Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6e 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 * Das nationale Recht, in einem „Die Judenfrage in Lithauen" überschriebenen Aufsatze schildert Herr M. Frischländer (Moment Nr. 124 v. 10 Juni 1. J.), die charakteristischen Merkmale der lithauiscben Juden, indem er sie quasi mustergebend den Juden in Polen vor Augen führt. In erster Reihe herrscht dort unter den. Juden, ungeachtet der .verschiedenen Parteischattierungen, geradezu imponierende Einigkeit, so es gilt, das allgemeine jüdische Wesen zu unterstreichen. Das Nationalgeiiilil ist bei den litbauischen Juden sehr stark eingeprägt. Durch intensive und zielbewußte Arbeit haben sic es verstanden, sogar während der schweren Kriegszeit, der neuen Macht gegenüber eine ausgeprägte Sonderstellung als jüdisches Volk sich zu verschaffen. Sie führen den Kampf um nationale Rechte mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie nur aus reinem Streben nach freier Existenz, fern und unbeeinflußt von irgendwelchen assimilatorischen Einflüssen, resultieren kann. Dabei entwickeln sie aber auch eine positive Tätigkeit auf kulturellem und ökonomischem Gebiete, trotzdem sie noch immer'minder günstige Vorbedingungen haben, als die Juden in Polen. - * Ein zionistisches Wochenblatt beginnt am 20. Juni in Wilna unter dem Titel: „Unser Ossi d“ (Unsere Zukunft) zu erscheinen. Es soll das Organ, der Zionisten Lithauens sein. * Feierliche Eröffnungssitzung der Gemeindeverwaltung in Minsk. Vor etwa 1000 geladenen Gästen eröffnete der Vorsitzende der Organisationskommission Gg. Berger mit einer sehr beifällig aufgenommenen jüdischen Ansprache die erste Sitzung der Minsker Gemeindeverwaltung. Ins Präsidium wurden von den Zionisten Berger, von der „Agudath Israel“ Pines und vom „Bund“ Herzig entsendet. * Eine jüdische Zeitung in Amerika verboten. Unter den SO in Amerika verbotenen Zeitungen befindet sich auch das jüd. Tagblatt „New-York“. Der jüd.-sozialistische „Vorwärts“ hat sich verpflichten müssen, über den Krieg nichts zu schreiben. *Der jüdische Nationalrat in Rußland. Die 70 Mitglieder des neu konstituierten jüd. Nationalrates setzen sich folgendermaßen zusammen: 2S Zionisten, 12 Mitglieder aus den orthodoxen Organisationen „Achdus“, „Nezach Isroel“ und Chofesch Umsora“; S Poale Zion, 8 aus der Volkspartei, 7 aus der „Vereinigten“ und 7 aus der Volksgruppe. Der „Bund“ hat keine Vertreter geschickt * Eine Armeezeitung für Syrien und Palästina.' Seit 19. Mai erscheint in Damaskus unter Leitung des Leutenants Nebel zweimal wöchentlich die „Armeezeitung Jildirim“, die es sich zur Aufgabe stellt, belehrende und unterhaltende Beiträge aus Syrien und Palästina, und-Nachrichten aus der Heimat zu bringen. Die erste vorliegende Nummer enthält unter anderem eine wertvolle Uebersicht über die Kämpfe an der Palästinafront. Sammler der Palästina-Literatur werden ihre Aufmerksamkeit dieser Zeitschrift zuwenden. —r—- * Anerkennung der jüdischen Sprache in Bessarabien. Unter dem Titel „Eine charakteristische Erscheinung“ glossiert der Warschauer Ratsmann S. Hirschhorn im „Moment“ die Nachricht, daß die autonome Regierung in Bessarabien angeordnet hat, daß in allen jüdischen Schulen die jüdische Unterrichtssprache einzuführen ist. Einige jüdische Assimilanten haben um die Bewilligung angesucht, in russischer Sprache unterrichten lassen zu dürfen, da es keine jüdischen Lehrbücher gibt: die Regierung jedoch besteht auf ihrer Verfügung und ist bereit, für das Schulwerk große Summen zur Verfügung zu stellen.; Diese Erscheinung bezeichnet Hirschhorn ebenso wie die Anerkennung der jüdischen Schulsprache in der Ukraine, wo aus Staatsmitteln jüdische Gymnasien gegründet wurden, als eine Folge der durch den Krieg geschaffenen Lage. Nach dem Zerfall des russischen zentralistischen Systems seien die kleinen Völker, die selber keine stark entwickelte Kultur haben, genötigt, die jüdische Nationalität allzuerkennen, nicht nur aiis dem von ihnen verkündeten Grundsatz der' Demokratie, sondern auch weil die Gefahr besteht, daß die Juden sonst ein Element großrussischer Kultur werden! Hirschhorn meint, daß ähnliche Bedingungen auch für Polen gelten, so daß auch dort die Forderung nach jüdischen Schulen sich durchsetzen werde. * Eia Zentral verband der jüdischen Kaufleute Polens. Der Warschauer jüdische kaufmännische Verein hat sich zur Aufgabe gesetzt, eine zentrale Organisation der kaufmännischen Vereine Polens zu schaffen. Das Statut ist bereits angenommen worden. Zweck der Organisation soll sein, den jüdischen Handel in Polen bei der Neugestaltung der ökonomischen und politischen Verhältnisse seine Stellung zu sichern und den Mitgliedern materielle und moralische Hilfe zu leisten. * Ein jüdischer Handwerkerkongreß soll in Warschau im August tagen. Die Vorarbeiten, die eine Spezialkommission .des Warschauer jüdischen zentralen Handwerkervereines besorgt, .sind bereits so weit gediehen, daß eine starke Beteiligung aus ganz Polen zu erwarten ist. * Israelitische Allianz. Der 45. Jahresbericht der Allianz, der soeben erschienen ist, enthält einen eingehenden Bericht über die vielseitige Hilfstätigkeit dieses Vereines. Der Bericht schildert die Aktionen in der Flüchtlingsfürsorge und für die notleidende Bevölkerung der okkupierten Gebiete und Galiziens. Für diese Zwecke hat die Allianz seit Beginn der Aktion K 11,300.000.