Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-08-23 · 34 (23.8.1918) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438708--5897-2445921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 54 JÜDISCHE ZEITUNG öeite d sten Umstand im Leben der Lehrer in Palästina. Diese Schande ertragen wir schwerer lind peinlicher als die Schande des Hungers, den viele, sehr viele von den Lehrern Palästinas leiden.“ Einer der besten Lehrer schreibt mir dazu: „Aus Ihrem letzten Artikel in der „Jüdischen Zeitung“ sehe ich, daß Sie unsere Not und unser Leid sehen und fühlen, unsere schlechte Lage kennen, wie wenn Sie noch unter uns wären: ich sah; daß Sie an unserer Notlage teilnehmen wie .einer unter uns, und darum möchte ich Ihnen mein Herz öffnen: Es ist schwer, in Not zu leben, in immer größere Schulden zu versinken, schwer ist es, zu arbeiten auf dem Gebiete der Erziehung unter solch schweren materiellen Verhältnissen, aber es gibt noch einen weit größeren und tieferen Schinerz, den man nicht auf den ersten Augenblick' sehen kann . . . Schande heißt dieser Schmerz, Schande, die zum Schweigen zwingt, welLLeute, die an der Spitze unserer Arbeit stehen, einen anschaueu wie einen einfachen Schnorrer, eine Schande, weil das nach vielen Jahren schwerer, fruchtbarer Arbeit geschieht, nachdem der Mensch auf alles.verzichtet hat, verzichtet, auf das Leben auf einem höheren kulturellen Niveau, unter anderen Umständen und besseren Verhältnissen, nachdem man jeden Moment verschiedenen. Plagen ausgesetzt war. aber alles Überständer, hat. weil man dachte, daß man eine heilige. Pflicht erfüllt: man hütet, ja eine der Positionen im Lande unserer Vergangenheit und Zukunft. Und zum Schluß wird man noch als ge- VTÖhnlicher Materialist, als einer, der nur nach Geld jagt, als Schnorrer von den Leitern betrachtet. Und das beleidigt einen, das schmerzt, man möchte schweigen, aber das Herz ist' übervoll, der Kelch unserer Leiden ist zu voll und daher diese Worte.“ Als Kommentar dazu füge ich hinzu, daß die oben erwähnten Direktor und Lehrer schon viele Jahre in Palästina als Lehrer wirken, der erste über 20 Jahre und der zweite 16 Jahre. Beide sind natürlich Zionisten, aber das jetzige Benehmen der hiesigen Leiter den Schulen und Lehrern gegenüber zwingt die Lehrer zu solchen Worten gegen die Leitung. Da die Lehrer absolut nicht leben k ö n n e n von ihren Gehältern und Aufbesserungen verlangen (in der ganzen Welt haben die Beamten kolossale Aufbesserungen erreicht, und unsere Lehrer verlangen nur Auszahlung des ganzen Gehaltes, und das wird auch nicht bewilligt), werden sie als Schnorrer betrachtet, wie wenn sie irgendwelche „Chaluka“ bekämen und ihr Geld nicht in schwerer und aufopfernder Arbeit verdient hätten. Die zwei Auszüge sind ein charakteristischer Spiegel der allgemeinen Entrüstung. Ich appelliere nochmals an die Oeffentlichheit. Ich mache darauf aufmerksam, daß es so nicht weiterseht. Den Lehrern muß Gerechtigkeit geschehen. Ihre Forderungen müssen berücksichtigt werden. Ich sage es offen, was übrigens aus Obigem ersichtlich, daß viele Hunger leid c n. Es ist eine Schmach, daß einer der maßgebendsten Leiter als Antwort auf die Forderungen der Lehrer die Worte gebraucht haben soll: „Es ist noch niemand von Euch vor Hunger gestorben.