Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Yechiel Tschlenow 2× ep/1020245
- Abel Pann 1× ep/1027199
- Augusta Weldler-Steinberg 1× ep/1013877
- Chaim Weizmann 1× ep/1009290
- Georg Brandes 1× ep/1024832
- Hermann Struck 1× ep/1004902
- Hugo Zuckermann 1× ep/1033808
- Ludwig August von Frankl 1× ep/1023644
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Max Nordau 1× ep/1011077
- Nahum Sokolow 1× ep/1006352
- Ozjasz Thon 1× ep/1000008
- Theodor Herzl 1× ep/1007316
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wegtäuschen, wobei die schwierige Lage des Deutschen Reiches und der Donaumonarchie mit Rücksicht ad Ihr Verhältnis zur Türkei durchaus mclu verkannt weiden soll. Die Unzulänglichkeit ihrer Erklärung scheint der Türkei selbst zum Bewußtsein gekommen zu sein, da sie ini Frühjahr das zionistische Aktionskomitee, die Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands und die ireie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums einlud, ihre Vertreter nach Konstantinopel zji entsenden, um mit ihr bezüglich der Wünsche der Juden hinsichtlich der Palästinasiedlung in Verhandlung treten. Zu welchem Ergebnis die Beratungen führen werden, ist zur Stunde noch nicht zu übersehen. — Den Er- -klärungen der- Mittelmächte schloß sich später Bulgarien durch seinen Berliner Gesandten an. Indes reifte auch bei den übrigen Ententeländern die Erkenntnis der Bedeutung des zionistischen Problems heran. Vor allem eröffnete der italienische Gesandte in Washington, daß die italienische Regierung sich vorbehaltlos der Erklärung des englischen Außenministers über die Errichtung eines nationalen Heimes für das jüdische Volk in Palästina anschließe. In ähnlichem Sinne äußerte sich der französische Minister des Aeußern, P i c h o n, der dem Mitglied der zionistischen Leitung, Nachum Sokolow, mitteilte, daß zwischen der französischen und englischen Regierung vollständige Einigkeit wegen der Errichtung der nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina besteht. Die italienische Erklärung wurde späterhin vom italienischen Minister des Aeußern, Baron Sonnino, aufs nachdrücklichste wiederholt. Hand in Hand mit der politischen Machtvermehrung des Zionismus ‘ging auch das Erstarken des Palästmamteresses in allen jüdischen Kreisen. Die früher mit Vorliebe als „Utopie“ bezeichnete Palästinairage beschäftigt heute alle jüdischen Kreise. Keine jüdische Tagung, kein Programm einer jüdischen Organisation ohne die Palästinaforderung. Von der Kongreßkonferenz der russischen Juden bis zur Kongreßdemoristratiorf der Juden Hollands, von den Richtlinien der „Vereinigung Jüdischer Organisationen Deutschlands“' bis zur Sitzung des ..American Jewish Committee“ gab es in diesem Jahre keine Kundgebung, die nicht dem Palästinagedanken den ihm gebührenden Platz eingeräumt hätte. Auch die Leitung der „Jewish Territorial Organisation“ (ITO) faßte " den Be* Schluß, zusammen mit den Zionisten für die Verwirklichung des zionistischen Programmes zu arbeiten." Ganz besonders erwähnenswert ist die Annäherung der westeuropäischen Orthodoxie an die nationale Bewegung. Selbst die bisher schroff antinationalen Gesetzestreuen der Frankfurter Richtung, die Anhänger der „Trennungsorthodoxie“. fühlten sich beumgen, ihre bisherige Stellung zu ändern und —.wenn auch unter gewissen Vorbehalten — den nationalen Charakter des Judentums anzuerkennen. Noch viel deutlicher und klarer erfolgte dies von Seiten der norddeutschen Orthodoxie,..die ja seit jeher eine viel versöhnlichere Haltung eingenommen hatte. Währenddem, sich der Vertreter der ersteren, J. Breuer, noch gegen den zionistischen Einfluß zu sträuben