Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 35 (30.8.1918)
- Date
- 1918-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 55 JÜDISCHE ZEITUNG an den Feiertagen der \lcQ"llK€t Evakuierten in Palästina! Bereitet große Sammlungen vor! bureau führt, durch dert imparteiischen Charakter seiner Leitung. Das geheimnisvolle Verschwinden der 19 Mitglieder des Zentralbureaus, der meisten Mitglieder der Verwaltung dieses' Bureaus, steht offenbar in engstem Zusammenhang mit den Verfolgungen gegen die Poale-Zion seitens der Behörden, die seit Monaden in Warschau, Berlin; Wien und Lemberg an der Tagesordnung sind. Es wird die Aufgabe der demokratischen Kreise, namentlich der Sozialdemokratie in Deutschland, sein, von der deutschen Regierung Aufklärung über die Umstände des „Verschwindens“ der genannten Personen zu fordern und sich für deren Befreiung einzusetzen. * Ueber das iüdische kulturelle Leben ln Moskau berichtet „Haint“: Es ist äußerst schwer, in Moskau derzeit jüdische Bücher zu drucken, denn es fehlt an Setzern; die wenigen Setzer verlangen eine immense Bezahlung. Dennoch sind hebräische Bücher gedruckt worden, vor allem dank der großen Stiftung von S t i b e 1. Das große Sammelbuch „Hatkufah“, das kürzlich durch deren Unterstützung erschien, kostete 65 Rubel pro Exemplar, wird aber um 15 Rubel verkauft. Bald soll der zweite Band des Sammelbuchs erscheinen. Auch werden für das Geld Stibels Uebersetzungen - der besten Klassiker gedruckt. Ein junger Verlag „Chawer“ hat etliche Dutzend kleine Broschüren herausgebracht, die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fragen gewidmet sind. Der jiddische Verlag „Volksbildung“ gibt gute Editionen von Mendele und Perez, sowie eine Kinderbibliothek heraus. Zwei Verlage „Safruth“ und „Jewrejskii Mir“ geben Bücher'in russischer Sprache heraus. — In letzter Zeit fanden mehrfach literarische Abende statt, an denen Niger, Anski, Stiff, Efroikin gelesen haben. An einem der . Abende in der „Palästinawoche“ haben die berühmten russischen Schriftsteller Brussow und Bunin ihre Werke vorgelesen. Ueberhaupt besteht ein sehr gutes Verhältnis zwischen russischen und jüdischen Künstlern und die russischen Dichter übersetzen jetzt mehrfach Werke von Bialik, Schneur, Einhorn und andern in die russische Sprache. . * Die Alliance als „Revolutiousherd“. Die Durchsuchung der russischen Regierungsarchive durch die Revolutionäre hat ein interessantes Dokument zutage gefördert, nämlich ein Geheimdokument, das Graf Lamsdorff, der 1906 russischer Minister des Aeußern war. dem Zaren einige Wochen nach der Veröffentlichung des Oktobermanifestes, das Rußland die Duma gab, unterbreitet hat. In diesem Memorandum bezeichnet Graf Lamsdorf die Alliance Israel i t e Universelle, jene notorische international-jüdische'Vereinigung, die 1860 gegründet wurde, . ihren Hauptsitz in Paris hat, enorme Mittel, eine große Zahl von Beamten und Mitgliedern und eine Menge Organe in der Form von Freimaurerlogen aller Arten besitzt, als den Herd der revolutionären Bewegung. Diese Beschuldigung wird mit. den phantastischesten Mitteln bewiesen und Lucien Wolri als eine Art von anarchistischem Agenten bezeichnet. Gleichzeitig - werden Mittel zur Unschädlichmachung dieses Feindes empfohlen. Der Minister schlägt nämlich ein Bündnis mit Deutschland und dem Vatikan vor, um die „antimonarchistische und antichristliche Bewegung auszurotten“. Deutschland, betont