Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-09-06 · 36 (6.9.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
36 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438710--5913-2445939
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XII. Jahrgang — Nr. 36 NEITJAHRS-NTTMBIER. Natianal-jüdifehes Qrgp ■vl-'" mir Redaktion und Administration: , ' Wien ll., Zirkusgasse 33 ' Fernsprecher Nr. 45-325; Mit der Beilage': „Der jüdische.Natiqnalfonds“ Wien, Freitag« den 6« September 1918 — 29. EIul 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 S. ganzj. 20 K, Einzelnummer 4u h Postsparkassenkonto 133.404 T In öer Flufr der Zeiten Die Zeit fließt nur so dahin, lingehemmt und ungebrochen, begleitet von Strömen roten Blutes, hereinfallend in ein Meer bitterer, salziger Tränen. Keine Ruhe, keine Pause; kein’Einschnitt, kein Atemholen. Was soll1 das Fest des Neujahrs? Feste,'sagt man, sind eine Art von Grenzsteinen, an denen der Wanderer stehen bleibt, um auszuruhen und um die weitere Wegrichtung zu bestimmen und die Weglänge abzumessen. Stehen heute irgendwo solche Grenzsteine? Gibt es denn eine Wegrichtung?1 Gibt es ein Ziel, dem man mühsam und keuchend -und blutend zusteuert? Die Menschheit ist offenbar aus ihrer Bahn geworfen, hat die Richtung verloren 'und kennt das Ziel nicht, dem sie mit unheimlicher Gewalt : zugetrieben wird. Von -Blutdurst rasend 1 gemacht, von Habgier verwildert, von wütenden Leidenschaften aufgepeitscht, zentnerschwere Steinblöcke von Angst rnnd Sorge mit sich schleppend — so keuchen die Menschen dahin, ohne Steuer und ohne Kompaß. Wehe denen,"die schwach sind. Sie werde-n rettungslos und rücksichtslos niedergetreten. Die alte Festung, hinter der der Schwache sich immer mit Aussicht auf die Erhaltung des Lebens ver-! schanzen konnte — menschliche Güte und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit ■ und Milde ' — diese Festung ist gefallen. Jetzt .gilt ' jeder nur so viel, wie viel er Kraft hat. * ' Der Wille, der robuste Wille zu siegen und zu herrschen und breiten Raum mit sich auszufüllen, hat die Herrschaft in der Welt angetreten. Wehe dem, der schwach ist. Das jüd.ische Volk ist schwach. Zermürbt von iangen Leiden, angefressen vom Golus, das ja, weiß Gott, keine Erziehungsanstalt war, gespalten in Parteien ohne Inhalt und ' Schwung, gelockert in seiner Konsistenz vom Egoismus der Klasse und des Einzelnen — ist das jüdische Volk schwach, ungerüstet und unbewaffnet für den harten Lebenskampf, den die „große“, grausame Zeit entfesselt hat. Wohl hat der einzelne Jude noch immer einen starken Rest von ererbter Vitalität und Zähigkeit in sich, ’ die ihn über Wasser hält. Gewiß taucht man häufig ihm den Kopf unter — so mancher kommt auch nie wieder lebendig’ zum Vorschein. Viele aber tauchen wieder auf, während die Verbrecherhand, die sie niederhält,'im Krampfe erstarrt. So kämpft der Einzelne sich häufig durch, mühsamer und schwerer, als jeder ‘ andere, er behauptet sich doch. Das jüdische Volk als Gemeinschaft jedoch ist schwach. Und soll doch leben bleiben. Noch mehr: es^soll erst recht zu leben anfangen. Für sich und die Welt. Wie soll das bewerkstelligt werden? Durch’ innere Stärke. Stärke ist eine Kategorie des Willens und nicht minder der Muskeln. Den Willen zur Gemeinschaft, zum Gemeinschaftsleben, gilt es zu stärken.' Die Unterordnung des Einzelwillens unter den Gesamtheitswillen — dieses alte Grundgesetz des jüdischen Stammes und der 'jüdischen Lehre, gilt es wieder heranzuholen und wieder zur Kraftquelle unseres Daseins werden zu lassen, In nahezu ' jedem Kapitel lehrt es die Weltgeschichte: am