Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 Bis jetzt sind im modernen Leben zwei Mächte für den Gang des politischen Getriebes bestimmend: die Diplomatie und die Vertretung der Volksmajoritäten. Und darum sieht man keinen Ausweg aus dem Chaos des Augenblicks, weil beide Mächte weder einzeln noch im Kampfe gegeneinander imstande zu sein scheinen, eine neue Ordnung zu begründen. Dem gegenüber sehen wir in der Herzlichen Politik wieder einmal jenen großen Zug, daß auf eine andere Art wieder der Mensch zum Träger der Politik wurde. Gewiß scheint dies weniger an der Linie der Entwicklung als an der großen Art des Menschen selbst zu liegen und so sehen wir auch auf poliitscliem Gebiete, wie immer große Naturen, den Ring der „mechanischen“ Entwicklung sprengen und auch dem politischen Geschehen ihreii Stempel aufprägen. Bei Herzl scheint doch noch etwas Anderes Vorzuliegen. Abgesehen von seiner überwältigenden, selbst faszinierenden Persönlichkeit. lag in Stil und Motiv seiner Politik dieses Mehr-Menschliche. Ehre und Mitleid — das waren die zwei großen Grundmotive seines zionistischen Lebenswerkes, das nach dem Stile religiöser Umwandlung seinem bisherigen Leben eine unerhört neue Wendung gab. Er hatte aus demselben nichts hinübergenommen als die politische Denkrichtung überhaupt und den lächelnden Ernst des Lebenspliilosophen, aus dem vor der Schwere der Aufgabe immer mehr das Lächeln schwand. Dieser neue jüdische Ehrbegriff aber, der zwar nicht von ihm stammte, durch ihn aber zu historischer Lebendigkeit erweckt wurde, bedeutete innerhalb des ganzen Judentums eine Aufrüttlung alles Verborgenen zur Offenheit, alles Verbogenen zur Geradheit, aller Passivität und Trägheit zur Entschlossenheit und aktivsten Kräfteanspannung. Indem er allerdings vom nationalen Leben der Völker seinen Ursprung nahm, zunächst nur äußeres Ziel und äußere Geltung verfolgte, setzte er das disziplinierende Moment der Weltoffenheit in das jüdische Leben ein. Die äußere und die innere Gestalt des jüdischen Volksorganismus sollten nicht mehr in der Entzweiung einander schädigen, sondern in harmonischer Ergänzung neue Kraftquellen rege machen. Die nationale Eigentat des jüdischen Volkes sollte diesem erst .seinen wahren Platz in der Gemeinschaft der Völker erringen helfen. Es gibt zwei Gesichtspunkte und bis zu einem gewissen Grade auch zwei Arten des Nationalismus. Denn er kann den Blick verengen und trüben, wenn er das engere Volkserbe an die Stelle des universellen Gedankens setzt, oder gar wenn er die Ziele eigener Machttriebe der Umwelt aufdrängen will, oder er kann — und dies besonders bei unterdrückten oder im Banne der Verkennung stehenden Völkern — im nationalen Kreise den universellen Gedanken in greifbarere, konkretere Formen ausprägen und die Wirksamkeit der Nation geradezu ins Allgemeine erweitern wollen. Mag immerhin die zionistische Partei sich in ersterer Beziehung nicht immer von äußerlicher Uebertreibung freigehalten haben, mag auch dem Führer selbst die Ausschaltung eines geistigen Prinzips und der Mangel der unmittelbaren Berührung mit dem historischen Judentum die richtige Einstellung.im zweiten Sinne etwas erschwert haben — so lag doch in dem wunderbaren •Wißen dieses Mannes, über aller Einzelheit erhaben, Nationalismus und Humanität auf eine seltene Weise vereinigt. Und dieser Einheit tieferer Grund lag in dem anderen Grundmotiv seines Nationalismus: seinem überquellend heißen sozialen Empfinden. Wo heute die Triebfeder des sozialen Mitleids zu äußerer Wirklichkeit wird, geschieht dies entweder in der Form philanthropischer oder sozialpolitischer Betätigung. Hier .wie dort erfährt die Wirkung des Grundmotivs auf dem Wege der Verwirkn'cnung nur zu oit eine Verdünnung oder eine Erstarrung inres Wesens. Herzl schuf weder em pmtantropiscnes noch ein soziales Werk im engeren omne des Wortes, aber in der inneren warme seines „Weges zum