er, habe ein besonderes Interesse daran, in diesem Punkte mit Rußland zusammenzugehen, weil angeblich das Judentum die deutsche Monarchie zu untergraben strebe und weil Deutschland der erste Staat nach Rußland sein werde, der sich gegen die Uebergriife der revolutionären Parteien zu schützen haben werde. Das Bündnis mit dem Vatikan erscheine deshalb aussicbtsvoti, weil das Judentum mit seiner freien Geistesrichtung der Feind des Katholizismus sein müsse, besonders auf dem Gebiete der Politik, auf welche die Juden Einfluß zu gewinnen strebten. * Die jüdische Genossenschaftsbewegung. Während des Krieges hait die Genossenschahsbewegung immer weitere Kreise der russischen Judenheit. erfaßt. Eine charakteristische Erscheinung ist das Bestreben, eine Verbindung zwischen dieser Bewegung mit der Landwirtschaft einerseits- und mit Palästina andererseits lierberzu führen! So haben letztens elf jüdische Konsumvereine in Minsk mit etwa 10.000 Mitgliedern sich zu einem Verbände vereinigt, der eine segensreiche Tätigkeit für die iüdische Bevölkerung entwickelt. Er hat u. a. ein landwirtschaftliches Gut von der JCA. übernommen und ein Budget von 50.000 Rubel zum Zwecke der Ausbildung von Palästinapidmeren auf diesem Gute bewilligt Die erzeugten Produkte, insbesondere Gemüse, dienen in erster Reihe zur Deckung des Bedarfes der Konsumvereine. Von dem bedeutenden Umsatz der Konsumvereine wird ein Prozent an den Jüdischen Nationalfonds abgeführt England * Die „Liga der Nationen“ und die Juden. Das 'Jüdische Preßbureau in Stockholm meldet; Die englische Gesandtschaft in Kopenhagen richtete einen offiziellen Brief an das zionistische Bureau in Kopenhagen, in dem der zionistischen Weltorganisation der Vorschlag gemacht wird, sich über die Frage des Beitrittes des jüdischen Volkes zur geplanten „Liga der Nationen“ zu äußern. * Die Ziele der iüdischen Arbeiter ln England. („J. P. B.“. Stockholm.) Um entstandene Mißverständnisse zu. vermeiden, setzt der iüdische nationale Arbeiterrat in London in einer öffentlichen Erklärung nochmals seine Ziele auseinander und betont, daß er keine separatistischen Tendenzen verfolge. Der Arbeiterrat sei, heißt es in der Erklärung, eher in der Lage, die jüdischen Arbeiter zu organisieren und sic vermittels der jüdischen Gewerkschaftsorganisationen der allgemeinen Arbeiterbewegung des Landes anzugliedern. In vielen Hinsichten berühre das industrielle, politische, nationale und internationale Leben die jüdischen Arbeiter in ganz anderer Weise als die britischen, wodurch besondere Schwierigkeiten und Mißstände entstehen. ..Es ist der unbändige Wunsch tausender von iüdischen Arbeitern, unser eigenes nationales Leben in unserer Heimat Palästina wieder zu erwecken. Ebenso besteht die Notwendigkeit. den jüdischen Arbeitern in den Ländern. wo sie unterdrückt sind, beizustehen. mu gleiche Bürgerrechte zu erlangen und ihre Bedürfnisse nach der Entwicklung ihrer Sprache. Literatur und nationaler Kultur zu befriedigen. Der iüdische nationale Arbeiterrat strebt nach der Verwirklichung aller dieser Ziele, die nicht im mindesten den Interessen der britischen Arbeiter zuwiderlaufen.