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Jüdische Zeitung · 1918-08-02 · 31 (2.8.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Diesen Gedanken zusammeniassend möchte ich sagen: Der Zionismus ist das jüdische Volk. Solange es ihm jedoch noch nicht geglückt ist in seinem Lager alle Juden zu vereinigen, besteht seine Mission darin, wenigstens den Rahmen zu bilden, der imstande wäre, dereinst das ganze Volk zu umfassen. Wenn wir also vom Zionismus als dem idealen Begriife des eigentlichen jüdischen Volkes reden, so können wir wohl Differenzierungen sozialen oder politischen Charakters — wie sie jedes Kulturvolk aufzuweisen hat — als der Natur eines Volksganzen nicht widersprechend, auch innerhalb der zionistischen Bewegung begreifen und anerkennen. Doch dürfen wir, als Vorkämpfer für die Einigkeit des jüdischen Volkes niemals zu Gruppierungen die Hand bieten, die geeignet wären, Ga1uth - Tendenzen in den Zionismus hineinzuverpflanzen. Nicht andere aber als Galuth-Tendenzen werden gefördert, wenn Fraktionsbildungen zugelassen werden, die nicht etwa auf ideeller Grundlage — wie z. B. „Poale Zion“ oder „Misrachi“ — fußen, sondern in territorialen Abgesondertheiten der Diaspora ihren Ursprung haben. Man könnte wohl einwienden, daß auch die Zionisten-Kongresse — also die höchste beschließende Körperschaft unserer Bewegung — auf der Gliederung in sogenannte „Landsmannschaften" aufgebaut sind und diese Gliederung doch gewiß nicht ideller Natur ist. Nun, das ist eine Tatsache, die ich auch nicht abstreiten will, aber diese Tatsache ist ein U e b e 1, das auch als solches niemals verkannt wurde und mit dem sich die Bewegung nolens volens nur deshalb hat abfinden müssen, weil eben Ursachen, die im Galuthleben ihren Ursprung haben, eine einheitliche, in gleichen Formen fortschreitende Entwicklung der zionistischen Idee in allen Ländern der Diaspora als eine Unmöglichkeit erscheinen lassen und weif die Ungleichheit der Formen zionistischer Arbeit innerhalb verscheidener Reichsgrenzen in Tatsachen ihre Begründung findet, deren Abänderung außerhalb des Machtbereiches des Zionismus liegt. Das mutwillige Zersplittern aber der nach Einigkeit strebenden zionistischen Organisationen, ohne daß äußere zwingende Gründe oder innere idelle Meinungsverschiedenheiten hiefür richtunggebend wären, ist für die Verwirklichung der zionistischen Idee nicht nur nicht von fördernder, sondern geradezu von störender Wirkung. Denn das Einengen der alljüdischen Idee in Linien, die nicht vom Judentum selbst, sondern von einem nichtjiidischen galuth - territorialen Provinzionalismus gezogen sind, ist ein Widerspruch in sich selbst, dem — im Interesse unserer heiligen Sache — mit der größtmöglichen Energie entgegengetreten werden muß. Tatsächlich kommt auch die zentripetale Kraft der zionistischen Weltorganisation in allen durch den Zwang äußerer Umstände entstandenen territorialen Gruppen unserer Bewegung zur Geltung und die Einigungs-Tendenz ist in erfreulicher Weise überall erkennbar. Eine Ausnahme nur — und gewiß keine rühmenswerte — bilden hierin die österreichischen Zionisten, die sich im zionistischen Weltbünde als westösterreichische, bezw. galizische Landesorganisation dualistisch präsentieren. Nur ihnen — oder nein, wollen wir doch den Mut' zu einer gerechten Selbstanklage aufbringen — nur uns gebührt der herostratische Ruhm die erste, weder durch äußere Umstände begründete noch prinzipiell gerechtfertigte Spaltung einer ehemals einheitlichen Landsmannschaft herbeigeiührt zu haben. Hie verletzender, sich überhebender Dünkel, der vergebens in der sogenannten „westlichen Kultur“ nach Begründung sucht; hie kleinlicher innerpolitischer Lokal-Chauvinismus, der auf separatistische Irrwege führt. Das sind die Mephistos der österreichischen Zionisten, die