Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 41 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 JÜDISCHE ZE1TUNO Seite 5 Zum Distriktstag Am 13. d. M. wird zum ersten Male nach beinahe 5 Jahren der inneröste.rreichische Distriktstag wieder zusammentreten. Er fällt dies-. mal in eine besonders bedeutungsvolle Zeit und so eröffnen sich auch für die kommende Arbeit weite Perspektiven. Während in der ersten Kriegszeit die zionistische Arbeit beinahe ganz lahmgeiegt war, ist jetzt die günstigste Zeit für sie gekommen. Der Zionismus hat seinen Siegeszug durch die Welt gemacht, auch bei uns hat sich die Gesinnung weiter Kreise geändert. Die Früchte sind reif und wir brauchen eigentlich nur , zu ernten. Um so mehr muß es uns klar sein, was wir bisher versäumt haben Es wird Sache des kommenden Distrikts- . komitees sein, das Versäumte nachzuholen. Der Distriktstag wird in dieser Richtung seinen Willen, kundgeben . müssen. Das innerösterreichische Distriktskomitee hat der Natur der Sache, gemäß sein wichtigstes Arbeitsfeld in Wien. Es wird seine Aufgabe sein, die Viertelmillion Juden in- Wien zu zionisieren. Die Widerstände' sind nicht mehr so groß wie einst, ln, kleinen Kreisen wurde bereits in den letzten Monaten in Wien mit großem Erfolg gearbeitet. In der heutigen politisch bewegten Zeit kommt alles darauf an, das jüdische Volk in der zionistischen Organisation zu einem einheitlichen Willen zusammenzufassen. Darüber hinaus aber wird es Sache des Distriktskomitees sein, die Organisation zu beleben und sie zu einem Sammelpunkte wirklicher Arbeit zu machen. Das Bild des Wiener Zionismus hat sich geändert. Die Studenten stehen fast alle im Kriegsdienst und das Verbindungswesen ist beinahe vollständig verschwunden. An seine Stelle ist die .jüdische Jugendbewegung getreten. Innerhalb dieser hat die zionistische .Leitung ein reiches Arbeitsfeld auf dem Gebiete der zionistischen Er- , Ziehung und der Kulturarbeit. Im Rahmen des vom zionistischen Zentralkomitee eingerichteten Arbeitskreises für jüdische Erziehung wird die Distriktsleitung außerordentlich viel zu leisten haben. Andeutungsweise sei nur bemerkt, daß eine der wichtigsten Aufgaben, die Hebräisierung der Jugend, noch nicht im notwendigen Ausmaß in Angriff genommen wurde. Vor allem aber wird es notwendig sein, die bürgerlichen Kreise in 'stärkerer Weise zur zionistischen Arbeit heranzuziehen. Wenn der Zionismus früher in Wien eine Studentenbewegung gewesen ist, so ist heute die Zeit gekommen, ihn auf eine andere Grundlage zu steilen. Denn heute ist er aus dem Stadium der Diskussionen herausgetreten, er greift in die Verhältnisse des wirklichen Lebens ein. Das ganze jüdische Leben wollen wir mit ’ zionistischem Geist erfüllen. Die Zustände in der Gemeinde und im politischen Leben erfordern die tätige Stellungnahme der Bürgerschaft. Es ist eine Aufgabe der zionistischen Distriktsleitung, die propagandistische Kleinarbeit zu leisten und den zionistischen Geist in die jüdische Masse zu tragen. , Nicht, minder wichtig, wird es sein, die Vorai beiten für Palästina energisch in die Hand zu nehmen .Hier bietet wieder der Arbeitskreis für Palästina Möglichkeiten. Vor allem muß eine Zusammenfassung aller jener Elemente erfolgen, weiche sich für Uebersiedlung nach Palästina vorzubereiten gedenken. Nicht nur durch Beratung, sondern aiich durch Schaffung lokaler Institutionen muß dieses Streben gefördert werden. Ebenso wichtig ist die Verbreitung der Kenntnis von Palästina und die Sammlung der ‘ Kapitalien. Eine weitere Aufgabe wird der Ausbau der Provinzorganisation, sein. Auch hier bietet sich dem Distriktskomitee ein weites' Arbeitsfeld. Viele Kleinstädte der österreichischen' Provinz wurden bisher völlig vernachlässigt, obwohl dort , wertvolle Kräfte für den Zionismus fruchtbar gemacht werden könnten. Es sollte hier nur. andeutungsweise auf die ' Bedeutung der bevorstehenden Tagung hingewiesen werden. Wir hoffen, daß der Distriktstäg im Bewußtsein der Wichtigkeit