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Jüdische Zeitung · 1918-08-02 · 31 (2.8.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5t ser Verhetzungen gegen die Judenunausbleiblichen Folgen ab und wird sich letzten Endes gezwungen sehen, sich zum Schutze ihrer eigenen Existenz, zur Abwehr der ihr drohenden Geiahr zu organisieren.“ Die Geschichte einer Enttäuschung (Zeitgemälde aus Ungarn.) II. .. Groß war also die Liebe und Verehrung, mit der das „ungarische Israel" auf die geweihte Gestalt des Bischofs Ottokar Prohäszka aufblickte. Daß diese Liebe und Verehrung auf Gegenseitigkeit beruhte, konnte man zw'ar ganz bestimmt-nicht behaupten. Ja, wenn man P rohäs zkas Schriften mit einiger Aufmerksamkeit las, konnte man auch ohne philologische Akribie auf Stellen stoßen, die Juden und Judentum behandeln und sich von den Erzeugnissen der deutschen protestantischen Theologen nur durch den gehässigeren Ton und die ungeheuren Nebelmassen, die sich um sie verbreiten, unterscheiden. Aber solcher Stellen gibt es summa summarum nicht viele, und der ungarische Jude hat eine gute Eigenschaft — er ist nicht zu empfindlich. Und schließlich, das ungarische Judentum brauchte Ideale, „die Sehnsucht und die Hoffnung (scilicet: der Juden) bedurften der Säulen, an die sie sich stützen und die sie einem Lorbeer gleich umranken könnten, und Ihre Eminenz war diese Säule“ (Alexander Mezey im „Egyenlöseg". dem von der Isr. Landeskanzlei subventionierten Blatte, das sich euphemistisch „das politische Wochenblatt des ungarischen Judentumes" nennt). Ja, was denn tun, wenn man für Ostwalds Monismus schwärmt, aber von religiösen Anwandlungen befallen wird und in der Budapester Leopoldstadt zuständig ist? Gibt es da eine andere Lösung als der römisch-katholische Bischof? Der Stuhlweißenburger Bischof, „in dessen Munde allein unter allen seinen Zeitgenossen der ungarische Jude das göttliche Wort der Liebe am rechten Orte fand", „in dessen Seele er den göttlichen Gedanken fühlte", von dem der ungarische jüdische Publizist „die Schaffung des Glaubens der modernen Zeiten und Menschen envartete“ (ob dieser Glaube mit der „mosaischen Konfession", wenn auch In einer ungarischen Konzeption, vereinbar gewesen wräre, darüber äußert sich der oben genannte Publizist nicht), in dessen Gestalt er „den ausnahmsweise erschienenen göttlichen Menschen (vielleicht gar Gott-Menschen?) sah“ — mit einem Worte, der römisch-katholische Bischof hätte weiß Gott wie lange die Hoffnungen und Sehnsüchten der ungarischen Juden einer. Säule gleich gestützt diese hätten sich dafür noch heute einem Lorbeer gleich mit Liebe an ihn geschmiegt und ihn umrankt — hätte er sie nicht plötzlich etwas energisch, um nicht zu sagen barsch, von sich abgeschüttelt Es kam so unerwartet wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Eines Sonntags las man einen Artikel im antisemitischen „A1 k o tmany“, der „Pro juventute catholica“ betitelt und von Prohäszka gezeichnet w'ar. Inhalt: Man müsse die katholische Jugend fördern und stützen, denn sonst gehe das ungarische, d. h. christliche Ungarn zugrunde, da es die Juden zugrunde richten. Die Gefahr des Krieges bestehe darin, daß „je näher wrir zur Front kommen, die Christen dort desto zahlreicher seien, je weiter aber wir zurück ins Hinterland gelangen, desto mehr Juden wir antreffen.“ Wir sehen, es handelt sich um einen mederträchtigen Hetzartikel, wie ihn jeder Hetzkaplan vom Stapel lassen kann. Der Herr Bischof war in seinen Mitteln gar nicht wählerisch und verschmähte auch offenkundige Lügen nicht. Er führte statistische Zahlen an, die einen Tag später durch die amtliche Statistik als Lüge überführt wurden. Den ungarischen Juden, den Chassidim klammern wir uns um so inniger au den andern — Prohäszkas, war dieser Artikel eine Ent- . war die:Pärole. Gesagt, getan. Es taten sich täuschung. wie sie nicht bitterer empfunden wer-; schnell zusammen einige Rabbiner, einige