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Jüdische Zeitung · 1918-07-12 · 28 (12.7.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG iieite b fiigung stehen. Es ist selbstverständlich, daß sie zur Deckung dieses Bedürfnisses zunächst auf die Jugend greifen muß. Es darf nicht übersehen werden, welche großen Schwierigkeiten der Schaffung einer derartigen kolossalen Institution entgegenstehen. Die größte Schwierigkeit ist die, daß der Organisation kein Verwaltungsapparat zur Verfügung steht wie ihn etwa die modernen Staaten besitzen. Weiters ist auch die Frage der Geldmittel besonders für den Anfang sehr problematisch. Denn bevor die ganze Verwaltung geregelt ist. wird es sich nicht so deutlich erweisen, daß die für die Institution der Dienstpflicht angewandten- Gelder in jeder Beziehung fruchtbringend angelegt sind. Erst wenn die Einsicht eine allgemeine geworden ist, daß die zionistische Organisation alle Zweige des Lebens des jüdischen Volkes in ihren Wirkungskreis einbeziehen, daher auch verwalten und in gewissem Sinne finanzieren muß, wird es auch klar werden, daß die für das Dienstpflichtressort auigewandten Gelder nichts anderes als einen allgemeinen Arbeitsfond bedeuten, durch den die anderen Ressorts wie Erziehung, Kultur, Propaganda, öffentliche Arbeiten usw. materiell entlastet werden, und weiters der Organisation hiedurch eine weitgehende Berechtigung zur Besteuerung erworben wird. Selbstverständlich werden für den Anfang, bevor noch das Ineinanderspielen aller dieser Ressorts sich bewährt hat, große Gelder nötig sein. Diese Gelder aber müssen aufgebracht werden, wofern wir überhaupt der Ansicht sind, daß der Zionismus nicht eine Spielerei bleiben darf, sondern weitschauende, umfassende Volkspolitik werden muß. Einige kleine Einwände, die gemacht werden, seien hier gestreift. Bezüglich der verfügbaren Menschen wird geltend gemacht, daß tatsächlich der überwiegende Teil der Jugend im Militärdienst steht und daher für uns nicht in Betracht kommt. Diesem Einwand soll Berechtigung nicht abgesprochen werden. Da aber die Institution der zionistischen Dienstpflicht für den Anfang ohnedies nur in beschränktem Umfange in Angriff genommen werden kann, muß man eben inzwischen an die Militärfreien denken. Und da muß doch darauf hingewiesen werden, daß gerade denjenigen jungen Leuten, die nicht im Militärdienst stehen und dadurch ohnedies vor allen ihren Kameraden einen gewaltigen Vorsprung haben, mit umso größerer Berechtigung zugemutet werden kann, daß auch sie einen Teil dieser Zeit opfern. Und da es sich bei uns vorwiegend um Arbeiten handeln wird, bei denen körperliche Eignung keine allzugroße Rolle spielt,'so wird man diese jungen Leute heranziehen können. Für spätere Zeit aber wäre zu bedenken, daß gerade die jungen Leute, die fünf oder mehr Jahre bereits durch den Krieg verloren haben, nicht mehr gewillt sein werden, für irgend einen Zweck — und sei es auch die zionistische Sache — noch weitere Jahre ihrer bürgerlichen Entwicklung zu verlieren. Aber wir glauben; daß dieser Einwand von der unrichtigen Annahme ausgeht, daß sich nach dem- Kriege das bürgerliche Leben wieder so schön einrenken wird, daß, jeder auf seinen Platz zurückkehren kann, als ob nichts gewesen wäre. Tatsächlich aber ist doch durch dieses lange Fernsein in weitgehendem Maße die bürgerliche Gesellschaft aufgelöst. Auch den zurückkehrenden Kriegern wird es trotz der verlorenen Zeit leichter sein, sich in eine neue Organisation der Arbeit einzufügen als es ohne die Unterbrechung durch den Militärdienst der Fall gewesen wäre. Die Menschen haben an Beweglichkeit gewonnen und es ist klar geworden, daß man nicht damit rechnen kann, daß sich das Leben ungestört in behaglicher und wohlgeordneter Existenz abwickelt. Wir sind überzeugt, daß nach der Entlassung der