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Jüdische Zeitung · 1918-10-11 · 41 (11.10.1918) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 und nun für ihn cintritt — sofern die Taien des Verfassers seine Worte bestätigen werden. Wir kennen nicht umhin, der politischen Vergangenheit des Herrn Dr. v. Sclnvarz-HiUer zu gedenken, so daß wir sein nationales Erziehungsprogramm nur mit Vorsicht aufnehmen können. Unser Mißtrauen könnte nur durch völlig eindeutige Erklärung und durch die politische Konsequenz dieses .Bekenntnisses zerstört werden. Es ist jetzt nicht die Zeit, mir politischen L'ckennuusscii zu spielen. * Die „Reichspost“ über die Audienz des Oberrabbiners. Die GIo.sse der „Reichspost“ zum Bericht über die Audienz des Oberrabbiners beim Kaiser verdient in mancher Hinsicht Beachtung. Es ist bemerkenswert, daß sich die „Reichspost“ nun schon zum wiederholten Male zustimmend .über die Konstituierung der Juden als Nation in Oesterreich ausspricht Diese Bestrebungen, die Jitdcu „mit allen Titeln und Rechten“ einer Nation auszustatten, können „auf ihre kräftige Unterstützung zählen“. Wenn wir auch nicht verkennen, daß in diesen Bemerkungen feindselige Ironie steckt, so sind sie uns andererseits eine Bestätigung der Wahrheit, daß durch eine natio-. nale Konsolidierung viele Reibungsflächen zwischen Juden und Nichtjuden beseitigt würden und der Antisemitismus, der durch die anmaßende Rclle Jer Juden :m fremdnatV naien Lager nur geschürt wird, an Boden„verlieren müßte. Die christlichsozialen Herren von Wien sollten sich endlich darüber klar werden, daß, wie immer * die Verfassung Oesterreichs geregelt wird, die Viertelmillion Juden, die in Wien lebt, eine Realität darstellt,' mit der man sich auseinandersetzen Tnuß/ ' Mit Schimpfen ist beiden Teilen nicht gedient Außerordentlich töricht und verständnislos sind die ■Bemerkungen der „Reichspost“ über das Streben des jüdischen Volkes nach einer Heimstätte in' Palästina. Nur boshafte Spottsucht kanu hier von „Annexionismus“ sprechen. Wenn auch die christlichen Völker mit Liebe und Sehnsucht an Palästina hängen, so wird gewiß von jüdischer Seite diese Liebe respektiert, werden. Sie sollte aber ein verbindendes und kein trennendes Moment sein. Jedenfalls wird auch die ..Reichspost“ nicht behäunten wollen. . daß :rvend ein christliches Volk Palästina' als Orundlave seiner nationalen Existenz braucht. Auch sie sollte verstehen, daß die nationale Judenschaftetwas ‘ ganz anderes , will, als icne' ..nationalen und relicösen Mittelpunkte“, die sie letzt schon hat. ihr bieten können. Der nationale und rHivm^p Mittelpunkt in Palästina. der das jüdische Volk in der ganzen Welt beleben w’Td. wird auch inr die christlichen Völker von Bedeutuu" srin und wird ihnen helfen, mit der Judenfrage feriinzu werden. * Aktivität und Nervosität In der „Wiener 'Morgenzeitung“ werden wiederholt Stimmen laut, welche sich eindringlich an die zionistische Leitung wenden mit der Mahnung, die Bedeutung der'Stunde "zu erfassen und ebenso wie die anderen Völker eine Willenskundgebung des jüdischen Volkes für die nationalen Rechte der Juden zu veranlassen. Herr Z. Diesendruck fordert die schleunige Einberufung eines jüdischen Kongresses. .Herr Julius Löwy richtet ein „offenes Wort“ aj| unsere Führer. So erfreulich diese Stimmen sind, da sie den Willen zu intensiver politischer Arbeit dokumentieren, so muß doch daran erinnert werden, daß die Politische Aktion ohne Nervosität und im Gefühle der Verantwortung geführt werden muß. Die zionistische Leitungjst sich der Bedeutung der Stunde wohl bewußt lind wird, getragen \ on, Vertrauen der jüdischnatiowden Oeffentlichkeit. mit Unterstützung aller nationalen Kreise die politische Sache des jüdischen Volkes führen. Die Zeit verlangt eine gesie:gerte