Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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§eite 10 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 36 Erde und Arbeit! Erde und Arbeit in die Hände des Volkes! Das sind die beiden großen, wesentlichen Forderungen, jfiie wir erheben müssen jenseits aller Parteien und aller Systeme*. Das Volk fordert hier und nicht Parteien und Klassen. Wir kennen keinen Klassenkaiupf, wir keimen keinen Klassensozialismus — wir wollen sie auch nicht kennen. Wir wollen ja auch nicht Klassengerechtigkeit, sondern Menschengerechtigkeit. Und bolschewistische Gewalt ist uns nicht geschieden von bourgeoiser. Und wie wir zum Volk gekommen sind im Namen des nationalen Ideals, zum Studenten wie zum Arbeiter, zum Kaufmann wie zum Handwerker, zum Gymnasiasten, zum Lehrer, zu den Frauen; wie sie die dem Rufe gefolgt sind, wie aus ihrer aller Reihen die ersten Pioniere erstanden sind, die ins Land gingen und im Lande starben, so soll unsere neue Heimat auch ihrer aller gedenken. Sichert aber unser Volkssozialismus dem Volke Boden und Arbeit, dann sind ihm alle Wege zum neuen Leben gesichert. Aus dieser vollen Erneuerung werden wir die Energien schöpfen, die wir brauchen für unser künftiges Schaffen an der Weltkultur. Riesiges hat i unser Volk schon geleistet und geschaffen. In letzter Stunde ist es zurückgekehrt zur Urquelle seines Werts, wie Antäus und — „der Riese hat wieder die Mutter berührt, es wachsen ihm neu die Kräfte“. Berlin-Schöneberg. ■ Viktor Ch. Arlosoroff. RUNDSCHAU * Zur „Lösung“ der rumänischen Judenirage. Zu der Rede MarghilOmans, die wir in Nr. 32 gebracht haben, schreibt das jüdische Preßbureau in Stockholm; „Das sind ja ganz wertvolle Eingeständnisse des rumänischen Ministerpräsidenten, Während man einerseits der Welt und den Juden gegenüber die die Juden betreffenden Bestimmungen des Bukarester Friedens als großen, dank der Bemühungen der Mittelmächte erzielten Fortschritt darzustellen sich bemüht, sucht andererseits der rumänische Ministerpräsident den giftigen Antisemitismus eines Cuza mit der Versicherung zu beschwichtigen, daß durch das Gesetz ja „nicht alle Juden zu Bürgern gemacht“ werden. Höchst bezeichnend ist die Erklärung Marghlüomans, daß die Entente in dieser Beziehung viel „schwerere ' Bedingungen“ gestellt habe. Selbst liberale Blätter in Deutschland, wie das „Berliner Tageblatt“ und die „Frankfurter Zeitung“, haben gelegentlich der Erklärung Balfours über die rumänische Judenfrage darauf verwiesen, daß die englische Regierung ihr Herz für die rumänischen Juden erst jetzt entdeckt habe, wo Rumänien aufgehört hat, Bundesgenossezu sein. Hier erfährt jnan aber zum ersten Male von offizieller ramäni- . scher Säte, daß, während noch das Bündnis mit Rumänien bestand, die Entente in bezug auf die - rumänischen Juden „viel schwerere Bedingungen“ gestellt hat; hier, wird auch bestätigt, daß die rumänische Regierung im Sommer 1917 sich der Bitente gegenüber, verpflichtet hat, die ludenfrage zu lösen, und1 zwar, wie aus der Erklärung erhellt, vollständig, ohne Beschränkung auf die bekannten Kategorien, Mithin bedeutet der Bukarester Friede in bezug auf die Juden tatsächlich einen Rückschritt Von einem Verdienst der Mittelmächte um die rumänischen Juden kann deshalb gar keine Rede mehr sein. Es ist dem kommenden Friedenskongreß Vorbehalten, auch hinsichtlich der rumänischen Juden gründlich Wandel zu schaffen.