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Jüdische Zeitung · 1918-06-28 · 26 (28.6.1918) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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- Q6 JÜDISCHE ZEITUNG oeite ö Diese Thesen waren in den Kreisen der Kölner Bene Brith-Loge bekannt geworden und entfesselten dort einen Sturm der Entrüstung. Die Aufregung wurde dadurch gesteigert, daß zu gleicher Zeit der Plan des Kongresses in München auffauchte und man von der Verbreitung der national-jüdischen Idee eine gewaltige Steigerung der Judenfeindschaft fürchtete. So entschloß man sich, denn, den Logenfreunden in München die Gefahr der neuen Bewegung aufs eindringlichste vorzustellen und sie zu bitten, alle Mittel anzuwenden, um das Zustandekommen des Kongresses. in München zu verhindern. Von welchem Erfolg diese Bemühungen begleitet waren, ist bekannt und durch den Briefwechsel Herzl's mit dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in München genügend belegt. Die Heftigkeit der Gegenbewegung, die Entrüstung in den Logenkreisen über den nationalen und politischen Charakter der zu Tage tretenden neuen Weltanschauung blieb besonders, auf Hildesheimer nicht ohne Einfluß. Er war mit den in die Agitation verwickelten Logenkreisen aufs innigste verbunden. Ihre Bedeutung für das jüdische Leben Deutschlands war nicht zu unterschätzen. Sie beherrschten die Gemeindestuben. Auf ihnen beruhte zum Teil die Existenz von Wohltätigkeitsanstalten. Sie waren der gesellige Mittelpunkt des wohlhabenden Bürgerstandes. Ihre Führer hatten auch Einfluß auf die Behörden, den sic honten im Interesse der unterdrückten Juden des Auslandes geltend machen zu können. Ohne die Teilnahme dieser Kreise, erst recht gegen ihren entschiedenen Widerstand war in Deutschland für die neue Sache nichts zu hoffen. Darum trennte sich Hildesheimer von Herzl. Er veranlaßte zunächst Bambus zu einer öffentlichen Gegenerklärung und suchte dann Herzl zu einer Einschränkung des Kongreßprogrammes zu bestimmen. Als Herzl entrüstet ablehnte, erfolgte seine förmliche Absage. Zwei Briefe, die Herzl damals an mich richtete und die noch nicht bekannt sind, verbreiten über diese Vorgänge einiges Licht Gleichzeitig geben sie einen Schlüssel, wie 'die Leitung der deutschen Zionisten nach Köln kam. Eine Veröffentlichung dürfte daher in geschichtlichem Interesse liegen. Sie lauten: Wien, den 24. April 1897. Verehrter Freund! Beifolgende Briefe sende ich Ihnen zur Ansicht und Entrüstung. Bitte mir sie sofort zurückzuschicken. Das wäre ein Dementi meiner mit Wissen der Herren versandten Voranzeige, und ich ließe es mir absolut nicht gefallen, in einem verbindlichen Briefe lege ich heute B. nahe, diese Erklärung zu revocieren. Tut er es, so komme ich Donnerstag, 29. April, nach Prag und würde mich sehr freuen, auch Sie dort zu sehen. Tut er es nicht, so wird er einfach vom Kongreß abgesondert. Der Kongreß wird unbedingt stattfinden, trotz der perfidesten Intriguen, die von Paris ausgehen. Ziehen sich die Berliner zurück, so ist einfach Köln der Hauptort des deutschen Zionismus. Zum Wanken bringt man mich nicht und wie auf mich selbst baue ich auf die treuen Juden von Köln. Was über London geschrieben wird, ist falsch. Wenn ich wollte, könnte ich die „Choveve- Zion“ sprengen. Wir haben . in den „Zelten“ 700 Anhänger, die durch Dick und Diinn mitgehen. Ich bin aber überall „pour les bons procedes-en attendant les autres“. Durch Wolfsohn, den ich morgen hier erwarte, erhalten Sie viele nicht aufschreibbare Mitteilungen. Mit herzlichem Zionsgruß ' Ihr ergebener Dr. Herzl. Wien, den 11. Mai 1897. Verehrter Freund! Was sagen Sie zu dem Hildersheimer'schen Streich? Ich lege Ihnen hier eine Copie der Antwort bei, die ich ihm gab, und erbitte die Copie zurück. Sie können sich denken, mit welcher Bitterkeit mich das Benehmen dieser Herren erfüllt. Sie haben für mich zu existieren aufgehört. Der Kongreß ist natürlich durch diese in so rüder Form erfolgte Absage nicht geschwächt. „Rien n‘est change. il n‘v a que Mrs. Hildesheimer et Bambus, en moins.