sie auf die abschüssige Bahn einer getrennten Organisation verführt haben und so haben wir in „Ost“ und „West“ lebt. Mit dem Publikum — das Wort sagt es schon: eine neutrale Oeffentlichkeit aus unbekannten Elementen gemischt, mit unkontrollierbaren Wünschen, mit Ansprüchen Von außen und mit dem Befehl: unterhalte mich — mit dem Publikum kam die Kritik, die „Literatur“ in Gänsefüßchen, die Gebildetheit, der Schein, der Unternehmer, der Star — und alle ägyptischen Plagen. Die Folgen waren für das jüdische Theater bös genug: Konservativ wie das Theater ist, mit dem Instinkt für das Erhaltende, aus dem es entstanden ist, hat es zwar die alten wirksamen Stoffe und Motive zum Teil beibehaiten, aber ganz barbarisch mit dem Wust der neuen Reize behängt, um sie seinem Publikum genießbar zu machen. Das alte gute Volksstück, die Posse, wurden zum Melodram, zur wüsten Operette, die alte Historie zum feenhaften Ausstattungsstück — kurz: es trat eine Verpöbelung ein, die alle guten Geister und mit. ihnen die inzwischen herangewachsene Generation der jüngeren jüdischen Dramatiker, die einen neuen Ton anschlugen, hinausbannte. Erst auf dem Umwege über deutsche Bühnen gelang es den stärksten dieser Begabtesten auf dem beherrschenden New-Yorker Theater hie und da vereinzelt zu Worte zu kommen. Andere wurden unter dem Druck der Verhältnisse gezwungen, sich der Diktatur der großen Theatertribunen und der Lieblinge des Publikums zu fügen. Beachtenswert ist die Rückwirkung dieser , Verhältnisse auf die Produktion der größeren " jüdischen Autoren,: bereits außer Kontakt mit einer Gemeinde, ohne Zusammenhang mit jener derben ersten Periode unbekümmerten Schaffens, nach europäischen Vorbildern orientiert, sind sie gleichsam im eigenen Hause obdachlos. Monologisch, verinnerlicht, wurden sie — mit wenigen rühmlichen Ausnahmen — was man mit einem nicht zwei zionistische Parteibildungen in einem und demselben Reiche, die sich bewußt oder unbewußt mit immer stärker werdender zentrifugaler Tendenz von einander entiernen, statt daß sie bestrebt sein müßten, die vermeintlichen Gegensätze auszugleichen und zu einem Ganzen sich zu verschmelzen. Ob der strategische Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint schlagen“ auch auf die Nationalpolitik anwendbar ist, möge dahingestellt bleiben. Tatsache ist, daß selbst die von den besten Absichten beseelten Gesinnungsgenossen, sowohl des Ostens als auch des Westens, durch ihre separatistische Tätigkeit, den heiligsten Zielen unserer Bewegung, der Einigung des Judentums, unbewußt entgegenarbeiten. Nun fragt es sich, ob die Gegensätze zwischen den östlichen und westlichen Zionisten wirklich so tief sind, daß die Kluft zwischen ihnen nicht mehr zu überbrücken wäre. Aber, wir wollen die Frage nach anders formulieren: Kann es überhaupt zwischen bewußten Juden solch tiefgehende Gegensätze geben? Werden dieselben nicht vielmehr künstlich konstruiert und auf Nebenwegen herangezogen? Sind doch die Ziele, wie auch die Mittel zum Ziele für alle Zionisten dieselben: wozu dienen also die organisatorischen Grenzpfähle, die zwischen Wien und Lemberg auigerichtet wurden? Schreiber dieser Zeilen hat noch vor dem Kriege, leider vergebens, wiederholt in Wort und Schrift vor dem Bruch gewarnt — er konnte ihn nicht verhindern. Vielleicht haben jedoch die aus ihm geschöpften Erfahrungen soweit aufklärend gewirkt, daß ein neuerlicher Ruf nach Wiedervereinigung doch nicht ohne Echo verhallen wird. Vielleicht bringen wir nach vier furchtbaren Kriegsjahren doch endlich die Kraft auf. uns fester aneinander zu kitten. Die bevorstehende Lösung der polnischukrainischen Frage in Galizien berührt wahrlich zu nahe die vitalsten Interessen, nicht nur der Juden dieses Landes, sondern der gesamtösterreichischen Judenschaft, als daß es uns