sucht, fordert im Namen der letzteren Rabbiner Dr. J. Wohlmuth ganz offen das Zusammengehen mit den Zionisten in der Palästinafrage. Wir stellen mit Freuden fest, daß die Orthodoxie sich offen als national bekennt, wobei wir uns des großen Gegensatzes zwischen ihr und uns vollauf bewußt sind. Die großen englischen, amerikanischen, deutschen und italienischen Zeitungen begleiten mit lebhaftem Interesse die Gestaltung der Palästinafrage und nehmen durchweg im zionistischen Sinne Stellung zu ihr. Das allgemeine Interesse für den Zionismus, das auch in Deutschland seit längerer Zeit im Wachsen ist und sich auch in dem vorzüglichen Buche des Majors Franz Karl Endres „Zionismus * und Weltpolitik“ wiederspiegelt, fand in der Gründung eines Komitees unter dem Namen „Pro Palästina-, Deutsches Komitee zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung“ einen bedeutsamen Ausdruck.- Ein Komitee mit ähnlichen Zielen, jedoch unter Anlehnung an die Palästinapolitik Englands und J O'd, I S C.yi F. R i<vvrf6 sjALkalemder 6? .C) Soeben erschienen: Jüdischer Kationaihaiender IV. Jahrgaig 5679 IV. Jahrgang Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Batö. - 'INHALT: .■w-nsam Ludwig Batö, Das Kriegsjahr 5679. OsiasThon, Die Erneuerung alter Kassen. Heinr. Margulies, Europäisches im Zionismus. Jakob Öttinger, Das Problem der Einwanderung in Palästina. Adolf Friedemann, J. W. Tschlenow. Hermann Kadlsch, Oesterreichische und russische Judenpolitik. Salomon Kaßner, Freiheit des nationalen Bekenntnisses. Adolf Stand, Die Ersten (Erinnerungen an zionistische Pioniere). Eugen Hoeflich, Tag der Erfüllung (Gedicht). Mendel M. Sforim, Ans meinem Buche der Er» innerungen. Otto Abeies, Legende (Gedicht). Ludwig Batö, L. A. Frankl in Palästina. Marek Scherlag, Vision (Gedicht). Sch. Zemacb, Brachfeld (Novelle). Viktor Cb. Ariosoroff, Alte Ballade (Gedicht). Otto Abeies, Der reine Tor (Skizze). Hugo Zuckermann, Herbst (Gedieht). Z. F. Finkeistein, Im. Londoner Ghetto. Augusta Weldler-Steinberg, Neue Bücher. * Kern Worte zur Judenfrage von: Ch. N. Bialik, Georg Brandes, Martin Buber, Acbad Haam, Theodor Herzl, Heinrich Margulies, Max Nordau, Osias Thon, E. W. Tschlenow. * Illustrationen von: Josef Budko. Jakob Löw, Abel Pann, Hermann Struck. Porträts von J. W. Tschlenow und Mendele Mscher Sforim. Umschlagzeichnnng von Josef Budko. Preis einschließlich Buchhändlerzuschlag und - Porto K 5*70. Zu beziehen gegen Voreinsendnng des Betrages oder Nachnahme durch ~ Jdiifa Ztitang“, Ml., litlnugsm Dr. fl. Frankreichs, hat sich auch in Frankreich unter dem Namen „Liga der Freunde des Zionismus“. gebildet. Den ersten praktischen Eriolg auf dem Gebiete der zionistischen Palästinapolitik bedeutet die Reise der zionistischen Palästinakomniission nach Judäa und ihre Tätigkeit au Ort und Stelle. Diese von der englischen Regierung mit Spezialvollmachten ausgestattete Kommission, die aus hervorragenden englischen, französischen, amerikanischen und italienischen Zionisten besteht, traf nach wichtigen ’ Beratungen mit den jüdischen Komitees in Rom, Kairo und Alexandrien unter Führung des Professor Dr. Chaim Weizmann ant 6. April in Jaffa und schließlich am 10. April in Jerusalem ein. Am folgenden Tage, der als jüdischer Feiertag erklärt wurde, fand unter Teilnahme der Vertreter aller einheimischen Nationen und Konfessionen sowie der englischen Regierung eine große Demonstration auf dem „Har ha-zofim“ (Skopusberg) statt, wo das Gebäude der hebräischen Universität errichtet werden soll. Kurz nach ihrer Ankunft im Lande nahm die Kommission eine vielseitige eingreifende Tätigkeit auf. Mittlerweile hat die Palästina-Kommission auch