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Jüdische Zeitung · 1918-09-20 · 38 (20.9.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
38 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XII. Jahrgang — Nr. 38 Naiional-jüdifchqs Organ Bedaktion and Administration: Wien II., Zirknsgaaae 33 i Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jfidische Nationalfonds" Wien, FreitjKj, den 20. September 1918 Bezugspreis: Vierteljährig 5 R ganzj. 20 R, Einzelnummer 40 h PoBtsparkaasenkontoel33.404 Panislamismus gegen Zionismus Das offiziöse türkische Blatt ..Ikdam“ veröffentlichte in seiner Nummer vom 26. Juli einen Artikel gegen den Zionismus aus der Feder seines in Lausanne wohnenden Eigentümers Ahmed Djevdet Bey. Eingangs wird die englische Regierung beschuldigt,, daß sie den Zionismus nur deshalb begünstige, um den Islamismus zu treffen. Dieser sei eine Bewegung der aschkenasischen, also den Türken fremden Juden, mit dem Ziele, aus Palästina ein autonomes' und unabhängiges »National- und Kulturzentrum zu schaffen. Abdul Hamid hätte die Vorschläge Herzls zurückgewiesen, weil er fürchtete, daß der Türkei damit nur eine neue nationale Frage beschert werden würde und daß die Türken von den Arabern durch eine .neue nichtislamitische Nation getrennt werden würden. Wie rein auch die Absichten der Zionisten sein mögen, diese Gefahren bestehen für die Türkei. Infolge der Ablehnung, die Herzl beim Sultan erfuhr, wendete er sich an andere Souveräne. Abdul Hamid verbot die Einwanderung von Juden nach Palästina lind führte den „roten Zettel“ ein. Aber durch Bestechung gelang es den Juden, dennoch nach Palästina zu gelangen. Sie legten wertvolle Pflanzungen etc, an. Der Artikel bespricht sodann die englische Regierungserklärung vom 2. November 1917, die der Verfasser ganz willkürlich, wie folgt umredigiert: Die Erklärung enthalte vier Artikel: 1.' Das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina wird auf internationalem Wege festgesetzt werden. 2. Die jüdische Bevölkerung Palästinas wird als Nation anerkannt und erhält eine weitgehende Autonomie mit dem Recht, die eigene Sprache zu gebrauchen und Steuern aufzulegen. 3. Einer jüdischen Gesellschaft werden Charterrechte verliehen zur Ausführung von öffentlichen Arbeiten., .auf„privatem , und öffentlichem Boden, zu festzusetzepden Preisen. 4. Alle historischen Stätten Palästinas werden dieser Verwaltung unterstehen. 5. Die heiligen Stätten werden als exterritorial anerkannt. Nach Besprechung der ökonomischen Vorteile, welche der Zionismus der Türkei bieten kann, sagt der Verfasser wörtlich: „Die Zionisten wollen uns blenden, inderrf sie uns versprechen, Palästina zu bereichern. Aber wir wollen absolut nicht, daß die islamitische Welt durch eine andere Nation durchbrochen werde, die sich inmitten rein islamitischer Länder ansiedelt. Eine solche Teilung will die liberale Partei in England, sie will Palästina den Juden geben, um dann durch eine Bahn von Batsorah zum Mittelmeer die Mohammedaner zu trennen. Nicht einmal die Rebellen des Hedschas können so etwas wünschen. Ihr Chef Scheriii Hussein muß doch einsehen, daß dies eine Katastrophe für « den Islamismus sei. Die in Palästina ansäßigen Mohammedaner werden auswandern mußen. Man bemächtigt sich schon jetzt ihres Bodens. Auch die Beduinen' werden sich der modernen Methoden der Juden nicht erwehren können. Wie die Mohame- * daher in den Balkanstaaten taten, werden jene Palästinas ihren Boden billig verkaufen müssen, um auswandern zu können, da sie nicht die geringste