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Jüdische Zeitung · 1918-10-11 · 41 (11.10.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
41 (11.10.1918)
Date
1918-10-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Öeite 5 Und cs ist zu beiürchten, daß, wenn auch weiterhin diese Entwicklungim selben Tempo fortschreitet, der industriell-hand werkschaftliche Posten ganz von nichtjüdischen Elementen ausgefüllt sein wird. Und die maßgebenden Faktoren in Galizien scheinen auch zielbewußt darauf hinzuarbeiten. Landesindustrie id est nichtjüdische Industrie. Diese zwei Begriffe sind so stark miteinander verstrickt im Geiste der galizischen Volksmassen, daß es beinahe keine Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren gibt. Die antisemitische Tätigkeit der „Liga“, die nicht vereinzelt-dasteht, ist noch genügend frisch in Unserem Gedächtnis. Und dies alles geschieht, trotzdem die materiellen Mittel dieses -beglückenden Landes und staatlichen Institutionen zum größten Teil aus jüdischen Taschen stammen und keine Schichte so sehr von der Last der Landessteuer niedergedrückt wird, wie der jüdische Mittelstand. Und doch schadet ein faktisch und systematisch ausgeübter Boykott keiner so sehr wie der eigenen Landesindustrie, weil ja das polnische Volk keineswegs ohne die Juden die Industrie tördein kann, denn der jüdische Mitarbeiter ist imstande, das Land von der Ueberflutung einer fremden Industrie zu schützen. Roger Battaglia, ein „klassischer Zeuge“, sagt über die Juden Galiziens folgendes aus: Die Juden haben den größten Anteil an der Schaffung und Entwicklung unserer großen sowie mittleren Industrie und wirken in dieser Beziehung erzieherisch und belehrend auf die Bevölkerung. Allein das Gros des polnischen Volkes ist weit entfernt von dieser Loyalität und verlangt „Sühne“ für unsere „Sünden", weshalb wir uns rechtzeitig nach einer Hilfe umschen müssen, wenn wir nicht ganz zusammenbreeiien sollen. Diese Hilfe ist die Organisation, die die jüdischen - Kräfte konzentrieren und auf produktive Bahnen 1 lenken würde. . Angesichts dessen, daß fernerhin die Tendenz besteht, die sogenannten unqiraiifizerten Kräfte aus der Handwerkerschaft auszuschalten — und wie viele jüdische Handwerker sind im glücklichen Besitze eines „Befähigungsnachweises“?! — ergibt,, sich von selbst der Punkt, wo die Hebel ansetzen“ müssen, wenn wir unseren Volksmassen in Galizien zu einem menschenmöglichen Dasein verhelfen wollen. „W.ir müssen die ganze Fürder ungsaktion der technischen Ausbildung der Lehrlinge. Gesellen und Meister in die eigene Hand nehmen. Und dieser unserer Aufgabe können wir gerecht werden durch Gründung von B e r u f s s c h u 1 en. Errichtung von Fach kti rsen und Austeilung von fachmännischen W a n d e r 1 e h t t r n, durch Ausstellungen, Vorträge und Demonstrationen aus dem Gebiete des Handwerks -.-alles, d! es in eigener Verwaltung oder im Einverständnisse mit den bereits existierenden Landes - und Staatsinstitutionen, wo selbstverständlich eine solche Verständigung; möglich und aussichtsreich ist.“ Eine Fülle von Anregungen bietet der gediegene Aufsatz über den jüdischen Handel in Galizien und vor allem der über den. jüdischen Kredit. „Wieviel jüdische Existenzen, heißt es an einer Stelle, könnten wir mit unserem Gelde retten, wie viele Schulen und Erziehungsheime für jüdische Handwerker und Kaufleute könnte man erhalten oder subventionieren mit Hilfe der Profite, die die winzigen Spareinlagen unseres Volkes einbringen. So aber werfen wir — wie komisch auch das sein mag — mit königlicher Geste 'unseren schwer erworbenen Kreuzer denjenigen unter die Füße, die' sich die Vernichtung unse'rer Produktion oft zum Ziele setzen. ' Nur korporative Kreditgeselischaften, netzartig über das ganze Land verbreitet, werden imstande. sein, all die Säite aufzusaugen, die jetzt in fremden Adern fließen und sie. dorthin zuzaführen, wo sie belebend und gesundheitfördernd auf unseren national-wirtschaftlichen Organismus wirken können.