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Jüdische Zeitung · 1918-09-20 · 38 (20.9.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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*r. 38 l.'t-'Crth /hiTUN*» Seite 5 mente in die Hände spielen. Ich ziehe es vor, aut Selbstbesinnung und Stärkung der Kritik bei unseren Freunden hinzuwirken. Was ich m a t e r i e 11 von Palästina erwarte, geht nicht über das hinaus, was Achad Haam von Anfang an erwartete. Palästina wirdden jüdischen Geburtenüberschuß aufnehmen, das~‘12 Millionenproblem bleibt aber unverändert weiter bestehen. Nur in einer Hinsicht wird eine Aenderung bei ihm eintreten: seine Lösung wird aussichtsreicher, weil die ideelle Ausstrahlung aus Palästina die gedanklichen und Willenskräfte im Galuth neubeleben und stärken wird. III. Denn hinsichtlich dessen, was ideell von Palästina zu erhoffen ist, sind meine Erwartungen nicht geringer geworden. Böhm verkennt mein Wollen durchaus, wenn er annimmt, daß ich den Glauben an Palästina als einzig mögliche Voraussetzung für die zukünftige Existenz eines jüdischen Einheitsgeda'nkens. eines einheitlichen jüdischen Nationalgedänkens auch nur im entferntesten abzuschwächen bereit bin. Dies ist einer der Punkte, in denen ich mich mit Achad Haam eins weiß. Der Zerfall des Judentums ist unvermeidlich, wenn es nicht gelingt, diesen auseinanderfallenden Bestandteilen ein gedankliches Zentrum zu geben und sie auf dieses peripherisch zu beziehen. Meint nun Böhm, daß das Galuth durch die so gewonnene „seelische Einheit“ aufhöre. Galuth zu sein und daß es sich zur Diaspora wandle, so nehme ich diese glückliche Terminologie ohne weiteres an und bekenne gern, daß auch ich diese Umwandlung von Palästina und nur von Palästina erhoffe. Vielleicht sieht Böhm hieran, wie unrecht es ist, mich mit den Nurnationalisten zu identifizieren. Ich wurzle mindestens so fest wie er im Palästinagedanken. Aber gerade weil ich einer Generation angehöre, die hierüber nicht diskutiert, gerade weil Palästina mir längst ein organischer Bestandteil des Denkens geworden ist, und aufhörte, ein fragwürdiges Theorem zu bleiben, gerade aus dem Gefühl der unbedingten Geborgenheit heraus halte ich erneut Umschau nach dem Galuth, das verbleibt und kann nunmehr an eine Arbeit im galuthnationalistischen Sinne gehen, ohne fürchten zu müssen., daß der Palästinagedanke darunter leide. Denn für das, was ich will, ändert sich nur das Wort: nennen wir es nicht mehr Galuthproblem, sondern Diasporaproblem — die Aufgabe selbst bleibt die gleiche. Der „reine“ Zionismus im Sinne Böhms bescheidet sich.- mit Hilfe von Palästina im Galuth diesen seelischen Umwandlungsprozeß zu bewirken, die Diaspora überläßt er alsdann ihrem Schicksal und ruht drüben im Schatten der Feigenbäume von seinen Taten aus. Ich aber frage: tritt die Diaspor-a aus der nationalen Verpflichtung heraus? IV. Von der Galuthvorstellung der ersten Generation ist der wesentlichste Bestandteil entfallen, iener Teil, der allein Herzl die Möglichkeit und die Berechtigung gab, sich ausschließlich auf den Palästinagedanken zu beschränken: der Glaube, daß durch die Paläsiinalösung (Charter, Millionenübersiedlung binnen weniger Jahre) das Galuth aus der Welt verschwinden würde. Wissen wir Heutigen nun, daß das Problem der 12 Millionen ^unbeschadet der palästinensischen Verwirklichung organisch weiterbestehen wird, nicht auf 5 oder 10 Jahre, sondern auf 100 oder 200 Jahre, so wird man diese nur „geographischen, äußeren, materiellen Tatsachen“ genau so berücksichtigen müssen,/ als hätten sie „prinzipiellen Charakter.