Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 50 Tegel sich der Notwendigkeit, eine starke Organisation zu schaffen, bewußt wäre und sich von der Furcht vor allen möglichen israelitischen und anderen Stellen befreien. Wenn ein Ruf unserer Parteileitung an die Juden Jaroslaus zu einer großzügigen nationalen Arbeit ergehen wird, darf keiner in der Organisation fehlen. Dr. R. II. In dem folgenden Artikel verfielen der Zensur die letzten 3 Absätze von „übrigens" bis zum Schluß. (Hier folgt der Aufsatz „Christlich-germanische Kultur“, dessen erster Teil unseren Lesern bereits aus der vorwöchentliclien Nummer bekannt ist. Wir wiederholen daher nur den zweiten Teil:) „Uebrigens befinden sich die von der „Muskete“ besudelten Juden in sehr guter Gesellschaft. In gleich feiger und hinterhältiger Weise werden andere Faktoren im Aufträge alldeutscher Gebieter mit Kot bespritzt. Im nämlichen „Briefkasten“ steht folgende Notiz: Zukunft. Unsere Verbindungen reichen nicht so. weit, daß wir in Erfahrung bringen könnten, ob die Erziehung des Knaben wirklich von einem französischen J esuiten geleitet wird. Das wird die charaktervollen alldeutschen Antisemiten von der „Muskete“ nicht daran hindern, beim nächsten Volkstage dagegen zu protestieren, daß die schmutzigen Juden in heimtückischer Weise „Gerüchte“ verbreiten und gegen Thron und Altar hetzen. Es sind eben mutige und aufrechte Herren, diese Musketiere! Sie können so und können so. str.“ * Wir erlauben uns, an Euere Exzellenz die Anfrage zu richten': Ist Euerer Exzellenz bekannt, daß die Zensur bei der Beschlagnahme in einer derartig willkürlichen und sinnwidrigen Weise verfährt daß sie harmlose Stellen, durch deren Inhibierung dem öffentlichen Interesse weit mehr geschadet ist als durch ihre Publizierung, beschlagnahmt? In dem ersten Artikel ist ein Bericht über judenfeindliche Ausschreitungen enthalten, welche ganz ungeachtet aller Maßnahmen der österreichischen Zensur überall in Oesterreich und auch im Auslande bekannt sind. Durch das Vorgehen der Staatsanwaltschaft entsteht der Anschein, als ob die österreichische Behörde durch Unterdrückung dieser Nachrichten diese Vorfälle gutheissen oder schützen wollte, ein Vorgehen, das geeignet isi, dem Ansehen des österreichischen Staates und seiner Gerechtigkeit •gegenüber allen Staatsbürgern wesentlich Abbruch zu tun. In dem zweiten Aufsatz wurde eine Stelle beschlagnahmt, die in der periodischen Zeitschrift „Die Muskete“, ohne Beanstandung zur Veröffentlichung zugelassen wurde, Das jüdische Volk irät ein eminentes' Interesse daran, daß mit Rücksicht auf die verleumderischen und böswilligen Beschuldigungen, die im Zusammenhang mit den bekannten antidynastischen Gerüchten gegen die Juden erhoben würden, offenbar werde, wo der wahre Herd dieser verabscheuungswürdigen Bewegung sich befindet. Es ist sonach ein völlig ungerechtes Verhalten der Staatsanwaltschaft, wenn sie einen Hinweis darauf in der „Jüdischen Zeitung' unterdrückt, wodurch der Anschein entstehen muß, daß die Behörden die unverantwortlichen Urheber solcher schmutziger Gerüchte decken wollten. Gedenken Euer Exzellenz bei der Zensurbehörde die Abstellung dieser schädlichen Handhabung der Zensur zu veranlassen? Wien, am 22. Juli 1918. * Vorstehende Interpellation wurde am 22. d. M. in der 79. Sitzung des Abgeordnetenhauses vom Abg. Dr. Straucher eingebracht. Sie ist außer vom Fragesteller unterfertigt von den Abgeordneten: Reizes, Breiter, Dr. von Hock, Dr. Neumann, Kost' Lewickyj, Lawruk, Staruch, Stefanyk, Dr. Lahotynskyj, Dr. Trylowskyj. * * * Weitere Interpellationen. In derselben Sitzung, überreichte Abg. Dr. Straucher u. Gen. eine Interpellation an den Ministerpräsidenten sowie die Minister des Innern und der Justiz eine Interpellation betreffend die antisemitischen Ausschreitungen in Galizien sowie eine zweite, betreffend die Pogrome in Krakau. Letztere Interpellation ist mit einer