den Erwerb des Bodens für die hebräische Universität, der bereits vor dem Kriege abgeschlossen . war, durchgeiührt und die hebräische Universität Ende Juli in feierlicher Weise eingeweiht. ’ Dem Zionistischen Executive Committee in New-York gelang es, in zwei Monaten eine Million Dollars für den - „Preparation Fund“ zu sammeln. Man hofft, diese Sammlung auf l>i Millionen Dollars ergänzen und damit die Geldbedürfnisse der Anglo Palästina-Bank, die Kosten der zionistischen Kommission und der Rückkehr der Flüchtlinge, ferner der Wiedererrichtung der kulturellen Institutionen und die ersten Landkäufe decken zu können. Die jüdischen Kolonien sind in guter Verfassung, lediglich Petach Tikwah hat durch die Kriegsereignisse gelitten. Auch die Verpflegung der Bevölkerung in Judäa hat sich gebessert Von den Juden, welche Palästina im Laufe des Krieges verlassen mußten, ist bereits ein Teil zurückgekehrt. Sehr traurig ist dagegen die Lage in* Galiläa. Die Lebensmittelpreise erklommen eine Höhe, die es selbst den Bemittelten unmöglich macht, das zum Leben nötige Minimum an Brot zu kaufen, so daß die Zahl der Juden, die auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind, an vielen Orten auf 96 Prozent und mehr gestiegen ist. Die tapferen Pioniere der jüdischen Erneuerung, die nun schon drei Jahrzehnte und länger allem Ungemach getrotzt, mit heldenhafter Hingabe ’gekämpit Und die Leiden dieser Kriegsjahre unter Anspannung ihrer letzten Kraft ertragen haben, verdienen von den Juden der Zentralmächte — denen der Entente sind sie infolge des Krieges nicht erreichbar — auf das fürsorglichste gestützt zu werden. Man darf frohen Mutes feststeilen: Trotz aller Kriegsnot hat auch in diesem Jahre die gesamte jüdische Bevölkerung Palästinas — auch die des alten .ischuw — die Probe bestanden, die Idee der Erneuerung Palästinas ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Am Irischen Grab der jüdischen Autonomie in der Ukraine*) Von M. Großmann, Mitglied des jüdischen Nationalrates in dter Ukraine. . . . Wie ein tragisch-ironischer Hohn klingt die Nachricht, daß gerade an dem Abend, wo wir "') Wir entnehmen diesen Auisaiz dem Warschauer „Hajnt“. verwandelte ' und Mitglied der deutschradikalen „Sudetia“ in Brünn wurde, der wüsteste Antisemit Ihn muß ich einmal nach seinen Beziehunden zum Herrn Abgeordneten fragen.) — also der kleine Lueger sieht, wenn er von der Ferdinandisbrücke. kommend die Praterstraße entlang geht, immer nur nach rechts in die Kaffeehäuser, prassende Juden suchend. Ich möchte ihm empfehlen^ einmal denselben Weg nach 10 Uhr abends zu machen und sein christlich-germanisches Auge auch etwas nach links zu werfen. Da würde er einen der größten Skandale Wiens erblicken. Nirgends, in ganz Wilen nicht, sieht man ein Stückchen Obst. Aber nach 10 Uhr abends stehen die ganze Praterstraße entlang, von allen Behörden unbehelligt, Händler und Händlerinnen, bei denen man Birnen, AepfeL Pflaumen, Pfirsiche und -Trauben in Hülle und Fülle zu kaufen bekommt Allerdings, zu welchen Preisen. Pflaumen — ein Obst, für das man im Frieden 16 Heller' per Kilo zahlte — zu 16 Kronen per Klo. Ja, bitte, sechzehn Kronen. . Ich habe mir Zeugen gesichert Warum zerreißt sich der Herr Abgeordnete nicht auch darüber sein Maul? Warum schreibt selbst das wildeste Revolverblatt Wiens auch nicht ein Wort darüber? — Des Rätsels Lösung ist leicht gefunden: unter diesen Händlern und Händlerinnen ist auch nicht ein Jude. Hamabbit „Und das Krumme wird Gerade“ Von & J. Agnon. Wenn ich der Aufforderung, über Agnons neues Buch*) zu berichten, nachkomme, so geschieht dies nicht, weil ich dmch Kenntnis ‘ der *) „Und das