Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1918-06-28 · 26 (28.6.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438675-2438700--5821-2445837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XU. Jahrgang. — Nr. 26 1 Nafional-jüdifches Organ Redaktion nnd Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ Wienj Freitag, den 28. Juni 1918 — 18. Thamus 5678 Bezugspreis: Vierteljährig 5 K ganzj. 20 K. Einzelnummer 49 h Postsparkassenkonto 133.404 pBC3BC=)BOEC3BC=>BC3B<=>flC3BC=>BCDBC=>BC3BC=>BC=>BC3BC3BC3BCDBCDBC=>B< 0 Zionistischer Zentral verein und Arbeitsgruppe Der jüdischen Studentenschaft. 0 0 m 0 0 B 0 B 0 B 0 Montag, 1. Juli, 7 Uhr abends im Großen Konzerthaussaale HERZL-GEDENKFEIER 0 B 0 LUDWIG BATO: Hebräische Ansprache FELIX SALTEN: Gedenkrede L1A ROSEN: Rezitationen Jüdischer Gesangsverein „Hakimor“ unter Leitung von Prof. ARTUR WOLF Solo: Oberkantor DON FUCHS Karten von 1-8K bei Kehlendorfer. I., KrugerslraUe. Löwit. Roieniurmslraße und im Zentralbureau, 11.. Zirkusgasse 33. 0 ■ £ o ■ 0 5 o m o o ® n 0jBC3BC=HC51CDBC3BOlCDaC3BCDBC3BC=>BOBC31 CDBC3BCDBOBCZ>BCDBCDBCDBCDBC3BC3aCDBCDBOBCDBCI>BCDBCZ)BCZ)aci Anläßlich des vierzehnten Todestages unseres Führers Dp. Theodor HerzS finden außer der großen Herzifeicr im ixonzerihaus Folgende Veranstallungen statt: Sonntag, den 30. Juni, um - 4i0 Uhr vormittags Gang zum HerzUGrabe — Treffpunkt: Hochschule für Bodenkultur (Endstat. der 40er Linie) Sonntag, den 30. Juni, um 7 Uhr abends Trauerand achten in folgenden Tempeln: 1. Bezirk: Stadtempel, Seitenstettengasse 4 2. , Zirkusgasse 22 (Türk. Tempel) 2. „ Pazmanitengasse 6 ».Kaiser Franz Josef-Huldigungstempel) 3. „ Untere Viaduklgasse 13 9. „ Müllnergasse 21 20 „ Kluckygasse 13 Ist Herzl tot? Eine Frage an die Jugend. Zum vierzehnten Male jährt sich der Tag. an dem Herzl gestorben ist. Schon 14 Jahre! Die Zeugen, dieses erschütternden Dramas glauben, daß erst vor kurzer Zeit die heißen Tamustage waren, an denen der Große seine Seele aushauchte und ein Millionenvolk in tiefe Trauer versetze. Mächtig und stark war der Eindruck, daß ihn die Jahre nicht verwischen konnten. Unauslöschliche Spuren hat er bei den Zeugen der Tragödie 'Zurückgelassen. Jahre vermögen es nicht. Jahrzehnte nicht, vielleicht auch nicht Jahrhunderte. Vierzehn Jahre schon! Was geschah nicht in diesen 14 Jahren. Zuerst waren es zehn ruhige Jahre, in denen sich die Weltgeschichte in ihrem normalen Laufe bewegte. Dann kam der Weltsturm. die Welttragödie, die Weltkatastrophe. Sie brach gerade in der Zeit des 10. Jahrestages los. Eine Welt geriet in Aufruhr. Die größte Erschütterung. ja das größte Erdbeben, das die Weltgeschichte kennt, hat vor vier Jahren begonnen, (lauert noch und ist lauge noch nicht zu Ende. Wir stehen vor der Frage: Ist heute Herzlbei dieser gewaltig veränderten Sachlage, bei der totalen Umwälzung der Verhältnisse, ist er für uns derselbe, ist er noch aktuell.- oder ist er schon eine historische Persönlichkeit, eine wertvolle Erinnerung. eine mächtige Reminiszenz? Ob Herzl aktuell ist? Mehr vielleicht denn ie. asiatische. seit dem chinesischjapanischen Kriege lind seit der gedankenvoll e n Anleihe. die s i c h daran geknüpft hat und der wir den provisorischen Frieden verdank e n. in dem wir lebe n '* ..Im künftigen Jahrhundert wird die Politik eine a s i a t i s c h e sein und der Friede, in dem wir leben, ist ein provisorische r.