Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 36 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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g^p'gy^^ USSSÖsSa £>d»feSXBJ9 rt-;5^agjray Seite 2 J0DIS6HE ZEETUNQ Nr.. 36 Attribute der Reichseinheit bei der Verfassuussrevision gewahrt wissen,'die der Gesamtstaat zii seiner Existenz bedlari; wir sind also in diesem Sinne zugleich ‘Zentralisten wie Föderalisten, ohne uns mit (dem alten Zentralismus, dem dualistischen Doppelzentralismus, oder dem ländierautonomischen Föderalismus zu identifizieren, dSe alle gleichmäßig in den letzten 50 Jahren sich als schädlich für die Habsburgermonarchie, die Mehrheit ihrer Völker und speziell auch für das jüdische Volk, erwiesen haben. (Siehe meine Flugschrift: „Die Juden und die Verfassungsrevisiön“.) Derzeit kann es sieh nicht mehr um einen von keiner parlamentarischen Partei erstrebten „Zentralismus“ handeln, der dfe facto seit 1867 nicht besteht, da ja seit damals einerseits ein dualistischer Staateinbund existiert, andererseits innerhalb Zisleifhaniens Galizien und innerhalb der Länder der ungarischen Krone Kroatien, eine Landesaiutonomie besitzen. Da nun mit Zustimmung eines araafanlitihen Teiles der sogenannten deutschen Zentralisten Galizien ganz aus Zisleäthaimen ausgescbieden werden soll und der Dualismus sich immer mehr zu einer Personalunion zwischen dten beiden Rekhshäliten ausgestaltet so' ist es überaus komisch, wenn Parteien und Blätter, welche diese Ideen propagieren, den traurigen Muit besitzen, in einem großösterreäcihisehen. Bundesstaat welcher die Autonomie aller Reichsvölker verwirklicht — den — Zerfall (!) der Monarchie zu erblicken, obwohl ein vernünftig organisierter Bundesstaat viel reiebseinheitlicher sein wird, als der jetzige Staatso rganismns. — Allerdings über eines dürfen wir Nationa 1 juden uns nicht täuschen und bei der Revision des Krakauer Programmes kommt es sehr in Betracht, diaß das Personalitätsprinzip Dr. Renners, welches von den Juden und alten Minderheiten •äußerst energisch gefordert werden muß. nur als Ergänzung der nationalterritorialen Autonomie gefordert werden kann. Die Entwicklung zum Bundesstaat ist gegenwärtig nicht mehr aufzuhalten, nur als solcher kann die Haisburgermonardhie als selbständige Großmacht weiterbestehen, die polnische, wie die ukrainische, die siüdslavtsche und romanische Frage in rationeiter Weise lösen und ihre historische Aufgabe am Balkan erfüllen. Allerdings einen sulchen Bundesstaat, der nicht das Recht der nationalen Minderheiten berücksichtigt, auf dem ausschließlichen länderaattonomischen Standpunkte basiert, aus Böhmen,1 Galizien etc„ ein zweites und drittes Ungarn machen ■würde, müßten wir ganz entschieden -nicht nur vom jüdisch-nationalen, sondern auch vom gesamt-österreichischen Standpunkte atolehnen. die ach insofenne decken, als jede Zerreißung der Monarchie auch die Zerreißung der Juden bedeutet, was sich ja auch im Verhältnisse der galizischen, ungarischen sowie kroatischen Juden zu einander und zu denen der Sudeten-, so w i e. Alpenländ er seit 1867 deutlich zeigt. Immerhin muß aber mH einer solchen föderalistischen Verfassung, die aber auf einer Kombination der Länder- und Völkerautonomie basiert, ernstlich gerechnet werden und für diesen Fall muß durch nationale Kataster und Landtags-Kurien, beziehungsweise durch das Proportionalsystem, der Schutz der jüdischen Mmde^eiten gefordert werden. Es würde über den Rahmen'dieses Artikels hinausreichen, und wäre mit Rücksicht auf die noch ungeklärte, politische Situation, speziell be- Zweierlei Recht i. Ich mußte mit der Nordbalm verreisen, hatte glücklich einen Platz erkämpft und ging nun, da noch reichlich Zeit zur Abfahrt war, den Bahnsteig entlang spazieren. Ich kam am Wartesaal dritter Klasse vorbeL