Volke“, in der Weite seines Biickfelacs, vermöge deren er den weitesten Rahmen des Volkslebens, den politischen, zuerst im nienscnheithch-menschlichen Sinne revolutionieren wollte, in seinem grenzenlosen nationalen Idealismus, vermöge dessen er das neue nationale Werk niemals anders als eine Forderung. und auch als eine Neuschöpfung sozialer Uerecntigkeit ansah, lag eine so sehr vom Mechanischen losgelöste Unmittelbarkeit sozialen Wirkens — und-dies, trotzdem die Parteiform, die er schuf, vieles rein Mechanische mit sich brachte — daß diese in ihrer persönlichen Ausprägung eine weit engere Verbindung des Sozialen und des Politischen, als es die „Sozialpolitik“ ist, verbürgte. Als Herzl bei unvollendetem äußerem Werke dahinging, hatte sich durch ihn ein mächtiges moralisches Werk vollzogen. Das jüdische Volk, über dessen Existenz man eben noch diskutiert hatte, war bis in seine letzten Lebenstiefen und bis in seine fernsten W'inkel durch ihn aufgerüttelt. An dem seiner Art entgegengesetzten Pole der Judenheit, bei den Volksmassen Polens und Rußlands, waren durch ihn zwei mächtige Instinkte nationalen Lebens bis zu einer seltsamen Höhe wachgeworden: Verehrung und Vertrauen. Als Herzl nach Palästina kam, ging unter den Arabern ein dunkles Gerücht um, daß der „König der Juden“ gekommen sei. Für diejenigen, welche die sein Lebenswerk von Grund auf gestaltenden Motive sahen, rückt jener mystische Glanz, der so weit reichte, in die Tageshelle des unmittelbaren, in die Gegenwart fortreichenden Lebens. Vor dem ersten Kongreß Von Justizrat Dr. N. J. Bodenheimer, Köln. Man hat die Zeit Herzls „die heroische Epoche des Zionismus“ genannt. Mit Recht! Wenn auch diese Zeit nicht mit kriegerischen Heldentaten erfüllt war, erforderte sie von den Be-: kennern der neuen Bewegung nicht weniger Mut und Charakterstärke. Die Kämpfe, -die der Zionismus heute zu bestehen hat, geben davon nur einen schwachen Begriff. Die Gegner .waren aufs äußerste gereizt und wuterfüllt. Sie fürchteten, der Zionismus störe eine gesunde Entwicklung des Judentums zur politischen und gesellschaftlichen Freiheit und sahen nicht, daß der Weg statt zum Frieden für das jüdische Volk, auf einen Friedhof führte. Man kämpfte gegen die zionistischen Führer 'mit erlaubten“' und unerlaubten Mitteln. Statt der sachlichen Abwehr fiel man sie persönlich an, verdächtigteihre Ehre und ihren guten Glauben. Vor allem war Herzl diesem hinterlistigen Angriff ausgesetzt, nicht allein, weil er bald nach seinem Eintritt an die Spitze der Bewegung trat, sondern weil die suggestive Gewalt, seiner Persönlichkeit ihn bald "als die Verkörperung und den - Träger der Idee erscheinen ließ. Die Flut von Haß, Neid und Bosheit stieg turmhoch; aber sie berührte ihn nicht. Er war über das kleinliche Gezänk seiner Gegner weit erhaben. Was aber Herzl aufs tiefste erregte, waren die inneren Gegensätze, die Unstimmigkeiten'unter den Parteifreunden. Dies trat schon bei Beginn der Bewegung’ deutlich hervor, als Hirsch-Hildesheimer, der Führer der deutschen Chowewe-Zion-sich von der Sache des Kongresses trennte. Die Gruppe dieser Berliner Zionsfreunde war nach Ueberwindung einiger Bedenken bereit, Herzl zu unterstützen. In Berlin hatte dieserhalb eine Besprechung staftgefunden, an der außer mir Hildesheimer, Bambus und Wolffsohri teilnahmen. Bambus hatte schon früher eine Konferenz der Zionisten geplant. In Verbindung mit Baron Rothschild war auch die Gründung einer Kolonisationsbank für Palästina in die Wege geleitet worden. Es scheint nun, daß man eine Störung der letzteren Arbeit durch die Herzische Kongreßbewegung fürchtete. Herzl selbst war überzeugt, daß von Paris aus gegen ihn intriguiert werde. Er vermutete vor allem eine Hinterlist von Seiten des früheren Leiters der Rothschildschen Kolonien Scheid, von dem er glaubte, 'daß er sich auf Kosten der Kolonien bereichert habe, üb nun diese Einflüsse maßgebend