Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 38 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38 zeit an eine dieser Beschäftigungen allein festgenagelt zu sein.“ Erstrebt wird also nach der weitgehendsten. Differenzierung der menschlichen Fähigkeiten und Tätigkeiten eine Integrierung derselben: und was den-ersten Teil dieser Forderung (nämlich bezüglich der Fähigkeiten). anbelangt, so sieht mau, daß sic das Erzieliungsproblem berührt. „Jedes Volk sein eigener Landwirt und Fabrikant; jedes Individuum Fcldarbeiter und irgendwie Techniker; jedes Individuum im Besitze wissenschaftlicher Kenntnisse und handwerklichen Könnens“ — dies ist die kulturelle Situation der Zukunft Diesen Forderungen kommt nun die Entwicklung in mancherlei Hinsicht entgegen. Die Industrie wird d e z e n t r a 1 i, s i e r t In zwei Kapiteln legt Kropotkin den Werdegang dieser Dezentralisation dar. .Ein Land nach dem anderen, bis zu Serbien und China, geht dazu über, die Waren, deren cs bedarf, im Lande zu erzeugen. Die Folge davon ist, daß die Industrieländer immer mehr gezwungen sind, für den heimischen Konsum zu produzieren. Diese Entwicklung ist noch'lange nicht abgeschlossen, aber sie ist auf dem Marsche. Und eine weitere Folge wird sein, daß die Industrieländer damit auch stets wachsenden Schwierigkeiten begegnen werden, für ihre Industrieprodukte Lebensmittel einzutanschen. Sie werden daher genötigt, ihre Lebensmittel im eigenen Lande zu gewinnen- Das Resultat ist: 'die „Rückkehr*) zu einem Zustand, wo Korn gepflanzt und Waren fabriziert werden zum Gebrauche eben derer, die sie pflanzen und -produzieren.“ Dagegen wendet man du, daß es ausgeschlossen ist, daß die Industriestaaten die Lebensmittel, die für die Erhaltung ihrer stets wachsenden Bevölkerung notwendig sind; selbst gewinnen. Diesem Einwand begegnet Kropotkin in drei1 Kapiteln über „die Möglichkeiten der Landwi-rtschaft“, in denen er, zahlenmäßig belegt,'ein wahrhaft glänzendes Bild dieser Möglichkeiten entwirft und nachweist, daß England, Frankreich, Belgien und andere Industriestaaten par excellence imstande sind, leicht ein Vielfaches ihrer gegenwärtigen Bevölkerung zu ernähren. Dabei wird betont (was für jene von Interesse ist, denen Palästina ein „unfruchtbares“ Land ist), daß es unter den Händen der Menschen gar keinen unergiebigen Boden gibt; daß die fruchtbarsten Böden nicht in den Prärien Amerikas und nicht in den russischen Steppen zu finden sind; daß sie vielmehr in den- Torfmooren des Inlands, in den Sanddünen der Nordküste Frankreichs, auf den steinigen Bergen am Rheini zu finden sind, und daß sie da von Mensche,nh and dazu gemacht worden sind.“ Die Methoden, bei denen Krppotkin diese reichen Bodenerträgnisse gewonnen findet, sind nicht die der amerikanischen Riesenfarmcn, die bestellt werden. Die Vorteile dieser Großbetriebe von militärisch organisierten Arbeiterbataillonen sind rein kaufmännischer Natur, was Ankauf von Samen. Dünger, Maschinen etc. und Verkauf der gewonnenen Produkte anbelangt.. Er findet die; größten Erträgnisse bei den französischen Gärtnern, die auf kleinem Boden intensiv arbeiten und berichtet von interessanten Versuchen mit „gepflanzten", d. L gartenmäßig gebautem Getreide. Allerdings dürften die einzelnen Betriebe nicht isoliert arbeiten, sondern müßten sich Zusammenschlüßen. um all das gemeinschaftlich zu tun, was atn besten gemeinschaftlich gemacht wird. Vor allem wäre (vgl. *) Man stoße rieh nicht an der Bezeichnung „Rückkehr“. Natürlich soll ganz anders gepflanzt und ganz, anders fabriziert werden als in jenem primitiven Zustand, zu dem wir „zurückkehren“. \ . ,\ Die Insel *> Von Otto Abeies. Eine nüchterne Straße in der Nähe der Bahnhöfe des zweiten Bezirkes. Vorabend. Die Elektrische jagt dahin, Staubwolken aufwirbelnd. Trupps von Urlaubern wandern von einem Bahnhof zum