“ Sie aber, verehrter Freund, bitte ich nunmehr die Organisation des deutschen Zionismus von Köln aus energisch in die Hand zu nehmen. Für alle meine Freunde in den verschiedenen Ländern wird es von nun ab nur noch eine maßgebende Stelle geben, von der aus der deutsche Zionismus geleitet wird, und das sind Sie in Köln. Wir beraten jetzt hier die Tagesordnung des Kongresses. Den Entwurf dieser Tagesordnung lasse ich Ihnen zur Begutachtung zugehen, sobald er fertig ist. Ihrem Wunsche ddo. 11. April wird Rechnung getragen und Sie erhalten das Referat über Organisationsfragen. Wollen Sie nicht Hildesheimers Absage von Köln aus mit irgend einer Kundgebung beantworten? Ich bitte Sie um eine Anzahl Exemplare ihrer „Kölner Thesen“. Die überschlauen Berliner Herren haben sich, glaube ich, verrechnet, als sie aus Opportunismus uns mit dem Kongresse im Stiche ließen. Die Kongreßbewegung wächst. Gegenwärtig lasse ich stark in Rußland arbeiten. Können Sie dazu beitragen? Zu welchen einflußreichen Zionisten haben Sie nähere Beziehungen? Mit herzlichem Zionsgruß Ihr ergebener D'r. Herzl. Von da ab war es entschieden, daß der Kongreßzionisinus in Deutschland von Köln aus geleitet wurde. Von dem äußersten Westen des Reiches, obwohl Berlin von Anfang an der natürl!che Mittelpunkt hierfür gewesen wäre. Der Zwiespalt zwischen der Richtung Hildesheimer- Bambus und Herzl, zwischen Chowewi-Zion und dem Baseler Programm wirkte noch jahrelang in Berlin nach. Erst allmählich festigte sich dort die Organisation des politischen Zionismus. Es dauerte aber noch über 10 Jahre, bis die Umstände es gestatteten, daß Berlin die Führung des deutschen Zionismus übernahm. Die Bewegung war innerlich und äußerlich erstarkt und Berlin hatte sich organisatorisch so bewährt, daß ihm die Führerschaft in Deutschland wie eine reife Frucht in den Schoß fallen mußte. Die Jahre, die dann folgten, zeigten die Kraft und Zielsicherheit der Berliner Führung, so daß der Boden auch iür_ die Uebernahme der Leitung der Weltorganisation vorbereitet war, als Wolfsohn von der politischen Bühne zurücktrat. Herzl hat bekanntlich den Zwiespalt mit Hildesheimer bald überwunden. Schwere Kämpfe umtobten ihn. Wichtige Aufgaben bedeutsamer Art erfüllten ihn'und wenn später auf diese Vorgänge die Rede kam, umspielte ein feines, ironisches, überlegenes Lächel’.i seinen Mund. Er hatte dann iür das Lampeniieber der Berliner Chowcwe-Zion einen sehr bezeichnenden Ausdruck. Der Kongieß von Basel war die siegreiche Antwort auf die hasenfüssige Angst der Schwächlinge. Es erforderte aber einen ganzen Mann, einen Helden von Mut und Willenskraft,, wie Herzl. um den Zionismus durch all diese Schwierigkeiten auf die Tribüne des Weltgeschehens,zu führen. Darum neune auch ich diese Zeit des Zionismus „seine heroische Epoche“. Herzls Königsgedanken ln der Herzl-Nummer der „Welt“ vom 3. Juli 191-5 nat Leon Kellner Notizen veröffentlicht, die Herzl gemacht hat, als er die Berufung zum Führer des jüdischen Volkes empiangen hatte. Biese kurzen Notizen, „tiniälle zum Judenstaat“, sind weniger beachtet worden, weil kurz nach ihrer Veröffentlichung der Krieg hereinbrach. Es ist daher vielleicht angebracht, die Aufmerksamkeit nochmals auf diese kostbaren Aeußerungen zu lenken, die die Größe und den vollendeten Adel des Herzischen Geistes so deutlich offenbaren. Herzl fühlte sich in den Wochen des Rausches, als die Idee des Judenstaates ihn erfaßte, völlig als König im edelsten Sinn des Wortes. Das „1 c h“ dieser