j o’Ilisclte Aktivität.' doch müssen wir ruhte»* Nerven bewahren und ohne UebereP'ing das Rechte .zu tun versuchen. * Die jüdischen Gefangenen in Rußland und bei uns. Ein aus der russischen Gefangenschaft zuriiekgekehrter jüdischer Soldat bittet uns um Veröffentlichung folgender Zeilen: Als ich aus Rumänien, wo ich seit einem Jahr in Gefangenschaft war, nach Rußland kam, war ich überrascht, daß es mir plötzlich so gut erging. In Rumänien war man immer einsam gewesen und nun gab es Menschen, die für mich und meine Freunde wirkliche Anteilnahme zeigten. Unsere russischen Juden, waren es, die für uns taten, was in ihrer Macht stand. Sie, setzten alles daran, wenn esgalt, unsere Lage .zu verbessern, uns zu. helfen. Sic versahen uns nicht nur mit Nahrung und Kleidern, sie .sorgten auch stets dafür, daß Bücher und Zeitschriften in unsere' Hände gelangten. Unvergeßlich wird es mir bleiben, mit welcher Wärme und Herzlichkeit „wir an den. jüdischen Feiertagen bewirtet 'wurden und wie man neben . den bestehender. Volksküchen eigene Küchen:,für die Feiertage eiiuichtete und die angesehensten Kreise uni unser Wohl bemüht waren. Man merkte immer und überall das innige Bedürfnis, unser ■ Los zu erleichtern. Wie beschämend ist es, dagegen, wenn wir an die Gleichgültigkeit denken, mit der wir unseren russisch-jüdischen Gefangenen hier gegenüberstehen. Ich habe selbst von diesen über die Teilnahmslosigkeit unserer Juden klagen huren. Was hier getan wird, geschieht höchstens aus jenem . gezwungenen Pflichtgefühl „allgemeiner. Menschlichkeit“ heraus, mit der \vir unser Gewissen so gerne, beruhigen. Es wäre endlich an der Zeit, über die bloße Erkenntnis hinaus einen lebendigen Kontakt herzustellen zwischen uns und unseren russischen Glaubcnshrüderii, und es liegt hier an u-ns, ihn zufinden. Ungarn * Jüdischer Jugendtag. Vom 6. bis 8. Oktober marossziget berichtet das Ungarische Telegraphen-Korrespondenzbureau: Montag, ant ' .Abend des jüdischen Versöhnungstages, wurden liier sämtliche Synagogen und Bethäuser von Militärgendarpterie umzingelt lind in ihnen eine Razzia veranstaltet. Mehrere Personen wurden verhaftet, da sie wegen des hohen Feiertages keine Ausweispapiere bei sich hatten. Der PräsU dent der Religionsgemeinde wendete sich unt Schutz an den Bürgermeister, wurde aber nicht mehr in den Tempel eingelassen. In der großen Synagoge der Sephardengemeinde unterbrach der Oberrabbiner den Gottesdienst und bat den Befehlshaber. . den Kordon aufzülösen, er, der Rabbiner. übernehme die volle Verantwortung für seine in der Synagoge betenden Gläubigen. Der Leutnant willfahrte diesem Ansuchen nicht. Darauf - begab sich der Rabbiner mit mehreren der vornehmsten. in der Synagoge weilenden Mitgliedern der Gemeinde zum'Obergespan, doch-wurde der Abordnung mit gefälltem Bajonett der Weg vertreten. Sobald Feldmarschaileutnänt Baron Schilling von dem Skandal erfahren hatte, ließ er das Militär abtreten. Vor den übrigen Bethäusern terrorisierte das Militär die Juden mit dem Gewehrkolben. — Soweit der offizielle Bericht. Man kann sich ■ vorstellen, wie es wirklich gewesen sein muß, wenn das zugegeben wird. Solche unerhörte Brutalität und Roheit ist, nur in Ungarn möglich, das nach der Niederwerfung des Zarismus und nach der wenigstens begonnenen —-. Demokratisierung Deutschlands den letzten Rest asiatischer Barbarei in Europa repräsentiert. Deutschland * Eine freie jüdische Volkshochschule wird von. verschiedenen jüdischen -Organisationen vor- - bereitet, zum Winter, in B e r 1 i n eröffnet werden. Sie hat den Zw eck,.,die Wissenschaft von Juden und Judentum in weite Kreise zu tragen sowie Interesse für die großen Fragen und Bewegungen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zu wecken. Der Lehrbetrieb umfaßt nach Muster der bekannten