waren oder die allmählich in Deutschland selbst entstehende Gegenbewegung, mag dahingestellt bleiben. Merkwürdig ist aber, daß der heftigste Vorstoß gegen den Plan des Zionisten-Kongresses in München von Köln aus erfolgte, das. durch den Gang der Ereignisse später zum Sitz der deutschen und dann der Weltorganisation der Zionisten erhoben wurde. Zu erklären ist diese Tatsache aber vielleicht durch den Umstand, daß in Köln eine sehr tätige Gruppe für den Kongreß arbeitete. Diese hatte schon einige Zeit vorher Thesen aufgestellt, die das Programm einer national-jüdischen Vereinigung bilden sollte und die folgendermaßen lautete: Thesen > der national-jüdischen Vereinigung Köln. I. Durch gemeinsame Abstammung und Geschichte verbunden, bilden die Juden aller Länder ehie nationale Gemeinschaft. Die Betätigung patriotischer Gesinnung und die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten seitens der Juden, insbesondere der deutschen Juden für ihr deutsches Vaterland, wird durch diese Ueberzeugung in keiner Weise beeinträchtigt. II. Die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden innerhalb der anderen Völker hat, wie die Geschichte zeigt, nicht genügt, um die soziale und kulturelle Zukunft des jüdischen Stammes zu sichern, daher kann die endgültige Lösung der Judenfrage nur in der Bildung eines jüdischen Staates bestehen; denn nur dieser ist in der Lage, die Juden ais solche völkerrechtlich zu vertreten und diejenigen Juden aufzunehmen, die in ihrem Heimatlande nicht bleiben können oder wollen. Der natürliche Mittelpunkt für diesen auf legalem Wege zu schaffenden'Staat ist der historisch geweihte Boden Palästinas. , III. Dieses Endziel muß sowohl durch die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins als durch zielbewußte praktische Tätigkeit vorbereitet werden. Als Mittel hierzu dienen: a) die Förderung der jüdischen Kolonien in Syrien und Palästina; b) die Pflege jüdischen Wissens und jüdischer Sitte (Literatur, Geschichte und hebräische Sprache); c) die Verbesserung der sozialen und kulturellen Läge der Juden. Wer sich zu diesen Thesen bekennt, ist für uns ein Zionist, mit dem wir zusammen arbeiten können. Die national-jüdische Vereinigung in Köln. ‘ I. A. Der Geschäftsführende Ausschuß: . Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer D. Wolffsohn Mor. Levy jr. «Jüdische Erziehungsfragen Von Dr. Siegfried Bernfeid. I. Einleitung. Der Narr in einem Shakespeareschen Stück macht sich erbötig nachzuweisen, daß das ärztliche Wissen in der Welt das verbreitetste sei und kommt, um seine Wette zu gewinnen, nächsten Tags mit arg verbundenem Gesicht zu Hofe — und jeder, gefragt oder nicht gefragt, weiß seinem Leiden ein unfehlbares Heilmittel. Der eine schwört auf kalte, jener auf warme Umschläge, dieser empfiehlt Kräutertee und jener Balsam oder Salbe. Wahrhaftig, nur die Pädagogik erfreut sich einer ähnlichen allgemein verbreiteten Wissenschaft Man muß nur irgend ein erzieherisches Problem nennen, und niemand ist, der nicht sofort, ohne Nachdenken, eine gesicherte Lösung zu sagen wüßte. Wenn es gälte, eine einfache Maschine zu richten, eine Pflanze zu pflegen, die Qualität eines Stoffes zu beurteilen, man würde den Fachmann holen — oder doch höchst unsicher sein — aber Kinder? Kinder, das ist’ etwas anderes. So meinen ohnehin alle;. und gar erst wer selbst ein Kind hat, oder in dessen Nähe eines aufwächst — der ist der vollendete Fachmann und weiß in allem Bescheid. Nun ist unbezweifelbar, daß es um die Pädagogik in vielen Dingen anders steht, als sonst bei den Wissenschaften. Sie ist keine Summe, kein System von Kenntnissen allein; sie ist auch nicht eine Kunst, die sich nach gewissen Regeln klar erlernen ließe; sie ist weniger als Kunst und Wissenschaft, und zugleich doch mehr. Sie ist Sache der Persönlichkeit, des Taktes, des angeborenen Vermögens, wie man sagt. Und darum läßt sich die Kompetenz