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Jüdische Zeitung · 1918-08-02 · 31 (2.8.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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* •» XII. Jahrgang — Nr. 31 Redaktion nnd Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 National-jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 2. August 1918 — 24. Aw 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 h Postsparkassenkonto 133.404 Erwacht Das offizielle Juöentum? Endlich hat auch das offizielle Judentum besriifen, daß es nicht mehr schweigen kann, und daß inan über die Vorfälle der letzten Zeit nicht einiach hinweggehen kann. Wir glauben, daß diese Vorfälle geeignet waren, die Judenschait erkennen zu lassen, daß alle Hoffnung auf eine Lösung der Judenfrage durch einen „Burgfrieden" vergeblich ist. Die Tatsachen, die der Existenz der Judenirage zugrunde liegen, sind nicht solcher Art, daß sie durch Redenwendungen beseitigt werden könnten. Das offizielle Judentum hat aber auch aus diesen Ereignissen wenig gelernt. Die alte Methode der Polemik und Abwehr ist noch immer im Schwünge. Noch immer erwartet man gar nichts von sich selbst und alles vom Wohlwollen der anderen. Man beschwört förmlich die anderen, doch von ihrer Bosheit zu lassen und den Burgfrieden zu halten, und stellt beinahe als Drohung die eigene Organisierung in Aussicht. Die erste Selbstverständlichkeit erscheint als ein letzter . Ausweg, den man nur ungern, nur „letzten Endes gezwungen“ betritt. Es ist etwas Totes, etwas Lebloses in dieser Kundgebung des offiziellen Judentums. Es spricht gar keine Zuversicht, gar kein - eigener Wille, gar kein festes Bekenntnis zu den Lebensnotwendigkeiten des eigenen Volkes, gar kein starkes Bewußtsein von Eigenwert und keine Forderung nach freier Entfaltung eigener Kräfte aus diesen Worten. Man hört nur etwas von „Menschenrechten" und einige Versicherungen der Loyalität sowie den Hinweis auf die Erfüllung der Staatsbürgerpflichten durch die Juden, man hört Widerlegung unbegründeter Beschuldigungen, immer wieder nur Abwehr und Protest, und eine bedauerliche Genügsamkeit betreffs der eigenen Wünsche. Die Kundgebung ist gewiß von Bedeutung und wird auf die staatlichen Behörden einen gewissen Eindruck nicht verfehlen können. Dieses Verdienst soll nicht geschmälert werden. Aber wenn das offizielle Judentum beginnt, sich auf seine Pflichten zu besinnen, so wird es nicht bei Protestkundgebungen stehen bleiben dürfen, die sonst zur YVirkungslosigkeit verurteilt sind, sondern es wird sich endlich einmal bequemen müssen, auch darauf zu hören, was das eigene Volk fühlt und wünscht: die jüdische Politik darf nicht nur nach dem Verhalten der Antisemiten eingerichtet werden, sondern sie muß aus den vitalen Bedürfnissen des jüdischen Volkes hervorwachsen. Es ist unwürdig und für das jüdische Volk geradezu verhängnisvolL wenn seine Führer „erforderliche Maßregeln“ nur davon abhängig ma- - chen, ob die Judenhetze weiter betrieben wird oder ob das Gerechtigkeitsgefühl der Antisemiten erwacht. Darum glauben wir, daß eine Organisation der Judenschaft notwendig und dringend erforderlich ist, aber nicht nur zur Abwehr etwaiger Angriffe, sondern damit die zahllosen schwierigen Probleme des jüdischen Lebens und der jüdischen Gemeinschaft ernstlich in die Hand genommen werden. Eine solche Organisation muß sich um alle Lebensäußerungen des Volkes kümmern, sie muß die Verwaltung aller Lebenszweige