Da sali ich, wie die Militärpolizei mit Gewalt viele Reisende in den Wartesaal zurückstieß, die Türen versperrte und niemanden mehr herausließ. Durch die mit Latten vernagelten Türen und Fenster — Glasscheiben haben sie seit langem schon nicht mehr, und ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, äls, ob vor einem Käfig die grimmen Wärter stünden — hörte ich plötzlich ein wimmerndes Flehen. Der Tonfall verriet mir den Ostjuden und lieh blieb stehen. In den ergreifendsten Worten flehte er den Herrn „Feldwebelleben“ an, ihn doch um gotteswiÜea'herauszulassen, da seine in die „Heimat“ riiekkehrende Familie bereits im Zuge säße und er doch nur Wasser für daie Reise holen gegangen sei. Bald gesellten sich noch andere Stimmen hinzu. Ein jüdischer Soldat rief: „Herr Feldwebel, bitt‘ gehorsamst ahf ein Wort“ Aber die Wache- . Soldaten, und .mit ihnen der Herr Feldwebel, blieben ungerührt, mit dem Rücken zum Wartesaal gekehrt stehen. Oft und oft hörte ich den Soldaten sein „Herr Feldwebel, bitt‘ gehor§amst auf ein Wort“ rufen. Da, knapp vor Abfahrt des Zuges, .kehrte der Herr Feldwebel sein wutschnaubendes Antlitz denn Käfig zu- und brüllte: „Kusch, ialirt's mit dem^ nächsten Zug.“ Drei Tage später fuhr ich mit der Städtebalm von Frankstadt nach Hullein. In allen Stationen bis Bystritz am Hostein, dem Wallfahrtsorte, erwartetem hunderte Reisende den Zug. Wallfahrer. In jeder Station hielt der Zug solange, bis auch der Letzte der Anstürmenden eingestiegen war, treiis der Zukunft Galiziens, verfrüht, heute bereits zu allen möglichen Eventualitäten Stellung izu nehmen. Es ist dies Sache der gründlichen Diskussion des „Jüdischen Nationalvereines“ und einer ehestens einzuberufenden jüdischen Parteikonferenz aus allen Teilen des Reiches. Immerhin müssen 3 Leitsätze als Wegweiser für das jüdische Volk unserer Monarchie gelten: 1. Nur eine tatsächliche Reichsei uh eit — die übrigens derzeit nicht bestellt — sichert auch die Einheit der Juden der gamzen Monarchie. 2. Die Umgestaltung der Monarchie in einen Völkerstaat mit der Selbstverwaltung der einzelnen Nationen, schafft die Voraussetzung für die Anerkennung der Juden als Nationalität, ohne welche allen Forderungen in völklicher Hinsicht das Fundament fehlt.; t 3. Jedie Unterdrückung .irgend eines Volkes, oder audr.mur einer nationalen Minorität, müssen' die Juden, welche als Minderheit zerstreut unter, allen ^anderen Reichsvölkem des Donaureiches wohnen* aufs entschiedenste ablehnen. Mitte September erschein!: von Ingenieur Robert Stricker Preis (inklusive Porto) K 2.50 Nur gegen Voreinsendung des Betrages! Bestellungen und Zahlungen werden bereits entgegengenommen „und. sind zu richten an den Verlag der „Jüdischen Zeitung“, Wien 11., Zirkusgasse 33 Die Palästinafrage im Kriegsjahr 5678. Von Ludwig Batö. *) In das grausame tägliche Einerlei des Krieges, der einem Alpdruck gleich auf der Menschheit lastet, iri das Hangen und Bangen des jüdischen Volkes fiel im verflossenen Jahre ein Lichtschimmer: Zum ersten Male, seit wir in der Zerstreuung leben, ist Palästina in den Vordergrund der jüdischen Geschichte gerückt. Nicht urplötzlich -erlangte Erez Israel diese Bedeutung und nicht durch einen Zufall. Wohl war es die Kriegslage, die die Palästinafrage aufwarf, allein zur Reife brachten sie einzig allein die zwanzig Jahre zionistischer Arbeit. Bereits im Jahre 5677 erkannten die meisten kriegführenden Mächte die ungeheure Tragweite der in dem Zionismus verkörperten Sehnsucht des jüdischen Volkes nach seiner -historischen Heimat Die großen Nationen'-begriffen, daß der zweitausendjährige Traüm' ,,zum "unbeugsamen Volks-’ willen geworden ist“. Denn die Machtvermehrung des Zionismus, der den engen Partei- ■ rahmen verließ und allmählich die Wünsche des Gesamtvolkes vertrat, wirkte auf die Haltung