Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUN* Seite 3 Hand nahm und sah, daß sich der Debrecziner Bischof seiner annimmt, daß er ihm schwarz auf weiß bescheinigt, daß er ein anständiger Mensch, ein guter Bürger und ausgezeichneter Patriot sei. Was den geistigen Führer der ungarischen Juden, den katholischen Bischof von Stuhlweissenburg Ottokar Prohäszka betrifft, so wurde er vom Publikum (lies: jüdischen Publikum) und von der Presse (lies: jüdischen Presse) entdeckt. Der genannte Bischof schrieb vor einigen Jahren einige Werke, die vor dem Leser zwar einen ungeheuren Dunst und eine undurchsichtige Wolken- und Nebelmasse aufsteigen ließen, aber schwärmerische Seelen entdeckten gleich hinter diesen Nebel- und Dunstmassen oder in diesen selbst die schönen Gedanken eines freimütigen Freidenkers. Ein Freidenker, der kein Jude, sondern ein Katholik, ja sogar ein Bischof ist — welcher Snob kann da widerstehen, besonders wenn sein Stammland die Leopoldstadt ist? Alles Geschriebene, das den Namen Prohäszka trug, wurde also von den ungarischen jüdischen Freidenkern (und welcher ungarische Jude ist denn nicht Freidenker?) mit andächtiger Begeisterung wahrhaft verschlungen. Die Presse widerhallte fortwährend von enthusiastischen Lobgesängen über den „Bischof mit dem goldigen Munde“, wie es hierzulande heißt. Je freidenkerischer das Blatt, desto enthusiastischer erscholl das Lob und die Begeisterung. Es war lachhaft, wie in ein und derselben Nummer einer Zeitung, deren jede Zeile von und für Juden geschrieben wird, der eine Artikel die alleinige Berechtigung des philosophischen und historischen Materialismus darlegte, der andere Artikel aber den Inhalt einer Predigt Prohäszkas ausführlich brachte mit einer begeisterten Einleitung. Der genannte Bischof läßt sich sehr gern sehen und hören. Mehrmals im Jahre hält er in Budapest in einer Kirche einige Tage nacheinander Predigten. Diese Predigten werden fast unter Ausschluß der Christen gehalten, denn der Andrang der Juden ist so groß, daß dank der jüdischen Ausdauer und Energie die Christen nicht hineinkommen können. Es geht so weit, daß vorigen Winter der Bischof beim Beginn seiner Predigt, als er mit den Worten begann: „Meine Brüder und Schwestern in Christo!“ — auf sein Publikum schauend — schmunzenld hinzufügte: „Na, und wenn Sie auch nicht Christen sind.“ Ich betone, das ist’ keine erfundene Anekdote, sondern Tatsache. Wer sich seines Judentums noch nicht schämt, der hätte sich gelegentlich einer Predigt von Prohäszka in die Kirche begeben und das bis zu 98 Prozent' jüdische Publikum anschauen sollen, die Schmocke und Snobs weiblichen Geschlechts mit den andächtigen Gesichtern, deren Träger außerhalb der Kirche für Ostwalds Monismus schwärmen; . Aber nicht nur das Laienpublikum ist >dort anzutreffen. Auch Rabbiner in den hochgeknöpften Westen. die sie als solche kenntlich machen, drängen sich dort und lauschen den Worten des Redners. Denn da ihre Synagogen auch während der Predigt leer sind, glauben sie durch die Nach- . ahmung Prohäszkas dieselbe Wirkung wie er zu erreichen. Es war in letzter Zeit lachhaft und traurig zugleich, das Anhören so mancher Predigt in der Synagoge, die sowohl dem Inhalt, wie der Form nach bis auf die Redewendungen und Gesten ganz dem .Bischof nachgeahmt waren, nur daß statt der Zitate aus dem Neuen Testament und den Kirchenvätern, solche aus dem Alten Testament und dem Talmud oder Midrasch angeführt wurden. Ein erhebender Anblick: die Verkünder der „jüdischen Mission“ als Adepten des Bischofs zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Budapest. Salomon Händler. „Der Zionismus hätte Satz für Satz nein sagen sollen zu allem; was ihm vorangegangen war.“ „Die Entzweiung mit sich selbst und das Hinauswollen über sich selbst wird auch im eigenen Lande vor sich gehen, solange die g e istige Basis nicht anders geworden i s t und eine Umwertung in bezug auf die Vergangenheit stattgefunden hat.