seiner Aufgabe mit Ernst und Sachlichkeit beraten und der künftigen Leitung Richtlinien für ihre Arbeit geben wiid. Die Leitung aber wird dann mit aller Energie an die Arbeit gehen müssen. Zionistische Bewegung An die Zionisten Oesterreichs! . Die Neuordnung der Weit, die sich jetzt vorbereitet, darf nicht geschehen, ohne daß auch unserem Volke das Recht auf freie nationale Entwicklung gegeben und unser Streben nach einer nationalen Heimstätte in Palästina’ erfüllt wird. In allen Ländern sind unsere Forderungen von der überwältigenden Mehrheit des Volkes öffentlich erhoben worden, um auch auf dem Friedenskongreß gestellt zu werden. Auch in Oesterreich hat der zionistische Gedanke mächtige Fortschritte gemacht. Es ist die Sache der Zionisten, die gegenwärtige Stunde nicht ungenützt verstreichen zu lassen und das ganze Volk für eine einmütige Willenskundgebung im Sinne des zionistischen Programms zu gewinnen. Unsere Forderung nach einer nationalen Heimstätte in Palästina hat bereits die Zustimmung der meisten Mächte gefunden. Unsere nationalen Rechte auch in den Ländern der Zerstreuung durchzusetzen, wird eine Sache unserer politischen Aktivität sein. Insbesondere dürfen wir bei der Neugestaltung Oesterreichs nicht übergangen werden. Wir fordern Euch daher auf, überall in der Oefientlichkeit die Stimme zu erheben, in großen Versammlungen und Kundgebungen unsere Forderungen zu verkünden. Nur wenn wir selbst unseren unbeugsamen Willen dokumentieren. wird man uns hören. Die Zionistische Leitung ist sich der großen Verantwortung, die der gegenwärtige Moment ihr auierlegt, wohl bewußt. Was wir jetzt, gestützt auf die Massen des Volkes, in einzelnen Kundgebungen vorbereiten, muß zu einem gewaltigeif Instrument unseres Willens zusammengefaßt werden. Die Reichskonferenz der zionistischen Vertrauensmänner Oesterreichs ist für den 20. Oktober nach Wien einberuien. Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs. Propagandafonds Damit im gegenwärtigen wichtigen Augenblick die politische und propagandistische Tätigkeit der zionistischen Leitung nicht durch kleinliche materielle Rücksichten in ihrer Großzügig-- keit beeinträchtigt wird, wurde beschlossen, einen Hropagandafonds zu begründen. Dieser Fonds soll durch eine Art, nationale Subskription innerhalb kurzer Zeit auf bedeutende Höhe gebracht werden. Alle Völker leisten ihr Aeußerstes, bieten alle materiellen Mittel auf, um in diesem entscheidenden Zeitpunkt ihr politisches und nationales Ziel mit dem entsprechenden Nachdruck vertreten zu können. Die-jüdischnationale Bewegung muß sich an diesenVölkern ein Beispiel nehmen, ln dieser Stünde gibt es nur ein gemeinsames, nationales Interüsse, egoistische Engherzigkeit darf es in unseren Reihen nicht geben Wir erwarten, daß jeder Zionist diesmal wirklich das Aeußerste leisten wird. In einer Zusammenkunft am Samstag Abend würden vorläufig folgende Beträge gezeichnet: Benno Rosenstrauch Mk. 1000.—, Heinrich Bard K 500.—, Frau Erna Patak K 500.—. N. N. K -400.—. Eisig Torczyner K 200.—, Isak Brandstetter K 100.—, Adolf Bojko K 200.—, Isidor Brauner K 100.—, Arnold Schneider K!00.—, Dr. Mayer Präger K 100.—. S. Kohn K 200.—. Zionistisches Leben in der Ukraine Wir erhielten ein Heft der (hebräischen) „Nachrichten des Zentralbureaus der zionistischen Organisation in der Ukraine“ vom August 1. J. Das Heft enthält die in der letzten Zeit gefaßten Beschlüsse und ausgegebenen Rundschreiben und spiegelt so die. lebhafte Bewegung, welche unter den ukrainischen Zionisten herrscht, sowie das stürmische Bestreben:, die in den Kriegsjahren versäumte Arbeit nachzuholen und die Organisation den neuen Verhältnissen gemäß umzubauen, Besonders beansprucht haben die Aufmerksamkeit der Organisation die neuen, auf demokratischer Basis gewählten Gemeinden. Besonders inden kleinen Gemeinden fehlt es vielfach an Männern, welche die neue Gemeindeverfassung entsprechend zubenützen - verstehen, so, 'daß die Parteileitung ein Musterstatut herauszugeben für