“ Nehmen wir nun einmal an, die Palästinaforderung wäre verwirklicht Was wäre die Wirkung? Zunächst ideell: das Galuth würde sich zur Diaspora wandeln. Materiell: nichts. Und die Diaspora würde sich unverändert darstellen als das Problem eines Minoritätenvolkes. Dieses Volkes nationale Interessen zu vertreten, bleibt unverändert meine Pflicht Ihr gelobe ich mich an, auch, wenn sie zum „Wald- und Wiesennationalismus“ führt In dieser verächtlichen Bezeichnung birgt sich wieder der unselige Wahn, daß wir auserwähltes i Volk einen auserwählten Nationalismus besitzen müßten. Nationalen Hochmut, der stets zur nationalen Verblendung führt, teile ich nicht Den Glauben an seine Auserwähltheit besitzt jedes zukunftwollende Volk. Ist es ein Herrenvolk, so glaubt es, daß sein Nationalismus nur im höheren Sinne Nationalismus sei- und daß dereinst „an seinem Wesen die Welt genesen“ werde. (Geibel) Ist es ein Minoritätenvolk, so äußert es seinen „Willen zu einer bestimmten Volkwerdung,“ nicht nur ein „Bekenntnis zum Volk sein“. Hieraus einen Unterschied für uns zu konstruieren, geht also nicht an. Und wollen wir wirklich V o 1 kwerdung und nicht nur Werdung eines Volkst e i 1 e s in Palästina, so müssen wir auch das im Galuth verbleibende Volk miteinbeziehen. Das Galuthprogramm wird integrierender Bestandteil des nationalen Programms. Die Umwandlung des Gaiuths in die Diaspora belebt die Widerstandskräfte, macht die Arbeit aussichtsreicher, ist aber nur Wegbahnung, nicht Endziel. Das meine ich, wenn ich an Stelle des „Entweder — Oder" nunmehr das „Sowohl — als auch“ setzte. Palästina und-das Galuth sind nicht mehr. Wagschalen, von denen die eine sinken muß, damit die andere steigt Es ist nicht mehr so, daß man sich für das Eine oder das Andere entscheidet. Beide bedingen und durchdringen sich wechselseitig; Palästina wird stets abhängig sein von der materiellen Leistungskraft des Gaiuths, und diese von der ideellen Ausstrahlung Palästinas. Beide gehen parallel'und jeder Fortschritt beim Einen, hat einen Fortschritt beim Anderen zur Folge. Eine andere Frage ist es, was man in der Diaspora zu erreichen hofft. Ich bin nicht optimistisch und weiß, daß man immer nur relativ etwas bessern kann. Eine absolute Lösung ist uns wie jeder Minorität versagt. Aber jedenfalls können wir ungleich mehr erreichen, als wir bisher zu erreichen streben, lind in manchen Ländern sogar halbwegs erträgliche Zustände schaffen. (Wie: ist hier bei der nur grundsätzlichen Erörterung ohne Belang.) Die Abschätzung kann übrigens nicht auf Grund theoretischen Materials erfolgen, da solches fehlt, sie ist abhängig vom Pessimismus oder Optimismus des Abschätzenden. Aus welchen (rein ideellen, nicht in der materiellen Situation liegenden) Gründen wir heute nicht mehr zu jenem blinden Pessimismus genötigt sind, der in der ersten (antithetischen) Periode unvermeidliches Korrelatphänomen des blinden Illusionismus war, wäre bei anderer Gelegenheit zu begründen, Für meine Fragestellung ist es ganz ohne Belang. In jedem (und sei es noch so trübseligen) Falle gilt es, die „Grenze des Möglichen“ zu erreichen und genau wie jedes andere Minoritätenvolk, mit genau den gleichen Mitteln und genau dem gleichen Wald- und Wiesennationalismus das Maximum des Erreichbaren zu erstreben. Das ist. unsere nationale Pflicht genau so wie die Verwirklichung Palästinas. Denn die nationale Pflicht ist eine einheitliche und läßt sich nicht teilen in eine Pflicht der Auserwählten, denen man den auserwählten, den nur auf das „geistige Centrum“ beschränkten Nationalismus vorbehält, und in eine minderwertige Pflicht der Wald- und Wiesennationalisten, denen man, ohne sich selbst herabzulassen, die Beschäftigung mit der Peripherie überläßt Und weil es nur eine nationale Pflicht gibt, darf, es iür uns auch nur e i n nationales Programm geben. 1897 gab es kein Diaspora- Wien—Berlin—Leipzig Soeben erschienen; Dr. MAX ROSIENFELD s Die polnische Judenffrage | S Problem und Lösung Preis Kll.— “ Die erste erschöpfende Darstellung des gewaltigen - Problems, beruhend auf vorzüglicher Kenntnis der einschlägigen Literatur und der Quellen — das Buch für 9 Jeden, der an den wirtschaftlichen und politischen Da- seinsfragen des (Udischen Volkes inneren Anteil nin-.mr. EUGEN HOEFLICH: S Der Weg in das Land 2 PalästinenaischeAufzeicbnungen. Broch. K4.40 gebunden K 6.