“ Diese Sätze, zur Kritik des Zionismus gesagt, werden vielen von uns befremdend scheinen: denn tatsächlich glauben wir, daß sie nicht Polemik, sondern geradezu ein Bestandteil der zionistischen Ideologie sind. Berdyczewski geht aber noch weiter. Er weist in scharfer Argumentation als Erster auf den Unterschied zwischen der jüdischen und anderen nationalen Wiedergeburtsbestrebungen hin. Während bei anderen Völkern jedes Glied der Nation schon durch sein tägliches Leben dem Nationalen dient, -fällt bei uns im Galuth wirtschaftliche Arbeit und nationales Ideal in zwei getrennte Sphären. Was jeder für seine persönlichen Interessen tut, kann er bei uns nicht im nationalen Sinn verwerten und daher wird die Tätigkeit fürs Volk ein fortwährendes Opferbringen . . . Berdyczewskis extremer Individualismus bricht zuletzt zu der Anschauung durch, daß nicht durch Parteibildung, Organisation und Wortpropaganda, sondern nur durch die Tat des Einzelnen, der unbekümmert um die Gesamtheit sein persönliches Wohl will und dabei das Nationale tut, der Anfang einer wirklich gesundheitbringenden Bewegung werden kann. „Persönliche Taten statt unpersönlichen Tuns“ . . . wir erkennen wohl, daß B. hier die Wirkung des nationalen Idealismus .der schließlich zur nationalen Tat treibt, unterschätzt hat. Und-wir glauben, daß auch solche Taten aus Gemeinschaftsgefühl entstehen und die Erweckung dieses Grundgefühles die Voraussetzung auch nur Forderungen Von Eugen Hoeflich. (Schluß.) Die Politik oder besser: die Bestrebungen und Handlungen zur Regelung der Verhältnisse innerhalb der Gemeinschaft und der Verhältnisse der Gemeinschaft zu anderen sozialen Gebilden müssen durchaus rein und menschlich soziale sein. Korruption, persönliche Ziele: europäische Politikerei darf in der palestinensischen Gemeinschaft nicht Eintritt finden. Das ist die Voraussetzung der einzig richtigen jüdischen Politik, die auf Konzentration, nicht aber auf Imperalismus des Bodens oder des Kapitals, auf Merkantilismus gerichtet sein dari. Die dringendste und notwendigste Angelegenheit der jüdischen Politik, ist die gerechte Lösung der „Araberfrage". Nicht durch große Worte, nicht durch Drohungen und ja nicht durch Intriguen mit einer europäischen Macht darf man versuchen sie zu lösen. Sie kann nur gütlich und gerecht gelöst werden, wenn man die relativ geringe Zahl von Arabern in dem heute schütter bewohnten Lande von vorneherein als gleichbe- •'rechtigten menschlichen Faktor betrachtet, den man für sich zu gewinnen hat, nicht aui englische Weise durch Geld oder Versprechungen, sondern durch Taten, deren Wichtigkeit dem Araber erkennbar ist. Heute ist in Palästina der von Fellachen und Beduinen am höchsten geachtete Jude der jüdische Arzt, denn der Araber weiß, daß er ihm Gutes tut. Gutes tun muß der Grund aller jüdischen Araberpolitik sein und Einfluß und Ansehen wird der Jude im Lande sich erringen, wenn er seine Befriedigungen mit dem Araber teilt, ihn sich als Bruder erzieht, ihm zur Erkenntnis bringt, daß er ihn nicht übervorteilen will. Wenn zum Beispiel das jüdische hygienische Institut in Jerusalem fliegende Ambulanzen für Augenkranke errichten würde, die das Land bis zur Wüste durchstreifen um unentgeltlich die arabischen Kranken, wie die jüdischen zu behandeln, wäre dies eine Tat, die weit mehr ist als ein gewonnener Krieg oder als eine neue Kolonie. Genau so würde eine vorsichtige, großzügige und der Eigenart der Bevölkerung entsprechende Salubrierung und Sanierung des Landes den Araber dem Juden nähe bringen. Ein weiteres Politikum der jüdischen Gemeinschaft wird es sein, den Araber im Kampfe gegen den fremden Einfluß zum Bundesgenossen zu gewinnen, ihn zu unterstützen und mit ihm den Bestrebungen zu wehren, die die Araber (und späterhin die Juden) verlevantienern wollen. Es ist. mit einem Worte, alles daranzusetzen, vernünftige, gütige