deutschen Volkshochschulen Vortragszyklen und seminaristische Uebungen und beruht auf dem Prinzip der unbedingten Lehrfreiheit. Jede wissenschaftlich vorgetragene Ansicht soll zu Worte kommen können. Es haben sich bereits, bedeutende Vertreter der jüdischen Geisteswelt, Gelehrte, Rabbiner, namhafte Schriftsteller der ■ Anstalt zur Verfügung gestellt. Näheres wird demnächst bekannt gegeben, werden. * Jüdischer jugendtag. Vom 6. bis 8. Oktober fand iri Berlin der national-jüdische Jugendtag statt Am 5. hielt Martin Bub er •einen, Vortrag über „Das Judentum und die wahre Gemeinschaft“. Der Jugendtag wurde. Sonntag, den 6. d. durch Ansprachen der Her rep Curt Blumenfeld und Walter Moses eröffnet. Nachmittags fand ein Turn-- und Sportfest statt, veranstaltet vom Deutschen Kreis der Jüdischen Turnerschaft. Montag, den 7. wurden, eine allgemeine Aussprache einleitend, folgende Referate gehalten: Moses Calvary, Ferdinand Gstertag: Lrzieiumgsfragen; Viktor Arlosoreff: Die Jugend und das Hebräische; Martin Buber: Jugend und Religion. Dienstag, den 8. wurde die Aussprache vom 7. forgesetzt; sodann referierten Kurt Glaset über „die national-jüdische Schule“ und Walter Moses über „Berufsumschichtung und Palästinaarbeit“; Seinen Abschluß fand der Jugendtag in einem vom Jüdischen Wanderbund Blau-Weiss Berlin veranstalteten Fest im Freien, bei welchem Felix Rosenbliih eine Ansprache an die Jugend hielt. Wir werden'noch genauer, über die bedeutsame Tagung berichten. Polen * Unabhängigkeitserklärung Polens. Das - Manifest des polnischen Regentschaftsrates über die Schaffung eines unabhängigen Staates Polen, der alle polnischen Gebiete umfaßt, ist voneinschneidender Bedeutung" für die politische Gestaltung der Verhältnisse im Osten. Es ist klar, daß eine völlige Losreißuug von den Mittel- , mächten und auch die Einverleibung Galiziens geplant ist. Der polnische_ Staat soll auf breiter demokratischer Grundlage errichtet und durch internationale Verträge garantiert werden. Nunmehr erwächst der polnischen Regierung die nicht mehr aufschiebbare Pflicht, auch die Juden- . frage in demokratischem Sinn zu lösen. Es gibt nur eine befriedigende Lösung, die durch Gewährung der vollen nationalen Autonomie nach dem Personalitätsprinzip. Insbesondere wird dafür zu sorgen sein, daß schon bei Schaffung des Wahlrechtes für den Landtag den Juden die ihnen . zukömmende Vertretung -gewährt wird. - Sollten die Polen nicht , begreifen, daß. sie nur durch eine gerechte und. demokratische Lösung des . Nationalitätenproblems die Daseinsberechtigung ihres Staates erweisen können, so wird es nötig sein, durch einen Druck von außen sie dazu zu zwingen. Die/Mächte, welche die Befreiung der. kleinen, Nationen und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu ihrer Losung gemacht haben, können es nicht -zulassen,. daß die jüdische Minorität in Polen vergewaltigt wird. Die internationale Gatantie, die die Polen für sich verlangen, wird auch den Juden ihren Schutz nicht versagen können. Es ist abzuwarten, ob die Polen ein-’ 'sichtig genug sein werden, zu erkennen, daß eine, gütliche einverständliche Lösung: im Interesse beider Teile vorzuziehen wäre. Rußland . \ * Pogrome in Sibirien. Der „Pester Lloyd“ meldet aus Moskau: Aus' Sibirien kommen zahlreiche Meldungen über Pogrome, die dort gegen jüdische Flüchtlinge veranstaltet wurden . Es handelt sich um Racheakte gegen-die Sowjetregierung, welche * eine’ Anzahl jüdischer Mitglieder hat. Wie man 'sieht, äußert sich überall die Gegnerschaft gegen die Boischewiki in Verfolgung der Juden, andererseits werden die Juden' von den Boischewiki wegen ihrer ablehnenden Haltung verfolgt. Palästina * Die Lage in Nordpalästina. (Tel. d. „J. Z.