaten und Völkern anerkannten Grundsätzen wird die radikal-demokratische Partei in Galizien in diesem für die Völker, ja für die ganze Monarchie wichtigen geschichtlichen Momente, durchdrungen von dem unverjährten Rechte der Angehörigen des jüdischen Volkes, als Nation ihr geistiges, kulturelles und politisches Leben selbst zu bestimmen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel in gleicher Weise wie für das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen auch für das des jüdischen Volkes in allen Ländern eintreten. Als Inhalt des Selbstbestimmungsrechtes in Bezug auf die jüdischen Bürger erachtet die radikal-demokratische.Partei in Galizien die offizielle Anerkennuhg der Juden als Nation. (Lebhafter Beifall.) Dem Grundsätze der individuellen Freiheit und Ueberzeugung eines jeden Einzelnen huldigend, muß selbstverständlich das individuelle Bestimmungsrecht bewahrt werden. Die radikal-demokratische Partei in Galizien, die ihr Fundament in den breiten Volksmasseh ohne Unterschied der Stände, Konfession und Nationalität hat, ist bereit, die Bestrebungen der Juden zur Erlangung der Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung mit aber ihr zu Gebote stehenden Kraft zu unterstützen.“ (Beifall.) Hierauf kommt zum Worte als Vertreter der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei „P o a 1 e - Zion“ Mendel Singer. Redner schildert das Elend, das der Krieg über die Welt gebracht hat und das nutzlose Hinopfem von Millionen Menschen. So sehr wir die neue Weltordnung begrüßen, erfüllt uns doch diese Tatsache mit Trauer. Die Unterdrückung irgend eines Volkes wird nur aufhören, wenn auch der nationale Haß aus der Welt verschwindet Redner verlangt auch Anerkennung der jüdischen Sprache. Die sozialistische Partei Poale-Zion könne sich aus taktischen Gründen der vorgelegten Resolution nicht anschließen, aber sie erklären feierlich und offiziell, daß die Partei im Kampfe für die nationalen Rechte in den ersten Reihen stehen wird, und in diesen Forderungen mit dem ganzen Volk Zusammengehen. Hierauf spricht Staatsbahnrat Ing. Robert Stricker. Er beklagt tief das Unglück der Zertrümmerung Oesterreichs und spricht die Befürchtung aus, daß in Mitteleuropa ein Riesenbalkan entstehen werde: Uns Juden ist es in Oesterreich nicht immer gut gegangen. Unser Recht als Vorhaben wir nicht erlangt. Bevor wir -aber die Anklage gegen den Staat erbeben, müssen wir fragen, ob wir selbst dieses Recht verlangt haben. Unsere Führer haben sich immer als die Lakaien der anderen gefühlt. Redner kommt dann auf die Audienz Dr. Löwensteins beim Kaiser zu sprechen und schildert die Schmach, die dem jüdischen Volk durch derartige Vertreter angetan wird. Er schildert die Denkungsart der Personen, die heute jüdische Ehrcnstellen bekleiden. Von dort kann das jüdische Volk eine Vertretung vor dem Weltforum nicht erwarten, es muß dafür sorgen, daß es ehrliche, treue, aufopierungsfähige Sachwalter bekommt Wir Zionisten wurden 20 Jahre als Utopisten verlacht. Jetzt ist unsere Ut<jpie Wirklichkeit geworden. Wir verlangen jetzt von Urnen: Treten Sie in die Organisation ein! (Stürmischer Beifall.) Als letzter Redner spricht dann Präsident - Adolf Stand. .Er faßt nochmals zusammen, was in der Versammlung über den Gegenstand „Das jüdische Volk und der Friede“ gesagt worden ist Wir fordern unsere Heimat in Erez Isael und auf der ganzen Welt, wo Juden wohnen, die nationale Autonomie. 1789 kam die menschliche Befreiung, 1848 die bürgerliche Befreiung und heute, 1918 kommt die nationale Befreiung. Für das jüdische Volk ist eine neue Zeit angebrochen, die alten Wortführer müssen verstummen. Wir wünschen eine friedliche Verständigung zwischen Juden und Polen vor den Augen der ganzen Welt? aber wir protestieren gegen die Einmischung von Leuten wie Löwenstein. Redner charakterisiert die ganze Lächerlichkeit der Forderungen, die .Löwenstein vor dem Kaiser erhoben hat. Bei der Ewähnung der Audienz des Oberrabbiners Dr. C h a j e s bereitet die Versammlung dem infolge Krankheit am Erscheinen verhinderten Oberrabbiner eine stürmische Ovation. Zum Schluß richtet Redner an die Versammlung den Appcli, das gesamte Volk möge hinter den Einberufenr der Versammlung stehen und die Forderungen der vorgelcgten Resolution unterstützen. Er schließt mit dem Ausblick auf den ersehnten Augenblick, wo wir die Leiche Theodor' Herzls nach Erez Israel tragen werden. Bei den Worten des Gedenkens erhebt sich die Versammlung. Der Geist des toten Führers schwebt über der Versammlung. Stand ruft ihm zu: es ist kein Märchen — wir wollen! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Hierauf \y;ird die Resolution unter ungeheurer Begeisterung und sich wiederholt erneuerten Beifallskundgebungen einstimmig angenommen. Die denkwürdige Versammlung, die eine neue Aera ■ der jüdischen, Geschichte in Oesterreich. einleitet, ist zu Ende Das:.neue-Polen. - Die Unabhängigkeitserklärung- Polens ist nicht nur von den Juden der polnischen Gebiete, sondern von der Gesamtiudenschaft mit warmer Sympathie aufgeoommen worden. Das Judentum kennt nicht zweierlei Maß — eines für andere Völker und eines für sich selbst.. So wie es seit jeher für die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten und für sich., selbst die Befreiung erstrebt hat. so hat es stets auch für den Freiheitskampf jedes anderen bedrückten Volkes die aufrichtigste Sympathie gehabt Mit dem poInisThen Volk, das nach der Teilung seines Staates mit bewundernswerter Zähigkeit nach Wiedervereinigung und Erlangung der Unabhängigkeit gestrebt das in mehreren Aufständen gegen die Zarenherrschaft biutige Opfer für dieses Ideal gebracht hat dessen Sprache. Schulwesen usw. vom absolutistischen Rußland mit aufreizender'Härte geknebelt und vergewaltigt wurde, freut sich das jüdische, daß es das 2iel seines nationalen Strebens erreicht hat Diesem Gefühle geben auch die jüdischen Blätter im polnischen Gebiete regen Ausdruck. Sie begrüßen den neuen .polnischen Staat und geben der Hoffnung Ausdruck, daß in. diesem das Verhältnis von Polen und Juden ein besseres sein werde, als es bisher war: Es ist nur zu bekannt wie gerade in den polnischen Gebieten die Juden von den Polen selbst drangsaliert wurden: In Kongreßpolen, wo schon' vor dem Kriege ein vernichtender Wirtschaftsboykott gegen die Juden inszeniert worden war, ist während der Okkupationszeit das jüdische Volk systemiaisch in seinen Rechten gekränkt und in seinen vitalsten Interessen verletzt worden. Wie es damit in Galizien bestellt ist braucht in diesen Blättern nicht wiederholt zu werden. Die Polen haben den Juden, die sich nach den trüben Erfahrungen, die sie mit den assimilatorischen Führern gemacht haben, während des Krieges einmütig auf den nationalen Standpunkt gestellt haben, jedes angemessene Vertretungsrecht bisher verweigert, immer wieder haben sie bei Wahlen dafür gesorgt, daß die Juden nur einen kleinen Bruchteii jener Vertreterzahl in die öffentlichen Körperschaften entsenden konnten, als ihrer numerischen Stärke entsprach,-' sie haben dort, wo Vertreter des jüdischen Volkes zu nominieren waren, wie im polnischen Staatsrat, Assimilanten und „Halbgetaufte“ als Mandatare der Juden anerkannt u a. m. In diesem Momente sollen keine weiteren Rekriminationeu erhoben, sondern die Forderungen des jüdischen Volkes aulgestellt werden. Sie sind keine anderen als jene, die überall von den nationaljüdischen Parteien proklamiert wurden: Sicherung der jüdischen Vertretung in allen Körperschaften, national-kulturelle Autonomie, proportionelle jüdische Vertre- ‘ tung in der Exekutive. Im neuen Polen werden ungefähr 3 Millionen Juden wohnen, das sind 13 bis 14 Prozent der Gesamtbevölkerung, und weit über die Hälfte der städtischen Einwohnerschaft. Die Polen werden wohl oder übel mit den Jude» eine Verständigung suchen müssen und zwar müßte dies schon jetzt, vor Ausarbeitung der Verfassung, geschehen. Die neue Ordnung der Welt gibt jedem Volke das Selbstbestimmungsrecht und garantiert es durch dessen Aufnahme in de* Völkerbund. Eine nationale Unterdrückung wird es in keinem Lande mehr geben können, da ei*e solche keine „häusliche“ Angelegenheit des , betreffenden Landes mehr bleiben, sondern vor das Völkeriorum kommen wird. Es ist kein gutes Vorzeichen dafür, daß die Polen wirklich den Juden gegenüber auf Grund der Zuerkennuhg nationaler Minderhe:tsrechte einen modus vivendi schaffen wollen, daß gerade jetzt jüdische Versammlungen, welche zum Zwecke der Psoklamierung des Selbstbestimraungsrechtes für di« Juden einberufen worden waren, im Bereiche der polnischen Machtsphäre verboten, daß im Gouvernement Lublin die zionistischen Vereine „bis zur Entscheidung des polnischen Ministeriums“ aufgelöst, verschiedene hebräische Schulen geschlossen