Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 haupfuog ist. Der Zionismus ist ein Willensphänomen und keine Theorie, er ist geboren aus der psychischen Grund tendenz* der Schmach des heutigen Judentums ein Ende zu bereiten. Die Empfindung dieser Schmach und der Wille, sie zu tilgen, das sind die elementaren seelischen und allgemein menschlichen Komponenten des zionistischen Willens. Ist dieser, durch die Kraft der Erkenntnis und durch die Erweckung urjüdischer Tendenzen zürn Streben nach dem Palästinaziel gelangt, dann ergeben sich für den Träger zionistischen Willens daraus die Folgerungen, wie dieses Ziel, das er der ganzen Judenheit stellt, zu erreichen ist. So kommt er auch zur GaluthaTbeit. aber nicht dadurch, daß er ausrechnet, daß noch so und so viel Juden im Galuth bleiben müssen. Es ist schon'falsch, wenn der Zionismus immer als ..Palästinagedanke“ bezeichnet wird. Der Zionismus ist kein „Palästinagedanke“, sondern ein die Totaljtäl des Judentums umfassendes Ideal' „Zion ist mehr als Palästina“, in jedem Sinne. Ich kann nicht davon ablassen, die fortwährende Zweiteilung von Palästina und Galuth als eine rein geographische Anschauung, die das zionistische Ein lt ei ts ideal zerreißt, zu bezeichnen. Der Zionismus muß auch Galutharbeit leisten, folglich ist dertialuthgeJanive eine ixomponente des Zionismus! Welche Verkehrung aller Begriffe liegt in dieser Theorie! ln Wahrheit ist es umgekehrt. Aus dein zionistischen Programm folgt unter anderem aucii die Galutharbeit, nicht aber kann jemals Zionismus hervorgehen aus Galutharbeit plus Palästinaarbeit. Als ich vor mehr als einem Jahrzehnt, nach den Rcichsratswahlen 1907, in der „Welt“, die damals der Innenpolitik noch recht skeptisch gegenüberstand, diese theoretisch zu rechtfertigen unternahm, da sprach ich nicht von Statistik, von Zahlen und Materiellem, auch nicht von der nötigen Erweiterung des zionistischen Programmes, sondern von Psychologie; ich erklärte die Aufnahme der GaluthpolLtik durch die Zionisten aus dem zionistischen Bewußtsein heraus: „Zionismus heißt streben nach jüdischer Vollexistenz. Es ist deshalb unvermeidlich, daß der Zionist dort, wo er hofft, wenigstens ein Stückchen dieser Vollexistenz (durch nationale Autonomie im Galuth) zu erreichen, danach strebt.“ Mit diesem Zitat ist die Situation genügend beleuchtet. Es gibt nur eine ganz eindeutige zionistische Idee, die eine „Erweiterung“ schon deshalb gar nicht erfahren kann, weil sie, wie es gesagt wurde, ein „unendliches Ideal“ ist. Ueber_die Wege, die zu seiner fortschreitenden, nie vollendeten Realisierung führen, wird es gewiß Meinungsverschiedenheiten geben. Aber'diese „Wege“ können sich doch nicht emanzipieren, ja sogar sich seihst als Voraussetzungen zur Bildung des , Ideals erklären! Diese Wege haben vielmehr nach Zion zu führen, tun sie es nicht, dann sind sie Irrwege. Sie können daher nur gerechtfertigt werden durch Prüfung auf ihren zionistischen Gehalt, durch die Uebereinstimmung ihrer Richtung mit der Willenstendenz des Zionismus, wie ich es in obigem Zitat getan habe. J ede andere theoretische Fundierung, die mit Dingen operiert, die außerhalb des zionistischen Willens liegen, ist eine irrige. Die Diskussion kaim mit diesem „Schlußwort“ gewiß nicht als geschlossen angesehen werden. Aber ich denke, sie wäre in jene periodischen Organe rückzuverlegen, die sich besser dazu eignen als Wochenschriften. Ich glaube allerdings, daß die Dinerenzen nicht ausgetragen werden können, weil es sich im letzten Grunde um Weltanschauüngsfrageii handelt, zwischen denen es kein Kompromiß geben kann. Landwirtschaft, Industrie und Handwerk oder Die Vereinigung von Industrie und Landwirtschaft, geistiger und körperlicher Arbeit. Eine Besprechung von Ingenieur Dr. Markus Reiner. Wie diese industrielle Betätigung zu bewirken sei, behandeln die nächsten 2 Kapitel über „Kleinindustriell und Industriedörfer". Sie zeigen „die Vorteile, die aus einer Verbindung von Landwirtschaft und Industrie entspringen könnten, wenn die Industrie nicht in iiirer gegenwärtigen Gestalt einer kapitalistischen Fabrik, sondern in Gestalt einer sozial -organisierten industriellen Produktion aufs Dort käme.