Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XII. Jahrgang. — Nr. 27 Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 I National-jüdifchcs Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wien( Freitag, den 5. Juli 1918 — 25. Thamus 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K, Einzelnummer 40 k Postsparkassenkonto 133.404 * Zum zweiten Halbjahr Niemals noch hat sich die Bedeutung einer guten jüdischen Presse so deutlich erwiesen wie in dieser Zeit. Das völlige Versagen der liberalen Presse anläßlich der antisemitischen Ausschreitungen in Galizien und der wachsenden antisemitischen Bewegung in Wien und der Provinz hat klar bewiesen, daß nur eine bewußt und e rklärt jüdische Presse die Interessen der Juden ohne Scheu, und nach Gebühr zu vertreten vermag. Dazu kommt noch, daß durch das Verschweigen aller Vorgänge des jüdischen Lebens im In- und Ausland seitens der Tagespresse in Oesterreich der jüdische Staatsbürger über die ihn am nächsten angehenden Ereignisse ganz uninformiert ist, wenn er nicht durch Lektüre der jüdischen Zeitung über die Lage und Entwicklung des jüdischen Volkes, seine politischen, kulturellen und geistigen Bestrebungen auf dem Laufenden bleibt. Die „Jüdische Zeitung" wird wie kein anderes Blatt diesen Anforderungen gerecht. Als Organ der nationalen Partei im Judentum und der zionistischen Bewegung nimmt sie vom Standpunkte des selbstbewußten, leben > wollenden, aufrechten und tätigen Judentums Stellung zu den Ereignissen der Weltpolitik und insbesondere der österreichischen Politik. Sie vertritt die Forderungen des jüdischen Volkes gegenüber der Welt, dem Staate und den Völkern nach den Prinzipien der Gerechtigkeit, der Demokratie und der nationalen Selbstbestimmung im Sinne eines friedlichen Zusammenwirkens der Nationen am kulturellen Aufbau der Welt. Sie tritt mit Entschiedenheit für die Rechte des jüdischen Volkes ein, nicht nur in männlicher Zurückweisung der leider immer häufiger und unerträglicher werdenden Angriffe, Anfeindungen, Verleumdungen und Beschuldigungen, sondern auch positiv durch Propagierung einer Organisation des jüdischen Volk es zu wirksamem Selbstschutz und unerschrockenem Eintreten, für seine Lebej^qtwendigkeiten. Die „Jüdische Zeitung“ beleuchtet die das Judentum angehenden politischen, geistigen, kulturellen, wirtschaftlichen Strömungen. Sie setzt sich mit den Problemen des jüdischen Lebens auseinander und sucht sie durch ernste Diskussion zu fördern. Infolge ihrer Beziehungen zur zionistischen Weltorganisation verfügt sie über die zuverlässigsten Nachrichten aus allen Ländern der Welt. In allen größeren Orten und jüdischen Zentren Oesterreichs, insbesondere auch Galiziens, hat sie Berichterstatter, aus Palästina bringt sie Originalberichte, aus dem Osten und den neutralen Ländern erhält sie ständige Information, über die jüdischen Angelegenheiten im feindlichen Ausland wird sie hinreichend unterrichtet. Eine große Anzahl der angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Publizistik gehört zum Kreise unserer Mitarbeiter. Die „Jüdische Zeitung“ ist im Ausland das beamtetste jüdische Blatt Oesterreichs und wird von der auswärtigen Presse wiederholt zitiert. Die „Jüdische Zeitung“ ist auch das Publikationsorgan der zionistischen Partei.Oesterreichs und bringt sowohl deren Verlautbarungen, als auch Berichte über die Tätigkeit der Organisation und