“ Palästina *Das Palästina-Amt in Jerusalem. Das Kopeithagener Zionistische Bureau berichtet: Der Beschluß, die Leitung der Filiale des Palästina- Amtes dem bekannten tätigen Schriftsteller Markus K a h a n anzuvertrauen, hat die Zustimmung der zionistischen Palästina-Kommission gefunden. Herr Kahan ist bereits in Jerusalem eingetroffen und hat sein Amt übernommen. Amerika * Jüdische Staatsbeamte in Nordamerika. Das statistische Bureau in Washington ltat ein Verzeichnis der Staatsbeamten der Vereinigten Staates veröffentlicht. Wie es sich herausstellr, hat in letzter Zeit die Zahl der jüdischen Staatsbeamten in den Vereinigten Staaten außerordentlich zugenommenen, und zwar um das Dreifache des gewöhnlichen Zuwachses. * Neue jüdische Kolonien in Argentinien. Die „Neue Züricher Zeitung“ meidet: Die französisch-englische Judendelegation, die Argentinien bereiste, um das Siedlungsproblem zu studieren, hat, wie die Agencia Amerieana meldet, den Behörden auf Grund ihres Befundes ein Projekt vorgelegt. daß die Ansiedlung von etwa Itf.OOO ans- Rußland geflohenen iüdischen Familien vorsieht. Der Transport würde von der Londoner Zionistenvereinigung übernommen. oiaioaoioioioioioioio Aufruf! Das Komitee des Oesteneüchisch-jüdischen Opfertages versendet nachstehenden Aufruf; JUDEN! Wir stehen an der Schwelle des iiiniien Kriegsjahres. Furchtbar sind die Wunden, die insbesondere uns Juden in diesem Kriege geschlagen wurden. Sie zu heilen, sich derer anzunehmen, die durch ihre Leiden den üdischen Namen gehoben und ihm Ehre gebracht haben, ist unsere heiligste Pflicht. ''Juden Oesterreichs! Auch im Lande unserer Väter haben die Kriegsereignisse das jüdische Volk hart betroffen. Es gilt, das traurige Los unserer Brüder in Palästina und das Geschick der unglücklichen Kriegswaisen, namentlich der ärmsten der Armen aus Galizien und der Bukowina, zu lindern. Wir müssen tür die Lebensmögiichkeit unserer Brüder in Palästina sorgen, damit sie durchhalteu und später sich und das zerstörte Land Literarische Nachrichten Die „Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung“ haben mit dem nach einer Pause soeben erschienenen Doppelhefte Nr. 7/8 eine interessante und förderliche Ausgestaltung erfahren, -durch die sie den praktischen Bedürfnissen der Jugendlichen und der Jugendgruppen in nocii höherem Maße angepaßt werden, als dies schon bisher der Fall war. Eine ganze Reihe neuer Rubrikenwurden eingerichtet, darunter ..Fragen an alle und ihre Antworten", „Vorschläge — Gedanken“, „Gelesene Bücher". Durch diese Rubriken bekommen die Blätter den Charakter einer Tribüne der freien Aussprache zwischen den einzelnen jungen Leuten und aui diesem Wege kann sich nicht nur eine förderliche Diskussion entwickeln, sondern es wird auch ein persönliches Näherkommen der von der Jugendbewegung erfaßten jungen Menschen ermöglicht. Eine besondere Bedeutung kommt der Zeitschrift als dem offiziösen Organ des Jugend verbarides and der Wiener Zentralstelle zu. Im vorliegenden Heit gär, Dr. Siegfried Bentfeld einen zusammenfassendeti Ueberblick über die Bedeutung des österreichischen jüdischen Jugendtages und würdigt die dort zutage getretenen Gegensätze and Meinungsverschiedenheiten; seine Ausführungen sind geeignrviel zur Klärung dieser Fragen beizutragen, deren besonnene Beurteilung oft durch jugendlichen Affekt erschwert wird. Von programmatischer Bedeutung scheint für die gegenwärtige Redaktion auch ein Artikel von Hugo Bergmann zu 'Sein, der aus dem 1. Hefte des „Juden“ übernommen wurde. Die einzelnen Rubriken sind diesmal noch in der Hauptsache vom neuen Redakteur Robert Emif Weiss selbst bestritten, was im Interesse einer deutlichen Exemplitizierung der Intentionen der Redaktion zu