“ * Die Not der jüdischen Flüchtlinge in Rußland. (J. K. B. Bern) Die Lage der jüdischen Flüchtlinge in Rußland ist eine verzweifelte. Wie das jüdische Komitee für die Kriegsopfer in Petersburg mitteSt befinden rieh in verschiedenen Orten vZentralrußlands 75.000 Flüchtlinge, die infolge des Bürgerkrieges, der Desorganisation des ökonomischen Lebens, der Zerrüttung der Transportver-? hältnisse und des Fehlens von Nahrungsmitteln, f sich in einer völlig' aussichtslosen Lage befinden. Unter den Flüchtlingen grassieren Epidemien. Die Minimumsumme, die zum Unterhalt der Flüchtlinge monatlich nötig ist beläuft sich auf drei Millionen Rubel. Von der Regierung ist keine Unterstützung zu erwarten. Aus den Mitteln .der lokalen jüdischen Organisafionen kann nur ein. Drittel des nötigen Betrages gedeckt werden. Das erwähnte jüdische Hilfskomitee appelliert deshalb an die Juden des Auslandes um schleunige Hilfe. Herr Rosow, der als Vertreter der russischen Zionisten in der Pa- läsfinakommission dieser Tage auf dem Wege nach Palästina in Stockholm eingetroffen ist ist vom Komitee beauftragt im Auriande eine Hilfsaktion zur Rettung der Flüchtlinge zu unternehmen. Zionistische Bewegung Bericht aus den südslavischen Ländern Mit Kriegsausbruch hat jede zionistische Tätigkeit plötzlich' aufgehört Alle Mitglieder des; Ländeskomfiees. und Mitarbeiter der Zidovska Smotra (welche sofort eingehen mußte), die ganze akademische und kaufmännische Jugend, alle gesunden Männer waren eingerückt Das Land war 'die längste Zeit engeres Kriegsgebiet, noch heute herrscht Vereins- und Versammlungsverfiot und strenge Zeitungszensur. Mitte 1916 versuchten zwei bis drei Gg. auf eigene Faust den Wiederaufbau der Arbeit Im September 1917 erschien das neue Blait „Zidov“ und brachte es auf eine Auflage von 1700. Für 5677 wurden 703 Schekolim (nicht viel weniger als in Friedensjahren) gesammelt, während für 5678 bisher von 1518 Mitgliedern für Schekel, Zeniralfonds und Miscbmar K 5644.61 eingezahlt wurden und nach Einlangen der noch aushäftenden Abrechnungen von vielen Ortsgruppen dürfte die Zahl'.der Schekelzahler 2000 erreichen. Die Einnahmen des JNF. betrugen 1917 K 41.000.— (das vierfache des Friedensdurchschnittes), während Vom 1. I. bis 15. VII. d. J. K 73.000.— eingegangen sind Außerdem wurden Friedensschecks über K 11.570.— gezeichnet Mit diesen Ergebnissen dürfte der Südslavische zlon. Landesverband mit seinen 40.000 jüdischen Seelen relativ an der Spitze der Landesorganisationen stehen. Die Arbeitsschwierigkeiten in dieser Landesorganisation sind eher größer als kleiner im Vergleiche zu anderen Landesorganisationen. Dennoch glauben die Leiter der Arbeit' in den südslavischen Ländern, daß die'Arbeitsmöglichkeit mit der Größe der erzielten Erfolge immer noch größer werden, Tempo und Intensität der Ausbreitung der Bewegung nehmen immer mehr zu, es ist ein Schwung in der Bewegung. Unsere Gg. in Ländern mit weit größerer Judenzahl — Ungarn, Böhmen — sollte'n sich von der südslavischen Landesorganisation belehren lassen, daß es dennoch geht und sehr gut gehen kann, wenn man nur wirklich ernstlich will. „Es geht nicht“, ist eine Ausrede derjenigen, welche nicht ernstlich ihren zionistischen Pflichten nachkommen wollen. Die in den ■ südslavischen Ländern abgehaltenen Herzlfeiern waren ein würdiger Höhepunkt dieses arbeitsreichen Jahres. Herzlfeiern wurden abgehalten in den Orten: Zagreb, Karlovac, Bjelovar, Virovitica, Osijek, Vinkovci, Mitrovica, Sarajevo, Bjelnia, Banjalukä, Bihac, Zenum und Tuzla. In fast allen Orten waren auch Festgottesdienste im Tempel, in vielen Orten waren noch besondere Schülerfeiern. In manchen Orten wurde, die Herzlfeiern zum ersten Male abgehalten, in den meisten Orten war es die erste zionistische Kundgebung seit Kriegsausbruch. Lav Stern sprach in Zagreb, Osijek, Vinkovci und Sarajevo. Besonders imposante Kundgebungen waren die Herzlfeiern in Zagreb vor etwa 500 und Sarajevo vor etwa 900 Zuhörern. In Zagreb hielt Dr. Leon Reich aus Lemberg eine glänzende Festrede, welche das Publikum zu stürmischen Ovationen hinriß. Dem JNF. haben die Herzlfeiern über K 20.000.