— Hinter den skizzenhaften, durchaus auf eigenen An- schauungen beruhenden Schilderungen stehen die 9 groBen, die Judenheit von heute zu innerst beKCgen- 9 den Qedanken ihrer politischen, wirtschaftlichen und geistigen Auseinandersebung mit Asien. . OTTO ABELES; Jüdische Flüchtlinge Szenen und Gestatten Br K 4.40, geb. K 6.— 9 : : Aus scheinbar absichtslos aneinandergefügten Szenen wächst die Charakteristik des jüdischen Volkes empor: ein erschütterndes Ganzes in der Größe seines Duldens und dem standhaften Erträgen seiner Schicksalsschläge. Zu beziehen durch jede Buchhandlung. 219! 9 9 l Problem, da Jeder glaubte, die Diaspora würde in wenigen Jahren verschwinden. Der geänderte Glaube hat die Probleme geändert und sie um das Diasporaproblem erweitert. Nun hat es sich zu erweisen, ob das Baseler Programm schon balsamiert und mumifiziert ist. oder ob es elastisch genug blieb, mit der Erweiterung Schritt zu halten. Es ist eine primitive Vorstellung-jeder Programmgeneration. daß sie ein für allemal nur denjenigen als zugehörig betrachtet, der sich gläubig dem Programme beugt, und daß sie iu jedem Versuch einer Aenderung Ausgestaltung und Erweiterung nur eine Verwässerung wittert. Sie sträubt sich gegen die höhere Stufe der Synthesis, da sie in der Antithesis alt wurde und sie als Endzweck zu empfinden sich gewöhnt hat. Gewohnheit macht auch Revolutionäre konservativ. Man lauert dann darauf, daß der Gegner das Programm amastet, um frohlocken zu können: er gibt sich „nicht mehr als zionistisch aus!“ Gemach — ich stehe nicht auf dem „Boden des zionistischen Programmes“, wenn darunter die Buchstaben von 1897 gemeint sind, aber ich maße mir an. so fest wie nur einer im Zionismus zu wurzeln. Man kann das Programm benutzen, um ein Scherbengericht abzuhalten, wer Zionist sei und wer nicht. Aber es gibt zum Glück eine Berufungsinstanz, die nicht nach toten Programmen fragt: das ist die Geschichte. Die New-Yorker jüdische Gemeindekonvention (Die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde in New-York. — Eine Rede von Schiff über Palästina. •> Der diesjährigen Konvention der jüdischen Gemeinde New-Yorks. die am 2. Juni stattfand, wird besondere Bedeutung beigemessen. Die Konvention befaßte sich hauptsächlich mit der Reorganisation der Gemeinde und nahm diesbezüglich tiefgreifende Beschlüsse an. Die jüdische Gemeinde in New-York stellte bisher eine ganz lose Vereinischmelzung von täglichem Beruf und Ueberzeugung ein Ersatz geschaffen ist, für die Organisation von unschätzbarem Vorteil, weil gründlich ausgebildete Fachleute bessere Stützen und Fundamente ersprießlicher Arbeit sind als Dilettanten. Das zur Einleitung der folgenden Besprechung als Aufforderung an unsere Fachleute. Beckers Verdienst, das er sich mit dieser Broschüre erworben hat, schätze ich doppelt hoch ein, weil er sich mit einer der ungeklärtesten, schwierigsten Disziplinen als Fachmann in die Arbeiter der Organisation reiht. Aus dem Fachmann wohlbekannten Tatsachen zieht er geistreiche, treffende Folgerungen für sein Thema „Die jüdische Nervosität“. Nach kurzer Behandlung der höheren Widerstandskraft der Juden gegenüber den Infektionskrankheiten (Tuberkulose, Lungenentzündung, Typhus usw.), der geringeren Widerstandskraft gegenüber SyphiKs (die Begründung dafür durch die Immunitätstheorie, angewendet auf den italischen Organismus, gelingt ihm glänzend) der geringeren Kindersterblichkeit, der spezifisch jüdischen Erkrankungen (Diabetes, Nierenentzündung, Krebs, Arteriosklerose), kommt Becker zu seinem eigentlichen Thema. Erleugnet die Existenz einer spezifisch jüdischen Geisteskrankheit, _ einer, spezifisch jüdischen Nervosität, einer Psychosis judaica. Dennoch müsse man aber zugeben, daß die Krankheiten, welche die menschliche Seele berühren, unter den Juden mehr verbreitet sind als unter den Nichtjuden und betegleichen Geisteskrankheiten sei ihm am erkrankten Juden etwas diesem Eigenes aufgefallen, das er das „Hysterische“ nennt das sei aber nur eine Nuance in der reichlichen psychiatrischen Symptomatologie. „Geisteskrankheit ist nur die höchste Stufe der Nervosität; aus der Zahl der Gdisteskrankheiten eines Volkes kann man auf dessen'geistiges Gleichgewicht schließen.