Kultusden kann. Ein Schmerzensschrei durchbräuste . Vorsteher UntLsonstige jüdische Notabein und Tondas ganze Lager Israels. „Ich schaute auf Sie angehende^ zusammen etwa zwei bis drei Minhinauf, hörte Ihnen zu und las Ihre Werke: in ^.janim (es^waren darunterjg.lauch Orthodoxe), an den Spalten dieser Blätter sang ich einst mit jun- ^der Spitze-die Redaktion desi^,Politischen Wochengem Kopfe und jungem Glauben*) Dithyramben an die Apostelseele Etv. Eminenz“ '— rief der obengenannte Schreiber in obengenanntem Blatte wehmütig-vorwurfsvoll dem Bischof zu. Daß der biedere Bischof sich gerade jetzt gedrängt fühlte, mit seiner Brandstifterei auf den Plan zu treten, ist dem Kenner der Verhältnisse nicht verwunderlich. Prohäszka kam infolge einiger nebelhafter, aber mehrdeutig schillernder Ausdrücke in einigen seiner Schriften in den Ruf, ein Mann von modernerer Denkart zu sein, was dann zur Folge hatte, daß die betreffenden Werke von der Römischen Kurie auf den Index gesetzt wurden. Der mutige Bischof hat zwar — wrie der Fachausdruck lautet — „laudabiliter se subjecit“, d. h. sich löblich unterworfen und die betreffenden Stellen revoziert, aber es half nicht viel. Man traute ihm nicht recht in Rom.- Um so stürmischer schlossen sich ihm die ungarischen Juden an. Einen wahren Kultus trieb man mit ihm, die Begeisterung der Budapester Jüdinnen"'blieb hinter der der einstigen Bacchantinnen nicht weit zurück. Und so sagten sich die konservativen christlichen Kreise, Prohäszka könne unmöglich ein Rechtgläubiger sein, sonst würden ihn ja die Leopoldstädter Jüdinnen und alles, was mo- . dem, d. h. jüdisch in Budapest ist, nicht so ekstatisch verehren. Außerdem hatte der Bischof in Stuhhveißenburg bisher eine etwas magere Pfründe. Es sollten ihm 4000 Joch Feld von einem anderen Bistum zugeteilt werden, und so ist es nur natürlich, daß man sich einer solchen Gehaltserhöhung würdig zeigen mußte. Von der Popularität allein kami man ja nicht leben, und schließlich ist die Organisation des kampflustigen Klerikalismus in Ungarn schon so groß, daß auch an Popularität hier mehr zu erwarten ist. So stellte sich Prohäszka jetzt an dje Spitze der Radauantisemiten. Wenn ich sage Radauantisemiten, so kann man das Wort in seiner schlimmsten Bedeutung nehmen. Denn daß der wackere Bischof, nicht zu ruhen gedenkt, zeigt die Tatsache, daß er schon einen zweiten Artikel in dieser Angelegenheit geschrieben hat. Und — bleibt sich treu. Wie die Daten über das Munkäcser Regiment, die er in seinem ersten Artikel anführte, so w'urden auch seine Zahlen über das Stuhhveißenburger Regiment, die er in seinem zweiten Brandartikel zitierte, einige Tage später mit'Hilfe der amtlichen Daten als grobe Fälschung enviesen. Es sind Hetzartikel, die auf bewußten Fälschungen beruhen und in'Teiheiri^JÖ^e der rohesten Demagogie 'geschrieben-sind,-wie sie bisher von einem Bischof wohl, kaum produziert worden sind. Zu bemerken ist noch, daß der Bischof, als seine Zahlen als Fälschungen erwiesen wurden, aufgefordert wurde, einen Preßprozeß einzuleiten, was er aber bis heute nicht getan hat. Der ausländische Leser wird wohl begierig sein, zu wissen, was die ungarischen Juden dagegen taten? — Nichts, oder noch viel Schlimmeres als nichts. Enttäuschung, Erbitterung und Kopflosigkeit charakterisiert ihr Verhalten. Die Enttäuschung habe ich. ja schon geschildert, die Erbitterung kann man sich denken, die Kopflosigkeit und ihre Schilderung soll hier kurz folgen. Was tut eine wehmütige Mutter, wenn ihr das eine Kind stirbt? Sie umarmt um so inniger das andere. Das taten im ersten Augenblick die ungarischen Juden oder wenigstens ein Teil von ihnen. Ist der eine Bischof untreu geworden, so *) Von mir gesperrt'. blattes des ungarischen Judentums“, und begaben sich nach Debrezin. Dort feierten sie den kalvinischen Bischof als Förderer der konfessionellen Eintracht und gründeten eine Stiftung für Studierende der protestantischen