“ Dr. Tennenbaum entwirft einen beachtenswerten Plan betreffend den Ausbau des jiid'schen Kreditwesens in Galizien und meint ganz richtig, daß sich auch die Mittel hiezu fänden, wenn die piiilantropischen. Institutionen aus dem Westen, wie die Ica, die Allianz und der rlilisverein die jährlich für Galizien gespendeten Millionen vermittelst der projektierten jüdischen Zentralbank volksbeglückenden und gleichzeitig gewinnversprhehenden Unternehmungen zuführen würden. y * - tf! Durch die Klarheit der Konzeption und die temperamentvoll-prägnante Ausdrucksweise verlieh der Autor seinen Gedanken Ueberzeugungskraft. Selbst die Intelligenz unserer Nachbarvölker in Galizien, müßte bei der Lektüre dieser Aufsätze zur Revision ihrer Ansichten in jüdischen Wirtschaftslagen ajjgeregt werden. Uns aber, den galizischen Juden, sei das ■ Buch ein Mahnruf in ernster Zeit, ein wirtschaftlicher Weckruf, in welchem Sinne auch der Autor sein Werk geschrieben wissen wollte, i A. Zwi Dobschiitz, Wien. Per Schekel ist der Grundstein der zionistischen Organisation. Die Zahlung des Schekels (K 2.—) ist das erste Bekenntnis zum Zionismus. Entgegennahme im Zion. Bureau, Wien, II Zirkusgasse 33. Der jüdische Gemeindebund in Rußland Die Moskauer Gründungskonferenz. Das jüdische Preßbüro in Stockholm berichtet: Wie wir seinerzeit gemeldet, fand Anfang Juli eine Konferenz der jüdischen Gemeinden Zentralt iiülands statt, dii einen Bund der'jüdischen Gemeinden ins Leben rief. Infolge der Kommtmikationsschwierigkeiten sind wir erst jetzt Ln deg Besitz eines• ausführlichen Konferenzberichtes und des Wortlautes der Kontereiizbeschlüsse gelangt. Aus dem Verlaufe der Konferenz und den gefaßten Beschlüssen erhellt, daß es sich um eine höchst wichtige Tagung handelte, die von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der großen Judenheit sein muß. (Für uns in Oesterreich ist dieser Bericht besonders beachtenswert, weil auch bei uns die gründliche demokratische Umgestaltung der jüdschen Gemeinden — das Wort „Kultusgeineinde“ ist längst überlebt und muß verschwindet\ — ein nicht aufzuhaltendes Erfordernis der Stunde ist. — Die Red. d. „Jüd. Ztg.") Um sich einen Begriff von den Problemen zu machen, welche die Konferenz zu lösen hatte, muß man sich vor Augen halten, daß die russische Revolution nicht nur die Dembkratisierumg der jüdischen Gemeinden herbeigeiührt, sondern auch ihre Organisierung erss ermöglicht hat, da das Gesetz unter dem Zarismus die Existenz einer jüdischen Gemeinde überhaupt nicht kannte (die Gesetzgebung des Zarismus anerkannte nur die jüdische Synagoge als ein in seiner Kompetenz äußerst beschränktes jüdisches Verwaltungsorgan) und die Revolutionsperiode bisher nur die Ausnahinsgesetze gegen die Juden abgeschaif: hat. . Ueber drei Hauptfragen mußten die Vertreter der jüdischen Gemeinden schlüssig werden: über den allgemeinen Charakter, welcher der reorganisierten jüdischen Gemeinde gegeben werden soll, d. lt über ihre Verfassung, ferner über die Schaffung eines Gemeindebundes mit einem Zentralorgan an der Spitze und endlich über das Verhältnis dieses Zentralorgans zu den verschiedenen jüdischen Zentralorganisationen, die zu verschiedenen Zeiten und namentlich während des Krieges entstanden und in Ermangelung einer rechtmäßigen Selbstverwaltung der russischen Judenheit für die Befriedigung allgemeiner jüdischer-Bedürfnisse recht und schlecht Sorge trugen. Die Konferenz setzte sich zusammen aus 149 Delegierten, die 40 jüdische Gemeinden vertraten und aus Vertretern der jüdischen Landesorganisationen, die au den Verhandlungen mit Beratungsstimtne teilnahmen. Sämtliche