“ Als Vorbild für diese Produktion dienen „ländliche Industrien, Hausindustrien und K1 e i n x e w e r b e.“ Es gehört die Kühnheit eines Anarchisten dazu, einen solchen Ausspruch zu tun, da . doch bekanntlich das Kleingewerbe sowohl vom orthodoxen Liberalismus als auch von der orthodoxen Sozialdemokratie einstimmig zum Untergang verurteilt worden ist, und anderseits seine politisch reaktionären Beschützer mit ihren dilettantischen Methodfen es heillos kompromittiert haben. Trotzdem: die Kleinindustrien gehen nicht unter; sie leben iort trotz der schwierigen Verhältnisse, mit denen sie zu kämpfen haben und K. entwirft ein reiches Bild dieses Lebens in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Rußland und anderen Ländern. Allerdings beiindeu sich die meisten Kleingewerbe, wie K. zugibt, „außer einigen von denen, die mit der Landwirtschatt verknüpit sind, in einer schwierigen Lage.“ Und ganze Zweige derselben gehen fortwährend im Konkurrenzkampf gegen die großen Fabriken unter — „aber neben diesem Prozeß läuft ein anderer, der in der fortwährenden Erzeugung neuer Industrien besteht, die gewöhnlich in kleinem Maßstabe anfangen.“ Das macht: die Kleingewerbetreibenden wehren sich bei Krisen immer gegen die Notwendigkeit, in die Fabriken sehen zu müssen und gehen zu anderen Gewerben über, die als Haus- oder Kleinindustrie betrieben werden können. Die Motive, die sie dazu antreiben, können allerdings meist nicht in Geldwert ausgedrückt werden, sie sind mehr psychischer Natur. Das Unterliegen der Kleinindustrie gegenüber der Fabrik darf man sich nicht so vorstellen, als ob hier eine unökonomische, „niedrigere“ Produktionsform gegenüber der ökonomischeren „höheren“ Produktionsforin den Kürzeren zieht. Denn es ist meist nicht die Ueberlegenheit der technischen Organisation des Gewerbes in einer Fabrik und nicht die Ersparnisse an.arbeitender,Kraft, die gegen die Kleinindustrie zugunsten der Fabrik wirken, sondern die vorteilhafteren Bedingungen für den Verkauf der Produkte und für den Einkauf der Rohprodukte, die von großen Geschäften bewerkstelligt werden." „Viele unserer großen Fabriken sind nichts anderes als Ansammlungen mehrerer verschiedener Industrien unter gemeinsamer Leitung: viele andere bloße Ansammlungen von hunderten von Exemplaren derselben Maschine“. „Aber vom technischen Standpunkte aus sind die Vprteile einer solchen Häufung unbedeutend und oft zweifelhaft.“ So werden in Wirklichkeit meist die G e w i n n e organisiert — und nicht die Produktion. Die Ueberlegenheit ist daher eine finanzielle und dies kommt besonders zum Ausdruck während der Krisen, während welcher der Kleingewerbetreibende zugrunde geht, wogegen die Fabrik vielleicht ihren Besitzer wechselt, aber an sich bestellen bleibt. Schließlich muß beim Ver- *) Siehe Nr. 37. 9 9 9 9 9 9 9 9 9 9 9 9 9 9 Neue lüdische Bücher von denen man spricht: 1. George Eliot, Daniel Deronda sahön geb. k 2. iiskor, Ein Buch des Gedenkens. Geleitwort T.*n Marlin Bub«*r geb. K 13 3. RosenfelJ, Die polnische Judenfrage. Problem uurt < ötuug K 11.— 4. Audnal, Dftr Holzweg. Interessanter zionistisch. Kotnan broseb. K 12 —. geb. K 16.— 5. Graetz, Geschichte der Juden. 3 eieg. Bänd.. i’tz’e Bxeiop ar«*! K 3*.50 6. Gorion, Vom östlichen Judentum. ReiiRiö«-a. Literarisches, Politisches g eb. K 3.85 7. Gorion, Zwei Generationen. ErzSbiang.n geb. Et 3.85 S. Blau-weiß Liederbuch, 2. Atifl. g„b. k 5.