“ Will die zionistische Organisation wirklich so lange warten, bis die Erzieher, Pioniere unserer Kultur, Schöpfer unseres geistigen Zentrums, vor Hunger sterben? Ist das eine Antwort, die verdiente, alte Pioniere zu hören bekommen dürfen? Es muß Abhilfe geschaffen werden. Es wundert mich, daß mein erster Artikel gar keinen Widerhall gefunden hat. Es hat niemand mehr in der Presse diese Frage berührt, man hat scheinbar auch nichts getan. Dr. Ruppin erzählte mir, daß das A. C. die Sache ordnen ‘will, aber es scheint, daß nicht viel geschehen ist. Es werden jetzt überall Millionen gesammelt für Palästina, für die verschiedensten Unternehmungen, man denkt schon an Hafenbauten, Straßenbahnen, Luft- Judenfrage hat sich Lässalle mehrfach befaßt; es ist interessant, wje sein Stolz darauf reagierte und wie sich damajs schon der Wille zu jüdischer Aktivität in ihm regt So schreibt er einmal: „Abends brachte mir der Bruder von Madame Director den Bericht über die Juden in Damascus. 0, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens in Wut verwandeln. Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Wahr, fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: „Die Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können.“ Also sogar die Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deretwillen sieh die Schweizer einst erhoben, größer? Gab es eine Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn die Juden in jener Stadt auiständen, sie von allen Ecken anzündeten, den Pulverturm in die Luft sprengten und sich mit ihren Peinigern..töteten? Feiges Volk, du verdienst kein besseres Los. Der getretene Wurm krümmt sich, da aber bückst dich nur tiefer. Du weißt nicht zu sterben, zu vernichten, du weißt nicht, was gerechte Rache heißt, du weißt nicht, dich mit deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskampf noch zu zerfleischen. Du bist zum Knecht geboren.“ — Ein andermal schreibt er: „Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die Juden Christenblut brauchen. Dieselbe Geschichte wie in. Damaskus, auch in Rhodus und Lemberg. Daß aber aus allen Winverkehr usw., aber an das Elementarste, die Erziehung unserer Kinder in Palästina, und an die Erzieher denkt man gar nicht. Müssen wir denn immer vom Dache aus zu bauen anfangen? Ich appelliere nochmals - aufs dringendste, iiir das hebräische Schulwerk in Palästina alle Hebel in Bewegung zu setzen. Eben bekomme ich die Nachricht, daß in der hebräischen Realschule in Haifa zum erstenmal die Matura stattfindet. Zum erstenmal absolvieren unsere Schüler eine hebräische Realschule in Paläst/aa. Ursprünglich dachte man. daß die Absolventen das Technikum in Haifa besuchen werden. Aber wo ist das Technikum jetzt? So erfreulich es ist, daß wir mitten im Krieg die Matura der hebräischen Realschule erlebt haben, schmerzt doch der Gedanke, daß das Technikum unbeendigt, leer dasteht, in fremden Händen; unsere Absolventen fragen: Was machen wir weiter? Wohin des Weges? Inzwischen sind die Prüfungen unterbrochen worden, und das Schuljahr mußte früiier enden, weil die Regierung das Schulgebäude requiriert hat! Zu allen übrigen Sorgen gesellt sich eine neue: Mangel eines Schulgebäudes für die Realschule. Die Beschaffung eines halbwegs geeigneten Ersatzes ist in einer Stadt wie Hajfa außerordentlich schwierig. Daniel. Jüdische Turnvereine und Zionismus Schon die alte „Kadimah“ — vor Herzl — hatte die körperliche Ausbildung ihrer Mitglieder im Programm. Die von ihr geschaffene Turnriege —- in der Talmud-1 horaschuie — hatte iedoclt nur kurzen Bestand. Zu einer weiteren Entwicklung hat dieser Anfang nicht geführt. Das Bedürfnis nach systematischer Pflege der Leibesübungen unter den Juden wurde aber immer dringender. Darum ist es nicht' auffällig, daß die Bewegung zur geistigen und körperlichen Wiedererweckung des jüdischen Volkes gar bald die jüdischen Turnvereine hervorbrachte. Den letzten, wenn auch kräftigsten Anstoß dazu gab der Ausschluß der Juden aus den deutschen Turnverbänden und -vereinen. Vorerst mußten freilich in Berücksichtigung dieser Verhältnisse allgemeine jüdische Turnverene geschaffen werden, um jedem Juden ohne Untersched seiner Porteistsllung im Judentume die Möglichkeit zu bieten, sich ohne