Anfänge ' jeder neuen Epoche steht eine.. Idee. Wenn das große, längst schon sinnlos gewordene Morden .aufhört, hebt doch eine neue Epoche an: Welche Idee steht an ihrer Eingangspforte in Flammenschrift' geschrieben? Wenn nicht alles täuscht, wenn nicht irgend ein unfaßbarer ,Teufel sein böses Spiel mit dem Genius der Menschheit treibt und ihn zum Lügen in und mit dem Heiligsten verführt, so ist der Name der neuen Idee: Völkerverbindung. Wohlgemerkt: Völker Verbindung. Ueber das Volk zur Menschheit. Das aber ist die Grundauffassung des Zionismus von Rationaler Bindung und Geschlossenheit und das eben hat er seine Bekenner gelehrt. Niemals hat der Zionismus eine Loslösung des jüdischen Volkes von der Menschheit erstrebt und gelehrt. Aber gerade der Weg gur Menschheit, den das jüdische Volk mit der ganzen Seele suchte, hat es zum Zionismus geführt. Jetzt eben ist dieser Anschluß auf diesem Wege erreichbar. Die Idee von der Völkergemeinschaft leuchtet auf und erhellt die Finsternis. An dieser Idee wird die Menschheit sich aufrichten und stark werden. An ihr wollen und sollen und müssen auch wir unseren Lebenswillen stärken. . . .Mag die? Not der Zeit noch so. groß sein •— Not ist ein Element des Lebens, und kann' Leben gebären. Die Verzweiflung nur ist eine Grabesschaufel. Hüten wir uns vor ihr. Sie nur könnte uns für immer vom rechten Wege wegführen. Die Not aber, die uns bedrückt, und die entsetzliche Gefahr rühmloser Auflösung, die uns umlauert, die können und werden nur zusammenschließen. Ist die Idee da, dann haben .wir ein Ziel und zum Ziele einen Weg. ♦ Die jPosaune Israels war nie eine Fanfare. Sie kündete stets nur das Eine: Befreiung. Möge sie auch diesmal Befreiung künden. Befreiung der Menschheit, und Befreiung unseres Volkes als eines gleichwertigen Gliedes der Menschheit. Krakau. Osias Thon. Oesterreich an einem Wendepunkte Von Dr. TL Kadlscb. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so scheint es nun endlich mit der Verfassungsrevision ernst werden zu wollen. Ob man nun schon in der nächsten Zeit oder erst nach Beendigung des Krieges sie in Angriff nehmen wird, lange kann sie sowohl mit Rücksicht auf die innerpolitische Lage in beiden Reichshälften, als auch aus Gründen der äußeren Politik nicht mehr aufgeschoben werden. Das österreichische Problem ist das europäische im Kleinen, die Anbahnung des österreichischen Völkerfriedens bedeutet eine Hauptvoraussetzung zum Weltfrieden, genau so wie der permanente Nationalitätenhader im Donaureiche eines der wichtigsten Motive des Weltkrieges bildete. Grund genug für die einsichtsvollen Gruppen aller österreichischen Reichsvölker und speziell auch, für die in allen Teilen und unter allen Nationalitäten der Donaumonarchie zerstreut wohnenden Nationaljuden, recht- ... zeitig die verschiedenen Vorschläge zur Verfassungsrevision"objektiv zu prüfen und für den vom national-jüdischen und gesamt-österreichischen Standpunkte aus, zweckentsprechendsten sich zu entscheiden. Zweck der Verfassungsrevision muß sein, die 'Herstellung der Harmonie zwischen den Lebensbedingungen der verschiedenen dies- sowie jenseits der Leitha siedelnden Nationalitäten mit denen ’der Gesatntmonarchie. Der Staat des 20. Jahrhundert muß Rechts-Kultur- und Wohlfahrtsstaat sein; der Nationalitätenstaat in noch höherem Maße als der einheitliche Nationalstaat, weil in ihm nicht die gemeinsame Abstammung, sondert! das gemeinsame Interesse aller Reichsbürger am kulturellen und sozialen Fortschritt den Kitt des Staatsganzen bilden. Ist schon in Nationalstaaten jede nationale, konfessionelle oder ökonomische Bedrückung dem Staatsinteresse