— Die gesamte zionistische Literatur stets lagernd! Einrichtung von zionistischen Bibliotheken! Natana jüdische Becbhasdlung R. LDWiT, Wies X., Botentnrmstrassa 22 © © © © © © © c © © © © © © © c © © c © c © c c c c © © © w x., Autwiuiusirssse 0. ooeeoeoeeaaeeeeeoeeeeeeeeeeaeeoof gleich der beiden Betriebsarten auch die Oualität der Leistung in Betracht gezogen werden und hier ist es einer der „Vorteile“, den der Fabriksbesitzer hat. „daß er selbst Produkte der elendesten Oualität verkaufen kann, wenn nur eine beträchtliche Menge davon zum Verkauf steht. Jeder, der den Handel kennt, weiß in der Tat. welch außerordentlich großer Teil des Welthandels aus „Shoddy“ (Schund) besteht, der nach entfernten Ländern verschickt wird.“ Die w i r k 1 ich en. Vorteile des großindustriellen Betriebes können altsgemerzt werden durch genossenschaftliche Organisation 1. sowohl für den Einkauf der Rohmaterialien, als auch für den Verkauf der Produkte. 2. für die Beschaffung der Naturkraft, deren Quelle, sie sei hydraulischer oder thermischer oder anderer Art, am besten konzentriert bleibt.. 3. zur Durchführung der Arbeit selbst, wo ein genossenschaftlicher Betrieb tatsächlich von Vorteil ist, was wohl Werkstätten von ein paar Dutzend Arbeitern, niemals aber Riesenfabriken zur Folge haben kann und 4. zur gegenseitigen finanziellen Hilfe bei persönlichen oder allgemeinen Krisen. Trotz genossenschaftlicher Organisation aber können Kleinindustrien, die sich nicht mit der Herstellung künstlerischer Artikel abgeben, gegen die Konkurrenz der Großfabrikation nicht auikommen, wenn sie nicht mit Landwirtschaft verbünden sind. Damit schließt sich der Kreis. Denn die Landwirtschaft braucht die Hilfe derer, die in den Städten wohnen, so notwendig, daß „in Rußland alljährlich eine Wanderung von mehreren Millionen Menschen stattiindet. die aus dem Norden nach den südlichen Prärien reisen, um die Ernte einzubringen, und viele Fabrikanten in St. Petersburg im Sommer ihre Produktion einschränken, weil die Arbeiter zur Bestellung ihrer Grundstücke in ihre Heimatsdörfer zurückkehren. Die Landwirtschaft kann nicht ohne Extrakräftc im Sommer betrieben werden, aber noch mehr braucht sie vorübergehende Hilfskräfte für die Verbesserung des Bodens. Der Boden verlangt diese Hilfe, und er hätte sie in einer richtigen Organisation. selbst wenn es notwendig wäre, manche Werkstätten zu diesem Zwecke im Sommer zu schließen. Ohne Zweifel würden es die jetzigen Fabriksbesitzer für ihren Ruin halten, wenn sie ihre Werke mehrere Monate im Jahr schließen müßten, weil von dem Kapital, das in einer Fabrik angelegt ist. erwartet wird, daß es jeden Tag und. wenn möglich, jede Stunde Geld trägt. Aber das ist der Gesichtspunkt des Kapitalisten. nicht der Gemeinschaft. Was die Arbeiter angeht, so werden sie es gesund finden, nicht dieselbe monotone Arbeit das ganze Jahr über zu verrichten.“ erleichtert. Um die zweite Riege schwebt wohl noch ein Sausen von der Lebenslust, die in Jesaia dem edelsten Sehnen der Judenseele die Prophetie entband: „Unter den Heiden wird der Herr Richter sein und viele Völker strafen. Dann werden die Völker aus jedem Schwert einen Pflugschar, aus jedem Spieß eine Sichel machen. Denn kein Volk wird hinfüro noch wieder ein anderes das Schwert heben und nirgends wird eins noch kriegen lernen. Denn alle Rüstung Derer, die sich in Ungestüm rüsten, und alles blutige Gewand wird vom Feuer verzehrt werden." Bücherschau ' Der Weg in das Land. Dieses. Büchlein kann viel ’■ Freude schenken. Die Absicht des Verfassers, die ihn in diesen losen Stücken leitet, ist, eine reine Naturerkenntnis des Landes zu ermöglichen. Das Verhältnis der Juden, die noch nicht in Palästina gelebt haben, zu diesem unserem Lande ist vorerst nur ein rein gefühlsmäßiges, aus allen möglichen indirekten, zum Teil sehr schwachen Eindrücken gewonnen und ergänzt. Die Seele des neuen jüdischen Dichters, Künstlers, hat noch zu wenig vom Lande vermittelt. Und