Soldaten diese in großen Scharen dem zionistischen Dienst Zuströmen werden. Nur ist es notwendig, daß bis dahin die Institution geschaffen und erprobt sei, um dann entsprechend den größeren Bedürfnissen und der größeren Menge der Menschen, ausgebaut zu werden. Bemerkt muß auch noch werden, daß für die Zwischenzeit eine besondere Mitwirkung von seiten der Mädchen erwartet werden muß. Ein anders gearteter Einwand geht dahin, daß die zionistische Organisation für ihre Zwecke eine angemessene Anzahl von Beamten anstelle« soll und auf die Mitwirkung größerer Kreise der Jugend verzichten kann. Dabei wird aber übersehen, daß für die geforderte Arbeit einerseits bestimmte Qualifikationen zionistischer Gesinnung erforderlich sind, andererseits aber gewisse Arbeiten nur dadurch mit Erfolg durchgeführt werden können, daß wirklich eine Schar zuverlässiger Menschen zur Verfügung steht, die sich der Kommandogewalt der einzusetzenden Zentralstelle bedingungslos unterwirft. Denn der wichtigste Gesichtspunkt bei der ganzen Sache ist eine nach militärischem Muster gebildete. Disziplin. Da einerseits die Zentralstelle bei ihren Dispositionen unter sorgfältiger Berücksichtgung aller individuellen Momente vergehen wird, andererseits aber die Jugend das beglückende Bewußtsein des Dienstes für ihre heiligste Sache haben wird, wird bei uns diese Disziplin nicht als Härte, sondern als Notwendigkeit empfunden werden. Die einzelnen Menschen werden durch diesen engsten Anteil ihres persönlichen Lebens lebendig mit der Idee verbunden werden und eine konkrete Beziehung zur Volksarbeit bekommen, die einen unlöslichen Zusammenhang zwischen Einzelnem und Volk schafft, der viel stärker ist als das Band der Parteizugehörigkeit. Wenn daher jetzt ernstlich angeregt wird, daß die Einführung der Dienstpflicht seitens der zionistischen Organisation in Angriff genommen werde, so bedeutet dies zweierlei: erstens die Pflicht der Leitung, die Frage und die Durclijührungsmöglichkeiten eingehend zu studieren und auch eine Stelle zu schaffen, die die bestehenden Bedürfnisse für die zu leistende'Arbeit genau feststellt. Zweitens aber bedeutet es. daß der Ruf an die jüdische Jugend ergeht, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, zu überlegen, was sie für :hr Volk zu tun hat und den Ernst ihres Willens, am Neuaufbau der jüdischen Volksgemeinschaft mitzuwirken, dadurch zu dokumentieren, daß sie sich freiwillig zum Dienste meldet, wenn die Werbung ausgeschrieben werden wird. > Statistik und Wirklichkeit Das Schulproblem in der Ukraine. Im Warschauer „Moment’4 schreibt M. F r i s c h 1 ii n d e r: Die Stellung der jüdischen Eltern zur Frage der jüdischen Schule in der Ukraine gibt dem „Jüdischen Wort44 Anlaß zum Frohlocken. Die Juden wollen keine jüdische Schule, sondern eine russinzierende. Die Jiidischkeit hat dort eine Niederlage erlitten und die Assimilation einen Sieg errungen. Ist das kein Anlaß zur Freude? Als Beweis bringt das Blatt Zitate aus der „Kiewer Volkszeitung", wo es heißt: Das großrussische Ministerium hat vor einem halben Jahre in allen niederen und Mittelschulen eine Enquete veranstaltet, deren Resultate folgende waren: in den Mittelschulen waren 27,1 Prozent der Eltern jüdisch, von diesen haben sich drei Viertel für Eeschäftsstelle des „ilito“ Gesellschaft für Lebensuid Renten-Versiebernnpn — Wien, II., Zirkusgasse 33. — Kriegsanleihe- Versicherung Beispiel: Ein öOiähriger Mann zahlt fUr eine Ab- und Erlebensversicherung auf Nom. K iQ.000.— Kriegsanleihe mit 20jähri«er Dauer eine anfängliche, garantiert abnehmende Jahresprämie von K39-},6-1, insgesamt K5200.—. an Prämien ein. B eispiel: Ein 30iährigerMann versichert ein Ausfteuerkapital von Nom. Kriegsanleihe K 10.000.— auf XSjährige Dauer und zahlt hiefiir eine ]ahresprämie von 461.