gestattet wäre, jetzt einem kleinlichen Provinzpartikularismus sich hinzugeben und sich in politischen Haarspaltereien zu verlieren. Wir Zionisten sind die Wächter des Judentums; wir sind dazu berufen, die Interessen des jüdischen Volkes zu wahren und die geheiligten Rechte seiner Volksintegrität gegen eine ganze Welt von Gegnern zu verteidigen. Wir müssen daher stark sein, müssen einig sein, wenn wir nicht selbst unsere erhabene Mission Lügen strafen wollen. Darum, weg mit der Scheidewand zwischen Ost- und West! Zionisten Oesterreichs vereinigt euch wieder! Tarnow. Joachim Neiger. VORANZEIGE Im Verlag der „Jüdischen Zeitung“ erscheint n den nächsten Tagen: „Oesterreich imil seine luden“ von Ingenieur Robert Stricker Preis (inklusive Porto) K 2.50 Nur gegen Voreinsendung des Betrages! Bestellungen und Zahlungen werden bereits enfgegengenommen und sind zu richten an den Verlag der ,Jüdischen Zeitung“, Wien II., Zirkusgasse 33 Per Nachnahme wird nichts versendet. cd ■ o a cd ■ cd m cd m o u cd ■ cd ■ cd ■ o ■ cd RUNDSCHAU Inland * Pariamentsbilanz. Das Parlament ist wieder nach Hause gegangen. Seine Leistung in der kurzen Session war nicht unbeträchtlich: es hat die Regierung Seidler gestürzt, es hat ein paar aufrichtige Worte über unsere Kriegführung gesagt. die die Oeiientlichkeit nicht hören darf, es hat ein paar Gesetze angenommen usw. Wir .1 u - den haben ferner festzustellen. daß. wie gewöhnlich, ein paar antisemitische Rede-Exzesse stattgefunden haben (es sind immer dieselben), es wurden ferner seitens der Antisemiten einige total verrückte Interpellationen überreicht (z. B. die iamose des Herrn Jerzabek wegen „AUjüdischer Propaganda gegen Oesterreich“(!), ferner wegen der jüdischen Händler im ital. Kriegsgebiet und ähnlichen Unsinn); auch von jüdischer Seite wurden einige Interpellationen überreicht, insbesondere seitens des Abgeordneten Dr. Strauch e r, worüber wir bereits berichtet haben. Abgeordneter Dr. Groß sprach in seiner Rede über die Krakauer Pogrome, die von den Polen jetzt wieder beharrlich geleugnet werden, obwohl sie bereits zugegeben waren. Ueber den Frieden mit Rumänien wurde iast gar nicht gesprochen, nur Abgeordneter Ellenbogen widmete ihm ein paar mißbilligende Worte. Aber über die Judenfrage hat auch er geschwiegen. Im deutschen Reichstag hat sich an den rumänischen Judenpunkt eine ausführliche Diskussion geknüpft. Bei uns nicht einmal das. * Die eingetroffene Prophezeiung. Wir haben unlängst anläßlich des Austrittes des Magister Hummer aus demJDeutschen Nationalverband auf die Korruption und Entartung im deutschen Antisemitenlager hingewiesen und die Befürchtung ausgesprochen, daß nach dem Hummer auch der andere Führer, der Teufel, seine Mannen verlassen könnte. Nun ist es so gekommen. Der Teufel ist aus der deutschradikalen Partei ausgetreten; er konnte Seidlers Sturz nicht verschmerzen und kennt keine Bewilligung der Staatsnotwendigkeiien ohne Erfüllung der „Deutschen Belange“, unter denen die arische Gurkenkonzession obenan steht. * Der Prager Dichter Hugo Salus ist, wie aus Prag gemeldet wird, aus dem Judentiune ausgetreten. Diese Nachricht ist umso befremdender, als Hugo Salus gerade in den letzten Jahren wiederholt seinen Zusammenhang mit dem Judentum betont hat. Er hat auch mehrere Gedichte völlig nationaler Tendenz („Ahnenlied“. Lied des Blutes, Hiob) geschrieben und spielte in jüdischen Organisationen eine gewisse Rode * Ein jüdisches Wirtschaftsamt für Galizien wurde auf Anregung der galizisch - zionistischen Landesorganisation ins Leben gerufen. Es soll alle wirtschaftlichen Aktionen für die jüdische Bevölkerung anregen, fördern und durchführen und eine Beratungsstelle für Berufswahl der vom Kriege Heimkehrenden errichten. Ferner soll die Errichtung und Erhaltung einer Informations-, Beratungs¬ und Rechtsschutz-Stelle für die durch den Krieg geschädigten Juden Galiziens geplant werden. Weiter wird die Arbeitsvermittlung iür heimkehrende Soldaten, insbesondere Invaliden, Hilfe und Unterstützung für Studenten und Lehrlinge, berufliche Organisierung der jüdischen Bevölkerung geplant. Die letzten Maßnahmen sollen in der Schaffung von Kredit-Organisationen für den Mittelstand bestehen. Die Durchführung der einzelnen Aufgaben soll eine allgemein-jüdische wirtschaftliche Zentralstelle besorgen. Rußland * Ausweisung der finnischen Juden. Die tinnländische Regierung hat Befehl erteilt, daß sämtangenehmen Nebensinn so bezeichnet — sie wurden literarisch. In den Werken von Asch ist bereits die gebrochene Melancholie, der matte Halbton des machtlos Kämpfenden mit der nach rückwärts gewendeten vergeblichen Sehnsucht — jener jüngere Typus des Juden, der der Tradition entsprungen, im Neuen nur heimatlos und elend wird. Wenn ich nun meine, daß die Begabungen dieser Art bereits aut einem verlorenen Posten kämpfen, ob sie sich nun ihren Platz auf der heutigen jüdischen Bühne erkämpfen oder nicht — denn aui der europäischen bleiben sie in Gutem wie im Bösen ein Mißverständnis — so kehre ich damit zu einem wesentlichen Punkte meiner Ausführungen zurück Die ideale Gemeinde der Zuschauer iür ein jüdisches Theater ist heute wieder möglich, weil eine neue Unbefangenheit im Werden ist, die das Verhältnis zur Vergangenheit nicht mehr bloß als Leid und historische Belastung empfindet. Mögen die Kämpfe noch andauern, so ist gewiß, daß die Kämpfer weniger wehleidig geworden sind: aber auch die Kampfgebärde ist nicht mehr das Auszeichnende. Ost und West sind einander nähergerückt, der Orient für Europa neu entdeckt worden. Immer zahlreicher treten auch für weitere Kreise die Zeugnisse und Urkunden zutage, weiche erweisen, daß ein lebendes Volk auch im Sthiaie noch fortschafft; daß der lebendige Strom, der aus der Vorzeit fließt, nie und nirgends unterbrochen worden ist und nur unterirdisch weiteriloß. wenn er dem Auge entschwunden war. Im scheinbar Fremdesten beginnt man sich wiederzuerkennen. Wenn wir es recht fühlen, so ist in unseren Tagen etwas in Bildung begriffen, das man vielleicht als ein immer bewußter werdendes jüdisches Gemeinschaftsgefühl erkennen wird und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird es anders sein und sich anders äußern müssen als bloß mit der Abwehr oder bloß politisch. Denn hört man tiefer da hinein, so scheint es nicht nur alle jene zu begreifen, die wir gewöhnt sind als ..nationaljüdisch“ zu bezeichnen, sondern weiter umfassend alle, die in der heute so erschütterten Welt die gelockerten Wurzeln ihres einmaligen und doch ewigen Daseins noch einmal in das Erdreich lebendiger Vergangenheit gierig versenken wollen, um irische Krait daraus zu saugen iür ein Neues und Zukünftiges. In diesem Prozeß, der sich iast unbewußt in einem großen Teile unserer Jugend vollzieht, wird das Bedrückte und Gespenstische des exilischen Charakters von einem nicht mehr disparaten, aufrechten und unbekümmerten Daseinsgefühl aufgewogen. Und so wie etwa jene alten jüdischen Esther- und Josefspiele von Menschen geschaffen wurden, die auf ihre Weise naiv den Bruch zwischen sich und der Vergangenheit iiberbrückten, weil sie unhistorisch und mit unmittelbarer Empfindung sich den Vorfahren im Erleben gleichsetzten, ■ so kann auf dem Umwege über Europa der Jude unbekümmert mit dem Alten und Ehrwürdigen eine geistige Verbindung eingehen, die ihm eine neue Vision seiner Sendung schenkt. Aus ihnen setzt sich schon heute die Gemeinde zusammen, die das jüdische TheateT schaffen wird. Oer Jüdische Nationalkalender 5679 IV. Muyaar redigiert von Otto Abeies und Ludwig Bai ist in Vorbereitung!

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