“ Das Eidbeben, das wir jetzt mitmachen, zeigt uns die vollständige Richtigkeit -der Anschauungen Herzls. Die Koloniaipoiitik. die asiatische Politik der Ententestaateii hat es liervorgerufen. Und wie die Stationen, die lausende Kilometer von dem Terrain der grollen Erschütterungen entfernt sind, das Erdbeben, das Häuser verwüstet und Menschenleben zerstört, anzcigcn, so funktionierte mit mathematischer (ieauigkeit. mit technischer Präzision der geniale Apparat in Herzls Instinkt, als er im Herbste 1896 von einem provisorischen 1 rieiien sprach. Sicher hat das Wort provisorisch, insofern es bei uen Zuhörern der Rede in Wien auigefallen ist, einen Eindruck der Ironie bei ihnen zurückgelassen. Derjenige, der das Wort sprach, bewies auch wahrscheinlich durch dieses Wort, daß er ein Phantast, ein Träumer ist. Uns bewies er. nachdem sich 18.Jahre später zeigte, daß der Frieden wirklich ein provisorischer, war. daß er ein genialer Staatsmann und ein weitblickender Denker war. Es wimmelt heute in Europa von Staatsmännern. Wo ist, frage ich. der Staatsmann, der so präzise und genau die jetzige Katastrophe Jahrzehnte früher prognostiziert hat? Herzl tat es. und nicht nur. daß er diese Kassandrarufe in die Welt schleuderte, er richtete auch nach ihnen seine Handlungen und Taten ein. Er ahnte nicht nur mit genialer Sicherheit, er wußte es. daß die große Erschütterung kommt und deswegen warf er alles hin, sein Geld, seine Gesundheit, seine Zeit, und widmete ein Jahrzehnt ausschließlich seinem Volke. Ja, wenn die Zuhörer der nicht nur 'Historischen. sondern so aktuellen Rede in der Union Herzl verstanden hätten, wenn sie sich seinen Giaubcn angeeignet hätten, da hätte man die jüdischen Miilionnkräite mobilisiert, für die Zeit der Not, die nach Jahrzehnten eintrat. Mit Ironie und Skeptizismus nahm man diese Worte hin und so stand er allein, und ein Abgrund klaffte zwischen ihm. der in seiner großen Seele die kommenden, keimenden Dinge deutlich sah und spürte. uvJ seinen Zuhörern. Der große Seher hat Recht behalten. nicht und werden ihn in Jahren, vielleicht in Jahrzehnten nicht haben. So verschwenderisch ist die Gottheit mit ihren erhabenen Kräften nicht, daß sie Herzls dutzendweise produzierte. Einmal erscheint er :n einer gottbegnadeten Periode. Dann verschwindet ei. Lud damit er aufs neue erscheint. müssen Generationen nicht nur apathisch, passiv, iniissig warten bis er kommt. Sie müssen sieh anstrcr.gen. ihre beten Leute opfern, ihre wertvollsten Kräite widmen, sie müssen sieli Herzls Ei scheinen erarbeiten. Wir. die Generation Herzl; richten m euch, an die Jugend, die in einer Naehherzisehen Periode entstanden ist, die dringende Mahnung: Laßt denjenigen, der seit 14 Jahren physisch tot ist. iaßt ihn zu euch sprechen. Bei Tag miJ bei Nacht, in Freud und in Leid, im Frieden und im Krieg, im Sommer und im Winter, in Ost und in West, zu Mann und zur Frau, ia laßt ihn sprechen. Bis in die Tiefen des Verstandes der Männer, des Herzens der Frauen, der Phantasie der Jünglinge und Jungfrauen, des Gemüts der Kinder dringe der Prophetenrut dieses Mannes, damit er w.e Posaunenschall ein vetträuintes, verseiilalenes. verschüttetes Volk zu neuem Leben erwecke. Lasset ihn sprechen, denn er ist nicht tot. sondern er lebt. Wie d i c Propheten leben, denn ihr donnerndes Wort 1 e n t. so lebt er. Wie die Helden leben, denn ihre wuchtigen Taten leben, so lebt er. Wie die Märtyrer leben, denn ihre b I n t e n - Uen Wunden leben, so lebt er. Herzl wird nur daun sterben, wenn sein Volk tot sein wird. So lange sein Volk leben wird, wird Herzl leben. Wien, im