Krumme wird gerade“ von S. J. Agnon, aus dem Hebräischen von Max Strauß. Jüdischer Verlang, Berlin 1918. neuen hebräischen Literatur die „Kompetenz“ dazu hätte, sondern einzig darum, weil mich das Buch entzückt hat und ich gern davon spreche^ ohne die Anmaßung, es literarisch voll zu würdigen, Was ich von der neuhebräischen Prosaliteratur kenne, ist entscheidend beeinflußt von der russischen Literatur des XIX. Jahrhunderts und in letzter Linie auf (He Haskalah zurückzuführen. Agnon knüpft schon äußerlich an ganz andere Vorbilder an: die halb und ganz populäre chassidisch-kabbalistische «Literatur der vorhergehenden Jahrhunderte, deren Titelüberschriften — ebenso wie die der verbreiteten deutschen Bücher aus der Zeit der Reformation und des dreißigjährigen Krieges eine ganze Seite füllen. Agnons Form ist die der lose schreitenden Erzählung, mit Abschweifungen und Einschaltungen, durchsetzt von Zitaten und naiven Anreden des Lesers, worin der Verfasser sich etwa entschuldigt, daß ein Kapitel besonders lang geraten ist, — ganz wie in jenen populär-kabbalistischen Büchern immer wieder Bemerkungen des Autors oder‘auch’eines Kopisten oder Lesers gedruckt stehen. Das Thema der Erzählung ist ein in der Weltliteratur seit Jahrtausenden immer wiederkehrendes : das des nach langer Abwesenheit tot geglaubten, heimkehrenden -Gatten, der die Gattin in neuer Ehe findet. Am allgemeinsten ist dieses Motiv wohl aus Tennysons Enoch Arden bekannt In Agnons Erzählung ist es nicht nur äußerlich, sondern bis in sein Innerstes hinein ins jüdische gewendet Menaschelr Chajim Hakohen ist ein Kaufmann in Buczacz, der mit seiner Frau Kreindel Tscharne glücklich, vierrn auch kinderlos, und zufrieden lebt Er verarmt aber und sieht sich gezwungen, als „Schnorrer“ das Land zu durchwandern und auf Grund eines Empfehlungsschreibens, das ihm der weltberühmte Buczaczer Rabbi mitgibt die Wohltätigkeit der Juden in Anspruch zu nehmen. Nach langer Zeit während der er sich mühselig durchgeschlagen hat bietet Ihm ein anderer Bettler eine Summe Geldes für das Empfehlungsschreiben und er verkauft es, um mit dem Erlös zu Kreindel Tscharne zurückkehren zu können. Unterwegs aber wird er in einer Schenke trunken gemacht und um sein Geld bestohlen. Der rote Schnorrer, der den Empfehlungsbrief gekauft hat erfreut sichseiner auch nicht lange; er stirbt in_ einer fremden Gemeinde an Entkräftung und wird, nach dem Schreiben, das man bei ihm findet als Menascheh Chajim Hakohen aus Buczacz agnosziert und begraben. Der Empfehlungsbrief aber wird dem Buczaczer Rabbi übersendet mit der Mitteilung, daß sein Besitzer verstorben sei Kreindel Tscharne findet einen zweiten Gatten und gebiert ihm einen Sohn. Indessen ist Menascheh Chajim des Wanderlebens müde geworden und die Sehnsucht nach seinem Heim und seiner Frau hat ihn übeimannt; er kehrt nach Buczacz zurück. Da eriährt er auf dem Wege zu Kreindel Tscharne, daß eben diesen Abend die Geburt ihres Sohnes durch ein Mahl gefeiert wird. Und Menascheh Chajim wendet sich um und zieht wieder fort Er lebt in Buße und Demut hält sich meist auf den Friedhöfen auf und findet zuletzt eine Zuflucht bei dem Totengräber eben jener Stadt wo der rote Schnorrer gestorben ist Der Totengräber, der auch Grabsteine fertigt hat von Kreindel Tscharne den Auftrag, ein Grabmahl für Menascheh Chajim zu. errichten; bei dessen Anblick erzählt der Unglückliche dem Totengräber seine Geschichte und als er bald darauf stirbt richtet es der Totengräber so ein, daß der Grabstein auf das richtfee Grab zu stehen kommt „Und als der besä] Tag kam, da stand Kreindel Tscharne auf scheh Chajims Grab und ihre Tränen fie seine Asche.“ 7