Theologie. Es ist überflüssig, zu bemerken, daß der Bischof den Pilgern versicherte, auch fernerhin seinen Prinzipien treu zu bleiben. Und wochenlang wurde dieser Tag in dem obengenannten „jüdischen politischen“ Blatte als historischer Tag, als der lichtvollste Punkt der Geschichte des „ungarischen Israel“ gefeiert. Was außerdem noch geschehen ist, das läßt sich, kaum sagen. Die assimilatorische Presse ist allerdings voll mit der Affäre Prohäszka. Es ist ein wahrer Heidenlärm. Horcht man hin, so hört man, daß es „weder die Stimmung des Sieges noch die der Niederlage, sondern nur ein Wirrwarr ist.“ Die Einen fordern die Gründung einer Selbstschutz-Liga, die Anderen die Umwandlung des obengenannten Wochenblattes, das durch die Veranstaltung der Debreziner Pilgerfahrt ein solch glänzendes Zeugnis der politischen Reife des Redakteurs lieferte, in ein Tagblatt, einige jammern bloß ohne jeden Antrag, andere schreiben öffentliche Briefe an die einstige „Säule“ usw. Inzwischen aber rollt die in Bewegung gesetzte Lawine weiter. Die antisemitischen Klerikalen freuen sich gewaltig, daß sie ihren Prohäszka von den Juden zurückgehalten haben. Es werden überall 'öffentliche Versammlungen abgehalten, in denen Prohäszka gegen die Angriffe der Juden in Schutz genommen' und hoch gefeiert wird. Wir haben schon eine ganz öffentliche Pogromhetze. In verschiedenen Teilen des Landes wird ungarischen Juden der Ankauf von unbeweglichen Gütern verboten, um die Verbreitung der „Galizianer“ zu verhindern, und Razzias haben wir — jetzt auch schon gegen ungarische Juden —, die nicht einmal Galizien aufzuweisen hat. So sieht das Bild von außen aus. Und von innen? Kopflosigkeit, Desorganisation, Würdelosigkeit bei allen Führern; Indifferentismus, Assimilation und Taufsucht, wie sie zynischer und gesinnungsloser auf dem Erdenrund nicht anzutreffen ist, bei den Massen. Saiomon Händler. Ost- und West-Zionisten Durch diesen Aufsatz unseres bekannten Gg. ist die Frage der Neuschaffung des gesamtösterreichischen Landesverbandes, deren Möglichkeit in letzter Zeit von mehreren Seiten ventiliert wurde, zur Diskussion gestellt. Die Red. Als Endziel erstrebt der Zionismus die Schaffung einer Heimstätte für die Juden in Palästina. Aber dieses gewiß unbestrittene Endziel ist noch lange nicht das einzige Ziel der zionistischen Bewegung. Neben diesem Kardinalpunkte unseres Programms, ja sogar noch früher, und zwar als Mittel zum großen Zwecke, erstrebt der Zionismus in seiner Eigenschaft als interterritoriale Bewegnug die Einigung aller Juden der Welt. Der Zionismus verneint das Galuth und daher muß er es sich zur Aufgabe machen, alle Kluften und Klüftchen, die das Diaspora-Judentum spalten, zu überbrücken; mit anderen Worten: Aus den vielen Judentümern ein Judentum zu machen. Ueber das jüdische Theater Von EfraJm Frisch. Aus dem Vortrag, den Herr Efraim Frisch am 28. v. M. in der ..Neuen Wiener Bühne bei der Matinee des Zion. Frauenvereines hielt, bringen wir nachsichend einen Teil in gekürzter Fassung. So manches neujüdische Unternehmen krankt an dem Irrtum falscher Unbefangenheit. Ein solcher wäre es auch, zu glauben, als hätten wir bereits das „jüdische Theater“ oder als könnten wir es haben, wenn wir uns nur die Mittel dafür leisten und uns dazu bekennen wollen. Damit könnte die Errichtung einer jüdischen Bühne wohl erreicht werden, aber noch lange nicht das, worauf es einzig und allein ankommt: eine kulturelle, die bildnerischen Kräfte ausstrahlende Stätte erneuter Gemeinschaft. Denn nichts Geringeres dürfen wir wollen, wenn uns nicht schon zu Anfang Ziel und Absicht des Werkes in die fernsten Nebel rücken soll. Wir sind hier in dem nicht unangenehmen Falle, aus unserer schlechten Lage die stärkere Initiative zu gewinnen. Viele von Ihnen haben die seit Jahr und Tag allenthalben laut gewordenen Klagen über den allgemeinen Verfall des Theaters gehört und von den mannigfachen Vorschlägen und Versuchen