Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-07-19 · 29 (19.7.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438703--5850-2445869
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Redaktion und .Administration: . Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher, Nr. 45-325 Nalional'jüdifches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien, Freitag, den 19. Juli 1918 — IO. Aw 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganz]. 20 K, Einzelnummer 40 h Postaparkassenkonto 133.404 Enttäuschungen und Hoffnungen - Als die russische-Revolution den zaristischen Absolutismus weggeiegt hatte, eins: ein Aufatmen der Erleichterung und'Befreiung über die Welt. Die ganze Welt nahm die verkündeten Ideen auf und klammerte sich an sie wie an den Strohhalm, der vor dem Ertrinken im Sumpf des europäischen Irrsins bewahren sollte. Damals war auch für das Judentum eine große Stunde. Der größte Teil des Volkes, der bis dahin unter barbarischer Unterdrückung geseufzt hatte, war mit einem Mal befreit und cs eröffneten sich große Ausblicke. Für das westliche Judentum war das ewig willkommene Objekt des Mitleids verschwunden und es mußte nun sein jüdisches Gefühl an sich selbst beweisen. Für das östliche Judentum war aber nicht nur die bürgerliche Emanzipation und Aufhebung der beschränkenden Sondergesetze gekommen. sondern auch die Zeit der nationalen Emanzipation, da die russische Revolution die Freiheit aller Völker verkündet hatte und selbstverständlich auch dem jüdischen Volke seine Freiheit zu geben bereit war. Man erinnert sich noch, wie damals die führenden Männer. Miliukow. Fürst Lwow. Kerenski und die anderen, in durchaus entschiedener Weise sich für die nationalen Bestrebungen der Juden erklärt und ihre Befreiung als eines der wichtigsten Werke der Revolution gefeiert haben. Damals glaubte man. daß alle Not vorbei ist und es erhoben sich sogar Stimmen, die nunmehr die zionistische Bewegung für gegenstandslos erklärten, weil es kein unterdrücktes Judentum mehr zu retten gab. Im Gegensatz zu dieser Ansicht stand allerdings die Tatsache, daß für den Zionismus gerade in Rußland eine noch nie dagewesene Zeit des Aufschwunges angebrochen war. Heute sehen wir. daß die Hoffnungen überspannte waren, daß das goldene Zeitalter auch für die russischen Juden noch nicht da ist. Durch die bolschewikische Regierung entstand wieder einmal der paradoxe Zustand." daß gegen" die Juden von zwmi Seiten völlig divergierende Vorwürfe erhoben wurden. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Massen stand den Bolschewiki abiehnend gegenüber und wurde deshalb von ihnen bekämpft, anderseits aber wurde von dem notleidenden bedrängten Volk die unter der Bolschewikiherrschait zunehmende Verwirrung und Not auf Konto der Juden geschrieben, weil unter den Führern der Bolschewiki mehrere jüdische Intelligenzler waren. Dazu kam die Unsicherheit der inneren Verhältnisse, die gegenwärtig eih ganz unentwirrbares Chaos bilden: die Gelegenheit war da und die niederen Volksinstinkte kamen wieder zum Durchbruch. Nur durch die von den vierjährigen Kriegsgreueln bewirkte Abstumpfung ist es zu erklären, daß die Tatsache uns selbst oft aus dem Bewußtsein schwindet, daß nie zuvor so entsetzliche und blutige Pogrome in Rußland stattgefunden haben wie jetzt. Der jüdische Nationalrat in Rußland hat offiziell zum Gedächtnis der Pogromopfer einen nationalen Trauertag .eingeführt. Auch sonst ist die Lage äußerst schwierig, da die Verbindungen zwischen den jüdischen Zentren unterbrochen sind. Die nationale Bewegung ist zwar nicht geschwunden, aber in ihrer Entfaltung sehr