und gerechte Araberpolitik zu treiben. Wenn zu fordern ist. daß der rassenverwandte Araber als Bruder zu erziehen ist, ist es;a selbstverständlich, daß die Brüder des Blutes und der Lehre, die asiatischen Juden, Taimani, Adjami, Bucharer, kurdische Juden und wie immer sie heißen mögen, durchaus und unbedingt als vollkommen gleichberechtigte Gemeinschaftsmitglieder geachtet und gewertet werden. Diese Forderung der „inneren Politik“ ist ja eigentlich ein Selbstverständliches, ich erwähne es aber, da ich Menschen in Palästina getroffen habe, denen es nicht durchaus selbstverständlich war. Von gleich dringender Wichtigkeit' ist es, Stellung zu nehmen zur Regelung der Bodenbesitzfrage. Wie immer aber auch der Bodenbesitz geregelt wird, muß die kapitalistische, mehrwerthekende merkantilistische Form des Landbesitzes und der Landwirtschaft ausgeschaltet sein. Es muß das Land und sein Erträgnis der Allgemeinheit jederzeit zur Verfügung stehen, zur Zeit der Ueberernte wie zur Zeit der Hungersnot. Kein Mensch darf das Recht haben, mit dem Boden, der Besitz der jüdischen Nation ist, zu spekulieren der nationalen Sehnsucht ist. Aber anderseits wissen wir heute noch genauer als früher, daß in diesen Vorwürfen eine tiefe Wahrheit steckt; allerdings ist die Kehrseite dieser Wahrheit die Tragik dessen, der all das weiß und trotzdem nicht hingeht und lebt, sondern sich resigniert und verzichtend zurückzieht an den Schreibtisch des Forschers im Werk von Jahrtausenden, in dem Erbe derselben Vergangenheit, von der wir unsere Seele freimachen sollen . . . Berdyczewski kritisiert nicht nur den politischen Zionismus, sondern auch den „geistigen“ Zionismus Achad Haams. Es ist schon aus dem vorher Zitierten klar, was B. gegen Achad Haam einwenden muß: Er kann die Festlegung auf eine bestimmte jüdische Geistigkeit nicht anerkennen, und schon gar nicht darf diese Geistigkeit konstituierendes Element der Nation sein. Damit hätten wir eine Gemeinde wie die Esras lind Nehemias, aber kein lebendiges jüdisches Volk. Wir haben den Keim neuer geistiger Konflikte, wir haben Intoleranz und Unfreiheit, eine Fortsetzung des alten jüdischen Menschen, der überwunden werden muß. Die zwei Aufsätze über Zionismus sind zweifellos der interessanteste Teil des Buches „Vom östlichen Judentum“ und es ist nur zu bedauern, daß das .Buch nicht .m ehr Aufsätze zur zionistischen Ideologie enthält. Vielleicht kann eine neue Auflage, die wir dem Buch in Bälde wünschen, entsprechend erweitert werden, oder auch wichtige Arbeiten B.‘s auf Kosten belangloser, die ausfallen könnten, enthalten. Zumal die meisten der aufgenommenen Essays ganz fragmentarische, andeutende Hinweise sind, die wohl durch die immer fesselnde Art der Darstellung und die Weite des Blicks, durch geistvolle Aspekte bemerkenswert sind, aber doch nicht in dem ersten deutschen Sammelbändchen Berdy- Erster Zionistischer Frauenverein Sonntag, den 28. Juli 1918 um präzise 10 Uhr vorm, findet im Theater .Neue Wiener Bühne“, IX., Wasagasse, eine Wohltätigkeits-Matinee statt. Einleitende Worte (in deutscher Sprache) Zur Aufführung gelangen in jüdischer Sprache, dargestellt von Mitgliedern der »Jüdischen Bühne“: „Zyrikgekimen“, von Schalom Asch „(Benschen“, von Schalom Alejchem Kartenvorverkauf: Tageskasse der »Neuen Wiener Bühne“ und Buchhandlung Löwit, 1., Rotenturmslraße 22. und Gesetze müssen den Uebergang von jüdischem Land in nichtjüdische Hände zu verhindern wissen. Wenn diese Bedingungen auch wirklich'Grundbedingungen einer jüdischen Gemeinschaft sind, wenn Gesetze die Industrie in gemeinschaftliche Bahnen lenken und die Hetze nach dem Mehrwert verhindern und wenn Jerusalem oder Jaifa nicht zu einem Kleinmoskau oder Kleinberlin werden kann, wird die sogenannte Arbeiterfrage leicht zu lösen sein, der Sozialismus wird in Palästina höchstens eine ethische Bewegung sein, keine politische im europäischen Sinne, denn