ihrer Ortsgruppen. Das Wachstum und die Lage der zionistischen Bewegung sowie die aktive Politik der jüdisch-nationalen Partei und die Aeußerungen des Willens zu jüdischem Leben sind nur durch die Lektüre der „Jüdischen Zeitung“ zu verfolgen. Die technischen Schwierigkeiten und die Kosten der Herstellung sind im verflossenen Halbjahr in unerwartetem Grade gestiegen, sodaß der Verlag der Zeitung sich genötigt sah, die Abonhementsgebühr zu erhöhen, um eine klaglose Fortführung zu ermöglichen. Dabei besteht das Bestreben, das Blatt redaktionell auszugestalten, wie es den Bedürfnissen der Zeit entspricht. An alle Freunde und Leser der „Jüdischen Zeitung“ geht aber der Ruf und die Mahnung: Werbetunablässig für unsere Zeitung; durch Erweiterung unseres Abonnentenkreises werden nicht nur der Zeitung Möglichkeiten geboten, die wieder den Lesern zugute kommen, sondern es wird auch der von uns vertretene und propagierte Gedanke in die jüdischen Häuser getragen. Jeder Abonnent möge sich vornehmen, mindestens zwei neue Abonnenten für die Zeitung zu gewinnen. Dann werden wir zum nächsten Halbjahr auch unsererseits die Treue unserer Freunde vergelten können. Redaktion und Verlag der , Jüdischen Zeitung“ Eine Verführung Der Prozeß, der vergangene Woche vor dem Wiener Brigadegericht stattgefunden hat und einigen Zeitungen Gelegenheit gab, ihre Gerichtssaal-Rubrik mit der humoristischen Wiedergabe heiterer Episoden zu schmücken, gewinnt über die Privatangelegenheit hinaus, die hier in die Oeffentlichkeit gezerrt wurde, an Bedeutung, denn dieser Fall wirft ein brennendes Licht in ein Dunkel, dessen Tiefen wir noch gar nicht zu ermessen vermögen. Das Ereignis, das in diesem Prozeß sein Nachspiel hatte, ist ein typisches, und wir Juden, haben allen Anlaß, zu beachten, welche Zerstörungen in der Stille an unserem Volkskörper vollzogen werden. Ein 24jähriger Gefreiter, Sohn eines Wiener Fleischhauers, hat in Petrikau ein 20jähriges Judenmädel kennen gelernt. Das Mädchen kam ihm sehr entgegen und — mag man das wie immer deuten — hegte keinen Zweifel, daß sie es mit einem „deutschen“ Juden zu tun hat. Der Soldat ließ sich in dem frommen Elternhaus einführen, wurde Freitag Abend zu Tisch geladen und sagte auch sein „Gut Schabbes“; er wurde mit dem Mädchen immer intimer und tat schließlich, was jeder rechte Soldat in solchem Fall mit einem Mädchen tut. Denn wir leben in einer großen Zeit. Das Mädchen versichert, er habe ihr wiederholt gesagt, er wolle sie heiraten. Als er im Frühjahr 1916 nach Krakau versetzt wurde, sei (so führte der Verteidiger aus) der Vater des Mädchens an ihn herangetreten und habe gesagt: „Heute wird. Verlobung gefeiert.“ Der Soldat, den die Sache sehr belustigte, machte alle jüdischrituellen Zeremonien mit. Als er dann in Krakau war, wurde er eines Tages telegraphisch nach Petrikau berufen und erfuhr zu seinem Erstaunen, daß das Mädchen Mutter werden sollte. Nun beschworen ihn die Eltern, dem Mädchen die Schande nicht anzutun und sie mit nach Krakau zu nehmen. Der Vater habe wieder gesagt: „Heute wird Hochzeit gemacht ..." — und mach- -jüdischem“ Ritus« mit- Ringv.iechseb und hebräischer Trauformei, wurde geheiratet. In Krakau hat die Jüdin einen Knaben geboren, der aber gleich starb. „Da die Eltern meiner sogenannten Frau mir nur sehr wenig Geld schickten, schickte ich die Rosa, die ich nie für meine Frau gehalten und der ich nie ein Eheversprechen gegeben hatte, zu ihren Eltern zurück.