anderen. Lastautomobile poltern über das Pflaster, Fabriksmädchen, Eisenbahnarbeiier kehren heim, vor den Toren ^der Zinskasernen spielen bloßfüßige Kinder. Einer Wohnung im Erdgeschoß eines dieser großen, grauen, schmutzigen Häuser, streben polnische Juden zu. Ich trete ein. Die Fenster sind dicht verhängt, schwüle, Sicke Luft. Auf dem Herd der Küche brennen zahllose Jahrzeitlichter in kleinen Gläsern, in den beiden Zimmern stehen, sitzen dicht gedrängt fromme Beter, klopfen sich an die Brust, wiegen den Körper hin und her. Fast durchaus alte Männer. Leises Murmeln, das zeitweise zu heiserem, hartem, trockenem Rufen anschwillt Nun sind alle mit dem Gebete fertig und warten, bis das Haupt der Gemeinde, der Rabbi, der seitwärts an der Ostwand einen gesonderten Platz hat und stumm — mitunter leise aufrufend — über dem Folianten gebeugt ist, den Körper aufrichtet. Die beiden Räume haben sich indessen noch dichter gefüllt Soldaten kommen hinzu, denen der Gebetmantel gereicht wird. Nun reckt alles die Köpfe. Einige Greise neigen sich seitwärts, den Ellenbogen am Gebetpult gestützt, die Hand hinter der Ohrmuschel, die Augen geschlossen, verhalten lauschend. . Dort vorne, vor dem improvisierten Altar, beginnt ein Häuflein unter einem' alten, vergilbten Gebetmantel zu beben, hebt sich und sinkt zu- *) Aus dem soeben erschienen Buche: Jüdische F lüchtlinge, Szenen und Gestalten von Otto Abeies, R. Löwit-Verlag, Wien, Berlin. unseren Nationalfend!) „der Boden des Landes als gemeinsames Erbe zu betrachten, 1 über das zum .Nutzen von allen und jedem bestimmt werden muß.“ Dann hätten etwa „200 Familien zu 5 Personen auf etwa 4000 Dunam*) alle Aussicht auf Erfolg, wenn sie wissen, was die beste Verwendung des Landes ist. In diesem Falle würden sie wahrscheinlich vor allen Dingen sich Zusammenschlüßen, um den Boden, der sofortige Besserung brauchte, fortgesetzt zu verbessern, und würden es für nötig Halten, jedes Jahr mehr davon zu verbessern. Auf einer Fläche von rund 1360 Dunam könnten sie sehr leicht alles Getreide — Weizen, Hafer usw., das für die tausend Bewohner, wie für ihr Vieh nötig wäre — gewinnen; sie. könnten aui 1600 Dunam, die, wen nötig und möglich, be- . wässert würden, alles Futter erlangen, das für die 30 bis 40 Milchkühe nötig wäre, die sie mit Milch und Butter versorgten und die — sagen wir — 300 Stück Vieh, die sie brauchten, um Fleisch zu haben. Aui 80 Dunam würden sie mehr Gemüse, Obst und Luxuspflanzen ziehen, als sie brauchen könnten. Und angenommen zu jedem Hause gehörten 2 Dunam Land für Geflügel u. dgh, so hätten sie immer noch 560 Dunam für alle möglichen /.wecke: öffentliche .Gärten, Plätze, Fabriken u. dgl. Die Arbeit, die eine solche intensive Kultur verlangte, wäre nicht die schwere Arbeit des Leibeigenen oder Sklaven. Sie wäre für'jeden zu leisten, ob stark oder schwach, Stadt- oder L a n d k i n d. Sie wäre so gering, daß die Bewohner, die wir angenommen haben, notwendiger Weilse darauf kommen müßten, ihre Muße in künstlerischer, wissenschaftlicher und (insbesondere) industrieller Betätigung zu verwenden.“ (Schluß folgt.) Revisionismus Von Heinrich Margulies. I. Die Diskussion über das Galuthproblem scheint sich noch keineswegs, wie Böhm annimmt, zu klären. Entweder habe ich mich in wesentlichen Punkten noch nicht genügend verständlich gemacht, oder aber es besteht zwischen mir und Böhm ein Generationsunterschied, der zum Vorbeireden zwingt. Seine gegen mich gerichteten Aufsätze sind voll von Mißverständnissen. Er identifiziert mich, völlig ungerecht, mit jenen Palästina bestenfalls "tolerierenden . Numationalisten, die er aus den Meinungskämpfen seiner Generation kennt Ich aber bin von Birnbaum nicht weniger weit entfernt, als von Böhm, ja. ich stehe ihm ungleich ferner. Damit will ich nicht sagen, daß ich neue Gedanken vertrete. I.ch glaube, nicht