politischen Richtungen der russischen Judenheit waren aut der Konferenz vertreten. Von den Delegierten waren 45 Prozent bürgerliche Zionisten. Es verdient erwähnt zu werden, daß die Verhandlungen im Allgemeinen in einem sehr versöhnliche» Geiste geführt und daß die Beschlüsse in allen wichtigen Fragen einstimmig gefaßt wurden. Zu diesem so günstigen Verlauf der Beratungen hat in hohem Maße der Zuschluß des Organisationskomitees der Konferenz beigetragen, der die Behandlung strittiger prinzipieller Fragen hinsichtlich des Charakters und der Aufgaben der Gemeinden (Weltlichkeit der Gemeinden, Sprachfrage in der Schule, Zulassung getaufter Juden und dergleichen mehr) aus den Konferenzberatungen ausschaltete. Bezüglich der Verfassung der Gemeinde faßte die Konferenz folgende Beschlüsse. Die Gemeinde ist das lokale Organ der Selbstverwaltung des jüdischen Volkes. Als öffentlich-rechtlicher juridischer Person unterstehen ihr in den Grenzen rlrre«- Kompetenz die Angelegenheiten. der jüdischen Bevölkerung. Der Gemeinde gehören alle Juden an, die im betreffenden Orte wohnen. Die lokale Selbstverwaltung des jüdischen Volkes wird durch den Gemeinderat ausgeübt, der von der lokalen, jüdischen Bevölkerung im Wege allgemeiner (ohne Unterschied des Geschlechtes) gleicher, direkter, geheimer Wahl nach dem Proporzsystem für die Dauer von zwei Jahren gewählt wird. Das aktive und passive Wah'recht besitzen alle 20jährigen Juden, die tm betreffenden Orte wohnen, nicht weniger als einen Monat bis zur Wahl wohnen. Der Qemeinderat vertritt die jüdische Gemeinde vor der Staatsmacht und den Organen der Selbstverwaltung. In einer folgenden Resolution werden' die Rechte und Pflichten des Gemeinderates im einzelnen aufgezähit und das Steuerrechr der Gemeinde festgesetzt. Eine weitere Resolution lautet: Alles, was die Staatsmacht hinsichtlich der jüdischen Bürger unternimmt, geschieht, insofern die betreffenden Angelegenheiten in die Kompetenz der Gemeindeautonomie gehören, durch den Gemeinderat. Die Summen, die der Staat und die Organe der lokalen oder Semstwoverwaltungen oder andere Institutionen zur Befriedigung der Bedürfnisse des jüdischen Volkes bestimmen, müssen den Gemeinden überwiesen werden. Unter den Richtlinien für das Finanz- und Steuersystem der Gemeinden befinden sich die Bestimmungen, daß der Staat und die Selbstverwaltungen den entsprechenden Teil der Aufgaben für die Befriedigung der Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung zu decken haben und daß unter den eigenen Einnahmen der Gemeinde die progressive Einkommensteuer die Haupteinnahmequelle bilden muß. Ferner wurde bestimmt, daß die Fleisch- und Lichtsiteuer, um deren Abschaffung die jüdische Bevölkerung Jahrzehnte hindurch vergeblich angekämpft hat, in der demokratisierten Gemeinde nicht geduldet werden dürfen. VEREIN JÜDISCHER HOCHSCHÜLER „CHERUT Samstag, den 19. Oktober Im Festsaale des Hotels Continental, II., Taborstr.6 JISKOR-ABEND gewidmet dem Andenken der gefall. Schomrim und Arbeiter in Palästina M i t wi r k e n d e : Festredner: Redakteur AL Singer; Herr Torczyner, Miglied d. Komödienhauses, und Herr Deutsch, Mitglied der Jüd. Bühne, werden aus dem Buch Jiskor vorlesen; Frl. Carmen Ziner, Violiuvirtuosin; Frl. Coko Pawel. Cello.u. Frl. Nelly Friedländ-er, Mitglieder d, Mttsikvereines werden jüd. Kompositionen vortragen. Karten von K 2.— bis K 10.