wo kein Kapitalismus ist, kann nicht seine Reaktion, ein Sozialismus sein. Der Sozialismus, der in Europa seine großartigste Berechtigung und Notwendigkeit hat, ist im neuen Palästina ein destruierendes Element, das aus den angeführten Gründen wertlos ist. die jüdische Konsolidierung stört und das in Asien Nonsens ist, wie ja alle europäischen Bestrebungen aui durchwegs andere geistige und materielle Bedingnisse stoßend, in Asien Fremdkörper sind. Organisation des Schutzes. Durchaus nicht Militarisierung der Einzelnen. Organisation im europäischen Sinne, in dem Sinne der die vollkommene Entwürdigung, Zerstörbarkeit und innere Haltlosigkeit eines Geistes, der nicht im heute großartig Geistigen wurzelt, aufzeigt, europäische Organisation, die grandioseste Mattigkeit, die Europa je gebar, kann nicht Sache des Judentums sein, das im Orientalischen verankert ist, seine Triebe und seine Anschauungen zuinnerst teilt. Hier will Organisation nicht heißen: Entmenschlichung, Mechanisierung, nach allen Richtungen hin ordnender Zwang, Depression der Menschlichkeit, sondern in einem Belangen, iallweise, zeitliche, selbstgesetzte Hemmungen, zur Förderung eines gemeinsamen Willens. Der Jude, wie jeder Asiate, ist zu tief Individuum, als daß er, um fremden Willen zu propagieren, sich Hemmungen setzen könnte. Darum blieb er auch stets innerlich frei trotz allen Zwanges und hieraus entstand das Märchen vom unsozialen destruierenden jüdischen Element. Weit entfernt von jenem Frieden, der die linke Wange dem Schlage bietet, der die rechte traf, will die Gemeinschaft keinen Krieg, der durch Güte abzuwenden wäre, doch zu ihrem Schutze benötigt sie Wächter, Schomrim, die, abseits dem Soldatentum Europas, das dem Söldnertum entwandt, Soldaten in ihrer Art sind, dienend der Allgemeinheit und ihren Erfordernissen. Die Organisation der Schomrim dari keine Kampforganisation sein im angreifenden Sinne, denn die erste Forderung zur jüdischen Gemeinde Palästinas muß die nach dauerndem brüderlichen Frieden mit den Nachbarn, den Arabern sein. Dennoch sind die Schomrim notwendig, denn sie verkörpern das junge, auf sich selbst besonnene Judentum, das die Rasse körperlich regeneriert. Im tiefsten Gegensätze zu czewski stehen müssen. Auch wäre für eine Neuauflage sehr wichtig, daß zu den Auisätzen die Jahreszahl ihrer Verfassung, bezw. ihres ersten Erscheinens beigefügt wird. Das ist bei geistesgeschichtlich so wichtigen Aeußerungen von mehr als bloß historischem Interesse. Der Ausstattung der beiden Büchlein sei ein besonderes Lob gezollt. Michael Walter. Die österreichische Volkswirtschaft Von Prof. Dr. Rudolf K o b a t s c h. 4. Bändchen der „Oesterr. Bücherei“. Wien und Leipzig 1918. Carl Fromme. — Das kleine Büchlein gibt eine gute Uebersicht über die tatsächlichen Verhältnisse der österreichischen Volkswirtschaft zur Information für den Laien, ohne auf die Probleme und Aufgaben im einzelnen näher einzugehen. Es wird daher insbesondere als Nachschiagebehelf recht willkommen sein. Im allgemeinen beruht das gebotene Material auf dem statistischen Jahrbuch von 1915. Das Büchlein gliedert sich in folgende Abschnitte: das Wirtschaftsgebiet, das Wirtschaftsvolk. die., Wirtschaitsverfassung: sodann Darstellung der einzelnen Zweige der Wirtschaft sowie des Finanzwesens. — . Im Kapitel ..Wirtschaftsvolk“ werden unter den Religionsbekenntnissen die Juden mit 5% der Bevölkerung an zweiter Stelle angeführt. Dagegen fehlen sie natürlich in der „nationalen Gliederung“. Dort wird z. B. nach der österreichischen Volkszählung die Bevölkerung Galiziens angeiührt als 58% Polen, 40% Ruthenen, über 1% Deutsche: „in der Bukowina: 38% Ruthenen. 34% Rumänen. 21% Deutsche, der Rest entfällt auf Polen. Magyaren u. a.“ In Galizien gibt es zwischen Polen und Ruthenen „schwierige nationalpolitische Fragen“: die jüdische Frage wird nicht einmal angedeutet. Nur bei Anführung der Auswan-