des Volkes übernehmen. Das ist aber nur möglich, wenn von vorneherein darüber Klarheit besteht, daß das jüdische Volk eine nationale Gemeinschaft ist, die zwar in vieler Beziehung rudimentär ist und sich von der anderer Völker durch äußere und innere Besonderheit unterscheidet, die aber in ihren wichtigsten politischen und kulturellen Interessen eine Einheit bildet und auch einer entsprechenden Führung und Vertretung bedarf. Es ist natürlich immöglich, daß eine Volksgemeinschaft, deren ganze Kraft in den breiten Schichten des Volkes ruht, von einigen dem Volke entfremdeten, ja sich anderen Völkern zurechiienden Personen geführt wird. Die deutschen Männer der Kultusgemeinde kommen schon in die Situation, gegen die deutschen Volkstage protestieren zu müssen. Man hat bisher nicht gehört, daß irgend eine -wirklich deutsche Seite gegen die Volkstage Einspruch erhoben hätte. Vielmehr brachten auch die liberalen Blätter, die Leiborgane der Kultusjuden, spaltenlange Berichte über diese rühmlichen Veranstaltungen und Kundgebungen deutschen Geistes und deutscher Kultur, und höchstens wurden in diesen Berichten die Hetzereien des Kunschak unterschlagen. Der Liberalismus schämt sich des Antisemitismus seiner Volksgenossen, aber, er findet kein Wort der Verurteilung. Nur die Juden selbst protestieren jetzt, aber ihr Protest muß wirkungslos bleiben, so lange sie . mit einem Fuß fest im deutsch-liberal-antisemitischen Lager stehen und nur gelegentlich mit dem anderen Fuß einen Ausfall in die jüdische Sphäre der Seitenstettengasse unternehmen. Immerhin ist es ein Fortschritt, daß man nicht mehr einseitig am Burgfrieden festhält und die beispiellose Agitation des Antisemitismus einfach ignoriert. Wenn man aber immer noch zögert, die gesamte Kraft des Judentums zum Schutze der eigenen Interessen zu organisieren, wenn man mit dieser Organisierung immer noch bloß droht, so könnte es leicht zu spät werden. Sofern nicht das jüdische Volk selbst sich besinnt und ohne Mitwirkung des offiziellen Judentums seine Geschicke selbst in die Hand nimmt. Die Abwehr-Versammlung der Kultusgemeinde Freitag, den 26. Juli 1918, fand im Sitzungssaale der Wiener israelitischen Kultusgemernde unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern eine überaus zahlreich besuchte öffentliche Plenarsitzung statt, deren einziger Gegenstand eine Kundgebung gegen die immer mehr zunehmende Verhetzung der Bevölkerung gegen die Juden bildete. Präsident D r. Stern eröffnete die Sitzung mit folgender Ansprache: Sehr geehrte Herren! Der Gedanke, gegen die\in Oesterreich um sich greifende Judenhetze öffentlich Stellung zu nehmen, beschäftigt die österreichische Judenscliaft schon seit langer Zeit. Schon vor vielen Monaten wäre eine Versammlung wie die heutige, die so allgemeinen Zuspruch fand, in den Verhältnissen begründet gewesen, aber immer waren es Rücksichten auf das Interesse und das Ansehen des Staates im Auslande und Rücksichten aut die finanziellen Interessen des Staates im Inlande, die uns bisher davon abhielten, gegen die Agitation der antisemitischen Parteien in :hrer Presse, in öffentlichen Versammlungen, im Gemeinderate, und Reichsrate, und überhaupt in ihrem ganzen Gehaben gegen die Juden öffentlich Verwahrung einzulegen. Wir haben es bis an die äußerste Grenze des Duldbaren ertragen, daß der Burgfriede von Seiten der Antisemiten von dem Tage seiner Proklamation an in der schnödesten Weise gestört und gebrochen wurde, wir haben