in Erziehungsfragen nicht eigentlich „prüfen“; sie ist auch nicht direkt abhängig von bestimmten, genau anzugebenden Vorbedingungen. Niemand kann-wissen, ob er die sucht hat Niemanden ist die Fähigkeit abzusucht hatte. Niemanden ist die Fähigkeit abzustreiten, ehe er sich nicht mißbewährt hat. Aber klar ist eines: Es muß doch eine schwierige und nicht ganz selbstverständliche Fähigkeit sein, die Kompetenz in Erziehungsfragen, denn viele, sehr viele, die es versucht haben, erlitten zweifellosen Schiffbruch; und gar viele selbst unter den größten Erziehern, Pädagogen, Lehrern bewähren sich nicht; ob sie es wahr haben wollen, oder sich selbst darüber täuschen. Widerspruchsvoll wie die öffentliche Meinung ist, erkennt sie dies auch und spricht von dem Wert, von der Seltenheit des guten Erziehers, des tüchtigen theoretischen Fachmannes, indessen sie zugleich geneigt ist zu erklären, in dieser Frage hätte jeder gesunde menschliche Verstand Kompetenz genug. Aber dennoch, wer ernsthaft überlegt, und seine eigene Person ausschaltet, kommt zum Ergebnis: Ja, es ist bei den Kindern anders, als bei Pferden, Maschinen, Blumen, Stoffen: nämlich schwerer. Und diese Einstellung täte uns bitter not.- Zum Ueberdruß haben wir es gelesen, gehört, selbst gesagt, daß die Erziehung eine unserer wichtigsten, vielleicht schlechthin unsere wichtigste Angelegenheit ist. Von hier hängt vieles ab, wenn auch nicht alles; gewiß das bedeutendste Stück der Gestaltung jüdischer Zukunft. Das heißt: wenn unser Erziehungswesen gut, unsere Erzieher zulänglich, unsere Theorien richtig sind, so ist ein bedeutender Schritt für die glückliche und fruchtbare Zukunft des jüdischen Volkes getan. Wenn sie schlecht, gewissenlos, falsch sind, so i§t sie in wesentlichsten Belangen schwer gefährdet. Bei unseren Kindern ist es noch mehr anders, als bei denen anderer Nationen: noch schwerer, wichtiger, weittragender. Darum müssen wir sehen, das ernsteste Hindernis für eine gute Erziehung aus dem Weg zu räumen: das Darauflosreden, Nebenhindenken, das recht- und schlechtraten nach den Prinzipien, vielmehr der Prinzipienlosigkeit des gesunden Menschenverstandes. Das jüdische Volk ist pädagogisch krank. Wir müssen uns hüten Berater zu sein, wie jene Hofleute und Mittel anzugeben, die uns so nach unseren beschränkten Erfahrungen wirksam zu sein scheinen, die wir gewohnt sind, die uns in den Kram passen — dieser sei nun ein politischer oder ein moralischer. Es ist mit den Erziehungs- ' mittein wie mit den Medikamenten: es gibt keine absolut wirksamen. Aber ihre Grenzen und Möglichkeiten sind nur festzustellen durch Erprobung, durch gewissenhafte Untersuchung, durch wissenschaftliche Deutung der Ergebnisse, durch vorurteilslose Schlußfolgerung. Und es handelt sich bei ihnen um Massen-Mittel, so sind Massenerfahrungen nötig. Solche, die über den Gesichtskreis des Einzelnen, Laien, notwendigerweise hinausgehen müsse, er sei im Uebrigen der vortrefflichste Mensch. Die Geschichte der Pädagogik ist die Quelle für solche richtige Bewertung der Wirksamkeit gewisser Erziehungsmittel, aus ihr erkennen wir, was sich bewährt hat, was im tiefsten Grund versagt hat. Freilich nicht nur bei uns, sondern allenthalben ist die Erziehung, die Domäne abergläubischer- — man kann es nicht anders nennen — Vorstellungen, unerprobter Meinungen, unkontrollierten Für- Wahr-Haltens. Aber in den letzten Jahrzehnten sind in allen zivilisierten Ländern der Welt einzelne Männer und Kreise am Werke, dieses Chaos von Anschauungen zu sichten und zuprüfen. Und so viel noch fehlt, ehe man die Pädagogik auf eine Stufe gebracht haben wird, die etwa heute die Medizin innehat, in Bezug auf Voraussicht über die Wirksamkeit und die Folgen pädagogischer Mittel und Einrichtungen — manches ist erreicht, manches steht fest, scheint wahrscheinlich geworden Es ist unsere Aufgabe, von all dem Kenntnis - zu nehmen. Zwar dürfen wir nicht