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Jüdische Zeitung · 1918-07-19 · 29 (19.7.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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r. 29 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 um dadurch den Verdacht der Sympathie iör Rußland nicht auf sich zu ziehen, waren die Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde anfangs ganz mißtrauisch und verhielten sich sehr reserviert. Meine erste Begegnung mit dem damaligen Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde in Lemberg hat unter gan^ eigentümlichen Umständen stattgefunden. Um nicht bemerkt zu werden, schlich ich mit meinem Kollegen, ebenfalls einem jüdischen Arzte aus Rußland an einem Freitag abends' in die Wohnung des Kultuspräsidenten. Ich schilderte ihm den Zweck meines Herkommens und die Absicht zugunsten des Judentums im besetzten Galizien zu wirken. Angstvoll hörte er uns an, mit besonderer Vorsicht, sehr zaghaft erteilte er Auskünfte über die Lage der Juden, wobei er erschrocken ringsum ängstlich Umschau hielt; zum Schlüsse ersuchte er uns, ja niemandem und nichts von diesem Besuche irgendwie zu erwähnen. Aus diesem Besuche erkannte ich, wie schwer der russische Druck auf die Juden lastete. All das, was ich wahrgenommen habe, die traurigen Verhältnisse des Judentums, schilderte ich brieflich in einem ausführlichen Schreiben nach Petersburg, mit dem Ersuchen, veranlassen zu wollen, daß meine Beobachtungen in der ausländischen Presse, insbesondere in der schwedischen, italienischen und amerikanischen, die damals noch neutral waren, einen Wiederhall finden. Zu dieser Zeit war nicht nur die politische und rechtliche, sondern auch die ökonomische Lage der Juden sehr traurig und beklagenswert, und zwar nicht nur in Lemberg, sondern auch insbesondere in der Provinz, in den kleinen Städtchen Galiziens. Das Elend verstärkte sich mit jedem Tage. Ich sah da nur einen einzigen Ausweg; eine Reise nach Rußland, um die dortigen Juden in einem warmen Aufruf zu Beistand und Hilfe für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zu gewinnen. Jedoch das erforderte die autoritative Zustimmung der führenden jüdischen Faktoren der Stadt Lemberg, etwa der Kultusgemeinde. Wenn auch die jüdische Kultusgemeinde aus politischen Rücksichten hiezu die Iniative durch einen persönlichen Aufruf an die russischen Juden nicht geben konnte, so war es dennoch notwendig, daß diese wenigstens ihre Zustimmung erteilte, daß zumindest ich mich im Namen der galizischen Juden an die russische jüdische Oeffentlichkeit wende. Ich muß mit lebhaftem Bedauern feststellen, , daß mein diesbezüglicher Vorschlag keinen einstimmigen Wiederhall fand. Es waren in der Kultusgemeinde zwei Strömungen vorhanden. Eine mit D. Hausner an der Spitze, wollte in einer philantropischen Aktion der russischen Juden kein Politikum sehen, im Gegenteil sie vertrat die Meinung, daß es geradezu unumgänglich notwendig ist, angesichts der großen Not, sich an die russische jüdische Bevölkerung um materiellen Beistand zuwenden. Die andere Strömung dagegen, welche der Präsident Dr. Diamand vertrat, sah sogar in der materiellen Stütze der galizischen notleidenden Juden seitens der russischen Juden einen politischen Schritt und waren daher bereit, auf diese Hilfe ohneweiters zu verzichten. Ungefähr zwei Monate sind an fruchtlosen Verhandlungen mit dem Präsidenten der Lemberger Kultusgemeinde verflossen. Unterdessen verschlimmerte sich die Lage der Juden von Tag zu Tag, erst stand schon buchstäblich dem Hungertode nahe. Damals entschloß ich mich persönlich, ohne irgend welches Mittun der autoritativen jüdischen Faktoren Galiziens nach Rußland mich zu begeben, um dort die öffentliche jüdische Meinung für eine Hilfsaktion zugunsten der galizischen Juden zu gewinnen. Ich hielt entsprechende Vorträge in größeren