recht an heue Gedanken. Gedanken können geschichtsbildend werden, nicht, weil sie neu sind, sondern iveii die Zeit endlich für sie reif ist. Was ich denke, haben Viele vor mir gedacht Aber vor 20 Jahren mochte es ein Irrtum sein, so zu denken — heute ist die Zeit dafür, reif und irrig wäre,es jetzt am Denken von damals festzuhalten. Der Hinweis auf Herzl ist darum kein Argument. Eine „Bewegung“ kann man nicht „fesilegen“. am allerwenigsten auf die Gedanken, die in der rauschvollen und kritikleeren . illusionistischen Anfangsepoche entstanden. Diese Gedanken bedürfen der ständig erneuten Läuterung und Höherführung, nicht der Balsamierung und Mumifizierung. Was ich vertrete, nimmt als einziges Verdienst für sich in Anspruch, 'dieser Höherführung *) Bei Kropotkin steht hier 1000 Acres. 1 Acre ist rund'4 Dunam. Ich rechne die Angaben in Dunam um, um Vergleiche mit unseren Kolonieprojekten unmittelbar zu ermöglichen. sammen, um sich wieder zu wölben und hinaufzuwinden. . Aus diesem Häuflein klingt ein zartes, gedämpftes Lied, wie aus Märchenfernen. Da reckt sich mit einem eine Hand mit fünf ausdrucksvollen Fingern aus* dem Häuflein, scharf, knochig, reißt gleichsam die Melodie in die Höhe, daß sie den Raum erfüllt, schwingt sie hin und her mit Leidenschaft ’ und Inbrunst und breitet eine wundersame, tiefsinnige Kadenz über die Häupter der Betenden. Dann schließen sich die Finger, als wollten sie die zitternden, seidenfeinen Facettöne festhalten, die im Pianissimo ersterben. Das ist der berühmte Chasen, der daheim im Städtchen Jahr für Jahr seine Scharen am Versöhnungstage vom Anbyuch bis,zum Ausgang, auf Flügeln des Gesanges vom Kol-Nidrei zum Nilo trug. Schon in den ersten Tagen nach der Evakuierung hatten sie sich; gegenseitig aufgespürt, hatten zähe zueinandergestrebt und nun sind sie längst wieder vereint; der Rabbi, seine Gemeinde, der Kantor. Ausgang des Versöhnungstages. Die Kerzen flackern, die größten sind wie Ruten niedergebogen, als hätte sie die Glut der Gebete bezwungen, die meisten ganz abgebrannt und der Papierstreifen am unteren Rande beginnt zu glimmen, die silbern- und goldengestickten Halssäume der Gebetmäntel schimmern auf. *; Bald wird der Ruf des Widderhornes den „iurcjitbaren Tag“, beschließen. V Ein Eiland Was draußen, jenseits,dieser verhängten Fenster vorgeht, ist nicht mehr. Nur diese Insel lebt noch, auf der sie sich, dicht goschart, zusammendrängen, hinausgehoben über Zeit und Raum. Nichts hätte vermocht, sie daran, zu hindern, sich zu finden, einander irgendwo in einem Eckzu dienen.'Es prüft die Verhältnisse, unter denen die „Prinzipien“ und „Programme“ entstanden sind, cs prüft, w:s ü:; Verhältnisse sich inzwischen geändert haben, und cs sucht aus den so geänderten Voraussetzungen geänderte Programme abzuleiten. Daß solche Arbeit Vorurteilslosigkeit und vielleicht auch Pietätlosigkeit gegen alles bedingt, was der Progranimgeneration heilig ist, liegt nahe genug. Man muß in Kauf nehmen, vom dieser Generation als Verräter an der Bewegung betrachtet zu werden — das ist das Schicksal aller, Revisionisten. Aber Renner und Scheidemann dürften den Vorwurf altgewordener Marxisten, sie wären keine Sozialdemokraten mehr, ruhig über, sich ergehen lassen. Die Entwicklung arbeitet für sie, so wie sie sich wieder zur Evolution bekannten. , r II. Der Zionismus basierte auf zwei Grundvorstellungen: der Galuthvorstellung und der Palästinavorstellung. Beide haben sich dm Laufe der Jahre geändert, d. h. den Verhältnissen angeoaßt Auch Böhm wird nicht behaupten, daß seine heutige Palästinavorstellung noch der von 20 Jahren offiziell gewesenen gleicht. Was ich will, ist nichts, als daß man solche Aenderungen eingesteht, ausspricht und begrifflich verarbeitet. Die Erwartungen, die wir hinsichtlich Palästinas hegten, waren ideelle und materielle. Von den materiellen