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Jüdische Zeitung · 1918-07-19 · 29 (19.7.1918) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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cx-ue 2 JÜDISCHE ZEITUNQ Nr. 29 I •4'.' Elternhaus zur jüdischen Religiosität zurückiiiliren. die scheinbar unter dem Einflüsse eines unverstandenen Europas aus der Mode kommt, ohne die es aber kein Judentum gibt. Nicht unwichtig ist es. in diesem Zusammenhänge Stellung zu nehmen zur menschlichen Erziehung jener Kinder, die kein Elternhaus haben, ökonomisch hilflos auf die Gemeinschaft angewiesen sind. Daß man liier nach europäischem Muster vorginge. die Kinder ivr Waisenhäuser, die nichts anderes sind als eniindividualisierende Zwangshäuser, einzusperren, liegt außer aller Betrachtung. Es ließe sich meines Erachtens eine Form finden, diese Kinder in demselben Maße zu jüdischen Menschen zu machen wie Jene, denen eine Sorge ums Dasein in der Schulzeit nicht herantritt, ohne in ihnen ein Bewußtsein zu avecken, sie seien Menschen niederen Ranges, die der Gemeinschaft zur Last fallen. Es ließe sich ein Modus finden. Vielleicht dieser: Jeder jüdische Bürger ist verpflichtet, je nach seinem Vermögen ein oder mehrere jüdische Kinder in seine Familie aufzunehmen und sie zu erziehen wie die eigenen. Sollte er durch irgendeinen Umstand, wie Krankheit oder Unverheiratetsein, daran gehindert werden, hat eine minderbemittelte Familie, die auf ihn entfallende Zahl von Kindern zu übernehmen, für deren Unterhalt er aufzukommen hat. Die im jüdischen Wesen tief verankerte Wohltätigkeit und der jüdische Familiensinn wird den richtigen Weg und die richtige Weise finden. Das weibliche Amt einer Kinderinspektorin. das nur eine Mutter zu bekleiden hat. wird das übrige tun. Was ich hier von den elternlosen Kindern sagte, meine ich auch für die außerehelichen. Der aus Europa eingewanderte Jude wird sich wohl bald von der europäischen Gewohnheit frei machen, die außereheliche Mutter und ihr Kind außerhalb der Gesellschaft zu stellen. Die Sprache. Nicht genug sind die Männer zu ehren, die sich mit ihrer ganzen Leidenschaft für die Ausbreitung der hebräischen Sprache in Palästina cinsetzten. Es ist auch überraschend viel geschehen, doch — das darf nicht übersehen werden — es waren der Mittel zu geringe und der Männer zu wenige, um in ganz -großzügiger Weise die Aktion zu führen. Es waren — wie gesagt — zu wenige Menschen, die so willenstark und konsequent waren, bei jeder Gelegenheit sich ausschließlich der hebräischen Sprache zu bedienen und sie bei jeder Gelegenheit zu propagieren. Wohl darf man es nicht verdammen, wenn die Aelteren heute noch jiddisch oder deutsch sprechen, doch von den Jungen, die im Lande geboren, muß das Hebräische als Umgangssprache unbedingt gefordert werden. Das aber ist Sache der Schule und hier muß der ganze Einfluß einsetzen: hier muß der Kampf geführt werden gegen die assimilierenden Schulen, seien es nun Ephraim Kolm- Schulen oder Alliance-Schulen. Kampf, Kampf bis zur völligen Ausrottung dieser durchaus uniüdischen Institute. Die Mittel waren zu geringe. Ich meine in erster Linie nicht die ökonomischen, denn eine Idee durchzusetzen, sonderlich eine so zwingende, bedarf es im Anfänge keinesfalls der finanziellen Basis. Immer stand im Anfänge die Tat. Es war aber, wenn man so sagen darf, zu wenig Samen für den ungeheuer aufnahmswilligen Boden vorhanden. Es genügt nicht in der Schule, im Hause, bei Zusammenkünften hebräisch zu sprechen: der Einzelne muß und will, wenn ihn die innere Notwendigkeit der Sprache zwingend erfaßt hat. sich auch mit sich selbst in der Sprache unterhalten: er muß Gelegenheit haben, in ihr zu lesen. Die hebräische Literatur nun ist zu klein, als daß der Kolonist in seiner freien Zeit nicht bald, will er lesen, zu fremdsprachigen Büchern greifen müßte. Es wäre notwendig ein großzügiger, großangelegter Verlag, dem so viel Kapital zur Verfügung steht., daß er mit Verlust arbeiten kann. Er dari nicht auf Gewinn gerichtet