es ertragen, weil wir damit dem Vaterlande dienen wollten. Nun aber, da diese Hetze bereits Formen angenommen hat, die die Bevölkerung zu Pogromen gegen die Juden aufreizt, da es einem niedrigen Hetzer möglich war, in einer allgemein zugänglichen Versammlung im Rathause der Staut Wien den Pogrom als Heilmittel für den Staat zu proklamieren und die dort Anwesenden sich bereits als so verhetzt erwiesen, daß sie auf seinen Aufruf mit den Worten: „Führe uns" reagierten, da macht unsere Selbstachtung, unsere Selbsterhaltung es uns zur Pflicht, unser mahnendes und warnendes Wort zu erheben, und gegen die Duldung dieser verwerflichen Agitationen Verwahrung einzulegen. Verwahrung und nicht Verteidigung will die Resolution sein, die ich Ihnen zur Abstimmung vorlegen werde und die bis heute schon von nahezu 300 Kultusgemeinden*) Oesterreichs zustimmend angenommen wurde. Sollten wir es wirklich am Ende des vierten Kriegsjahres noch notwendig haben, gegen die Verleumdung, daß die Juden nicht ihren reichen Anteil an den Kriegsopfern an Gut und Blut hätten, uns zu verteidigen? Wer von uns hat nicht in seinem engeren oder weiteren Familienkreise schmerzliche Verluste durch den Krieg zu beklagen? So findet auf die jüdischen Familien in Oesterreich das Bibelwort: en bajis ascher en schom mes — es gibt kein Haus, das keinen Toten hätte — in seiner wahrsten traurigen Bedeutung volle Anwendung. Ich bin überzeugt davon, daß die zu fassende Resolution jeden einzelnen Juden_aus dem Herzen spricht und ich will trotz der _tr.üben Erfahrungen der letzten Vergangenheit nicht die Hoffnung lassen, daß Besonnenheit und Gerechtigkeit doch wieder zu ihrem Rechte kommen und wenigstens die ärgsten Auswüchse beseitigen werden, die eine von unverantwortlichen, gewissenlosen Menschen ins Maßlose gesteigerte Hetze hervorgebracht hat. Wir werden aber, sollte sich diese unsere Hoffnung als trügerisch erweisen, auf der nunmehr beschrittenen Bahn weiter gehen und Mittel und Wege suchen und finden, um unsere Menschenrechte zu wahren und zu verteidigen. In solchem Falle würde ich mich bemüßigt finden, im Herbste eine große jüdische Volksversammlung ernzuberufen, der es dann Vorbehalten bliebe^ über weiter erforderliche Maßregeln zu unserem Selbstschutze Beschlüsse zu fassen. (Langanhaltender, lebhafter Beifall.) *) Seither sind zirka 400 Zustimmungskundgebungen eingelangt. Der Wortlaut der Resolution: „Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde legt namens der von ihm vertretenen Judenschait auf das entschiedenste feierliche Verwahrung dagegen ein, daß neuerdings seit einer Reihe von Monaten in Wien und ganz Oesterreich unter Duldung der Behörden eine systematische Wühlarbeit Platz gegriffen hat, die den offensichtlichen Zweck verfolgt, die christliche Bevölkerung Oesterreichs gegen die Juden zu verhetzen und zu Ausschreitungen gegen dieselben r.ufzureizen. Diese antisemitische Organisation hat in Westösterreich in den sogenannten deutschen Volkstagen ihren Höhepunkt erreicht, in deren Verlaute die in Massen anwesende Bevölkerung zu direkten Pogromen gegen die Juden aufgefordert wurde, ein Beginnen, das angesichts des in der Bevölkerung angehäuften Zündstoffes fast zu unmittelbarem Erfolge geführt hätte. Gegenüber den in den antisemitischen Versammlungen und in der antisemitischen Presse wider die Juden im allgemeinen vorgebracliten unwahren, erdichteten und entstellten Anwürfen sieht sich die österreichische Judenschaft veranlaßt, nachdTiicklichst festzustellen: 1. Die österreichische Judenschaft in ihrer Gesamtheit hat in diesem Kriege bisher gleich allen anderen Vaterlands- und kaisertreuen Bürgern dieses^ Staates bedingungslos und uneingeschränkt Gut und Blut geopiert; für Kriegsfürsorgezwecke und für die Bedürfnisse des Staates zur Kriegführung leister sie weit über jedes Verhältnis. 