behindert. Trotzdem sind die zionistischen Führer überall an der Arbeit. Aber wir wissen, daß es für das jüdische Volk in der Diaspora keine Lösung der nationalen Frage, ja nicht einmal die dauernde Gewißheit -persönlicher Sicherheit geben kann. In dem vor kurzem promulgierten Manifest der Bolschewiki. -welches die ..Rechte des arbeitenden Volkes"1 proklamiert. werden die in Rußland lebenden Nationen. denen nationale Freiheit zugesichert wird, aufgezählt. Das jüdische Volk ist nicht dabei. Mit der Abtrennung der Ukraine wurde der größte Teil des russischen Judentums der Herrschaft Rußlands entzogen. Auch in der Ukraine wurde von der Zentralrada den Juden nationale Autonomie gewährt und diese Autonomie in einer Weise durchgeführt und ausgebaut, -wie es bisher in keinem Lande der Fall gewesen ist: Wieder meinten die jüdischen Aufonomisten. daß die Lösung der Judenfrage wenigstens für die Ukraine erfolgt ist. Aber auch hier haben sich die Verhältnisse erheblich gewandelt. Als der Kampf zwischen Rada und Bolschewiki begann. wurden wieder die Juden von beiden Seiten verfolgt. Auch in der Ukraine kam es zu Pogromen. In Gluchow allein waren 117 Tote, deren Namen veröffentlicht wurden. Als die deutschen Truppen kamen und ein neues Regime eingesetzt wurde, wurde die jüdische Autonomie immer mehr beschränkt. Die amtlichen Aufschriften in jüdischer Sprache verschwanden. Die Anerkennung der Minoritätsrechte wurden nicht respektiert. Der Minister für jüdische Angelegenheiten hat schließlich demissioniert. Gegenwärtig befindet sich die Autonomie in einer Krise, deren Ergebnis noch, nicht abzusehen ist. Der jüdische Nationalrat tagt, um eine Lösung dieser Frage zu finden. Auch in Litauen, dessen Verfassung jetzt unter deutschem Einfluß geregelt werden soll, bemühen sich die Juden, eine nationale Autonomie zu erlangen. Auch hier ist allerdings die Situation höchst problematisch, und selbst wenn von Funktionären der deutschen Regierung Zusicherungen gemacht werden, so sind sie so vorsichtig formuliert. daß das rechte Zutrauen für die Zukunft aus ihnen nicht geschöpit werden kann. In Polen ist die Situation noch aussichtsloser. Hier wird gegen die Juden ein rücksichtsloser Kampi geführt und von der Gewährung nationaler Rechte wollen die Polen nichts wissen. Die russische Judenfrage ist durch die Revolution nicht gelöst worden. Das russische Judentum wurde in einzelne Teile zersplittert, und die Meinung, daß diese Teile in den neu entstandenen kleinen Staaten, die selbst erst national beireit wurden, eine nationale Lebensmöglichkeit finden werden, hat sich als trügerisch erwiesen. Die Lage ist heute ungeklärter als je. Aber die eine Lehre kann schon jetzt gezogen werden: Die Judenfrage ist im Galuth überhaupt nicht zu lösen, und alle jüdischen Autonomiebestrebungen sind auf Sand gebaut, solange nicht die Grundiorderung des Zionismus, die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina, erfüll; ist. Was für die Autonomiebestrebungen der einzelnen Gruppen des russischen Judentums gezeigt wurde, das gilt auch iür das österreichische Judentum. Auch hier ist alle Hoffnung auf Erlangung nationaler Rechte vergeblich, solange nicht in der Konsolidierung des heute in aller Welt zerstreuten jüdischen Volkes überhaupt die Voraussetzungen für ein national erfülltes Leben und ein politischer Rückhalt gegeben ist. Nationale und. politische Forderungen eines Volkes können ohne einen solchen Rückhalt überhaupt nicht mit Nachdruck erhoben werden. Nicht aus irgend welchen idealen Grundanschauungen, nicht aus Gerechtigkeitsgefühl und nicht aus theoretischen Erwägungen wird man uns in irgend einem Staate