abträglich, so kann in einem Gemeinwesen von der Beschaffenheit des Donaureiches keine Partei, kein Programm und keine Verfassung und Wirtschaftsordnung eine s t a a t s e r h äl t en d e genannt werden, die nicht nationale, sowie konfessionelle Gleichberechtigung, die politische Freiheit und die wirtschaftliche Existenz sämtlicher Bewohner der Monarchie gewährleistet. Nach vier Jahren Weltkrieg und iünizig Jahren dualistischem Parlamentarismus ist es gewiß traurig, dieses politische ABC den Massen des jüdischen Volkes und denen der anderen Reichsvölker erst auseinandersetzen zu müssen. Aber cs ist eine unerläßliche Notwendigkeit, unter dem Gesichtswinkel einer großzügigen jüdischen Volkspolitik und einer modernen Demokratie. Allerdings wäre es auch die Pflicht aller nichtjüdischer Politiker ohne Unterschied der Nation, Religion und Klasse, welche gleichmäßig die Existenznotwendigkeit, aber auch die Existenzbedingungen eines — N e u - O e s t erreich erfaßt haben, auch mit aller Energie für diese zu kämpfen. Bei einem großen Teile der Parlamentarier in beiden Reichshältten und der ihnen Heeresfolgeieistenden kapitalistischen Tagespresse, der verschiedenen Nationalitäten," fehlt allerdings das Verständnis für dos Wesenderneu-österreichischen Reichsidee. Daher herrscht auch die größte Verworrenheit in deren Kreisen sowohl über die Nationalitätenfrage, als auch über die VeriassungsreVision, welche deren Lösung herbeiführen soll. Uni so dringender ist es, daß vollkommene Klarheit und Einheit darüber in unseren Reihen herrsche und unser Programm gleich- ' müßig unter den Juden, wie unter den anderen Nationen verbreitet, sowie entsprechend erörtert wird. Mag unser Krakauer Programm in einzelnen Punkten revisionsbedürftig sein. Sn dem Wesentlichsten präsenltiert es unseren Standpunkt mit aller Schärfe. Es anerkennt „die nationale Einheit aller Juden der Welt, sowie das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten, historischen Heimat Palästina verbindet.“ Es stellt aber aiuch fest „diaß die Bestrebungen nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, in keinerlei Widerspruch stehen zur Staatsidee und zu den Staatsi nteressen der einzelnen von Juden bewohnten Länder." Betreffs tier Lösung des österreichischen Problems und der von .uns gegenüber den verschiedenen Vorschlägen zur Verfassungsrevision einzunehmenden Stellung, formuliert das Krakauer Programm unseren Standlpunkit folgendermaßen: „Oesterreich, von verschiedenen Völkern bewohnt. deren Siedlungsgebiet sich fast ausnahmslos über die Reichsgrenzen hitmuserstreckt, kann seine politische Existenz nimmer auf die Idee des einheitlichen Nationalstaates auibauen. sondern muß seine Aufgabe gegenüber seinen Völkern tlarin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichsei.nheit gleichmäßig anzuerkennen und zu iördern.“ . Als Konsequenz dieser Prämissen erstrebt nun das Krakauer Programm — das auch das des „Jüdishen Nationalvereines“ ist, „die Erhaltung und Stärkung eines Völkerstaates Oesterreich und zu diesem Zwecke die Schairung einer vollen nationalen Autonomie der einzelnen Völker aut Grundlage lokaler, demokratischer Selb tverwaltung, -ohne Rücksicht aut die territoriale Verteilung. Eine über den Völkern stehende starke, zentrale Reichs- •g e w a 11 hat die Aufgabe, diese nationale Autonomie mit den gesamts taatli ch e n Interessen in Einklang zu bringen." Wir iordem also, iür die Völker and somit auch iür das jüdische Volk, was' ihnen gebührt, nationale Selbstverwaltung, speziell auf kulturellem Gebiete, wir wollen aber auch jene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.