doch kann das stärkste Band zur neuen Heimat nur erstehen, ’ wenn junge, wache Seelen dort ihr Tiefstes in der Natur des Landes erleben. Solches Leben in der palästinensischen Natur hat dieser junge Jude festgehalten, einfach und schlicht, ungeheuer packena. Das Erlebnis der Wüstennatur wie der drängenden Fruchtbareit des Landes, freie, aufrechte Gestal¬ *) Der Weg in das Land. Palästinensische Aufzeichnungen von Eugen Hoeflich. R. Löwit Verlag, Wien, ten rassiger Beduinen,, orientalischer Städtecharakter, alles einfach, wahr, in wenigen Worten. Viele werden diesen Weg gehen wollen, den Höflich ging, zuerst sich in die Natur des Landes zu versenken, bevor sie seine Zukunft erträumen. Junge, jüdische Menschen, begabt mit der Kraft natursieheren Schauens, werden allen fern vom Lande Lebenden seine Wunder verkünden. Für Höf ich ist es Resultat der Anschauung, daß der Orient mit steh selber fertig werden muß, nicht ein Spielplatz aller europäischen Koionialinteressen werden darf. Die palästinensischen Landesbewohner, die Araber wie die Juden werden dem Lande ihr Bestes nur dann geben können, wenn Palästina keine europäische „Kolonie“ wird. Das sucht Höflich sehr anschaulich klarzumachen. Möge das Buch viel Sehnsucht erwecken. Dr. Rudolf Glanz. Rudolf Kittel, Kriege in biblischen Landen. Mit 38 Bildern. Gotha 191S, F. A. Perthes. D3e aktuellen Kr'egserciguisse gaben den äußeren Anstoß zu dieser Arbeit des bekannten Gekehrten unul Bibelforschers. Palästina war schon im Altertum häutig Kriegsschauplatz; Kittel zeigt in der ihm eigenen Art plast'sch-künst- Ierischer Darstellung das Wesen mimd die leitenden Gesichtspunkte der damaligen Kriegführung. Er läßt die Kämpfe der Pharaoinen otud der jüdischen Könige lebemd'g vor uns erstehen uttüJ bringt aus der Fundgrube archäologischer Wissenschaft interessante und belehrende Details ans Licht. Die Bewaffnung der Fußkämpfer und Wagenkämpüer. diie Festamgsbauten. die Maschinen dar Feld- und Festungsschlacht zeugen von der Höhe itifer tecbniscehn Entwicklung f» ältester ZeiltL Diie Realien werden 'durch Abbildungen verainschaulicht 'und durch Zitate aus dler Bibel und anderen Dokumenten belegt Aber auch Anfänge des Völkerrechtes finden wtir ln den malir,enden Worten der Propheten, 6~:s auch d e anderen Völker einer •einheitlichen Sitt ichen WeUordimrng unterstellen, während sonst im Altertum der Feind außerhalb jedes Rechtes stand. Dies wird „allezeit einer 'der besonderen Ehren;- tel bleiben, dessen das Volk Israel sich rühmen kamt.“ Und über alter Not der Kriegführung entsteht in Israel damals schon der Glaube an die r eue Welt, in der Israel besseres zu tum haben wird als Völkermorden und Blutvergießen: Der Glaube an Gottes Reich. Der ewige Friede ist ein jüdisches ideal. Mit der Hoffnung cai Ihn schließt -die Broschüre. die aiuch jedem Laien reiche Belehrung und eiine willkommene Anregung bieten wird. © Zu Max Plancks siebzigsten Geburtstag wurden die in der Physik. Gesellschaft gehaltenen Ansprachen iim Verlag von C. F. Müller, Karlsruhe, als kleine Broschüre veröffentlicht. Die Würdigung des großen Gelehrten und Begründers der Quantumtheorie seitens seiner Fachgenosseu sind von Interesse für dem physikalisch Gebildeten. Darüber hinaus A. Einsteins „Motive des Forschans“, als w elche er das Streben nach VcreinheOt’lichuing des Weltbildes, d e Sehnsucht nach dem Schauen der ..prästabiliferten Harmonie" (Leibreiz) bezeichnet. * Der jüdische Nationalkalender auf das Jahr 5679, der dieser Tage erschienen ist. reiht sich den vorhergehenden Jahrgängen würdig an. Der Inhalt ist außerordentlich reichhaltig, die Ausstattung sehr gefällig. Der Kalender hat sich seit seinem ersten Erscheinen sehr rasch eingebürgert und gehört heute zum eisernen Bestände jedes nationalen jüdischen Hauses. Wir werden auf das Buch noch ausführlich zurückkommen.