nationale Rechte geben. Höchstens aus Opportunitätsgründen, infolge einer bestimmten Konstellation oder Konjunktur, wird man uns als Volk anerkennen, sofern es gerade ein bestimmtes politisches Interesse erheischt. Die österreichischen Ukrainer haben eine geschlossene nationale Organisation und haben ein als Machtfaktor anerkanntes Hinterland in der ukrainischen Republik. Die österreichischen Italiener, so gering an Zahl sie sein mögen, haben einen nationalen und kulturellen Rückhalt an einem mächtigen Staate. Die deutsche Minorität in Polen hat einen beachtenswerten Protektor, der ihre Rechte immer wahren wird. Wir Juden werden nirgends etwas bedeuten, solange wir nur auf der schwankenden Grundlage einer juristischen Konzession, und sei sie selbst in der Verfassung irgendeines Staates verankert, bauen und nicht eine reale Macht sind, die um Anerkennung nicht mehr zu betteln braucht, weil ihre Existenz gar nicht in Zweiiel steht. Die jüdischen Gruppen in allen einzelnen Ländern sind auf den Rückhalt angewiesen, den ihnen das Judentum der ganzen Welt bietet. Der Gedanke, der einst Cremieux und Netter zur Gründung der Alliance bewogen hat, daß ein Volksteil iür den andern einzustehen verpflichtet ist, dieser Gedanke bedarf der Fortführung in einer einheitlichen Organisation des Judentums zur Wahrung seiner nationalen Interessen. Die Judenschaft der einzelnen Länder muß zunächst lernen .über den engen Horizont kleinlicher lokaler oder persönlicher Interessen hinauszusehen und eine wirklich großzügige jüdische Politik zu machen. Die lieutige Lage ist mehr als irgendeine geeignet, um die Notwendigkeit einer solchen Auffassung darzutun. Die Ohnmacht des Judentums in der rumänischen Judenfrage spricht besonders deutlich. Im Hinblick auf die , allweltliche, die Solidarität des Judentums verbürgende und manifestierende Organisation, die erst nach dem Kriege bestimmte Formen annehmen kann, muß heute schon die Organisation in den einzelnen Ländern erfolgen, auch heute schon von weltpolitischen Erwägungen geleitet. Diese Organisation wird aber leer und wirkungslos sein, wenn nicht ihr Mittelpunkt in dem gemeinsamen jüdischen Palästina sein wird. Durch die jüdische Gemeinschaft in Palästina allein wird offenbar werden, daß das jüdische -Volk eine-Realität ist, - ein lebender, blühender, sich verjüngender Körper. Unsere Hofinungen aui die Verwirklichung dieses Zieles sind im Kriege gewaltig gewachsen. So sehr die jüdischen Autonomiebestrebungen in der Diaspora bisher zu Enttäuschungen geführt haben, so sehr sind die Aussichten für eine günstige Lösung der Palästinafrage gewachsen. Alle Staaten der Entente haben spontan und rückhaltlos die bindende Erklärung abgegeben, daß sie die Bildung eines jüdischen Zentrums in Palästina iördern werden. Jüngst wurde auch gemeldet, daß die Türkei jüdische Vertreter zu Verhandlungen eingeladen hat. wobei sie geradezu von der Schaiiung eines ..jüdischen Zentrums" spricht. Die jüdische Organisation, von der wir sprachen, wird nicht bestehen können, wenn sie nicht Palästina schon jetzt in den Mittelpunkt ihres Gedankens stellt. Palästina muß der Ausgangspunkt aller jüdischen Politik sein. Die Enttäuschungen itr, Osten mögen iür uns schmerzlich sein, sie bestätigen doch nur die alte zionistische Erkenntnis, daß im Galuth eine Erlösung des jüdischen Volkes unmöglich ist. Erst durch Zion kann auch das Galuth erlöst werden. Palästina aber kann nicht unser werden, wenn wir nicht selbst geschlossen dafür eintreten. wenn wir nicht alle unsere Kräfte auibieteit. um das Land zu erlösen, aui daß es uns erlöse. Forderungen Von Eugen Hoeilich. IT.