“ So sagte vor Gericht der Krieger. Der geireite Ehemann war nun wegen Verführung unter Zusage der Ehe angeklagt. Bei der Verhandlung äußerte er (ein Zeitungsbericht bemerkt: „in seinem flotten Wienertum“ . . .) ganz unumwunden: „Ich hab' die ganze Sache als eine Hetz1 aiifgefaßt!“ Er leugnet, daß er sich als Jude ausgegeben hat Zu der Verlobung und Heiratskomödie hat er nur zugestimmt, um die Leute in Petrikau zu täuschen, und nach Krakau hat er das Mädel mitgenommen, weil sie ihn „derbarmt“ hat. Das Mädchen sagte aus, sie könne unter Eid angeben, daß der Angeklagte, von dem sie nach seinen Reden geschlossen habe, daß er ein Jude sei, und der nie gesagt habe, er sei ein Christ, erst bis sie in die Hoffnung gekommen war, ihr stets die Ehe' versprochen habe. Es sei unwahr, daß sie ihn als Juden bei den Eltern eingeführt habe und ihn iörmlich abgerichtet habe. Er habe so getan, wie wenn er die Bräuche aus der Familie daheim kennen würde. Er habe sogar einen Zettel vorgewiesen, wonach er Jude war. Nach vferwöchentlicher Bekanntschaft habe er ihr die Ehe versprochen und ihr stets gesagt: „Rosa, ich heirate dich, wenn ich erst vierundzwanzig Jahre bin!“ Aus allen Zeugenaussagen geht hervor, daß der Angeklagte das Mädchen überall als seine Frau ausgegeben hat. Auch seine Briefe an die Petrikauer jüdischen Schwiegereltern sind „liebe Eltern“ überschrieben. Das Gericht erkannte den Angeklagten der „Verführung unter Zusage der Ehe“ schuldig und verurteilte ihn zu vierzehn Tagen strengem Garnisonsarrest. Daß auf die Judenmädeln im östlichen Kriegsgebiet der blaue Rock oft starken Eindruck macht, ist eine traurige Tatsache. Es ist auch keineswegs neu, daß ein Judenmädel aus der Enge des Elternhauses herausstrebt, daß ihr gerade der Gegensatz sehr verführerisch erscheint. Die Liebe einer Jüdin zu einem Christen ist ein alter dramatischer Stoff, seit Jessica bis zu den Volksstücken von Goldfaden und Gordin und Nathansens „Hinter Mauern". Aber Shylock tobt zum Himmel über Jessicas Verrat und sein altes Vaterherz bricht vor Schmerz. Der moderne Shylock ist eine weniger tragische und nicht einmal sentimentale Figur: er läßt sich gerne täuschen, er drückt wohl auch ein Auge zu über den Lebenswandel seiner Tochter und dann sucht er Frömmigkeit und Schlauheit zu vereinen und Uie Sache wieder einzurenken: „Es wird Hochzeit gemacht . . .“ Ja, wir müssen es ohne Scheu aussprecnen, daß die Hauptschuld an der Katastrophe, die über die jüdische Ehre hereingebrochen ist, die Eltern der Mädchen tragen, die nicht nur nicht genügend wachsam sind, sondern, auch das kommt leider vor. dem Verhalten der Mädchen zu den Soldaten beinahe Vorschub leisten. Daß so etwas bei uns möglich war, die wir uns (mit Recht) auf die Reinheit des Familienlebens immer viel zu gute taten, ist ein erschreckender Spiegel der Entartung unseres Volkes. Es wäre ein falscher Nationalismus, der nicht solchen Erscheinungen und Zuständen im eigenen Volke seine Aufmerksamkeit zuwendete. Fälle, wie der jetzt im Gerichtssaal vorgeführte, sind in diesen 4 Jahren großer Zeit in unzähligen Variationen vorgekoinmen. Die Schuld trifft sicher vor allem die gewissenlosen Verführer, die sielt aus den heiligsten Gütern des jüdischen Volkes und der jüdischen Familie „eine Hetz“ machen. Aber auf sie erstreckt sicii unsere Macht nicht; sie