langen Reihe von Protokollen, und ausführlichem Aktenmaterial belegt. Die Geschichte einer Enttäuschung (Zeitgemälde aus Ungarn.) I. Die ungarische Judenheit hatte bis jetzt zwei Führer, einen politischen und einen geistigen. Zwei Bischöfe waren es, was ja kein Wunder ist; denn man mag von den ungarischen Juden was immer sagen, eines kann man ihnen nicht abstreiten: den Sinn für das Stilgemäße. Die ungarischen Juden wußten immer, was vornehm ist und schließlich: warum sollte man sich erst bei der Taufe einen vornehmen, womöglich bischöflichen Taufpaten und Patron wählen können? Die zwei bischöflichen Führer des „magyarischen Israel“, wie die Herren und besonders die seelsorgenden Herren hierzulande nicht ohne Emphase gerne sagen, waren: der Debreziner kalvinische Bischof Dr. Desiderius Baltazär, Führer in po 1 iticis, und der katholische Bischof von Stuhlweissenburg Dr. Ottokar Prohaszka, Führer der ungarischen Juden in theologicis. Warum die ungarischen J.uden gerade so ihre Wahl getroffen haben, warum sie gerade diese Bischöfe und diese Konfessionen auszeichneten, wo es doch im Ungarlande mehrere Konfessionen mit Bischöfen gibt und besonders, warum sie nicht einheitlich vorgingen und die Bischöfe sich aus einer Konfession gewählt haben, ist ja, wenn man aus der Ferne die Sache betrachtet, schwer zu beantworten; aber wenn man von hier, aus der Nähe zusieht, dann geht es schon nach einigem Nachdenken. Vom rein konfessionellen, oder sagen wir religiösen Standpunkte ausgehend, könnte man ja meinen, daß da zuerst die Unitarier aus Siebenbürgen in Betracht kämen, die doch auf der Basis des strengen Monotheismus stehen und deren Bischof ein recht tüchtiger Mann ist. Aber die Unitarier haben erstens nur einen Bischof, die ungarischen Juden aber brauchen deren wenigstens zwei. Dann sind diese nicht aristokratisch genug, unitarische Aristokraten gibt es überhaupt nicht und.— wenn schon, denn schon . . Die Griechisch- Katholischen beiderlei Arten gehören den „Nationalitäten“ an, das „ungarische Israel“ aber ist kernmagyarisch und lehnt mit Zugehörigen anderer Nationalitäten jede Beziehung ab. Erst vor einigen Tagen hat sich ein Fall ereignet, der ein •leuchtendes Beispiel der „patriotischen“ Begeiste- .rung der israelitischen Magyaren ist und dereinst •dokumentieren wird, daß der ungarische Jude für sein Magyarentum, wenn es dazu kommt, auch .zum Märtyrer wird. Juriga, ein sich zu den „Nationalitäten“ (ein hier sehr verrufenes Wort) zählender Reichsratsabgeordneter, meldete sich zu Wort. Kaum hat sich der Redner aufgestellt, noch 'bevor er ein Wort reden konnte, schleuderte ein Glaubensgenosse (vorläufig unser) ihm den Zuruf „Slowak!“ entgegen, worauf der so Angegriffene antwortete: „Wenn man mir das liier zuruft, so muß ich darauf antworten: Stinkender Jud!“ Denobus litigantibus tertius gandet. Tertius — das war das ganze Parlament, ohne Unterschied der Nationalität, das laut Beifall lachte. Doch ich entferne mich ja zu sehr vom Thema. — Also, wie gesagt, die. Griechisch-Katholischen sind als unpatriotisch kompromittiert, abgesehen davon, daß, wie die Unitarier, auch die Griechisch-Katholischen keine oder nur sehr wenig Aristokraten die ihrigen nennen können, weshalb auch von ihnen Abstand genommen werden mußte. Man sieht, die ungarische Judenheit geht bedachtsam vor, politische Reife ist ihr durchaus nicht abzusprechen. Nach den vorigen reiflichen, allzureiflichen Ueberlegungen kämen nur noch die zwei Konfessionen in Erwägung: die katholische und die reformierte. Auch in .diesem Punkte hat man sich nicht übe.reilt. Es sollte zwischen den zwei Konfessionen eine Wahl getroffen werden. Die Katholiken — so sagte man sich — sind aristokratischer, haben eine ältere Tradition, was den für alles Antike schwärmenden tonangebenden, d. h. reichen Israeliten sehr imponiert; Aber die Reformierten — so überlegte man sich — sind andererseits magyarischer; das „kalöinische Rom“ ist doch das kernmagyarische, wenn auch einst' slawische Debreczin — welcher magyarische Glaubensgenosse möchte des erhebenden Bewußtseins dieser schönen Beziehungen entbehren? Es blieb also nichts anderes übrig, als das Schöne mit dem Nützlichen zu vereinen und so kam die Wahl zustande. Und der Zuschauer aus der Ferne glaubte, daß die zwei miteinander streitenden Tochterreligi.onen Israels im Schoße ihrer Mutter, als deren Beschützerinnen und Pflegerinnen sich harmonisch vereinen werden . . . Wenn ich hier von der ungarischen Judenheit spreche, so meine ich das wörtlich: von den Karpathen bis zur Adria, wie hierzulande Dichter und Prosaiker sagen. Der sonstige Unterschied zwischen Orthodoxen und Neologen ist in diesem Punkte verschwunden. Das einzige Band, das das ungarische Judentum zu einer Einheit verband, war die stille und laute, vielmals sogar allzulaute Verehrung der beiden obengenannten Bischöfe. Vom historischen Gesichtspunkte betrachtet, wurden obige Bischöfe durch und für das ungarische Israel beiläufig in gleicher Zeit entdeckt. Während aber wir Balthazär Max Szabolczi, dem Redakteur des „Egyenlöseg“ zu verdanken haben, wurde P r o h ä s z k a vom Publikum entdeckt und von der „jüdischen“ Presse verherrlicht. Was Balthazär, den Debrecziner kalvinischen Bischof betrifft, so ist er ein sehr ehrenwerter Mann, wenn ihn nur der Verkehr mit den israelitischen Tongebern, die, ob ihre, ziemlich billig (um eine Krone1) frisch angeschaffteil Namen auf i oder auf y enden, schließlich doch Juden sind oder doch wenigstens als solche betrachtet werden, nicht kompromittieren wird. Max Szabolcsi hat nun vor einigen Jahren-von ihm, als sein Name im Lager Israels noch ziemlich unbekannt'war, ein Gutachten darüber eingeholt, daß die Israeliten (oder doch wenigsens die ungarischen) recht anständige Menschen und güte Patrioten sind, weshalb die Antisemiten .Unrecht haben, die das Gegenteil behaupten. Der Bischof, der ein liberaler Mann ist, hatte keine Ursache, die erbetene Bescheinigung zu verweigern, umso weniger, als er zu der sogenannten kampffrohen Partei der Kalviner gehört, der offene Antisemitismus aber zumeist von der katholischen Presse propagiert wird, mit der der erwähnte Bischof also auch ohnehin im Kriegszustände sich befand. Seit dieser Zeit erbat sich nun der erwähnte Redakteur bei jeder passenden und impassenden Gelegenheit, ob es sich um Antisemitismus oder um Vereinigung der Orthodoxie mit der Neologie handelte, ein Gutachten oder Sittenzeugnis, was der Bischof auch immer gewährte. Die Brust des ungarischen Israeliten schwoll vor Freude und Stolz, als er an jedem Feiertage den „Egyenlöseg“ in die *Bücherschau Der Umwerter Unter der heutigen jüngeren Generation, deren zionistisches Gedächtnis nicht weit zurück reicht, wird es Wenige geben, die wissen, wer Micha Josef Berdyczewski ist. Man kennt nur noch M. J bin Gorion, den eifrigen gelehrten Sammler jüdischer Sagen und Märchen, über dessen Kenntnis jüdischer Quellen man staunt und . der in emsiger, unermüdlicher Forsch erarbeit der Oeffentlichkeit die verborgenen Kleinodien jüdischen Geisteslebens aus den Schächten der Jahrhunderte zugänglich macht. Man nimmt sein Werk mit Dank, aber man weiß nicht mehr, daß dieser'Mann ein Kämpfer war, einer der bedeutendsten‘geistigen Führer im neu erwachenden Judentum, der aus tiefstem menschlichen Freiheitsstreben die Enge jüdischer Geistigkeit durchbrach und zum Leben drängte. Er fühlte die mörderische Umklammerung der zur Trägheit erstarrten Tradition und er drängt aus dieser erstickenden Atmosphäre zum Menschsein, zur Tat; er war zutiefst in der jüdischen Geisteskultur verankert, selbst hervorragender hebräischer und jiddischer Schriftsteller, hat aber den ganzen Umfang europäischer Bildung aufgenommen. Unter dem Einfluß des modernen Individualismus, insbesondere Nietzsches, kämpft er gegen jede Einschnürung der Seele