Aussprüche ist charakteristisch und verblüffend zugleich. So kann nur ein Mensch sprechen, der mit übermächtiger Gewalt von der Idee gepackt ist, der den Befehl der Stimme aus dem Dornbusch als persönlichste Sendung mitgenommen hat. Die Gedanken Herzls zeigen auch, mit welch übersirömender Menschlichkeit er das Judenproblem gesehen hat. Vom ersten Augenblick an wußte er, daß der Neuaufbau des jüdischen Volkes vor allem ein N e u a u i b a u der m cnsc hliehen und sozialen L e b e n s g r u n d- I a g e n sein muß. Er sah damals schon, daß ein nationaler Auibau ohne die entscheidende Berücksichtigung menschlicher und sozialer Gesichtspunkte nicht erstrebenswert ist, und daß andererseits das Material zur Verwirklichung sozialer Ideen einzig und allein ein V o l k, das eigene Volk sein könne. So waren bei ihm nationale und soziale Erneuerung zu einer unlöslichen Einheit verschmolzen. „Ich will aber ein glückliches Volk habe n.“ Ein glückliches Volk! — Die ganze Jugend, so wußte Herzl, wird „von unklaren sozialistischen Richtungen ab und mir (!) zufallen." Herzl hat wahr gesehen. Die ganze ideal gerichtete jüdische Jugend wird ihm Zufällen. Wir geben im folgenden einzelne dieser Tagebuch-Notizen, nach der „Welt“ wieder. (Die Sperrungen sind von uns vorgeiiointnen. Red. „J. Z.") Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo uns auch die bisher unveröffentlichten Tagebücher, Notizen und Briete Herzls gegeben werden. Herzls Notizen zum Judenstaat. 5. VI. A r b e i t s z e n t r a 1 e. Da wird über Skadenzen der Arbeit so Bticit geführt, wie in Banken über Wechselskadenzen. Ein Großackerbauer teiegrai hiert: Bitte morgen 1000 Arbeiter (gehen militärisch mit Zug ab): ein Schneider braucht Gehilfen: ein Schusterbub sucht Lehre: Alles, das Größte wie das Kleinste, lauft da zusammen: Reservoir der Arbeit. Sekretär Goldschmidt. So wieder ein Anregungsamt für Kapitalien. Geld wird dort und dort gebraucht. Dort gibts keine Zuckerfabrik. ■ Dort gibts Petroleum. Und in diesem Amt laufen die Anträge der Geldsucher wie der Unternehmungslustigen zusammen. Vielleicht Form einer amtlichen Publikation. üebera 11 dem Wucher vorbeugen. * W e h e den Schwindlern, die sich an der Juden Sache bereichern wollen. Wir werden für sie härteste Ehrenstrafen. Verlust aller politischen und Aufenthaltsrechte einführen. Sie zu incapaces der Immobilienerwerbung machen. hoffen, irgend etwas einfach übernehmen zu können. Unsere Bedingungen, unsere Ziele sind andere als bei den übrigen Völkern. Aber t dies entbindet , uns keineswegs von der Notwendigkeit, gründlich zu eriassen, was bisher versucht und gefunden wurde. Nur müssen wir unsererseits sichten und prüfen — im tiefen und ernsten Sinn des Wortes, der ein anderer ist als vorschnelles Entscheiden, Ablehnen oder Annehmen. Gerade weil wir unter besonderen Konstellationen arbeiten, tut uns genaue Kenntnis der scheinbar abgelegensten not. Denn eher dort finden wir, was wir brauchen, als hier in unserer Nähe. Und vor allem die Erziehungsfragen fachmännisch behandeln heißt kritisch sein. Der kritische Mensch ist vor blinder Uebernahme des Unpassenden ebenso gesichert wie vor der des Unrichtigen. Mit dem gesunden Menschenverstand die pädagogischen Dinge betrachten, heißt aber unkritisch .sein. Und es besteht dann die Gefahr, vielmehr es ist gewiß, daß man ihr unterliegt, dem für uns Ungeeigneten und deman sich. Schlechten sich anzupassen. Denn wenn wir einfach tun und denken, was uns naheliegt, so werden wir in der Diaspora nicht aus dem jüdischen Erziehungsaberglauben schöpfen, in dem doch wenigstens ein Stück jüdischer Volksseele ver-r borgen läge, sondern aus dem unjüdischen der uns umgibt, in dem wir eingebettet sind, von dem wir so tief durchdrungen sind, daß wir ihn nicht allein nicht als