für seine Reform und Erneuerung. Zum Teil kamen sie vom Theater selbst und den Dramatikern, oder sie wurden von den um das Wohl ihrer Nation Besorgten von allgemeinen Gesichtspunkten aus erörtert; Was uns hier daran interessiert, ist das Symptomatische: In allen diesen Aeußerungen. Wünschen und Versuchen steckt mehr oder minder bewußt die Empfindung oder die klare Erkenntnis: das Theater sei nicht mehr das, was es sein sollte, und in dem allein seine Würde und Bedeutung beruhe. Ursprünglich die Schöpfung der kultischen Gemeinschaft, später der Fürsten oder der herrschenden Gesellschaft — lange so der reine Ausdruck eines einheitlich gerichteten künstlerischen Willens — ist es allmählich zu dem schwer definierbaren Großstadtgebilde geworden, das wir kennen, mit allen Merkmalen des Niederganges. — Hatte jenes ältere Theater die Gemeinde der Sc haue nd e n, so hat das moderne dafür das Publikum. Gemeinde und Publikum — in dieser Gegenüberstellung ist das meiste schon enthalten, das uns hier angeht und von wo unsere Orientierung beginnt. Unsere Lage ist vielleicht am besten dadurch gekennzeichnet, daß die Nachteile einer zurückgebliebenen Entwicklung durch eine größere Nähe der kräftigen Anfänge aufgewogen werden, daß das Recht der alten Gemeinde noch wie ein geschrumpfter Kern in der Umhüllung des späteren Publikums sitzt*; und nicht zuletzt: daß der völkische Wille zu sich selbst sich stets noch stärker erweist als jede private Gegenwirkung. Damit läßt sich schon etwas anfangeil. Denn die Anfänge des jüdischen Theaters sind so echt und naiv wie nur irgend eine ursprüngliche Schöpfung solcher Art in grauester Vergangenheit, wenn sie aucli kaum über die Generation vor uns zurückreicheii. Es war die Gemeinde der Ungebildeten aber Lebendigen, für die die alten gelehrten Bücher zwar noch geheiligt, aber recht verschlossen blieben, und die ihr „Jüdisch“ mit dem Rest der alten -morgenländischen Legende und' dazu mit der ganzen Buntheit und Frische eines kräftigen Gegenwartlebens erfüllten. In ihnen war der natürliche Drang, sich am Spiel und Abbild eigenen Lebens erfreuen, erregen und rühren zu lassen, oder an der Vergangenheit, wie sie sie sehnsüchtig liebte und naiv vorstellte, zu erbauen. Die Werke jener Zeit zeigen auch alle beglaubigten Merkmale scharfer Typisierung, kräftiger Herausarbeitung drastischer Situationen, wie sie jede primitive Dramatik aufweist. Darüber hinaus ist Witz, Dialektik und unbewußte Stilisierung, die die einfachen Vorgänge stets wieder als Spiel erglänzen läßt, an ihnen erstaunlich beieinander. So lange diese Dichter und ihre Gemeinde zusammen- und aufeinander angewiesen blieben — und sie blieben es eine Zeitlang, weil die Orthodoxen naturgemäß das Theater als fremd und heidnisch bekämpften und die „Gebildeten“, wie sie schon stets und überall gleich sind, ihre höheren Bildungsansprüche dort nicht befriedigt fanden —, in dieser Periode sehen wir eine rasche, fast mühelose Produktion von erstaunlicher Fülle und Mannigfaltigkeit. Lieder entstellen plötzlich und sind nach einigen Wochen im ganzen Land auf tausend Lippen, Namen tauchen auf, die in den allgemeinen Gebrauch für Charaktere und Typen kommen. Etwas vom Geist und Wesen dieser Zeit spüren Sie noch in „Menschen“ von Scholem Aleichem, wobei allerdings die Wendung ins Soziale dem Werke bereits bewußt -die graue Farbe gibt und der Witz — „Menscheji“ bedeutet nämlich: dienende Menschen — anklägerisch und bitter . schmeckt. Diese Produktion heute wieder zum Leben'zu erwecken, wäre wohl vergeblich, denn statt der Gemeinde hat das „jüdische Theater“ sein Publikum bekommen. Und es erfüllt sich hier rasch und im kleinen das übliche Theaterschicksal. Im Theater der Gemeinde ist der Darsteller nichts anderes als der in den Helden, den Siegenden und Leidenden verwandelte Zuschauer, der sich leidvoll oder mit Lust in einer idealen Sphäre er-

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