Möglichkeit haben werden, im Lande zu bleiben, .wenn 5 bis 6 Millionen Juden im .Lande sein werden. Man könne daher den Juden bloß ein kulturelles Zentrum, etwa eine Universität in Jerusalem, die unter türkischem Gesetz steht, geben, aber keine Unabhängigkeit und Autonomie. Nicht die Mohammedaner haben die Juden aus Jerusalem vertrieben, sondern Nebukadnezar und Titus. Nicht aus den Händen der Juden hat,,Omar Jerusalem genommen. „ Zum Schluß macht Ahmed Djevdet Bey eine Unterscheidung zwischen den Aschkenasim, die Zionisten sind und den Sephardim. Die Türken betrachten die Juden nicht als Fremde. Die türkischen Juden sind ein sehr gutes Element, .besonders im Kriege haben sie der Türkei gute Dienste geleistet durch ihre kaufmännische Gewandtheit, wichtige Waren ins Land zu bringen. ■ Dieser Artikel zeigt aufs Neue, daß die türkischen Kreise sich bis heute nicht entschließen konnten, ihre dem Zionismus wenig entgegenkommende Haltung zu ändern. Neu ist nur das Argument, daß die jüdische Ansiedlung einen Keil in die muselmanischen Gebiete treibe. Aber der Artikelschreiber muß selbst von der Rebellion der Araber im Hedschas sprechen und wie bekannt, sind auch in anderen türkischen Gebieten die Araber gegen die ottomanische Herrscbait aulgetreten. Der Panislamismus, den schon Abdul Hamid als Mittel zur Hebung der Wlderstaadkraft seines Reiches benützen wollte, hat sich im Kriege als eine unwirksame Idee erwiesen. Als der Kalif den heiligen Krieg verkündete, fand er.kein Echo. Die Mohammedaner. Nordafrikas haben sihh nicht gegen die französische Herrschaft erhoben und die englische Regierung hat sowohl aus Aegypten, als aus Mittelafrika und Indien zahllose mohammedanische Soldaten bezogen. Sie hat den Scheriii Hussein zum Kalifen proklamiert und den Khedive von Aegypten abgesetzt, ohne daß auch nur der leiseste Widerstand in der arabischen Welt laut wurde. Zahlreiche arabische Stämme sind zu den Engländern übergegangen. Es gibt also keinen politischen Panislamismus. Die Araber der Türkei fürchten vielmehr die Ottomanisierung, die das Programm der früheren jungtürkischen Regierung war. Dazu kommt, daß es in Pasästina durchaus keine homogene arabischmohammedanische Masse gibt, sondern die Mohammedaner in zahlreiche Volkssplitter zerfallen und außerdem die Christianisierung der Araber, namentlich, der besser situierten Klassen immer größeren Umfang annimnrt. Es ist daher weder vom Standpunkt des Mohammedanismus noch von dem des Türkismus mit jenem Argument viel anzufangen. Für einen türkischen Patrioten gibt es nur einen Standpunkt: Alles zu tun, was das Reich politisch und ökonomisch erhalten kann. Politisch isr die Türkei aui Grundlage des Panislamismus nicht zu erhalten, weil dieser keine reale Macht ist und außerdem auch als Idee die Mohammedaner durch eigene Kraft zu einigen nicht fähig war. Der Antor des Artikels vergißt ganz; daß auch England mit der islamitischen Idee arbeitet, das bedeutend mehr Mohammedaner unter seinem Szepter hat, als die Türkei und Persien zusammengenommen, daß England deshalb einen Gegenkalifen einsetzte. Es könnte dazu kommen, daß sich der Panislamismus gegen die Türkei richtet, auf keinen Fall ist er für sie eine Stütze. Dagegen wäre eine loyale jüdische Bevölkerung in Palästina mit Autonomie keine politische Gefahr für die Türkei, da sie niemals einer einzelnen Macht oder Mächtegruppe ein Vorposten sein könnte. Wirtschaftlich wäre die jüdische Immigration die einzige Möglichkeit für die Türkei, Intelligenz, Arbeitskräfte und Kapital yon-außeu zu erhalten, ohne