“ Becker führt jede» Nationalfr . * juden deprimierende Statistiken an. . Die relative Ziffer der Geisteskrankheiten ist bei. den Juden fast doppelt so hoch wie bei den Nichtiuden und wird im Laufe der Jahre immer größer. Jene Geisteskrankheiten, bei denen Syphilis als äußere Ursache in Betracht kommt, zeigen bei den Juden eine größere Verbreitung als bei den Nichtjuden, wiewohl angenommen ist, daß »trotz geringerer ‘Widerstandskraft gegen die Syphilis, diese bei den Juden weniger verbreitet ist, als bei den Nichtjuden. Unter den jüdischen Geisteskranken leiden an Paralyse um zirka 30 Prozent mehr als unter Nichtiuden. Die Erklärung? Bei jeder Krankheit leidet gewöhnlich der Teil des Organismus am stärksten, der am meisten gebraucht wird; die Juden sind vorwiegend geistige Arbeiter, daher erkrankt ihr Zentralnervensystem eher an Syphilis als jenes der Nichtiuden. — Das „ermüdete Gehirn“ der Juden ist sein locus minoris resistentiae. Alkoholpsychosen sind bei uns Juden noch selten, aber mit gesteigerter Assimilationstendenz nimmt der Alkoholgenuß und mit diesem die Zahl der Alkoholpsychosen zu. An Stelle der rituellen Fleisch- und Speisegesetze wäre jetzt ein neues Ritualgesetz zu erlassen; Die Alkoholabstinenz. Als wertvollster, für uns Zionisten lehrreichster Teil in Beckers Broschüre erscheint mir jener, in welchem er von den echten endogenen, seelischen Erkrankungen der Juden spricht: Wir alle sind belastet durch das tausendjährige seelische Leid unserer Ahnen, wir alle leiden an der Krankhaftigkeit des Galuthinilieus. Hier liegt die wesentliche Ursache der häufigen Geisteskrankheiten bei den Juden, nicht in uns, sondern in unseren Lebenbedingungen. Diese bringen auch die Bevorzugung jener Berufe mit sich, welche infolge ganz besonderer Inanspruchnahme des Gehirns das Nervensystm schädigen. Die Folge dieser Berufe wiederum ist es, daß der Jude viel später selbstständig und heiratsfähig wird, daher ein anormales geschlechtliches Leben führen muß* — eine der wesentlichen Grundlagen geistiger Erkrankungen — iür den Zionisten und Fachmann Becker gibt es nur eine Rettung aus diesem drohenden Verfall: „Das einzige Mittel, das unser Uebel auszurotten vermag, ist die radikale Thera- .pie“, die in der Schaffung eines eigenen Heimes und Landes besteht — Nur das wird uns einen gesunden Körper und einen freien und unbesorgten Geist bringen“. Aerzten und Laien sei Beckers Broschüre wärmstens empfohlen.- Diese werden sie nicht weglegen ohne nützliche, persönlich wichtige Lehren und Folgerungen zu ziehen, jene nicht ohne wertvolle Anregungen. Beckers Broschüre ist eine kleine aber bedeutende Neuerscheinung. Ich fürchte nur. daß die nötige Verbreitung fehlen und infolgedessen die , tiefere Wirkung ausbleiben wird. — Das jüdische Volk und die zionistische Organisation benötigen dringend den jüdischen Arzt, der nicht in einzelnen Vorträgen und seltenen Broschüren mit „jüdischer Pathologie“ sich beschäftigt, sondern die „Gesellschaft jüdischer Aerzte“, welche sich nicht die Wahrung ihrer Standesinteressen, sondern vor allem und in erster Linie die Rasseverbesserung des Volkes zur Aufgabe stellt. Dr. Beckers Arbeit gehört in den Rahmen einer solchen Organisation’, um doppelt anregend und wirksam zu sein; für Dr. Becker selbst." um ihn als Beisoiel atizuiühren. wäre sie leichter, weil ihm Mittel und Wege gegeben wären, zu dem dringend notwendigen* Werk über „jüdische“ Nerven- und Geisteskrankheiten, für den zionistischen Arzt anregender, weil ihm Aussprache und Arbeitsmöglichkeit gegeben wäre, unbedingt notwendig aber iür das jüdische Volk, damit es systematisch aufgeklärt und erzogen werden kann. Im Felde. Felix R e s e k.

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