nötig fand. Einen großen Raum nehmen in den Berichten die Vorbereitungen für die Pa I ä s ti na w oc h e ein. Die Palästinawoche sollte in einem Augenblick, wo die Losung „Palästina den Juden“ weltpolitische Bedeutung gewonnen hat, den jüdischen Massen die Bedeutung dieser Tatsache klar machen und Palästina aus einem geographischen und geschichtlichen Begriff in eine konkrete, mit dem realen Leben verbundene Vorstellung verwandeln. Die Vorbereitungen waren großzügig. Nicht weniger als 150.000 Rubel bewilligte das Zentralkomitee als Voranschlag der, Palästmawoche. In Kiew und Jekaterinoslav wurden eigene dreitägige Propagandakurse für die Agita- . toren der Palästinawoche abgehalten. Die Ausgabe von Tageszeitungen in hebräischer, jiddischer und russischer Sprache für die Dauer der Woche wurde beschlossen und die Zeitungen „Erde und Arbeit“ und „Auf der Wach“ bereiteten Extraausgaben vor. Für Oktober ist ein Parteitag der ukrainischen Zionisten einberufen . Die „Nachrichten“ berichten über eine ganze Zahl neuer zionistfscher Schriften. Die Ausgabe einer Tageszeitung „Das Volk“ wird vorbereitet. . Im ganzen spricht aus allen Rundschreiben der ukrainischen zionistischen Leitung der Ton einer straffen Organisation, so daß die Zirkulareoft wie Befehle klingen. Konferenz der Zeire Zion in Polen Chol Hamoed Sukkoth fand in Warschau eine Konferenz der Zeire Zton statt, über deren Verlauf V/ir der „fiazeiivah“ entnehmen. Anwesend waren 40 Delegierte und eine große Zahl von Gästen. Das Programm der Zeire Zion entwickelte J. Schweiger. Aufgabe der Z. Z. ist die Vertretung der demokratischen Ideen in der zionistischen Organisation. Die Z. Z. anerkennen das Galuth als Realität und verlangen daher von den Zionisten ernste Anstrengungen zur Erlangung unserer Rechte. als nationale Minorität. Die Z. Z. sehen die jüdische Gegenwart im Zusammenhang mit unserer Geschichte, daher erkennen ste Hebräisch als Nationalsprache an, ohne aber deswegen ihre Augen davor zu schließen, daß Jiddisch dis Umgangssprache unserer Massen ist Der Redner verfangt für die polnischen Juden die national-personelle- Autonomie. ln Palästina übergehend, führt er aus, daß einzig die Arbeit uns Rechte auf Palästina geben kann. Die Z. Z. werden sich gegen jeden. Versuch wehre11.: die Araber zu benachteiligen. Bezüglich der Stellung der Z. Z. innerhalb der Organisation führte der Referent aus, daß die Zeire Zion den Fehler der Poale Zion nicht wiederholen und-nicht aus d-er-OFgaitisation-austreten, vielmehr bestrebt sein werden, ihre Grundsätze innerhalb der Organisation durchzusetzen. In der Wechselrede wurde ausgeführt, daß der heftige Kampf, den in letzter Zeit der „Bund“ gegen die Zeire Zion führe, ein Beweis für die Stärke der jungen Organisation sei. Es wurde die Gründung eines Organs der Zeire Zion verlangt. Ueber die praktische Vorbereitung f il r Palästina referierte Itkin. Palästina wird nicht durch das Kapital wieder auigebaut werden, sondern durch die Arbeit. Die erste Aufgabe ist Schaffung einer jüdischen Majorität, der erste Schritt dazu die Arbeit. Es müssen soiorr überall Hechaluzgruppen gegründet werden, die sich aber nicht von ökonomischen, sondern von idealistischen Gründen leiten lassen müssen. Der Hechaluz muß eine Friedensarmee mit militärischer Disziplin sein, die jedem seinen Platz anweist, sich aber nicht nur auf landwirtschaftliche Arbeit beschränkt. Schweiger referierte über die Aufgaben in Palästina und unsere Beziehungen zu den Arabern.