der europäischen Regierungen zurück, die sich nunmehr veranlaßt sahen, eindeutig für -die Verwirklichung der zionistischen Bestrebungen einzutreten und ihre weitestgehende Unterstützung hiebei in Aussicht zu stellen. „Seiner Majestät Regierung“ schrieb am 2. November der englische Minister des .Aeußern, Lord Balfour,. an Lord Rothschild —' „ist der Errichtung einer nationalen Wohnstätte ■ für das jüdische Volk *) Wir entnehmen die folgenden Ausführungen der Jahresruckschau des soeben erschienenen neuen „Jüdischen Nationalkalenders“ (Verlag „Jüd. Zeitung“), herausgegeben von Otto Abeies und Ludwig Batö. Bauernweiber fuhren in der ersten Klasse, niemand verhielt sie zum Nachzahlen. .Wir hatten bereits eine halbstündige Verspätung, als im einer Haltestelle dem bereits in Bewegung befindlichen Zuge von den Schaffnerinnen mit den Signalpfeifen das Haltesignal gegeben wurde. Neugierig drängte alles zu den Fenstern, soweit dies in dem fürchterlichen Gedränge eben möglich war. Angsterfüllt ertönte die Frage nach der Ursache des Aufenthaltes. Was war geschehen? — Ein geistlicher Herr und zwei Nonnen wollten noch mit So geschehen am 24. August 1918 in Mährisch-PoIitz. 2. Ich fuhr mit dem Eilzuge der Nordbahn nach Oderberg und fand endlich ein freies Abteil erster Klasse. Die Plätze waren nicht belegt dafür aber war in beiden Gepäcksnetzen derart viel elegantes Reisegepäck verstaut daß auch nicht der geringste Platz für mehie bescheidene Handtasche zu finden war. Ich rief den Schaffner, welcher mir achselzuckend zur Antwort gab, daß eine hohe Aristokratin nach Krakau reise. .. > * Ein andermal fuhr ich von Lemberg nach Wien in einem Wagen, der alle drei Klassen enthielt Ich saß in einem Abteil zweiter Klasse und mir benachbart war ein solches dritter Klasse. In Krakau war ziemlich langer Aufenthalt und ibh sah beim geöffneten Fenster dem Treiben auf dem Bahnsteig zu. Plötzlich flog, haarscharf an meinem Kopfe vorbei, ein großer Damenhut-Karton aus dem benachbarten Abteil dritter Klasse auf den Bahnsteig. Ein großer Sack, hach dem Auffallen zu schließen, , Kleider und Wäsche enthaltend, folgte. Das „Waigesehrten“ verriet mir die Besitzerin. Nach der Erfahrung mit der „hohen Aristokratin“ wollte ich zugunsten, der Jüdin vermitteln. Als icli hinzukam, hörte ich, daß die anderen günstig gesinnt und bereit, mi: besten Kräften dieses Ziel zu erleichtern.“ Es wäre müßig, die Wirkung zu schildern, die diese Erklärung im Volke auslöste. Iri allen Schichten empfand man sie als wichtige Etappe auf dem Wege nach- Zion. Und den Zionismus, der weder die englische noch eine andere nichtjüdische Politik zu besorgen hat, mußte dieses historische Ereignis zu ■ kraftvollster Arbeit in allen Ländern der Diaspora anspornen. Der englischen Regierung folgte der österreichisch-ungarische Minister' des Aeußern, Graf C z e r h i n, der sich,, wie es in der. offiziellen Verlautbarung des Ballhausplatzes hieß, „sehr befriedigt von den politischen Aufklärungen Dr. Hantkes zeigte und ihm die Unterstützung der österreichisch-ungarischen Regierung für die zionistischen Bestrebungen bei der Türkei zusagte.“ Diese Erklärung von hoher politischer Einsicht, war die erste philozionistische Kundgebung von Seiten der Zentralmächte. Indessen giiig der Kampf um den Besitz des gelobten Landes weiter und in. der Nacht vom 8. zum 9. Dezember, einen Tag vor dem Feste der Lichterweihe, hat der englische General Allenby von Jerusalem Besitz ergriffen. Die Augen aller Völker waren wieder einmal auf die uralte Hauptstadt des jüdischen Volkes gerichtet: Im Laufe der Kämpfe, ging nach der früher erfolgten Eroberung von Jaffa auch der Besitz des nördlichen Teiles bis Kafr-Saba und nach dem Vordringen landeinwärts bis zum Jordan ganz Judäa in die Hände der Engländer über. Die politische Arbeit