— zu haben in der Buchhandlung Löwit. I.. Rotenturmstraße 22 und in der Red. d. „Jiid Arbeiters“. II.. Glockengüsse 6. In einer Reihe von Resolutionen werden die Aufgaben der Zentralverwalnmg der Gemeinde genau umschrieben, ln erster Linie stehen hier die Schaffung von Einrichtungen aller Art für das gesamte russische Judentum, die Unterstützung kleiner, wenig leistungsfähiger Gemeinden, die Befestigung der alten Gemeinden und die Organisierung von Gemeinden in den Orten, wo solche noch nicht bestehen, die Vertretung der Gemeinde nach außen. Prinzipielle Fragen wie die Fragen der Weltlichkeit der Gemeinde und der Schule, die Sprachenfrage in der Schule und dergleichen, fallen nicht in die Kompetenz der Zentralverwaltung. Zur Bestreitung der Ausgaben der Zentralverwaltung müssen die Gemeinden 5 bis 10 Prozent ihrer Einnahmen an sie abfiihren. Am meisten gingen die Meinungen auseinander in der Frage, wie das Verhältnis des Gemeindebundes zu den bestehenden jüdischen Zentralorganisationen sich gestatten soll. Die große Umwälzung in Rußland, die auch im jüdischen Leben alles über den Haufen warf, hat diesen Organisationen viel von ihrer früheren Bedeutung genommen. Die Konferenz einigte sich aui den Kompromissvorschlag. daß die Funktionen der Zentralarganisationen allmählich an den Gemeindebund übergehen und daß in der Zwischenzeit der Gemeindebund mit den Zemralorganisationeti Hand in Hand arbeiten soll. Bezüglich der jüdischen Kriegsopfer wurde eine Anzahl Resolutionen geiaßt. Eine derselben lautet: Die Konferenz ist der Ansicht, daß auf die Tagesordnung des internationalen Friedenskongresses die Frage der vonseiten der betreffenden Staaten zu leistenden Hilfe für den Wiederaufbau der Wirtschaft der von dem Kriege heimgesuchten Bevölkerung und die Erstattung ihrer Schäden gesetzt werden muß. Die Konferenz schlägt dem zukünftigen Zentralorgan vor, die Frage zu prüfen, wie eine nationale Anleihe für den in vorigem Punkte angegebenen Zweck durchzuiiihren ist. Die Konferenz faßte ferner Protestresolutionen gegen die Judenpogrome und gegen die Auflösung der jüdisch.en Gemeinden durch lokale Sowjetmacht in mehreren Städten. Die Konferenz setzte ein Zentralorgan ein, das aus 40 Mitgliedern besteht, von denen 15 das Präsidium bilden. Dem Zentralorgan gehören Vertreter sämtlicher jüdischen Parteien an. Der Sitz des Zentralorgans ist Moskau. oaoaoaoBoaoaoBOBoaoao RUNDSCHAU Inland * Die Deklaration Dr. Strauchers. Die Erklärung. welche Dr. Straucher als Abgeordneter des jüdischen Volkes im Parlament abgegeben hat. wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Zum erstenmal wurde im österreichischen Abgeordnetenhaus mit solcher Entschiedenheit das Postulat einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina aufgestellt und die Solidarität des -jüdischen Volkes der ganzen Welt, das in diesen Tagen mehr als jemals sich als nationale Einheit fühlt.* proklamiert. Leider ist das? österreichische Abgeordnetenhaus heute nicht mehr das geeignete Forum. Es macht den Eindruck, als ob es sich im Zustand der Auflösung befände, die Redner sprechen vor total leeren Bänken und die Abgeordneten aller Völker scheinen andere wichtigere Sorgen zu haben als die österreichische Politik. Dennoch wird Dr. Strauchers Rede gehört werden: sie wird im In- und Auslände, überall, wo Juden wohnen, einen lebhaften Widerhall finden. Im Gegensatz zu den anderen Völkern, die im Hause zu \Yprt gekommen sind, ist das jüdische Volk in alle Länder zerstreut .aui daher wird gerade diese Rede viel ” eiter gehört werden als alle anderen. * Dr. Rudolf R. v. Schwarz-Hiller. Gemeinderat der Stadt Wien und Leiter der Zentralstel’e für Kriegsfiiiclitlinge. hat in einem hiesigen Blatte einen Aufsatz übe die jüdischen Kinder aus dem Osten veröffentlicht, der auch in mehreren jüdischen Organen abgedruckt wurde. Er spricht darin von der nationalen Bedeutung der Erziehung des Nachwuchses für ein Volk und schließt mit dem Ausblick auf das neue jüdische Leben in Erez IsraeL Die geäußerten Anschauungen würden eine erfreuliche Entwicklung andeuten, die Wandlung eines Mannes, der den jüdischen Nationalismus noch vor einigen Jahren erbittert bekämpft hat

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