Thamus 5678. Adolf Stand. Herzische Politik Von Dr. Ernst Müller. Sehen heißt voraussehen, sagt ein deutscher Denker. Nach der Kraft des Voraussehens schät- zen wir die Staatsmänner ein. Je w’eiter ihr Blick, desto stärker ihr Talent. Einen Ausspruch Herzls will ich zitieren, um zu beweisen, welch prophetischen Blick er hatte, wie richtig er die Zukunft einschätzte, wie er das. was kommen muß. mit gesundem Instinkte herausspürte. In der Wiener Union sagt Herzl in einer Rede: „W as ist nun die Konsequenz der Verkehrsentwicklung? Die K o - 1 o n i a 1 p o 1 i t i k. Und wir sehen, daß in den Staaten, die an ihre Z'ukunft denken — iii allen geschieht es ja nicht — Kolonialpolitik getrieben wird. Im künftigen Jahrhundert nun wird man sich nach einem anderen Erdteil wenden, die Politik des Künftigen Jahrhunderts ist eine Ich fragte oben, ob Herzl aktuell ist. Er ist es als Seher, er wäre es in demselben Maße als Tatmensch, wenn er heute leben würde. Ja, wenn Herzl heute leben würde. Um wie vieles wären die Schrecken des Krieges gemildert! Mit voller Verantwortlichkeit wage ich den Satz. Sie wären gemildert, nicht nur für die Juden' allein, . vielleicht auch für die Menschheit. Ein Mann seines Wuchses, physisch und geistig überlebensgroß. mit weitem Blick, mit gewaltigem Horizonte. mit Apostelianatismus und Engelopferireudigkeit. nicht ruiiend und rastend, würde er und seine Aufgaben ins Grandiose wachsen, ins Unermeßliche seine Kräite. Als Führer würde er die besten Kräfte um sich scharen und aufmerksamer würde eine dankbare Welt auf ihn horchen, wie es vor 20 Jahren geschah, wo nur ein Kreis ihn verstand und eine böswillige Welt ihn bekämpfte. J a,. w e n n wir ihn hätten! Wie so mancher große Wunsch muß der mit einem Seufzer unterdrückt werden. Wir haben ihn heute lm verflossenen Jahre - wir machen ja auch bedeutsamere Gedenktage zu Marksteinen der Zeit — mochte die Erinnerung an den Politiker Herzl öfter und stärker auigelodert haben als in den vorangehenden Jahren. Schien es doch wie seines politischen Geistes Werk, als nach der bekannten Erklärung der englischen Regierung, der. wie im Wetteifer soviele Erklärungen und Kundgebungen von Staatsmännern aus beiden kämpfenden Mächtegruppen folgten, das zionistische Programm mit einem Male zu einer Art weltpolitischen Programmpunktes wurde. Grund genug iür uns selbst, des politischen Erbes Herzls nicht nur als einer Art historischen Besitzes froh zu sein, sondern tätig und kritisch seiner Wirklichkeit ins Auge zu blicken, seiner veraiitwortungsschweren Forderung uns ganz bewußt zu werden .... Heute aber ist es vor allem die Persönlichkeit unseres immer noch erst Hingst, verstorbenen Führers, deren gleichsam politische Seite aus dem gerundeten Gesarntcharakterbilde besonders hervortritt und auch in das Oewirre des Augenblicks. das um das Zentrum ..Politik“ in trüben Bahnen kreist, ein lichtvolleres Gegenbild und auch Vorbild hineinwirit. Heute, wo die europäische Politik im Weltkriege gewissermaßen den Gipfelpunkt ihrer Art und damit vielleicht auch ihren Untergang gefunden hat. lugt man ia liier und dort nach Lösungen aus. Getraut man sieh noch nicht, von einer Tat des Augenblicks eine Erlösung aus dem höllischen Chaos zu erwarten, so erhofft man doch aus dem Schoße einer neuen Zukunft, in einer von der Gegenwart ganz unabhängigen Weise, eine andere Art Politik zu iiihren oder vielleicht ein Mittel, von der Politik wegzuiiihren.!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.