2. Sie hat in ihrer Masse durch die kriegerischen Verhältnisse materiell ungleich mehr gelitten als andere Bevölkerungskreise; aber auch ihre seelischen Leiden waren unverhältnismäßig größer, nicht nur, weil die Bevölkerung aller Schichten in maßloser Weise gegen die Juden verhetzt ist, sondern auch deshalb, weil gewissenlose antisemitische Parteiführer des Hinterlandes nicht, ohne Erfolg bemüht--waren, den Judenhaß in die Armee zu verpflanzen, selbst bis m die vorderste Feuerlinie zu tragen, wo die Juden trotz, ihrer Zurücksetzung Leben und Gesundheit iür das Vaterland aufs Spiel setzen,und opfern. 3. Kriegsgewinne wurden von Nichtjuden in höherem Maße erzielt als von Juden; anderseits erreicht die Summe ajlqr Verfehlungen, deren einzelne Juden sich schuldig gemacht haben, nicht im entferntesten im Verhältnis die Summe jener Verfehlungen, deren Nichtjuden überführt wurden, ohne daß daraus für die gesamte Konfession oder Nation der Schuldigen jene verallgemeinernden Schlüsse gezogen worden wären, wie dies gegenüber den Juden geschieht. 4. Die Judenschaft Oesterreichs hat es stets in tiefwurzelnder Liebe und Treue zum Vaterlande als ihre heiligste Pflicht angesehen, alles zu unterlassen, was die Ruhe und den Frieden im Innern des Reiches zu stören geeignet wäre: niemals hat auch nur der Gedanke an einen Hochverrat, an ein Einverständnis mit dem Feinde in ihren Reihen Eingang und Verbreitung gefunden. Die Juden waren und sind ein staatserhaltendes Element von unbedingter Treue und haben einen, Rechtsanspruch darauf,.als solches behandelt zu' werden. 5. Die Judenschaft hält es unter ihrer Würde, sich gegen die bewußt lügnerischen Anschuldigungen zur Wehre zu setzen, welche die Juden in einen Zusammenhang mit den unsinnigen, widerwärtigen Gerüchten der letzten Zeit bringen wollen. Sie erblickt eine schwere Geiahr iür den Staat darin, daß durch gewissenlose Hetzer in öffentlichen Versammlungen gleichzeitig mit Loyalitätskundgebungen aufreizende Kundgebungen gegen die Juden veranstaltet werden, daß hiedurch vor einer irregeleiteten Bevölkerung Kaisertreue und Judenhaß identifiziert und die dynastischen Gefühle aui das schmählichste profaniert werden. .6- Die österreichische Judenschait hält es für ihre patriotische Pilicht, in. dieser schweren, iür die Zukunft der Staaten entscheidenden Zeit den Lenkern unseres Staatswesens die Lehren der Geschichte in Erinnerung zu rufen, daß überall, in jedem Lande, die hemmungslose Duldung von Aufreizungen zum Hasse gegen eine bestimmte Nationalität oder Konfession in ihrer äußersten Konsequenz sich immer an dem Staatsganzen gerächt hat. Die von unverantwortlichen Demagogen versuchte und nicht nachdrücklich genug bekämpfte Hinüberleitung gärender Volksleidenschaften in eine Judenhetze ist ein für die allgemeine Staatsordnung höchst gefährliches Mittel, dessen vielleicht möglicher momentaner Eifekt in keinem Verhältnisse steht zu seinen weiten, unabsehbaren Folgen. 7. Die Judenschaft Oesterreichs lehnt jede Verantwortung für die bei weiterer Duldung die-

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