und Abgrenzung des nationalen Gesichtskreises. In unserer nationalen Welt muß jede menschliche Regung und Betätigung Raum haben. Unser ganzer Mensch muß Jude sein. Die katastrophale Folge der Galuthgeschichte, daß Seele und Leib auseinanderfallen, muß überwunden werden. Nur ein solches weltliches, ganzes Judentum kann der Träger des nationalen Gedankens sein. Hier setzt Berdyczewskis Polemik mit Achad Haam ein, der nur ein inhaltlich bestimmtes Judentum anerkennt. Freiheit, Luft, Leben, Sonne — das sind die Rufe, die sich aus Budyczewskis Brust ringen, Kampfrufe für eine Generation nach Erneuerung ihres Volkes verlangender Juden. Es gilt eine Umwertung aller Werte. Um des Einzelnen willen, der einfach so nicht weiter leben kann, und um des Volkes willen, das aus der schöpferischen Kraft der Einzelnen sich aufbaut. Kürzlich sind zwei Sammelbändchen von Berdyczewski in deutscher Sprache erschienen*) die das Bild des alten Kämpfers vor den Augen der deutschlesenden Judenheit wieder erstehen lassen. Allerdings, das sei gleich hinzugefügt, in schwachen Farben. Was hier gesammelt wurde, ist keineswegs für das geistige Schaffen des Mannes repräsentativ. Es ist bedauerlich, daß wir noch keine gute deutsche Ausgabe seiner hebräischen theoretischen Schriften besitzen, wenigstens in Auswahl. Es wäre eine Verpflichtung der jüngeren zionistischen Generation gegenüber, die die Kontinuität zu verlieren droht und der aus der Literatur der revolutionären Zeit des Zionismus mächtige Impulse kommen könnten. Das Grundgefühl dieser jungjüdischen revolutionären Stimmung ist Erbitterung und Schmerz über das Erbe der Jahrhunderte, das das eigene Leben zertreten und gebrochen hat. Berdyczewski hat die psychologischen Wurzeln dieser Auflehnung in der Erzählung „Daneben“ („Zwei Generationen“) aufgedeckt: „Ach wie er alles verstand, wie er alles durchschaute, was er den Menschen geben könnte; und doch, wie er sie verachtete, wie er alles zerstören möchte. Er hatte ein unge¬ *) M. J. bin Gorion, Zwei Generationen (Erzählungen). — Derselbe, Vom östlichen Judentum (Religiöses,. Literarisches, Politisches). — R. Löwit Verlag, Berlin-Wien 1918. Je Mk. 2.50. heures Rachegefühl, geheiligt seit Geschlechtern. Es war wohl mehr Weh als Rachegefühl. Er konnte es in sich nicht mehr halten; das Verlangen nach Leben, nach. Ausleben, schrie, daß er sich krümmte. Warum hatte er entsagt? Warum hatte er überall herumgesucht, während das Leben nahe stand, daneben. — Wissen, Schönheit, Ueberwindung und Reinheit, für alles das bezahlte ermit seinemLeb e n, mit dem, was doch über allem steht.“ Der junge Jude mag noch so intellektuell und Verständig sein, er weiß, daß das Wirkliche, Wesentliche, anderswo liegt, in einem Bezirk, zu dem ihm der Zutritt versagt ist. Er würde für einen Augenblick schäumenden, glücklichen Lebens, vergessender Hingabe, alle Wissenschaft seines Verstandes, hingeben. Sein Lebensdurst brennt und kann nicht gelöscht werden; er verzweifelt daran, daß er jemals ein anderer Mensch, mit unmittelbarem, hemmungs- und bedenkenlosem Verhältnis zu Welt und Menschen werden könnte. Aus diesem Aufschrei der gepeinigten Seele, aus diesem Rachegefühl, wird der Kampfruf der befreienden jüdischen Revolution. Diese Revolution wächst sich aus zu dem Ringen der jungen Juden um ihre nationale Existenz. Diese Existenz ist aber nur dann möglich, nur dann kann sie das Sehnen des jüdischen Menschen , befriedigen und sein Abschwenken zu anderen Völkern verhindern, wenn eine eigene jüdische Kultur, eine ganz irdische, profane, nicht durch künstliche Absonderung, sondern durch originären Lebenstrieb und den eigenen Schöpfer- -geist erzeugte Kultur geschaffen wird. Der Zionismus will nach Berdyczewski noch immer eine Halbheit, weil er sich „mit der Synagoge verband“, weil er nicht aus der jüdischen Vergangenheit die volle Konsequenz zog, das gegenwärtige geistig-abstrakte Judentum zu negieren,