sein, sondern ausschlicßlich" und allein darauf, hebräische Dichter und Schriftsteller zu fördern, ihre-Werke in guter, und wohlfeiler Weise dem Publikum zu bieten und gute Uebersetzungen wertvoller n o t w e nd i g e r Werke zu veranstalten. Es kann, wie ich voraussetzte, bei einem derartigen Unternehmen von finanziellem Gewinn keine Rede sein, schon deswegen, weil das hebräische Leserpublikum in Palästina verhältnismäßig gering ist. dennoch viel und Vieles fordert, doch ökonomisch relativ wenig bieten kann: ein Idealzustand, der zu erstreben ist. wäre es, wenn dieser Verlag die Bücher ohne Entgelt ins Volk hinaus bringen würde oder zumindest in jeder Kolonie und in jedem Quartier gute und oft dotierte Bibliotheken einrichten würde. Um aber diesen Plan zu verwirklichen, bedarf es noch der Tat eines großen Kapitals, das ich auf mindestens eine Million Kronen schätze, das ökonomisch verloren wäre. Die Forderung nach einer hebräischen Bühne zur Weiterentwicklung der Sprache ist eine Selbstverständlichkeit. Die Gemeinschaft hat erkeimtnisreiclie Vertreter zu wählen, denen es obliegt, dieneuhcbräische Literatur und das Studium der alten mit allen Mitteln zu fördern, die Gemeinschaft aber hat ihre Dichter! zu fördern: der jüdische Dichter darf kein Geschäftsmann sein, die Gemeinschaft muß für seinen Lebensunterhalt sorgen, so daß er nicht in die Zwangslage komme, seine Werke als Handelsobjekte zu verwerten. Es soll in der neuhebräischen Literatur nicht die Korruption europäischer Literaturbetriebe Eingang finden, sie darf nicht zur Mache werden.'ihre Notwendigkeit muß anerkannt und als eine der wichtigsten Angelegenheiten der Gemeinschaft gewertet werden, denn hier setzt der Wiederanstieg der hebräischen Sprache ein. Nur hier, nur in Palästina, in dem Lande der Sprache. Es muß bedacht werden, daß andere hebräische Zentren in Rußland und in Amerika nur Surrogate sind für das Jerusalem der hebräischen Sprache. (Schluß folgt.) Der deutsche Reichskommissär über die Judenfrage in Litauen Wie die Berliner „Neuen Jüdischen Monatshefte“.in ihrer dieser Tage erscheinenden Nummer vom 10. Juli 1918 (Nr. 19) mitteilen. hat der Reichskommissär für die Ostseegebiete und Litauen. Exzellenz v. Falkenhausen, am 6. d. M. die Hereni Dr. Adolf Friedemann und Prof. Dr. Moritz Soberhcim vom „Komitee für den Osten“ empfangen und ihnen eine Erklärung über die Judenfrage in Litauen abgegeben, der wir fol- -gendes entnehmen: „Wir verkennen nicht die große Wichtigkeit des Ostjudenproblems. Grundsätzlich überläßt die Kaiserliche Regierung dem soeben anerkannten litauischen Staate die endgültige-Regelung seiner inneren Verhältnisse. Das schließt indesesn nicht aus, daß sie beim inneren Ausbau gemäß den Wünschen des Landesrates mitwirkt und ihren Einfluß für die Erfüllung der berechtigten Wünsche des Judentums einsetzt, wie sie dies übrigens auch bisher getan hat. In dem Litauen größeren Umfanges. das voraussichtlich bei der endgültigen Regelung der Verhältnisse im Osten entstehen wird, muß allennationalenMivioritäten ihr Recht auf bürgerliche Gleichberechtigung, freie Religionsübung und Pflege ihrer Eigenart und Ueberlieferung voll bewahrt werden. Deshalb soll auch der jüdischen Nationalität das Recht auf selbständige Ordnung ihrer kulturellen Angelegenheiten, also eine weitgehende kulturelle Autonomie, zustelien. und sie kann darüber hinaus auf Zugeständnisse, z. B. auf dem Gebiete der Selbstbesteuerung für ihre eigenen Angelegenheiten, rechnen. Die Regierung verfolgt die nach dieser Richtung hin geäußerten Wünsche mit ihrer vollen Sympathie. Sie teilt auch die auf berufliche Umschichtung der Juden Litauens gerichteten Wünsche und ist bereit, die auf landwirtschaftliche Betätigung gerichteten Bestrebungen nachdrücklich zu fördern.