— eingebracht. Das Verdienst an diesen Erfolgen gebührt dem Blatte „Zidov“, den Mädchenvereinen „BenothZion“, Zagreb; „Moriah“, Sarajevo; „Moriah“, Vinkovci; „Moriah“, Banjaluka; „Poalot Zion“, Bjelnia, dem Jüdischen Nationalverein Sarajevo und dem Jüdischen literarischen Vereine der Zag-, reber Miitelschüler. « L. S. An alle zionistischen Vereine des ännerösterreichischen Distrikts ergeht hiemit die Aufforderung, ihre .Adr e s s e,. Mitgliederzahl, Vorstand, bezvv- Vertreter dem zionistischen Büro in Wien zur Kenntnis zu bringen.- Dies gilt vor allem von den Studenten-Vereinen und -Verbindungen, deren Adressen infolge der Einrückungen oft geändert werden. Das zionistische Büro kann bei Einberufung des Distriktstages auf Gruppen, die sich nicht gemeldet haben, keine Rücksicht nehmen Zionistische Treffpunkte an der Südwdstiront: U'din e: Oblt. Dr. Bergmann. Heeresbahnkommando. Juridische Gruppe. Telephon. Latisana: Feldrabb. Dr. Tauber. Feldrabbinat der Isonzosrmee. Cornino bei Gemona: Oblt. Dr. Reiner. Brückenhebedetachement. Portogruero; Fhr. Erich Juhn. Monturfassungsstelle des 23. Korps. Pergine: Lt. Ing. Emmerich Hoffmann. Erzherzog Eugenstraße 93. 1. St. Um Nachdruck in Parteiblättern wird gebeten. Todesfälle Isaac Schwadron Samstag, den 30. August, verschied in Wien im 70. Lebensjahre unser Gesinnungsgenosse“ Herr Isak Schwadro'i. Er war einer der angesehensten‘Zionisten Galiziens. Vor Jahrzehnten tioch, .vor Herzl, war er einer der wenigen, die sich der zionistischen Partei angeschlossen haben. Seit den Neunrigerjähren des vorigen Jahrhunderts bis zu seinem Tode betätigte er sich in der Partei und nahm regen und warmen Anteil am jüdischen Leben. Er vereinigte in sich großes jüdisches Wissen, starke Gläubigkeit .einerseits und ein ausgesprochen nationales Empfinden und Verständnis für die modernen Forderungen des Judentums andererseits. Da er ein reiner und fleckenloser Charakter war, ein wahrhafter’ Idealist der alten Schule, bei dem das Materielle und das Persönliche eine untergeordnete Rolle spielten, dem das Wohl und Wehe der Nation für das Heiligste galt, erfreute er sich bei alt und jung, in streng orthodoen Kreisen der Gläubigen »und in modernen zionistischen Kreisen ungeteilter Wertschätzung. Er war durch seine zionistische Betätigung weit außerhalb der Stadt seines Wirkungskreises, <L h. Zloczow, bekannt Er förderte nach Möglichkeit und unterstützte kräftig jeden Schritt, der zur Wiederbelebung des jüdischen Volkes führte. Nie war es ihm darum zu tun, an.der Spitze zu stehen oder auch genannt zu werden, immer aber wollte er sein Scherflein beitragen, um die gute Sache zu fördern. Er war ein glühender Verehrer Erez Israels und ein' fanatischer Anhänger Theodor Herzls. Nach .Kriegsausbruch kam er als Flüchtling nach Wien, wo er sich auch vier Jahre aufhielt. Trotz schweren Leidens nahm er nicht nur regen .Anteil am Parteileben in Wien, sondern arbeitete auch, tuid zwar mit großem Erfolge an der Beilegung der Differenzen, die leider noch immer zwischen dem nationalen Lager und einem Teile der religiösen tJudenschäft bestehen. Diesem grossen Werke widmete er seine letzten Jahre, und es freute ihn auch sehr, als er auf günstige Resultate seiner Betätigung blicken konnte. Es ist im nicht geringen Teile ein Verdienst Isak Schwadrons, wenn jetzt eine starke«- zionistische Strömung im Lager der strenggläubigen Juden entstanden ist. Mit Isak Schwadron verschwindet einer der Vertreter der alten Richtung, die beides vereinigen konnte — streng orthodoxe Lebensweise und jüdischnationales Empfinden. Wir werden dem lieben, sympathischen Greis, dessen stilles aber erfolgreiches Wirken in den letzten. Jahrzehnten uns bekannt war, mit Wehmut unter uns vermissen, denn er war einer unserer Besten. Unsere Partei verliert in dem Verstorbenen einen ihrer