wurden u. a. m. Es ist zu hoffen, daß die polnischen Politiker die Einsicht aufbringen werde», daß ein Staats wesen, das nicht auf der Freiheit all seiner Bürger auf gebaut ist und große Bevölkerungsteile unterdrückt, den Keim des Unterganges in sich trägt. Wird den Juden ihr Recht in Pole», dann wird dieses Staatswesen au ihnen die treuesten und zuverlässigsten Stützen haben. Im andern Fail aber werden die Juden, und zwar nicht nur die polnischen, dieselbe internationale Instanz anrufen,. von der jetzt die Polen die Erfüllung^ ihrer nationalen Aspirationen erhoffen. Die Audienzen beim Kaiser In Oesterreich herrscht ein unentwirrbares Chaos. Während man noch vor einigen Woche* von' Hochverrat gefaselt hat und die Zensur sich die ungeheuerlichsten Verstümmelungen und Unterdrückungen geleistet hat, wird heute geradezu schon offiziell Oesterreich als nicht existent angesehen, und alle Zeitungen schreiben unumwunden, daß Oesterreichs letzte Stunde gekommen ist. Die Polen haben ihre Unabhängigkeit erklärt, die Tschechen betrachten seit Annahme des Wilsonprogramms ihren Staat als bestehend und auch die Deutschen sprechen offen von der Auflösung Oesterreichs und ihrem Anschluß an Deutschland. In dieser kritischen Zeitin letzter Stunde hat nun der Monarch selbst die Abordnungen aller Völker und-Parteien zu sich berufen, um über ihre Wünsche ungetrübte Klarheit zu erhalten. Das System der Verschleierungen hat sich schlecht bewährt. Nunmehr'heißt es den Tatsachen ins Auge sehen und mit aller menschlichen Weisheit einen Ausweg suchen. Die Vertreter aller Völker sind vor dem Kaiser,..erschiene^. „Ein,. Vertreter, des, Jüdische* Volkes wurde nicht berufen.'-'Wie ein Ueberrest aus versunkener 'Zeit, wie eine morsche Säule in einem verfallenen Bau ragt in die heutige Neuordnung noch die letzte Ungerechtigkeit hinein, die Nichtanerkennung des jüdischen Volkes. Ma* Avird . auchhierin verstehen, lernen,. daß solch* Ungerechtigkeit nur zum Schaden gereicht. -Sie 'muß verschwinden, wofern die neue Zeit nicht mit einem Makel befleckt bleiben will. Das jüdische Volk war nicht zum Kaiser berufen. Aber man schien sich dadurch helfen zu wollen, daß man als Vertreter der galizisch-dernokratisciieu Partei den Abgeordneten Heinrich Reizes wählte, von dem man weiß, daß er sich zur jüdischen Nation bekennt Der Abgeordnete Reizes ist weder Angehöriger der „polnischen“, demokratischen Partei, wie einige Blätter, natürlich auch die. „N. Fr. Pr.“, schrieben, noch ist er Zionist, wie andere Blätter meinen (z. B. das „Prager Tagbiatt“). Die galizische demokratische Partei ist keine nationale Gruppe, sondern umfaßt Angehörige verschiedener Nationen. Noch vor der Audienz begann die traurig« Komödie. Als es bekannt wurde, daß auch Reizes geladen ist, meldete sich Herr von Löwenstein, der nicht geladen war, mid setzte durch, daß er noch im letzten Moment ebenfalls berufen wurde. Ais was? Als Mitglied des Polenkiubs und polnischer Nationalist oder als Obmann des Finanzausschusses oder gar ais wichtige Persönlichkeit, auf dessen Ansicht der Kaiser besonderes Gewicht zu legen hat? Der Bericht über die Audienz vermag das Rätsel zu lösen. Löwenstehi hat dem Kaiser versichert, daß jede „polnische Seele" den polnischen Staat wünscht, natürlich auch er sich nur als Bürger des unabhängigen, polnischen Staates fühlt. Dann aber sprach er plötzlich als Jude und versicherte dem Kaiser, wie das Kommuniquee mitteilt, daß die Regierung der Lebensverhältnisse der Juden in Polen selbst im Einvernehmen zwischen Christen und Jude* entschieden werden wird. „Selbstverständlich sei es hiebei, daß im Interesse Polens die .ludenfrage nur im modernen Geiste vollkommener bürgerlicher Gleichberechtigung gelöst werden könne.“ Soweit die' offizielle Mitteilung. Nach Dr. Löwenstein wurden die ukrainischen Abgeordneten Dr. Eugen L e w i c k y und Dr. P etruszewicz empfangen. Der parlamentarische Berichterstatter des „Lemberger Tagblattes“ hatte Gelegenheit, nach der Audienz mit Abg. Petruszewicz zu sprechen und erfuhr folgende interessante Einzelheiten. Als die Ukrainer ihren Wunsch nach Schaffung eines selbständigen, die ruthenischen Gebiete Galiziens: der Bukowina und Ungarns umfassenden Staat aussprachen. Darauf antwortete Petruszewicz, daß das. stärkste Element in Lern-- berg die Juden sind und Dr. Lewicky rügte noch hinzu: „Wenn Majestät an einem Samstag nach