“ Es ist von Wichtigkeit, daß in dieser offiziellen Erklärung seitens der deutschen Behörde die uneingeschränkte Anerkennung’ der jüdischen Nationa 1,11ät und deren Rechte ausgesprochen ist. Man wird über die Zusicherung der deutschen Regierung bezüglich Litauens Genugtuung empfinden, kann aber doch nicht die Verwunderung unterdrücken, daß aus dieser prinzipiellen Anerkennung nicht weitgehendere Konsequenzen gezogen werden. Denn was in Litauen richtig ist. muß auch in Polen billig sein. Man wird also trotz dieser günstigen Erklärung abwarten müssen, bevor man über die Judenpolitik Deutschlands ein Urteil fällt. Der bisherige Kurs berechtigt jedenfalls nicht zu übertriebenen Hoffnungen und beweist nicht, daß die deutsche Regierung „die große Wichtigkeit des Ostiudenproblems“ nach Gebühr einschätzt. Und ein «Wort an Oesterreich: Ueberall in der Welt, auch im verbündeten Deutschen Reich, wird von der jüdischen Nationalität als einer Tatsache gesprochen. Hierzulande kennt mau sie nicht. Ist das nicht ein lächerlicher Zustand und muß das Vertrauen zu dem Ernst der eigenen Politik erschüttern? Die Tätigkeit der russischen Juden im okkupierten Galizien und der Bukowina während der Jahre 1914 b i s 1918. Von Dr. F. Lander (Kiew), gewesenem Kommissär beim ehern, russischen Gen.-Gouv. in Czernowitz. Aus dem interessanten Referatei das Herr Dr. Lander Samstag in einer zionistischen Versammlung hielt, entnehmen wir nachfolgende Stellen: Im Juli 1914 wurde ich als Militärarzt zum Dienste einberufen,'welchen ich in Petersburg versah. Schon in den ersten Tagen des Krieges drangen zu uns erschreckende Nachrichten aus Galizien. Es verlautete, daß das russische Militär und Behörden sc hau erregende Greueltaten an der jüdischen Bevölkerung verübten. Detallierte und auf die Wahrheit genau geprüfte Nachrichten konnten wir im Inneren des Landes nicht erlangen, da einerseits die Kriegszensur solche Nachrichten unterdrückte, und andererseits kein einziger jüdischer Publizist oder ein anderer in der jüdischen Oeffentlichkeit wirkender Jude einen Passierschein nach Galizien bekommen konnte. Damals reifte in mir der Gedanke, um Versetzung an die galizische Front anzusuchen, um auf diese Weise die Möglichkeit zu gewinnen, alles an Ort und Stelle zu untersuchen und hierauf die russisch liberalen Kreise und das russische Judentum über die Vorgänge in Galizien aufzuklären. Nach vielen mühevollen Verwendungen gelang es mir, an der galizischen Front Verwendung zu-finden. Schon Ende September 1914 war ich ln Brody. Nach Lemberg kam ich unmittelbar nachdem dort ein „Pogrom“ im Judenvierfel stattgefunden hat, bei welchem russische Soldaten auf wehrlose Juden losfeuerten und mehrere töteten und verwundeten. Es entstand in mir das Bedürfnis, mit den Vertretern der Kultusgemeinde und der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen in Fühlung zu treten — aber trotz meiner aufrichtigsten Mühe, fiel es mir nicht leicht, dies zu erreichen. Einerseits eingeschüchtert durch das strenge russische Regime der ersten Tage nach dem Einschreiten des russischen Heeres in Lemberg, andererseits aus Furcht, mit einem Mitglied der russischen Armee in irgend einem Verkehr zu treten, Jüdische Erziehungsfragen Von Dr. Siegfried Bemield.*) II. Von den Erziehungszielen. Wenn wir vom nationalen Standpunkte aus alles, was heute jüdische Erziehung genannt zu werden pflegt, bekämpfen, so geschieht dies nicht allein, weil wir andere Methoden für die richtigen halten, sondern vor allem, weil uns die ganze Zielsetzung der jetzigen, nicht national-jüdischen Erziehung, von Grund aus falsch oder doch wenigstens unzulänglich zu sein scheint. Und darin liegt auch begründet, warum die Idee eines nationalen Erziehungswesens bekämpft wird von manchen Parteien und Kreisen, die sonst mit den Forderungen, die wir aufstellen, sich identifizieren könnten. Siebekämpfen die ganze Richtung; Zweck und Absicht unserer Teilreform und Teilvorschläge. Es geht ihnen um das Ganze, sowie es uns um das Ganze gehen sollte. Sie haben ihr Ziel vor Augen und vergleichen daran, was wir bieten oder verlangen. Und sie tun recht daran; denn nur vom ganzen einheitlichen Zieje_aus lassen sich die einzelnen pädagogischen Maßnahmen und Einrichtungen verstehen und bewerten. Eine jüdisch-nationale