Opter des Intellektes und der Ehre körperlich ausbilden zu können. Die Gründung zionistischer Turnvereine in diesem Zeitpunkte hätte den Zweck verfehlt, denn sie hätte jene Juden ausgeschlossen, die zu selbstbewußt waren, um sich nach dem offiziellen Hinauswurfe aus der deutschen Turnerschaft in dieser auf Umwegen.inoffiziell..doch..wieder .dulden zu lassen, die aber die zionistische Idee noch zu wenig kannten, um einem zionistischen Vereine beizutreten. War dieser äußere Anlaß zur Gründung jüdischer Turnvereine für eine relativ zahlreiche Betätigung der jüdischen Jugend auch anscheinend günstig, so bot doch nur der innere Zusammenhang mit den Bestrebungen zur Regenerierung des jüdischen Volkes die Gewähr ihres dauernden Bestandes und ihrer weiteren Entwicklung. Daß die Gründer dieser Vereine Zionisten waren, ist eben kein Zuiall gewesen. Denn nur so konnte in diesen Vereinen der jüdisch-nationale Gedanke Eingang finden und es dazu kommen, daß schon gelegentlich des zweiten Baseler Kongresses sich alle jüdischen Turnvereine zum Verbände der Jüdischen Turnerschaft auf nationaler Grundlage vereinigten. Nun begann eine Periode des inneren Ausbaues der jüdischen Turnvereine sowohl in turnerischer als in nationaler Beziehung. Der zionistische Kongreß nahm die jüdischnatonale Turnsache offiziell unter seinen Schutz und anerkannte die jüdischen Turnvereine als wichtige Faktoren im kein der Erde man mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß die Zeit bald reit ist. in der wir in der Tat durch Christenblut uns helfen werden.“ — Dazu gehört noch folgende Aufzeichnung aus früherer Zeit, die in der voriiegendeu Ausgabe nicht mehr berücksichtigt ist: „Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger (dem Rabbiner) und dem Judentum und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht trete essen und doch ein guter Jude sein könnte. Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Ceremonialgesetz zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Bulwers „Leila“ mein Leben wagen, die Juden ausihrer jetzigen, drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schaifot nicht-scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. 0, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen.“ — Diese Sätze sind verblüffend. Daß es anders gekommen ist, daß Lassalle andere Wege ging, und in der jüdischen Geschichte keine Rolle spielte, ist die Folge des Geschickes, daß die Zeit für Ideen jüdischer Revolution noch nicht reif war. Irgendwie gehört er doch zu uns. Das Tagebuch sei als menschliches Dokument eines ringenden jungen Juden warm zur Lektüre empfohlen._ Interesse der körperlichen. Regenerierung des jüdischen Volkes. So konnte man mit Recht erwarten, daß aus den Reihen der nationalen Turnerschaft der kräftigste Nachwuchs iiir die nationale Arbeit des Zionismus hervorgehen würde, daß diese jüdischen Turnvereine ein Reservoir unverbrauchter jüdischer Jugend und Kran bilden würden, aus dem die jüdische Bewegung ihre besten Kräne schüpien könnte. Als die Entwicklung der jüdischen Turnvereine soweit gekommen war — blieb sie stellen. Der offizielle Zionismus, voll in Anspruch genommen durch die Schaffung seiner Organisationen, begnügte sich damit, die Turnvereine als wichtige und notwendige Glieder der jungjiidischen Bewegung anzuerkenueu tutd sich ihrer Voriiihruugen gelegentlich als einer auf die Massen sehr wirksamen Programinnunimer bei öffentlichen Veranstaltungen zu bedienen, anderseits die Anerkennung ihrer Leistlingen durch Entsendung zionistischer Führer zu den Festen der Turnvereine zum Ausdrucke zu bringen. Im übrigen blieben die Turnvereine sich selbst überlassen, iorfhell vielleicht mit Recht, gehörten sie doch nicht zur zionistischen Organisation, sachlich aber