begrüßen ist. Es ist flicht zu bezweifälle eines fünfzigjährigen Krieges berbeigefübrt, der unter Kaiser Titus begann und von Hadrian beendigt wurde, in dem alle Juden; soweit sie nicht getötet, verhungert und durch Selbstmord” zugrunde gegangen waren, als Sklaven „in der ganzen Welt“ verkauft wurden und — um jede Wiederansiedlung des Rebellenvolkes zu verhindern, wurde der Pflug über die Städte geführt, Falls Sie mir diese verblüffende Tatsache nicht glauben sollten, empfehle ich Ihnen angelegentlich, entweder im Rebhann, Lehrbuch der! Geschichte für Untergymnasien, II. Teil, oder in einem protestantischen Gesangbuch nachzuschlagen, - in denen bisweilen im Anhang die Geschichte der Eroberung Jerusalems durch Titus gar erbaulich nachzulesen ist Diese meine Belehrung soll nur ein kleiner^ Hinweis auf die beispiellos' zynische und schamlose Art sein, in der in Ihrem Organ von „deutschen Männern“, ungestraft und Von keiner Behörde behelligt, der politische Kampf miit den Schandwaffen der Verleumdung geführt wird. Selbstverständlich mute ich Euer Hochwohlgeboren nicht zu, eine Berichtigung oder Rechtfertigung irgend einer Art zu bringen. Ich weiß, daß das nicht Ihren Moralbegriffen entsprechen würde; zugeben, daß man Unrecht hat — das ist nichts für Teut's Gefolge.. Wenn . ich also diesmal die Versuchung, Ihnen die Wahrheit zu sagen* nicht unterdrücken könnte, geschah es, weil Ich meinen Ekel,“meinen überquellenden Ekel vor soviel Heuchelei, Schamlosigkeit und Geistlosigkeit, wie sie in Huer Zeitung sich täglich ans Tageslicht .drängt, Ihnen ins Gesicht sagen wollte. Sie und Ihresgleichen schänden das Deutschtum* das Sievertretenwollen; Sie und Ihresgleichen entfachen in allen Völkern .der Erde einen Haß gegen das Deutschtum, das in ihrer Zeitung als eine so brutal-herrschsüchtige und aile Gerechtigkeit verhöhnende Volksidee dargestellt wird, wie sie nur in ganz wenigen verblendeten Köpfen besteht. Aber der fremdvölkische Leser, der durch Zufall Ihr' Blatt in die Hände bekommt, und ..-nicht weiß, wie gering die Schar ihrer Fraktionsgenossen ist,'glaubt-wirklich, den Geist des Deutschtums aus den Worten Ihres feinsinnigen „Teut“ zu vernehmen und wendet sich mit Abscheu und Grausen von einem derart rohen und zynischen Vojke, wie es nach Ihrer Schilderung die Deütschen sind. Sie und Ihresgleichen haben tatsächlich das Kunststück zustande gebracht, durch Ihre Unfähigkeit zur Gerechtigkeit (die z. B. in Südösterreich den Südslawen dieselbe Kreiseinteilung zugestehen müßte, die von den Nordslawen in Böhmen verlangt wird usi.). Sie also haben es zustande gebracht, alle Völker Oesterreichs gegen das deutsch-österreichische Volk zu mobilisieren; wenigstens wi^ es von den Herren Kunschak, Jerzabek, Stransky usf. (auch lauter echt-germanische Namen) vertreten wird. Für den Schaden, den Sie und Ihre Gesinnungsfreunde, allen voran der Hinterlandsheld „Teut“, der in jeder Nummer seiner Zeitung unerschütterlich Vater Hindenburg dreschen läßt, dem Deutschtum und damit auch der Älcnarchie zugeiügi haben, werden Sie vor dem Richterstuhl der Weltgeschichte zur Verantwortung gezogen werden, wenn die Drachensaat Ihrer Hetzarbeit zum Verderben Ihres Volkes aufgehen wird.- Indem ich Ihnen anheimsteile, alle Ihnen passenden Folgerungen aus meinem Briefe, den ich Ihnen in einem Exemplar der „Jüdischen Zeitung“ übersenden. lassen werde, zu ziehen, zeichne ich mit angemessener Achtung VV. W.