blieb selbstverständlich durch die Ereignisse in Palästina nicht unbeeinflußt. Ende Dezember gab der Großwesir T alaat Pascha, der sich, wie alle seine Vorgänger, bis dahin dem Zionismus gegenüber reserviert verhalten hatte, die Erklärung ab, daß die Türkei nach dem Kriege bereit sein werde, von den administrativen Beschränkungen, die bisher den jüdischen Kolonisationsbestrebungen entgegenstanden, abzusehen, wies aber darauf hin, „daß jede Einwanderung sich in den natürlichen Grenzen der derzeitigen Aufnahmefähigkeit des Landes halten muß“. Er anerkannte das Recht auf freie kulturelle Entwicklung und auf freie Ausübung der Religion, eröffnete jedoch, daß es bezüglich der Selbständigkeit in der örtlichen Verwaltung unmöglich sei, „den Juden irgendwelche Vorrechte zu geben“, wobei allerdings „die Ortsgemeinden und Provinzen noch mehr Selbständigkeit erhalten sollen als sie bisher schon haben“. Kaum war die türkische Erklärung verklungen, als sich auch die kaiserlich deutsche Regierung zu Worte meldete, die am 5. Jänner durch den stellvertretenden Staatssekretär des auswärtigen Amtes dem eingeladenen zionistischen Aktionskomitee und dem „Komitee für den Osten“ kundgab, daß sie die Erklärungen . des Talaat Pascha begrüße, insbesondere die Absicht der ottomanischen Regierung, die..,aufblühende jüdische Siedlung in Palästina durch Gewährung von freier Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmefähigkeit des Landes,^ von örtlicher Selbstverwaltung, entsprechend deti Landesgesetzen, und von freier Entwicklung ihrer kulturellen Eigenart zu fördern“. Die große Bedeutung der Erklärungen der beiden letztgenannten Staaten, die sich bisher über den Zionismus öffentlich niemals hatten vernehmen lassen,, wird erst voll erkannt, wenn man erwägt, daß die eine dieser Mächte bis vor kurzem die Besitzerin Palästinas war und noch ■heute den größten Teil Landes in. den Händen hält, während die andere das führende Reich im Vierbund ist. Aber selbst die Freude, daß nun auch die Mittelmächte den zionistischen Bestrebungen mit Verständnis gegenüberstehen, kann bei objektiver Wertung der offiziösen Kundgebungen über ihre Dürftigkeit nicht hin- Reisenden sich beschwert hätten, ihr Gepäck nicht unterbringen zu können, da die Jüdin das halbe Abteil mit ihrem Gepäck belegt habe. Der Schaffner hätte sie aufgefordert, nur soviel Gepäck iim Abteil zu belassen, als über und unter ihrem Srtze unterzubringen möglich sei und den Rest als Reisegepäck aufzugeben. Da sie dieser Aufforderung nicht Folge leistete, habe er kurzerhand dfe vorgeschilderten Kolli zum Fenster hinausgeworfen. Der Schaffner handelte nach seiner Instruktion. Allerdings, zum Hinauswerfen des Gepäckes war er nicht berechtigt 3. , Die dankbarste, allerdings auch niederschmetterndste Lektüre für meine Beobachtungen bietet die ständige „Gerichtssaalrubrik“ der Tagesblätter: Also bitte: „Die Hilfsarbeiterin Marie F., die dem Flüchtling Moses B. in der Brigittenau eine Brieftasche mit 3250 Kronen stahl, wurde freigesprochen.“ Oder: „Der Landsturmkorporal Kart Kraus» .der aus Eifersucht seine Frau Marie .erstach, wurde zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.“ Hingegen: Aus der „Arb.-Ztg.“ vom 28. August 1918. Ein Bluturteil: „Der neunzehnjährige Juda Spitz und der Flüchtling Kalman Weichselbaum, die dem Leiser Horowitz aus Rzeszow die Lieferung von Pfeffer vorspiegelten und ein Angeld von 2435 Kronen - (man beachte die Beträge) nahmen, wurden wegen Betruges schuldig gesprochen und der neunzehnjährige Juda Spitz zu fünf Jahren und Kalman Weichselbaum zu sieben Jah/en sch-weren Kerkers verurteilt.“ ‘ : 4. Der Herr Abgeordnete Jerzabek — (ich habe einen Bekannten gleichen Namens, dessen Mutter eine aus Ostrau’ geborene Jüdin ist. Auch dieser' .ward, als er sein „Jefabek“ in ein ^Jerzabek“