ist nicht viel übrig geblieben. Daß heute wieder einige gutgläubige Wissenschaftler kühne Rechenformeln für eine rasche Erschließung Palästinas aufstellen, kann uns nicht verleiten, in den leichtfertigen Optimismus der ersteh Generation zurückzuverfallen und .von Palästina zu erwarten, daß es jemals (durch politische Macht oder durch Aufsaugung von Millionetimassen) auf das Galuth materiell eine fühlbare Umwandlung wird ausüben können. Es kommt nicht nur darauf an, auszurechnen, „wieviel Juden Palästina leicht und gut ernähren könnte, wenn —“, sondern man muß auch gleichzeitig zeigen, daß und wie es möglich ist,, „die Energie und die Mittel aufzubringen, die zur Durchführung der Kolonisation nötig sind. „Es hieße die Welt allzu mechanisch begreifen, wollte man unter „Mittel“ nur eine Summe von Bankschecks, unter „Energie“ nur die Bereitwilligkeit verstehen. Massenphänomene setzen eine ganz bestimmte Massendynamik voraus; deren ökonomisch, soziologisch und kulturell bedingte Existenz aber vermögen wir selbst im gegenwärtigen Galuth noch nicht zu packen, weil die Programm-* generation uns eine allzu kritiklose Galuthvorstellung überliefert hat Insbesondere . war es Herzls illusionistischer Irrtum, daß er die Verwirklichung des Baseler Programms allein von dem Subskriptionserfölg der Kolonialbank und von jenem „heroischen Entschluß“ abhängig, machte, der immer nur Einzel-, nie Massenphänomen ist Wie aber, Herr Böhm, waren Sie nicht selbst Wortführer jener ..praktischen“ Zionisten, die an den Illusionismus im politischen Zionismus mit seiner vorgegaukelten Massenerlösung nicht mehr glauben wollten? Was gab Ihnen Ursache, daß Sie diesen gesunden Skeptizismus so rasch verloren? Genügten hierzu die allzu gangbaren Regierungserklärungen, die „günstige politische Situation“, und einige Rechenbeispiele „christlicher Fachleute?* D a s ist kein neues Material und kein anderes als jenes, welches vor genau 20 Jahren Herzl in London Veranlassung gab, im Anschluß an Verhandlungen mit der englischen Regierung,, die ihm’ von den „Praktischen“ so sehr verargte Rede zu halten: „Ich halte die Verwirklichung meiner Hoffnungen für nahe bevorstehend!“ Ich bin also gegen den Illusionismus. Solche Einwendungen aber den „Gegnern zu überlassen, A die an den Zionismus nicht glauben oder nicht glauben wollen,“ hieße ihnen allzuleichte Argnchen der Häuserwüste ein Heiligtum zu bereiten. Keine Not, kein Drangsal, keine Beschwerde. Allsabbatlich werden sie auf dieser Insel der Erlösung zusammengespült und singen mit frohen Augen; ■ * „Wie schön sind Deine Zelte, Jakob!“ und „Gesegnet sei, von dem die Heiterkeit ausging!“ , \ Heute aber,-am Jom-Rippuy, dem ersten Jomkippur nach der Flucht, sind sie aneinandergeschmiedet, im Sterbekleid, den Leib “kasteiend, und die Stimmung, die zur Stunde auf diesem Eilande herrscht, packt den Entfremdeten mit Urgewalt, daß er stumm, gebannt, betroffen an der Türe steht und (keinen Schritt vorwärts wagt. * Welches ist das Geheimnis eurer Stärke, ihr Verachteten, Heimatlosen? Die Stimme der Gemeinde antwortet" mir, aus der sich jetzt wie ein Sturm dieses Gebet erbebt: „Besiegle, uns zum Leben und zum ewigen Genesen!“ Die jüdische Nervosität*) Was ich in einem kleinen Freundeskreis immer propagiert habe, scheintsich zu verwirklichen; verschiedene Arbeiten und Schöpfungen der letzten Zeit deuten es an: Daß wir Zionisten mit unseren Fachkenntnissen in der Organisation, die Arbeit aufnehmen, wie wir es einmal in Zion beabsichtigen. Fruchtbare, gediegene Arbeit ist es dann, für den einzelnen befriedigend, weil für die Bodenständigkeit des Europäers durch die Ver- *) Dr. R. Becker: Die jüdische Nervosität, ihre Art, Entstehung und Bekämpfung. Nach einem öffentlichen Vortrage, gehalten im akad. Zionistenverein* „Hechawer“ in Zion, Verlag Speidel und Wurzel, Zürich^ 1918. . e