- Er polemisierte gegen die Ansicht, daß der Zionismus heute keine Politik machen dürfe, weil er sonst den herrschenden Gesellschaftsformen Konzessionen zu machen gezwungen sei. Die jüdische Politik müsse eben anderer Art. s e i n-: sittlich und demokratisch. Das Los des jüdischen Voikes sei mit dem der Demokratie verbünden. Der Redner spricht sich gegen ' die jüdischen Legionen aus. In unserer Geschichte soll es keine roter. Seiten geben. Bezüglich der Araberfrage führt er aus, daß wir unsere Rechte in Palästina einzig auf die Arbeit gründen wollen Tun wir dies, so ist die Araberfrage gelöst: wer arbeitet, hat Rechte im Lande. Unser Bestreben ist: eine Majorität arbeitender Juden zu schaffen. In die Debatte griff auch der Vertrete; des A. C Julius Berger ein. Er erklärte, daß d;c Leitung durchaus auf demokratischer Basis stehe. Wir wollen die kapitalistische Ordnung nicht nach Palästina bringen. Unser Ziel ist soziale Gerechtigkeit in Palästina, und dieses Ziel erstreben wir nicht als Sozialisten, sondern als Juden. Berger spricht sich gegen einseitige Festlegung der Hechaluzbewegung auf landwirtschaftliche Arbeit aus. Berichte und Korrespondenzen Lemberger Brief (Von unserem Korrespondenten.) In aller Stille wurde wieder über unsere Köpfe hinweg eine tief einschneidende Landesangelegenheit durch die Zentralregierung mit den Polen und Ukrainern erledigt: Die Teilung des k. k. Büros des Kriegswitwen- und Waisenfonds in je eine polnische und ukrainische Sektion für Galizien. Aber wir müssen es gestehen, nicht die österreichische Regierung trägt daran die Schuld, daß die Bildung einer autonomen jüdischen Sektion nicht zustande kam, sondern unsere Kultusgemeindeiiihrer und leider wir selbst. Die Vorgeschichte dieses traurigen Ereignisses ist folgende: Generalsekretär des k. k. Kriegswitwen- und Waiseufonds Wesner unterbreitete seinerzeit dem Leiter des k. k. Kriegsfürsorgebüros in Wien. Hofrat Brückner, den Vorschlag, das Landesbüro des Fondes für Galizien in gleichberechtigte drei nationale Sekitonen, eine polnische, ukrainische und jüdische zu teilen und die Fonds propcrtioneli nach der Bevölkerungszahl unter diese aufzuieilen. Hofrat Brückner akzeptierte diesen Plan und beauftragte den Generalsekretär Wegner mit dessen Durchführung. Zii diesem Zwecks wandte sich letzterer an den Leiter der Lemberger Kultusgemeinde mit der Anfrage, ob dieser mit dem Vorschläge einverstanden sei. Dr Parnas- - dies der gegenwärtige Regie-- rungskomrnissär und Leiter der hiesigen Kultusgemeinde — lehnte in ganz unverantwortlicher Weise diesen Vorschlag ab und sprach sich für die Zusammen werfung der jüdischen Witwen-und Waisen mit den' polnischen aus. Auf Grund dieses „Gutachtens“ wurde die Konstituierung derpolnisch-jüdischen und ukrainischen Sektion des Kriegswitwen- und VVaisenfonds für Samstag, den 2. v. M. anberaumt. Allerdings hat die Leitung der Kriegsfürsorge nicht den richtigen Weg eingeschlagen, um die aufrichtige und wahre Meinung des galfzischen Judentums zu erfahren. Sie wandte sich nicht an die berufenen und autoritativen Repräsentanten des Judentums. Dr. Parnass ist absolut nicht der durch den Willen des Volkes zum- Führer erhobene Mann der Lemberger jüdischen Gemeinde. Die österreichische Regierung hätte in einer solchen hochwichtigen Angelegenheit sich an die Führer der größten Partei im galizischen Judentume, an die Zienisteniiihrer, zumimlestens an die Führer sämtlicher jüdischen Parteien wenden sollen. Herr Dr. Parnass ist insbesondere als Regierungskommissär nicht berufen und auch nicht befugt, den Willen des jüdischen Volkes kundzutun. ln letzter Stunde — immer in letzter Stunde — erfuhr die Parteileitung in Lemberg von der bevorstehenden Konstituierung der Sektionen und entsandte eine Deputation, bestehend aus den Gg. Dr. Schmorak und Dr. M iinze r. zum Regieriingskommissär der Lemberger Kultusgemeinde Dr. Parnass, um bei ihm die Vereitlung dieser Zweiteilung und Durchsetzung der Dreiteilung zu erwirken. Dr. Parnass sprach sich gegeu die Bildung einer jüdischen Sektion aus und versprach nur, die Interessen der jüdischen Witwen und Waisen innerhalb der polnischen Sektion kräftigst und wärmstens zu vertreten. Nichtsdestoweniger war die Folge der zionistischen Intervention diese, daß in der polnischen Sektion eine jüdische Untersektion. bestehend auf vier Mitgliedern aus den Kreseit der Assimilantem eingesetzte wurde. Ob i - ii- ^‘■rT’nfiWr'jrBniirirfffiffTiia iir.vnr -n-'nTr iimii-m i6iraii^vg^'Tii--^r^i^-^yv'S6i'