Aberglauben, sondern auch nicht mehr als Fremden empfinden. Denn wir müssen die jüdischen Erziehungsfragen gründlich und kritisch, das heißt fachmännisch und wissenschaftlich erörtern. Sofern uns die Erneuerung unseres Volkes mehr ist als eine Phrase für Volksversammlungen. (Weitere Teile folgend Kleines Feuilleton Moses Mendelssohn über den politischen Zionismus. J. S. Fuchs veröffentlichte im „Jcwish World“ nachstehenden Brief Mendelssohns an „einen Mann von Stand“, aus welchem hervorgeht, daß der große Philosoph bereits vor 140 Jahren die Idee propagierte, welche heute die politischen Zionisten vertreten. „Obwohl“, so schreibt er, „meine Kenntnisse aui dem Gebiete der politischen Wissenschaften sehr armselig sind, gestehe ich mit Vergnügen, daß der Gedanke, Palästina durch das jüdische Volk zu neuem Leben zu erwecken, großartig und erhaben ist. Der Urheber und Verbreiter dieses Gedankens ist ein begeisterter und tapferer Kämpfer. Sein volles Vertrauen zu seinem Ideal und sein Glauben an dessen Verwirklichung haben ihm den Mut und die Kraft verliehen, den praktischen Teil des Palästinawerkes zu beginnen. Aber ich bin nur ein Mann der philosophischen und nicht der praktischen Arbeit, und es ist für mich schwer, mich mit all den großen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Ich will indessen gestehen, daß ich bei der Verwirklichung der Palästinaidee nicht äußeren Widerstand, sondern lediglich innere Hemmnisse befürchte, welche von der Eigenart unseres Volkes herrühren. Unser Volk ist zufolge der alten Bedrückungen einer unabhängigen Lebenskraft beraubt. Die natürliche Neigung aller Völker, in ihrem eigenen Lande unabhängig zu leben, fehlt meinen Brüdern gänzlich. Wir begnügen uns mit unserer intellektuellen Welt und auf Gott vertrauend ertragen wir mit Mut alle Schicksalsschläge, alle Verfolgung und Unterdrückung, ohne etwas zu unserer Befreiung zu unternehmen, ich bin im Zweifel, ob unser zerstreutes Volk seine Einigung wünscht und ohne Einigung aller Kinder unseres Volkes gibt diese herrliche Idee keine Hoffnung auf Verwirklichung. Jedenfalls ist das Palästinawerk ein unermeßlich großes, und es zu Ende zu führen, sind fürstliche Schätze und große Macht' erforderlich. Aber unser Volk ist nicht reich genug, und unsere wenigen Millionäre werden ihre Taschen nicht zum Besten ihres Volkes öffnen. M einer M e inung nach hat die Idee die beste Aussicht aui Erfolg zu einer Zeit, wenn die großen Mächte im Streite mit einander liegen und nicht zu einer Zeit, wo Ruhe und Frieden in der politischen Welt herrschen. Ich retourniere Euer Hochwohlgeboren alle mir übersandten Papiere und versichere, daß ich die Angelegenheit stets geheim halten werde. Berlin. 26. Juni 1770. Moses Mendelssohn.“ „Jerubbaal“ eine Zeitschrift der jüdischen Jugend Vor etwa acht Jahren entstand im Deutschen Reiche die Jugendbewegung. Sie ging von dem Gedanken aus. daß die jugendliche Eigenart eine ganz andere Behandlung und Pflege erfordere als die des herrschenden Erziehungssystems: man dürfe die Jugend nicht in schablonenhafte Schulordnungen zwängen, die den politischen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der erwachsenen Gesellschaft entsprungen und dem besonderen jugendlichen Wesen nicht angemessen sind. Dadurch sei die volle Entfaltung der Kräfte gehemmt und viel Wertvolles gehe der Allgemeinheit verloren. Hier in Wien trat die Bewegung im Winter 1913/14 in die Oefientlichkeit. Ihr Führer war stud. phil. Siegfried B e r n f e 1 d, ihr Organ die „grüne“ Zeitschrift „Der Anfang“. Die Anhängerschaft bestand fast ausschließlich aus J u den. eine Tatsache, die wir bekanntlich in den letzten Jahrzehnten wiederholt beim Auffauchen neuer Strömungen im geistigen Leben beobachten

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