Erziehung wird sich also vor allem darin zu bewähren haben, daß sie ein einheitliches, neues und fruchtbares Ziel für die Erziehung aufstellt. Sie sieht sich aber nicht nur anderen, ihr feindlichen Z i e 1 s e tz u n g e n gegenüber, sondern diese werden getragen von Personen, Körperschaften, Parteien, die sich selbst als die einzig kompetenten für die Aufstellung von jüdischen Erziehungszielen erklären und die geneigt sind, der nationalen Bewegung das Recht auf eine zielklare, jüdische Erziehung zu bestrei- •) S. Feuilleton in Nr. 26. ten. Wir müssen daher mit einigen Worten versuchen, die Berechtigung dieser Ansprüche zu untersuchen. Wir haben zu fragen, woher die Legitimation genommen wird und genommen werden kann, einer Nation das Ziel der Erziehung aufzustellen. Im heutigen Judentum sind es insbesondere die folgenden Stellen, die als zielsetzende sich erklären: es ist einmal der Staat, es sind die Kultusgmeinden, es sind die verschiedenen jüdischen Parteien, es sind die ungezählten Kuratorien, Aufsichtsräte und dergl., es sind die Vereine und es sind schließlich die einzelnen Menschen selbst, jeder F am ili en v at er, die sich für berechtigt erklären, nicht nur das Ziel für die Erziehung der ihnen unmittelbar an-ver- . trauten Kinder und Jugendlichen anzugeben, sondern das schlechthin gütige für das ganze jüdische Volk. Das ist ein Zustand, der seinesgleichen in der gegenwärtigen europäischen Welt wenigstens nicht hat Ueberall1 sind es die autoritativ ausgestatteten staatlichen oder nationalen Behörden, die mit mehr oder minder lebhafter Beteiligung verschiedener Volkskreise, unter Umständen auch mit Berücksichtigung von mancherlei Einzelwünschen von Klassen, Kirchen, Parteien, die aber im großen und ganzen doch souverän bestimmen, was der Inhalt und was die Methode der Erziehung der Jugend des ganzen Staates oder der ganzen Nation sein soll. Freilich war dies nicht immer so. Die Geschichte der Pädagogik*) kennt sehr weitgehende Veränderungen in diesen Tatbeständen. Sie kennt sehr heftige, Jahrzehnte und Jahrhunderte an¬ *) Man vergleiche hierzu die sehr interessante „Geschichte der Pädagogik in soziologischer Beleuchtung“ von Paul Barth. 2. Auflage, 1917. dauernde Kämpfe um die legitime Autorität für die Erziehungszielsetzung. Bei primitven Erziehungsformen sind es immer die Eltern oder doch nur Einzelpersonen, die unsystematisch, ohne Verständigung untereinander, ohne Berücksichtigung irgendwelcher Gesamtheiten, dasjenige durchführen, was sie für die von ihnen zu erziehende Jugend für gut und richtig halten, sich bemühen, diese Jugend so zu verändern, daß sie ihren privaten, Menschheits- oder Kindheitsidealen entspreche. Verhältnismäßig früh schon übernimmt die Religion und ihre höchste Instanz die Funktion, für die Kinder ihrer Kirche, eine einheitliche' systematische Zielsetzung vorzunehmen, eine die sich wenigstens auf gewisse Sphären des Lebens, und der geistigen Bildung erstreckt. Sie setzt diese Ansprüche durch gegenüber den Wünschen, den hergebrachten Gewohnheiten und den Interessen der einzelnen Gläubigen; in ihrer Zielsetzung natürlicherweise beherrscht von dem Wunsche, die Grundlage und die Voraussetzungen für ihre Macht, für deren Verbreitung und Vertiefung in der Jugend zu schaffen. Der immer stärker werdende Staat, der mit seinen Interessen immer mehr und mehr in Konflikt tritt mit jeder in ilnn befindlichen und zugleich über ihn herausgreifenden Macht, hat in einem sehr langeil und in manchen Ländern noch nicht ganz erledigten Kampfe der religiösen Körperschaft das Recht auf Zielsetzung abgesprochen und sich selbst für die weitaus größten und wichtigsten Teile des Erziehbaren in überwiegendem Maße zugesprochen. Und wir sehen heute den Zustand verwirklicht, in dem der Staat der unumschränkte Gebieter auf einem ganzen pädagogischen Gebiete, auf dem des Unterrichtes, geworden ist, und wir sehen ihn im Begrifie, durch Verstaatlichung, der J ugendfürsorge auch einen zweiten i v.

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