die sie sich nach den Wunden, die ihr die jahrelangen Kriege geschlagen •haben, nicht erholen könnte. Der Panislamismus ist ein künstlich herbeigeholtes. auch vom Standpunkt eines vernünftigen türkischen Reichsgedankens nicht stichhältiges Argument. Er ist eine Ausgeburt politischer Beschränktheit. die der Türkei nicht zum HeUe gereichen wird. Landwirtschaft, Industrie und Handwerk \ oder Die Vereinigung von Industrie und Landwirtschaft, geistiger und körperlicher Arbeit. Eine Besprechung von Ingenieur Dr. Markus Reiner. Es erscheint vielleicht als deplaziert, jetzt ein Buch zu besprechen, das im Jahre 1898 geschrieben wurde. Es ist dies die von Peter Kropotkin unter obigem Titel veröffentlichte Schrift,*) auf die ich-die Aufmerksamkeit all jener hinienken «möchte, die sich für die Methoden, nach denen wir in Palästina kolonisieren sollten, interessieren. Und aus diesem Gesichtspunkt erhält sie für uns ihre - Aktualität J Man sollte glauben, die Anschauung, daß wir nicht einfach unsere europäisch - amerikanische Wirtschaft nach Er ez-J Israel hinübernehmen dürfen; sei eine Selbstverständlichkeit. Dem ist jedoch offenbar nicht so. Manchen erscheint sie als eine Verstiegenheit Jedoch werden auch diese, wenn sie sich eine Fabrik einrichten, sich nicht eine solche zum Vorbild nehmen, die nach einem veralteten Betriebsplan gebaut, nachträglich mit großer Arbeit und viel Kosten moderneren Methoden entsprechend adaptiert und umgebaut wurde — sondern sie werden gleich nach diesen modernen Methoden die Anlage errichten und sie mit den modernsten Maschinen ausstatten; sie werden gleich von Grund aus neu entwerfen und so etwas erhalten, wofür es kein »Muster gibt. Auch ein anderes Bild drängt sich mir hier aui. Man weiß, wie Stellungen im Verlaufe von Kämpfen gewöhnlich entstehen. Eine Schwarmlinie, in der jeder Mann dort, wo er sich zufällig hingeworfen hat, sein Loch gegraben hat, ist aus irgendwelchen Gründen erstarrt: man kann nicht weiter. Nun wird das Loch, zum Grabenstück vertieft und mit dem Nachbarsnick verbunden und die Stellung ist, ihrer Linienführung nach, fertig. Gewöhnlich ist diese Linienführung vom fortifikatorischen Gesichtspunkt aus durchaus verfehlt und wenndem Fortifikateur die Aufgabe gegeben wäre, in diesem Gelände, bei vollständiger Bewegungsfreiheit, eine Kampf- ' Stellung anzulegen, würde er sie ganz anders situiert haben. Dieser „wissenschaftlichen“ Lösung *) Uebersetzt von Gustav Landauer, Berlin, Renaissance-Verlag 1910. wird nun aber auch die zuiällig entstandene im weiteren Verlaufe nach Möglichkeit angepaßt, indem hier ein Stück vorgegangen, dort ein Stück zurückgenommen wird usw. Wer mm unsere wirtschaftlichen Zustände nach Palästina glattweg hinübemehmen wdl, der will den Kampf imseres Volkes um seine wirtschaftliche Existenz (ich meine nicht den Kampt gegen andere Menschen oder Völker, sondern den Kampf gegen die Natur, der man Nahrung, Kleidung etc. erst abrlngen muß) van solchen zufälligen, unwissenschaftlichen, ja einfach unvernünftigen Schützengräben aus führen, wie sie in Europa sich im Laufe der Jahrhunderte aus tausend verschiedenen historischen Gründen (zum wenigsten jedoch aus sachlichen Gründen) aiisgebildet haben — anstatt, daß er sich bemüht, eine noch nie dagewesene, weil nämlich von Grund neuausgeiührte Befestigung zu errichten. Diese Notwendigkeit lassen zum Teil auch zionistische Sozialisten außer Acht. In dem Vorworte zu unserem Buche sagt Kropotkin: „Die Nationalökonomen haben mit Bezeichnungen, wie: Profit, Rente, Kapitalszins, Mehrwert