Städten wie Kiew. Petersburg und dergl, in denen ich die tragische politisch-rechtliche und materielle Lage des Judentums im okkupierten Gebiete genau Teil der Pädagogik, d.ie Erziehung, in gewissem Umfange in seinen selbständigen Wirkungskreis zu nehmen. Wir sehen demgegenüber auch feindliche Tendenzen, die natürlich darum nicht auch im Ganzen staatsfeindliche sein müssen, nämlich das Bemühen der unterschiedlichen politischen Parteien, zumindest einen großen Teil der Erziehungsziele und Richtungen zu bestimmen. Und überall dort, wo die Nationen um ihren gerechten Platz im Gebäude des Staates kämpfen, dort fordern sie, daß der Staat ein beträchtliches Maß von 'Rechten der Erziehung an sie, an ihre oberste Instanz, abtrete. Dennoch bleibt ein sehr großer Teil des ganzen Erziehungskomplexes weder von dem Staate, noch von den Parteien, noch von der Kirche und der Nation erfasst. Hier herrscht durchaus die unsystematische und naive Zielgebung, die wir mit einem Worte dieErziehunginderFamilie und im Berufe nennen könnten. Hier ist von einer Erziehung im eigentlichen, im bewußten Sinne, kaum die Rede, gewiß aber nicht von der Aufstellung irgend eines Erziehungszieles, oder eines Erziehungsplanes, der über das hinausginge, was sich der durchschnittliche moderne Staatsbürger über diese Dinge so denken mag. Die jüdische Erziehungsgeschichte kennt weder den heutigen europäischen Zustand noch dessen Entwickelung.-Hier war von Anfang an die Stelle, die allem befugt war, über die letzten Ziele, Bedingungen und Mittel der Erziehung zu entscheiden, keinerlei organisierte Behörde, sondern vielmehr die von Gott gegebene, oder die durch eigene Kraft gewonnene Autorität — eines oder einzelner hervorragender Männer. Und hier ist es durch Jahrhunderte hindurch so geblieben, daß die Erziehung als eine spezifisch geistige und kulturelle Angelegenheit — wenigstens in allen bestimmenden und richtunggebenden Funktionen — schilderte und meine Zuhörer von der Notwendigkeit der raschen Hilfe für die notleidenden überzeugte. Mein Aufruf fand überall den erwünschten Wiederhall. Die russischen Juden bezeugten volles Verständnis und von maßgebenden Kreisen erhielt ich das feierliche Versprechen, daß ausgiebige Hilfe geleistet werden wird. Schon in den nächsten Tagen, und zwar anfangs Dezember 1914 begab sich mit mir Herr Dawid Feinberg, gewesener Vertreter der „Ica“ und Vertreter des jüdischen Petersburger Zentral- Hilfskomitees nach Galizien, um beim Generalgouverneur Galiziens, dem Grafen Bobrinski, vorzusprechen. Es handelte sich darum, von den russischen Behörden die Bewilligung zu erhalten — den notleidenden galizischen Juden Hilfe leisten zu dürfen. Es sollte in Lemberg ein Zentral-Hilfskömitee gebildet werden. Zwei Wochen dauerten unsere Bemühungen, welche endlich einen günstigen Erfolg hatten. Der Generalgouverneur gab seine Zustimmung und nahm unsere Vorschläge an. Nun begann aber die Gegenaktion eines Teiles der Mitglieder der Kultusgemeinde, wenn, auch der Minderheit. Trotzdem ich die betreffenden Führer der Minderheit der Kultusgemeinde zu überzeugen suchte, daß uns nichts ferner liegt als den Patriotismus der österreichischen Juden zu schwächen, daß wir ausschließlich den Zweck verfolgen, die arme, notleidende Bevölkerung vor Hunger und Kälte zu schützen, ohne in das innere politische Leben irgendwie eingreifen zu wollen, gelang es uns dennoch nicht, ein einmütiges wohlwollendes Verhalten seitens der Kultusgemeinde hervorzurufen; die Arbeit kam nicht vom Fleck und aus den angeführten Ursachen konnte man natürlich an die Organisation des Hilfswerkes nicht schreiten. So ging es bis zum Monat April. Erst als die Stadt Lemberg von den Flüchtlingen aus verschiedenen Provinzstädten und von Evakuierten aus Przeinysl überfüllt wurde, die Not von Tag zu Tag stieg, und die Mittel der Kultusgemeinde allmählich