“l Das Kopenhagener Zionistische Bureau erhielt folgendes Telegramm: Die zionistische Kommission besucht zurzeit die Kolonien Nordpaläsiinäs, Sie fand die Lage in Chedera lind Sichron verhältnismäßig günstig. Jedoch sind große Geld- mittel zweck Ausbesserung der Farmen und des sonstigen Eigentums zur Wiederanschaffung von Vieh notwendig. Ferner sind große Beträge für die Repatriierung der' Evakuierten nötig.’ * Herausgabe eines hebräisch - englischen Wörterbuches in. Palästina. Unter der Aufsicht der Herausgeber der hebräischen Ausgabe der „Palestine News“ "wird in Palästina die Publikation eines hebräisch-englischen tnid englischhebräischen Wörterbuches vorbereitet. Mitteilung des jüdischen National? Vereines Der Nationaivere'in hat in Wien eine großzügige Werbearbeit emgeleitet. welchebereits gute Erfolge gezeitigt hat. Im dritten Gemeindebezirke, nach der Leopoldstadt der judenreichste, hatten die Gg. Bezirksvorstand Dr. Auerbach und Gg Mark u? vorerst eine Sitzung der Vorstände alter jüdischen Vereine des Bezirkes einberufen, in welcher Gg. Ing. Robert Stricker ein Referat über die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller österreichischen Juden -und ihrer, nationalen 'Organisierung erstattete. Alle -Anwesen-' den stimmten den Ausführungen bei und erklärten sich bereit, in außerordentlichen Generalversammlungen für den Eintritt all ihrer Mitglieder in den Nafonalverein zu wirken. In Ausführung dieses Beschlusses haben auch bereits die drei größten Bezirksvereine Versammlungen veranstaltet, in welchen die Gg. Dr. Auerbach. Dr. Plaschkes, Markus und Ing. Stricker referierten. Die in diesen Versammlungen angenommene Resolution lautet: „Die. Erschienenen erklären es als eine eminente Pflicht jedes Juden-, dem mit der Wahrung der Interessen des jüdischen Volkes betrauten. „Jüdischen Nationalverein“ beizutreten. Sie erklären hiemit ihren Beitritt und betrauen die Herren: Dr. Auerbach, Markus, Ungar, Frost, Mehrer, Dressier, Silberstein und Lury mit dem Ausbau der Propaganda für die jüdisch-nationale Idee im dritten Bezirke.“ . Bis heute sind durch d'ese Veranstaltungen dem Vereine mehrere hunderte neue Mitglieder zugeführt worden. Die Aktion wird in den nächsten Tagen in den anderen Bezirken begonnen. Obmann Ing. Robert Stricker, hat vorige Woche im Verbände aller Herren der „Kadimah“ einen Vortrag über politische Lage der Juden ge*- halten. Es wurde der Beschluß^ gefaßt, daß alle Mitglieder dem Jüdischen Nationalvereine beizutreten haben Am 2. Oktober wurde unter dem Vorsitze des Gg. A. Stand die Generalversammlung, bei welcher sich mehrere hundert Mitglieder eingefunder. hatten, abgehalten. Das Referat über den Mitglieder- und, Kassastand ersattete Gg. L. Sitzniann, den Tätigkeitsbericht Obmann R. Stricker, welcher an den Bericht, ein ausführliches Referat über die jüdische Lage und die nächste Arbeit_ anknüpfte. Nach ihm sprach Abgeordneter Dr.' St raue her und Dr. Kadi sch. Dann wurden der Obmann Ing. R. Stricker und der 12gliedrige Ausschuß gewählt. Die Konstituierung erfolgt nächste Woche« Ihr Resultat wird an dieser .Stelle bekanntgegeben werden. ' # ' Beitrittserklärungen und Zuschriften sind zu richten an „Jüdischer Nationalverein-“, Wien, 1I„ Ztrkusgasse 33. Sterbefall. Vorige Woche starb in Wien Herr Zwi Mosche Brainin-Bragfn aus Krasnopolje bei Kiew. Der Verblichene war ein hervorragender I Gesinnungsgenosse und bei allen, die ihn kannten, als edeldenkender Mensch und Wohltäter geschätzt, An seinem Sarge trauern außer seiner aufopferungsfähigen Gattin mehrere Kinder, unter denen der Sekretär des ukrainischen Zionistischen Zentralbureaus, Herr Abraham Brainin, der auch - in Wiener zionistischen Kreisen bekannt 'ist.-Den.- . Angehörigen wcrideLsichdas aufrichtige Mitgefühl ■der österreichischen Zionisten zu. -sr:.

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