n. dgL eifrig die Vorteile untersucht, die die Grundeigentümer oder Kapitalisten aus der unter-bezahlten Arbeit der Lohnarbeiter ziehen können. Da diese Gewinne aui die einzelnen Individuen' und Klassen, die an der Produktion beteiligt sind, in einem sehr ungleicten Verhältnis verteilt werden, hat es große Ivlühe gekostet, die Veränderungen in der gegenwärtigen Wirtschaftsorganisation der Gesellschaft, die eine gleichmäßigere Verteilung uer auigehäuiten Reichtümer ermöglichen könnten, zu erforschen. Mittlerweile blieb aber die Frage: „W a s wollen wir produzierten, wie sollen wir produzieren?" im Hintergründe. Mit der Kjassenkamptidee ist in Palästina nicht viel anzuiangen. Aufgehäuite nationale Reichtümer gibt es dort wenig, wenn es auch einiges gibt; das ungleichmäßig verteilt ist Viel fruchtbarer sind Bemühungen im Kampf mit den natürlichen Gegebenheiten um die Nahrung im weitesten Sinne). Es handelt sich nicht um die Frage: „ Wie soll der Reichtumsstrom, der unserer nationalen Produktion entspringt verteilt werden?“, sondern un* die Frage: „W a s sollen wir produzieren, w i e sollen wir produzieren?“ Und aui diese Frage hat der Marxismus keine Antwort, weil er sie sich gar nicht auiwirft. Aber Kropotkin versucht eine Antwort zu geben und eine Antwort zudem, die mir aller Beachtung von unserer Seite wert zu sein scheint Um sie kurz zu charakterisieren, kann man sagen, das, was Kropotkin anstrebt ist, an Stelle der seit Adam Smith als alleinseligmachend angesehene Arbeitsteilung, die Arbeitsvereinung. Was der Sinn der Arbeitsteilung tatsächlich ist spricht er deutlich aus: „Nachdem verkündet war, daß der Reichtum der V ö 1 - ker sich nach der Höhe der Gewinne beinißt die die Wenigen einheimsen, und daß die größten Gewinne mittelst einer Spezialisierung der Arbeit erzielt werden, kam die Frage gar nicht in Betracht ob lebendige Menschen sich immer einer solchen Spezialisierung unterwerien wollten.“ Die Außerachtlassung dieser' Frage trifft meines Erachtens den wundesten Punkt des Marxismus, der ja die Produktionsmethode des Kapitalismus unverändert übernimmt. Dagegen stellt Kropotkin lest daß „genau im selben Verhältnis, in dem die Arbeit die von dem Einzelnen in der modernen Produktion erfordert wird, einfacher, leichter zu lernen und sicher auch monotoner und ermüdender’ wird, er mehr und stärker das Bedürfnis empfindet, mit der Arbeit zu wechseln, alle seine Fähigkeiten zu üben“, <L h. die Arbeitsteilung durch die Arbeitsvereinung zu ergänzen. Auch nach einer zweiten Richtung wendet sich Kropotkin gegen eine exzedierende Arbeitsteilung: gegen die Teilung des Menschengeschlechtes in Völkerwerkstätten, von denen jede ihre besondere Spezialität haben sollte. Mit dieser Anschauung hat der Weltkrieg wohl endgiltig aufgeräumt. Aber auch aus anderen Motiven'als jenen der größeren Kriegstüchtigkeit, aus ökonomischen Gründen *) muß gesagt werden, „daß die größte Gesamtsumme an Wohlstand erreicht werden kann, wenn mannigfaltige landwirtschaftliche, industrielle und geistige Beschäftigungsarten in jeder Gemeinschaft vereinigt sind.“ Und diese Tatsache hängt unmittelbar zusammen mit der anderen, „daß der Mensch sein Bestes leistet, wenn er in der Lage ist, seine fast immer mannigfaltigen Fähigkeiten in verschiedenen Beschäftigungen anzuwenden: im Ackerbau, in der Werkstatt, im Studienzimmer, anstatt aui Lebens- *) Man denke nur an die Ersparnis an Transportkosten und dein damit zusammenhängenden Zwischenhandelsprofit. * 8 X

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