versiegten, organisierte sich endlich in Lemberg ein Zentral-Hilfskomitee, welches mit Mitteln der russischen Juden ebenso für Lemberg, wie auch für die Provinz wirken sollte. Das Komitee begann energisch zu arbeiten. Wenn aber auch, die Arbeit des Komitees in der Stadt Lemberg Fortschritte machte, so stellten sich andererseits seiner Arbeit in der Provinz große Hindernisse in den Weg, denn trotzdem der Generalgouverneur seine Einwilligung erteilte, daß das Komitee in der okkupierten Provinz seine Tätigkeit entialte. so machten doch die örtlichen Militär- und Zivilbehörden beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Organe des Komitees konnten unter diesen Umständen nur mit Lebensgefahr ihr Aufgaben erfüllen. Meine persönliche Lage war auch eine äußerst schwierige. Ich mußte alles nur im Geheimen tun, zumal ich wegen der Verbindung mit den einheimischen Juden in jedem Augenblicke des Verrates an Rußland geziehen und vor ein Kriegsgericht gestellt werden konnte. Kein Wunder, daß unter diesen- Bedingungen der von uns gefaßte Plan einer umfassenden Hilfe nicht ganz zur Erfüllung gelangen konnte. Kein Wunder, daß vielerorts Menschen buchstäblich des Hungers starben, obwohl in unseren Händen Hilfsmittel waren, und uns ein starker Wille erfüllte, den Armen Hilfe zu bringen. Nur in Lemberg, in der Stadt selbst, breitete sich die Tätigkeit des Komitees aus. Dort wurde die Hilfe verschiedener Art organisiert, dort haben, wir die Mittel beigestellt zur Organisierung der Handwerkstätten, um Arbeitsgelegenheit notleidenden Frauen zu verschaffen. Nachdem die Russen im Juni 1915 gezwungen wurden, Lemberg zu verlassen, wurde die Lage der restlichen Ortschaften viel schlimmer. dem beschränkten Intellekt des einzelnen durchschnittlichen Menschen weggenommen blieb und einzig die Domäne schöpferischer großer Persönlichkeiten war. Alle Versuche der Reglementierung und der Organisation haben sich nur auf das Sekundäre oder auf das Primitive darin bezogen. Und dort, wo es die Aufgabe des Familienvaters war, das Kind zu unterrichten und zu erziehen, dort war doch das Ziel das ihm gegeben war, ein absolut eindeutiges und von einer höheren Autorität als der seinigen, unverrückbar bestimmtes. Das jüdische Erziehungswesen kennt weder das Chaos der naiven, dilletantischen, spießbürgerlichen, durchschnittlichen und flachen Erziehungsziele, das seit gut zwei Jahrhunderten das pädagogische Europa beherrscht, noch kennt es die bürokratischen Zielsetzungen durch Beamte, durch einen Apparat und durch bloße „Fachmänner“. Es ist ein . Resultat der durch die Emanzipation hemmungslos gewordenen Assimilation, daß wir heute beinahe im ganzen "Umkreise des jüdischen Volkes pädagogisch so schlecht oder sogar noch schlimmer daran sind als unsere fremden Lehrer und Vorbilder. Es ist soweit gekommen, daß man eine Rückkehr zu früheren pädagogischen Institutionen des Judentums als Assimilation*) verschreit, als Beeinflussung durch „deutsche oder andere äußerjüdische Erziehungsgedanken“, und daß man die durch lind durch assimilierte, unjüdische, spezifisch europäische Verfassung; das Recht jedes Einzelnen, aus sich heraus das Ziel zu bestimmen, zu dem er sein Kind erzogen haben will — ja sogar *) Dr. Gustav Wyneken ist in der heutigen europäischen Pädagogik der einzige, der Gedanken vertritt, die der jüdischen Erziehungsgeschichte entsprechen würden (siehe „Schule und Jugendkultur“, Jena), eriährt aber gerade darum die härtesten Anfeindungen. Erster Zionistisdier Frauenverein Sonntag, den 28. Juli 1918 um präzise halb 11 Uhr vorm, findet im Theater »Neue Wiener Bühne“, IX., Wasagasse, eine Wohltätigkeits-Matinee statt. Einleitende Worte (in deutscher Sprache) Zur Aufführung gelangen in jüdischer Sprache, dargestellt von Mitgliedern der »Jüdischen Bühne“: „Zyrikgekimen“, von Schalom Asch „(Ilensdien“, von Schalom