können wir nur anklagen. und das tun wir feierlich und laut vor aller Welt. Aber über die Menschen unseres Volkes müssen wir in ganz anderer Weise Gewalt bekommen. So lange es jüdische Mädchen gibt, die einem Wiener Fleischet gesellen in Soldatenbluse nachlaufen, so lange es Eltern gibt, die ihre Tochter an diesen Freier verkuppeln wollen, ist eine fressende Wunde an unserem Volkskörper, die wir heilen müssen. Wir müssen in diese dunkeln Häuser Bildung und Aufklärung tragen. Aufklärung nicht im odiosen maskilischeu Sinn, sondern itn Sinne einer Erziehung zu wahrhaft jüdischen Lebens-' idealen. Es ist eine Pflicht der national gesinnten Menschen, ins Volk zu gehen und es vor sich selbst zu schützen. Wir dürfen uns auch nicht verhehlen, daß die gegenwärtigen Lebensverhältnisse, die Beziehungen der Geschlechter zu einander, . das-' divergierende Erziehungsziel der beiden Geschlechter eine ganz ungesunde Grundlage bilden, auf der solche Giftpflanzen der Erotik wuchern, wie sie immer wieder zu tage treten. Wir müssen Sorge tragen, daß die Erziehung der beiden Geschlechter harmonisch vor sich gehe, daß sie für einander, für gemeinsames Leben, für gemeinsame, tief empfundene jüdische Lebensziele erzogen werden. Diese dringende Aufgabe zu erkennen mag für uns die Frucht dieses Prozesses sein, und um ihretwillen haben wir von ihm gesprochen. Denn die Verfolgung der Schuldigen ist tuis wenig Gewinn. Aber als charakteristisch muß doch angemerkt werden: Der Mann, der der Anklage gemäß schuldig gesprochen wurde, erhielt-ganze vierzehn. Tage Arrest. Ein Dieb, der aus Hunger und Elend einen kleinen Diebstahl ausgeiührt, hätte strengere Straie bekommen. Dieser Mann aber hat mit einem lebendigen Menschen gespielt, er hat es „ais Hetz auigeiaßt“. diesen Menschen bewußt (denn er dachte ja nicht wirklich an eine Heirat) zu Grunde zu richten: er hat die heiligem Gebräuche der Juden entweiht, aus den Ehezeremonien, bei denen Gott angerufen wird, eine lächerliche Komödie für seine 'Belustigung gemacht; er hat die ganze Familie bewußt getäuscht und sich als Jude ralschgemeldet (es ist bekannt, daß die Soldaten im Osten bei ihrem Verkehr in jüdischen Häusern jüdische Redewendungen und Bräuche schnell lernen und dann gern nachsagen); er hat gelogen, sein Wort gebrochen, ein Mädchen verführt . . . aber es war eine Hetz und steht, wahrhaftig, für die lumpigen 14 Tage. Schade nur, daß ihm die Eltern des Mädchens „zu wenig Geld“ gesandt haben. Sonst hätte sich am Ende das Abenteuer noch ausgezahlt. Wir leben in einer gut eingerichteten Weit und in einer großen Zeit. Der „Verein Ungarische Juden“ fordert Grenzsperre Das ungarische Judentum erireut sich keiner großen Sympathien bei der Judenheit der Welt. Hat es sich doch seit einigen Jahrzehnten aus der Gemeinschaft der Weltjudenheit herausgerissen um unberührt zu bleiben von all den Hoffnungen und Bestrebungen, die die Weltjudenheit bewegen. Die traurigen Folgen sind auch auf den ersten Blick zu merken. Es gibt kein Land in West- und Mitteleuropa, dessen Judenheit im Verhältnisse so arm an jüdischer Kultur wäre' wie Ungarn. Von der Gleichgültigkeit gegen alles Jüdische, die hier alle Teile der Judenheit beherrscht, von der Würdelosigkeit und dem Mangel an jüdischem Selbstbewußtsein, die das hiesige Judentum charakterisiert, kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der hier lebt und die Dinge mit