—. Stirbt er z. B. im zweiten Versicherungsiahre, so erhalten feine Hinterbliebenen: a) rofort ein Starbegeld von K 200«.—, b) 16 |ahre hinuurch eine Rente von jährlich K 2000’—, im Gesamtbeträge von it 32.000.—. c) bei Erreichung des Termins ein Ausfteuerkapital von Nom. Kriegsanleihe K 10.000, zusammen somit K34.000.— in bar u. Nom. K. 10.000 Kriegsanleihe während Prämien insgesamt nur K 922.— bezahlt wurden. Aach sonstige zeitgemässe Versicberungskomhinatioiien- Kriegsanleihe-Versichernden mit Einmalprämie. Versicherungen auf Schatzscheine. Auskünfte u. Kosten voranschläge erteilt bereitwilligst dit Gesdiältssfcllc Des „Unter“ Wien, II., Zirkusgasse 33. Russifizierung ausgesprochen. Ungefähr dasselbe war auch bei den höheren Dorfelementen der Fall. Auf die Frage, welchem nationalen Ministerium die Mittelschulen unterstellt sein sollen, haben von den 27 Prozent jüdischer Eltern bloß 7,6 Prozent sich für das jüdische Ministerium ausgesprochen. Es wäre aber unrichtig, daraus den Schluß zu ziehen, daß die jüdischen Eltern von der jüdischen Sprache nichts wissen wollen. In Wirklichkeit liegt die Sache nicht so arg. Das Erwachen eines Volkes in, allen Zweigen des politischen Lebens vollzieht sich niemalsmit der Geschwindigkeit eines Pfeilschusses. Um zu entscheiden, ob ein Volk einer Wiederbelebung iähig ist, muß man feststellen, ob es die objektiven Merkmale einer Nation hat, das politische Bewußtsein kömmt erst später. Es genügt die Tatsache, daß 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Ukraine jiddisch sprechen. Daraus erhellt, daß sie vom pädagogischen wie vom politischen Standpunkt eine jüdische Schule brauchen. Der durchschnittliche, wenig bewußte jüdische Bürger, welcher bis vor kurzem versklavt war und noch jetzt nicht ganz frei ist, versteht das noch nicht und läßt sich durch vorübergehende Erscheinungen beeinflußen. Der eine versteht noch immer nicht1, wie man ein intelligenter Mensch sein könne, ohne russisch zu radebrachen. Dem zweiten hat man eingeredet, jüdisch sei eine „Germanisation44 oder „ukrainische Unabhängigkeitspropaganda’4, und er muß doch ein „Zentralist44 sein, denn den „Fonje“ kennt er schon und vor dem ..Hejdamak44, „Chmielnickis Enkel14 hat er Angst. Der dritte ist ein einsichtiger Mensch und versteht, daß wenn das großrussische Ministerium fragt, mau dem guten Poriz, der vor gar nicht so langer Zeir so fein mit ilun umgesprungen ist und ihm Gleichberechtigung gegeben hat, entgegenkommen muß. und antwortet: russisch. Der vierte zieht in Betracht, daß es noch keine guten jüdischen Lehrbücher und Lehrer gibt oder daß seine Kinder, die schon ihre Studien auf Russisch begonnen haben, doch nicht mitten drin zu jüdisch übergehen können usw. usw. Es ist charakteristisch, daß die 73 Prozent jüdischer Eltern, welche nichtiüdisch angegeben haben, russische Schulen gefordert haben und nicht ukrainische. Jeder Politiker versteht, daß das so nicht bleiben kann; es ist eilte unmögliche Sache, daß wenn die Ukraine unabhängig bleibt, die Juden dort ein russifikatorisches Element bilden sollen, wodurch sie sicherlich großen Verfolgungen seitens der einheimischen Bevölkerung ausgesetzt wären. In einer solchen Ueberganszeit wie die heutige kann man nicht die Forderungen schwacher nationaler Minderheiten aut Grund statistischer Ziffern-beurteilen. Man kann eher sagen, daß der Umstand, daß in dieser unsicheren Zeit 27 Prozent Juden jüdische Schulen fordern, beweist, wie stark das nationale Bewußtsein erwacht. Man muß bedenken, daß nicht nur in einer so außergewöhnlichen Zeit und nicht nur bei einem so außergewöhnlich situierten Volk, sondern auch bei normalen Völkern und in normalen Zeiten das nationale Bewußtsein nicht mit einem Maie zutage tritt, sondern allmählich und stufenweise. Wenn man vor hundert Jahren die russische Intelligenz gefragt hätte, in