*) Aus der großen Masse der Fragen, die ei\ideutig zu lösen die allernächste Zeit gebietet, scheint es notwendig zu sein, die wuchtigsten herauszuheben: Die Schule. Palästina ist ein Paradoxon, denn seine Entwicklung ist aui Imponderabilien aufgebaut, auf Einführungen, die in jedem anderen Lande zum Ruin iiihren würden, hier aber einen Schritt nach vorwärts bedeuten. Beinahe gleichzeitig mit der Gründung des ersten Kindergartens ging man an die Gründung einer Technik und dachte bereits an eine Universität. In jedem anderen Lande wäre dies Wahnsinn, in Palästina aber waren diese Gründungen lebenskräftig genug, nicht unterzugehen. Wenn auch eine Technik und eine Universität in Palästina heute praktisch nicht durchaus notwendig erscheinen, heben sie das jüdische Selbstbewußtsein, bis eben die Ueberproduktion jüdischer Akademiker in Palästina eine solche werden wird, daß der Akademiker wieder zum Spaten greifen wird müssen. Hier würde sich ein Ausweg bieten, an den. glaube ich. noch nicht gedacht wurde. Es wäre nicht nur aus der Sache heraus notwendig, sondern auch einer vernünftigen jüdischen Araberpolitik gemäß, wenn die überschüssigen Akademiker, sonderlich Aerzte, sich nicht nach Europa, sondern in die weiten Gebiete Arabiens wenden würden, die dadurch dem Araber das einzig wichtige europäische Kulturprodukt, medizinische Erfahrungen, bringend, dem palästinensischen Judentum einen festen freundschaftlichen Rückhalt an seinem mächtigen Nachbar schaffen würden. Es scheint mir aber trotzdem augenblicklich wichtiger zu sein, einstweilen die Gründung einer hebräischen Technik für die Stärkung des jüdischen Bewußtseins als genügend zu betrachten und eine Reihe von Ackerbauschulen (keinesfalls aber Ackerbauhochschulen) in das Land zu stellen. In diesen Schulen, gleicherweise wie in allen anderen. in den Kindergärten, in den Volksschulen und in den Gymnasien, hat breiter Raum der Vertrautheit des Schülers mit dem Lande, der Stählung der jugendlichen Kraft und der höchsten Hebung des persönlichen Mutes gewidmet zu werden. Der junge palästinensische Jude muß die Rasse, die Jahrhunderte zergeistigt haben, regenerieren. Es muß in den Schulen alles darangesetzt werden, daß diese Schulen nicht allein durch die hebräische Unterrichtssprache sich unterscheiden von europäischen, sondern auch durch den Geist, der in ihnen ist. Es genügt nicht, wenn dem Schüler das Gesetz der kommunizierenden Gefäße in hebräischer Sprache auseinavidergesetzt wird und er nicht fühlt, warum er Jude ist und warum er stolz zu sein hat auf sein Judentum. Der junge Jude Palästinas darf nicht nach Europa blicken und in Ihm das Erstrebenswerteste. Nachahmenswerteste suchen. Er muß durch die Schule mit dem Lande so verwachsen, daß er nicht einen Augenblick Sehnsucht nach Europa fühlt, die ihn schließlich dazu führt, in äffischem Drange europäische Einrichtigungen. die iür das Land keine Berechtigung haben, zu propagieren oder gar nach Absolvierung der Schulen nach Europa auszuwandern. Eine der wichtigsten Forderungen ist daher die nach einem Lehrmaterial, das diesen Anforderungen durchaus entspricht. Es ist Einer noch lange nicht jüdischer Lehrer, wenn er hebräisch spricht und über eine gewisse Bildung verfügt. Die Grundlage seiner Befähigung muß das Erfassen des wahren jüdischen Geistes sein, denn es kann nicht unsere Sache sein, deutsche, russische, französische Juden mit hebräischer Umgangssprache zu werden. Der jüdische Schüler muß in erster Linie die ethische Bedeutung des Judentums erfassen und die Schule muß ihn gleicherweise wie das *) Siehe vorige Nummer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.