ehrlichsten, überzeugtesten, treuesten und opferfreudigsten Bekenner. Der Familie des Verstorbenen, speziell seinem Sohne, unserem bewährten Gg. Dr. Abraham Schwadron, drücken wir unser innigstes Beileid aus. Ad. S. Nach Redaktionsschluß erhalten wir die traurige Nachricht, daß wir wieder einen unserer Bersten verloren haben. Johann Thau, A. H. der jüd. akad. Verbindung '„Bar Giora“, ilst am 27. August einem schweren Leiden erlegen, das er sich in Ausübung seiner militärischen Dienstpflicht in Montenegro zogezogen hatte. Wir belialten uns eine Würdigung des Verblichenen vor. * v ln Wien verschied in diesen Tagen im 82. Lebensjahre Frau Katharina Weisen grün. Sie entstammt einer hochangesehenen, geachteten Familie und erfreute sich als vornehme und wohltätige Frau in weitesten Kreisen der allgemeinen. Beliebtheit Wir drücken aus Anlaß dieses Todesfälle* unserem bewährten Gg. Dr. Paul Weisengrün unser innigstes Beileid aus. Jugendfeier des Sukkothfestes Ein Aufruf. , Die jüdische Jugend will die Feste des Glaubens ihrer Väter feiern. Sie will Zusammenkommen, um in gläubiger Stimmung »das Bewußtsein zu empfangen, daß das Judentum nicht Totes, Abgestorbenes ist, .^sondern ein Stück Leben. Konnten im Drange der Erwerbsverhältnisse die Mehrzahl der jüdischen Eltern ihren Kindern kein jüdi- ' sches Haus und keine jüdische Erziehung bieten, so sucht die jüdische Jugend nunmehr sich selbst den Weg zum Judentitm.' , \ ln keiner Einrichtung unseres Glaubens« kommt das Jüdische mehr zum Ausdruck als in unseren Festen. Der jüdischen Jugend,- die nach: Rückkehr zum Judentum strebt, muß daher Gelegenheit geboten werden, die alten Feste unserer Väter, der Begriffs- Und Empnndungswelt der Jugend nahe zu bringen. Die Zentralstelle der jüdischen Jugendgruppe: in Wien beabsichtigt daher, wenn es die einlaufenden Geldmittel gestatten werden, einen weihevollen Jugendgottesdienst für die gesamte jüdische Jugend Wiens. So wie unsere Väter einst das Erntefest unter freiem Himmel in ihren Sukkoth. (Laubhütten) gefeiert haben, so will auch die jüdische Jugend Wiens das diesjährige Latibffhüttenfe'st in andächtiger Stimmung in ihren Sukkoth feiern können. Es wird insbesondere an einen Abendgottesdienst unter freiem Himmel gedacht. Wenn dieser Plan zur Ausführung gelangt so wird der jüdischen Jugend ein unvergleichliches und jüdisches Erlebnis beschert sein. Die Jugend selbst kann die materiellen Mittel, die zur Ausführung dieser Veranstaltung notwendig sind, aus eigenem nicht aufbringen und wendet sich daher an die jüdische Gesamtheit mit der dringlichen Bitte: Ermöglicht uns, daß wir die Feste des Glaubens unserer Väter in würdiger und erhebender Form feiern können. ( Musik- und Gesangkundige, werden emgeladen, im Jüdischen Jugendheim, II., OberS1 Donaustraße 9 (3 bis 6 Uhr) sich zur Bildung eines- Orchesters und Gesangschors zu melden. Spenden übernimmt die Administration dieses Blattes, Wiei^, II., Zirkusgasse 33. —— — -ii— jüdisch-pädagogische Kurse in Wien Schuljahr 1918/19. Das Komitee der Jüdisch-pädagogischen Kurse versendet einen Prospekt, dem wir nachstehende Angaben entnehmen: Am 15. Oktober 1918 wird eröffnet die Abteilung I (für Kindergärtnerinnen) und die Abteilung II (für hebräische Sprachlehrer) des Allgemeinen jüdischen Pädagogiums in Wien. -Lehrplan: - A) Allgemeine Abteilung: Obligat für die Hörer der Abteilung I und der Abteilung II: 1. Hebräische Sprache und Literatur; 2. Die BibeL a) für Anfänger, b) für Vorgeschrittene; 3. Der Talmud; 4. Jüdische Geschichte; 5. Jüdische Frage und Bewegung (national-ökonomische ' Darstellung); 6. Jüdische Gegenwartskunde (Kultur- , geschichtliche Darstellung); 7. Palästinakunde;. S. Die jüdische Religion; 9. Psychologie, insbesondere der Kindheit und der Jugend; 10. Erziehungslehre und Geschichte der Pädagogik. ✓ \