Alejchem Kartenvorverkauf: Tageskasse der „Neuen .Wiener Bühne“ und Buchhandlung Löwit, 1., Rotenturmstraße 22. Von den russischen Juden, die in Galizien am Hilfswerk tätig waren, blieb ich als Letzter, und das mit sehr geringen Mitteln zurück und dazu war ich von Rußland vollständig abgeschnitten. Unter außergewöhnlich schwierigen Umständen vermochte ich erst gegen Ende August 1915 nach Rußland hiniiberzugelangen. Ich habe wieder eine große Agitation entwickelt, um die Fortsetzung des Hilfswerkes seitens der russischen Juden zu sichern und gleichzeitig eindringlich bei den russischen öffentlichen Organisationen (dem Landwirtschaftlichen Städteverband) „Zemskij Sojus" und „Sojuz Gorodow” vorgesprochen, daß auch ihrerseits geholfen werde. Meiner Intervention blieb der Erfolg nicht versagt. Das Kiewer und Petersburger jüdische Komitee waren gerne bereit, das Hilfswerk iortzuiühren. Der „Zemskij sojuz“ und der „Sojuz Gorodow“ haben auch volles Verständnis bewiesen und zu ausgiebiger Hilfe gegriffen, indem sie in einer ganz kurzen Zeit in neunzehn Ortschaften rituelle Küchen und Tee-Anstalten für die jüdische Bevölkerung erötfneten, aus denen bis 40.000 Portionen täglich unentgeltlich ausgegeben wurden. In 10 Orten wurde für Kriegswaisen jüdische Kinderhorte gegründet. In Städtchen und Städten, wo Epidemien unter Einheimischen und vertriebenen Juden wüteten, öifneten sielt Spitäler. Parallel mit den großzügigen Aktionen der genannten Institutionen entwickelten die jüdischen Komitees aus Rußland eine suppletorische Aktion. Unterstützungen in Bargeld. Sustentatioucu für die jüdische Intelligenz, Kleider, Heizmaterial. Feiertagen, Versorgung der Kranken, Greise und Schwachen leisteten ausschließlich die jüdischen Hilfskomitees. In Lemberg nahmen unsere Hilfe in Anspruch 8000 jüdische Familien, in dem übrigen Galizien und Bukowina mehr als 50.000 Personen. Unsere Hilfsaktion erstreckte sich vom Jänner bis Mitte Juni 1915 auf 163 Orte, vom Juni bis Ende 1915 auf 52 Orte. (Schluß folgt.) ein Recht, in dieser Weise, das Erziehungsziel der ganzen Nation, durch den Umweg des demokratischen Parlamentes des ganzen Staates zu bestimmen — als das natürlich gegebene und „urjüdische“ bezeichnet. Es ist heute so, daß jeder Vater, jeder Kurator irgend eines Heimes, einer Schule einer Anstalt, jeder Kultusvorstand, jeder Lehrer und Rabbiner auf eigene Faust Ziele für die jüdische Erziehung aufzustellen vermag und eine diesen entsprechende Erziehung in seinem Kreise durchzusetzen imstande ist, die eine gewisse oberflächliche Einheitlichkeit nur durch die zwangsmäßige Wirkung des Staates erhält, der aber seinerseits das jüdische Erziehungswesen — oder wie man heute triftiger sagen müßte: Unwesen — von seinem und nicht vom jüdischen Standpunkte aus beeinflußt. Wir müssen verlangen, daß in diese Anarchie wiederum eine Ordnung, und zwar eine geistige Ordnung tritt. Diese kann nur gegeben sein dadurch, daß das ganze jüdische Volk aus der einheitlichen Erkenntnis seiner Lage, seiner Möglichkeiten und seiner Zukunft, sich eine legitimierte Autorität aufdem Gebiete des Erziehungswesens schafft, die nicht bürokratisch arbeitend, die nicht durch Majorität gewählt, sondern die auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten zur Autorität geworden, schöpferisch wirksam wiederum ein Ziel, e i n Ziel der jüdischen Erziehung setzt: das Bild des jüdischen Menschen, seiner Aufgaben und seiner Art. Dies aber kann nur das Resultat einer ruhigen und langsamen Entwicklung sein, und wir können nichts anderes mit Absicht und Bewußtsein tun, als diese Entwicklung vorzubereiten oder anzuiangen. Wir müssen bekämpfen alle Einrichtungen, alle Tendenzen, alle Sonderinteressen, die von vornherein die Erreichung des Ideals unmöglich machen, oder nach aller menschlichen Vor-

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