gewiß mit Unrecht, da sich der Zionismus damit einer überaus günstigen Gelegenheit begab, die indische Jugend, und zwar ihren körperlich bereits ertüchtigten Teil dem Zionismus ziizuiühren. Die Turnvereine selbst wieder, ganz auf sich allein gestellt, mußten alle ihre Kräfte daraut verwenden, ihre nächsten Auigaben. die materielle Sicherung der Vereine und die turnerische Ausbildung ihrer Mitglieder zu erfüllen. In beiden. Richtungen ergaben sieb bedeutende Schwierigkeiten, finanziell dadurch, daß den jüdischen Turnvereinen die Turnsäle der öffentlichen Schulen verschlossen blieben und sie daher eigene Turnhallen halten, mieten, einrichten und erhalten mußten: in turnerischer Hivisicht dadurch, daß es überall au vorgebildeten Lehrkrüffen mangelt und zumeist nur turnerisch ganz ungeschultes Material zur Verfügung stand. Es ist daher nur zu begreiflich, daß die ganze Arbeit der Vereinsleitungen der Ueberwindung dieser zum Teile auch heute noch bestehenden Schwierigkeiten galt und daß darunter die Betätigung auf nationalem Gebiete leiden mußte. Letztere beschränkte sich auf Ansprachen bei allen Gelegenheiten. Vorträge im Vereine. Erhaltung einer entsprechenden Bibliothek. Propaganda für jüdische Zeitschriften und Förderung des Organs der jüdischen Turnerschaft. Bei systematischer Mitarbeit seitens der zionistischen Korporationen hätte wohl auch auf diesem Gebiete mehr geleistet werden können. Jedenfalls habendie jüdischen Turnvereine schon durch ihren Bestand und ihre ununterbrochene Tätigkeit im nationalen Sinn gewirkt und bisher teruestehende Kreise der jüdisch-nationalen Idee näher gebracht. Das ist aber heute zu wenig. Die Lösung der Judenfrage ist im Gange, die zionistische Idee steht vor ihrer Verwirklichung. Daß wir alle an diese Verwirklichung glauben, genügt nicht, wir müssen alle an dieser Verwirklichung arbeiten, alle Kräfte zu diesem Zwecke zusammenfassen. Wir dürfen uns nicht mehr mit nationalen Halbheiten begnügen, wie sie bisher vielleicht notwendig oder zweckmäßig waren. Alles Jüdisch-nationale muß heute im Zionismus gipfeln, ohne den es keine Berechtigung hätte. Auch unter den Juden darf es heute keine Parteien geben. Diejenigen, die sich zum jüdischen Volke bekennen, müssen ihm zu würdigen Leben in Gegenwart und Zukunft verhelfen, d. h. Sieh in - die Reihen der Zionisten stellen. Wer jetzt nicht mittut, hat das Recht verwirkt, in Sachen des jüdischen Volkes mitzusprechen. Darum müssen auch alle jene nationalgesinnten .1 tiden, die sich, aus welchen Gründen immer, bisher dem offiziellen Zionismus nichr angeschlossen haben, dies unver-, ziiglicti tun. Und darum ist auch jetzt iiir die jüdischnationalen Turnvereine die Stunde gekommen, wo sie sich und ihre Organisationen zur Verwirklichung ihrer nationalen Idee uneingeschränkt in den, Dienst des Zionismus steilen müssen — sonst hätten sie umsonst gelebt. Die Sonderausgaben der einzelnen jüdischen Organisationen müssen zurücktreten vor der gemeinsamen Aufgabe der Gegenwart, dem jüdischen Volke sein Land und damit seine Zukunft zu sichern. Die Führung des jüdischen Volkes gebührt dem Zionismus, dessen Ideen die Tore des Goitis geöffnet haben. Wenn der Zionismus nicht zu den jüdischen Turnvereinen gekommen ist. müssen die jüdischen Turnvereine zum Zionismus kommen! Wien, 18. August 1918. Dr. Ludwig Werne r. VORANZEIGE Im Verlag der „Jüdischen Zeitung“ erscheint Milte September „Oesterreich und seine Mn“ von Ingenieur Robert Stricher Preis (inklusive Porto) K 2.50 Nur gegen Voreinsendung des Betrages! Bestellungen und Zahlungen werden bereits entgegengenommen und sind zu richten an den Verlag der „Jüdischen Zeitung“, Wien II., Zirkusgasse 33 Per Nachnahme wird nichts Versender.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.