welcher Sprache man in der Schule unterrichten solle, hätte sie nicht anders geantwortet als: französisch. Die tschechische Nation hätte geantwortet: natürlich nur deutsch. Noch ein paar Jahre vor Kriegsbeginn als die russische Regierung in Polen die allgemeine Zwangsbildung in russischer Sprache einführen wollte, hat die polnische Nationaldemokratie zugestimmt und war höchst befriedigt, daß man die Juden zwingen wird den verhaßten Jargon abzulegen und ihnen echt russischen Geist einpflanzen wird. Aber die Umstände haben sich geändert und heute gibt es keinen einzigen Polen, der nicht polnische Schulen fordern würde. Genau so muß es auch bei den Juden sein. Ungeachtet dessen, daß gewisse Charlatane und gekaufte Seelen sich vor Lachen krümmen werden, daß man die Juden mit den Tschechoslowakei! oder Bulgaroserben vergleichen will. Umsonst versichern die Assimilanten und die Antisemiten, daß die Juden eine Ausnahme bilden. Das jüdische Volk wird in nationaler Hinsicht denselben Weg gehen, wie alle kleinen Nationalitäten und auch ihm wird die allgemeine Freiheit die nationale Wiedergeburt bringen. Charakteristisch ist aber dabei das Verhalten der „Thora-Zeitung44. Im Anfänge hat sie ganz offen Assimilation gepredigt: später als sie merkte, daß sie mit einer solchen Lesung bei den Juden nichts auistecken wird, hat sie sich von der Assimilation abgewandt und ist so weit gegangen zu fordern, daß in der Gemeinde die herrschende Sprache jiddisch sein soll. In der Hitze der Polemik aber hat sic plötzlich vergessen, daß sie die Rolle einer Gegnerin der Assimilation spielen muß. und hat ihr wahres Gesicht gezeigt. Vom angeblichen Drückebergertu m der Juden Von einem jüdischen Offizier im Felde. Wie immer man zum Kriege stehen mag — der Drückeberger ist verächtlich, sein Dasein ist schmutzige Ungerechtigkeit. Der häufig erhobene Vorwurf, wir Juden stellten ein relativ höheres Kontingent zu dieser schönen Spielart von Zeitgenossen. verlangt also entschiedene, wiederholte Abwehr, besonders weil ein gewisser Schein gegen uns spricht; an der subjektiven Ehrlichkeit vieler dieser Anschuldigungen muß man nicht zweifeln und jedenfalls versuchen, der robusten Schwerfälligkeit solcher anständiger Gegner (deren Unfähigkeit sich in fremde Verhältnisse und Volkscharaktere einzufühlen, einen großen Teil dieses Kriegselends verschuldet hat) durch die klare Darlegung einiger sozialer Tatsachen zu Hilfe zu kommen. Unter diesen Gegnern sind solche, die selbst keine Drückeberger sind und es fällt schwer, uns einen Genossen in Not und Tod als unbekehrbar gehässig vorzustellen. — Es stehen zwei, oberflächliche Beobachtungen zur Diskussion: die Seltenheit der Juden an der Front, ihre relative Häufigkeit als Bahnhofs-, Magazins-, Spitaisofiiziere und in Kanzleidiensten. Wir haben die Wahrheit hier nicht zu scheuen. Nach dem Augenmaße schätze ich unseren zahlenmäßigen Anteil am österreichischen Bürgerstand auf mindestens 15 bis 20 Prozent, d. i. vier- bis fünfmal so viel als unser Prozentsatz in der Gesamtbevölkerung der Monarchie beträgt. Diesen jüdischen Bürgern stehen fast nur die freien Berufe offen, die auf Klienten, Patienten, Kunden angewiesen sind und daher nicht ohne eine gewisse Schaustellung, Reklame oder mindestens Bekanntgabe ihres Daseins bestehen können.- Versuchen wir nun dieses soziale Auftreten mit den Augen des Nichtjuden anzusehen und betrachten 'wir, der Deutlichkeit wegen, eine fast judenlose Stadt wie Innsbruck oder Salzburg, in denen übrigens der Judenhaß umso schöner gedeiht! Es mögen dort z. B. unter 40.000 Einwohner nur 400 Juden sein. Das gibt schön etwa zehn Namensschilder jüdischer Advokaten, zehn Ord:- nationsiaieln jüdischer Aerzte und ein gutes Dutzend jüdischer Läden und Firmentafeln, dar-

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