— ausgegeben. Seit dem Kriege mit Amerika konnten amerikanische Hilfsgelder nur mehr für Russjsch- Polen erlangt werden. Der Bericht erwähnt 'weiters die gemeinsame Hilfsaktion für die Evakuier- | Kriegsanleihe Die Kriegsanleihe-Versicherung kann nach vier verschiedenen Kombinationen ohne ärztliche Untersuchung bis K 5000.— abgeschlossen werden. Bedienen Sie sich des der heutigen Auflage beiliegenden 'Antrages, füllen Sie ihn in allen Rubriken genau aus und senden ihn an die Geschäftsstelle „fler Mer“ Wien II., Zirkusgasse 33 o e teil in Palästina, weiche jetzt fortgeführt wird, und die Bemühungen für die bürgerliche und politische Gleichstellung .der Juden in Rumänien, die allerdings keinen Erfolg hatten: Hierüber wir * tikel in der „Neuen Züricher Zeitung“ zitiert, in dem es heißt: „Es kann auf Grund bestimmter Informationen schon jetzt versichert werden, daß die Wcstmächte in ihrer Gesamtheit die rumänische Judenfrage nach wie vor als ungelöst betrachten, und die erste Gelegenheit ergreifen werden, um ihren Standpunkt in dieser Hinsicht durchzusetzen.“ Der Bericht findet es vom österreichischen patriotischen Standpunkt für unzulässig, daß die Verböserung des Loses der rumänischen Juden von einer späteren Ingerenz der Entente erwartet werden muß. Weiters erwähnt der Bericht die Exzesse gegen die Juden in Galizien, vor allem die Pogrome in Krakau und Wieliczka, und gibt schließlich eine Uebersicht über Vereinsvermögen und Gebarung. * Zionistische Farmer. Im „Isr. Wochenblatt f. d. Schweiz“ empfiehlt Herr Dr. M. Einhorn die Gründung von zionistischen Farmen in der Schweiz zur landwirtschaftlichen Ausbildung von Arbeitern und Farmern für Palästina. — Der Vorschlag verdient auch anderwärts' in ernste Erwägung gezogen zu werden. Die gemeinsame Hilfsaktion für Palästina Infolge der schweren Notlage, in der sich die Juden im nördlichen Teile Palästinas befinden.- muß die vor einigen Jahren anläßlich der Evakuierung Jaffas begonnene Sammlung nunmehr mit aller Intensität wieder aufgenommen werden. Wie aus Damaskus und Konstantinopel von den verwaltenden Hilfskomitees gemeldet wird, erheischt die Situation eine schleunige Hilfe durch Ueberweisung großer Geldbeträge. Die palästinensischen Juden selbst haben die Hilfstätigkeit musterhaft organisiert und haben ein unvergleichliches Beispie' von Solidarität und brüderlicher Gesinnung gegeben: Sie haben mit den obdachlosen Flüchtlingen alles geteilt und haben unter großen persönlichen Opfern die Vertriebenen bei sich aufgenommen. Die Verhältnisse wurden jedoch immer unerträglicher und die Krise hat infolge der Unerschwinglichkeit der Lebensmittel.- infolge der Requisitionen und der Kriegsverhältnisse vor der Ernte den Höhepunkt erreicht. Es muß dafür gesorgt werden, daß wenigstens bei der neuen Ernte sofort ausreichende Vorräte sichergestellt werden, um eine ähnliche Krise in absehbarer Zeit zu vermeiden. In dem von den Engländern okkupierten Teil Palästinas haben die englischen und amerikanischen Juden ein großzügiges Hilfswerk eingeleitet. Es wurden dort nicht nur Hilfsgelder und Lebensmittel verteilt, sondern auch grundlegende Institutionen verwaltungstechnischer Natur geschaffen. Nach zuverlässigen Berichten ist die Lage in diesem Teil wesentlich günstiger. Die Juden Nordpalästinas, unter denen sich der größte Teil der Evakuierten befindet, sind auf die Hilfe der deutschen und österreichischen Juden angewiesen. Es fehlt nicht nur an Nahrungsmitteln, sondern auch an Sanitätsmaterial. Die Spitäler und Waisenhäuser sind überfüllt und für. die große Zahl der Kriegswaisen kann keine Versorgung geschaffen werden. Es ist eine Pflicht der Judenschaft, sich dieser Verlassenen anzunehmen. Die österreichische Judenschaft hat bisher noch lange nicht genügend getan; wie es ihrer Bedeutung, ihrer Zahl und Leistungsfähigkeit entspräche. den; wir wünschen ihr insbesondere auch in den Kreisen der jüdischen Studentenschaft Oesterreichs weite Verbreitung, schon um eines fruchtbaren Kontaktes zwischen österreichischer und deutscher zionistischer Studentenschaft Man abonniert beim Bureau des K. J. V., Berlin W 15, Sächsische Straße 8 (Jahrespreis. 6 Hefte, K 8.—). In der beachtenswerten repräsentativen Monatschrift des orthodoxen Judentums „J eschurun“<') steht an leitender Stelle der bisher und gesetztreues Judentum“ Aus der Erkenntnis der Notwendigkeit, „das nationale Moment heutzutage stärker zu betonen, und zwar vor allem im Interesse der Lebensfähigkeit und Werbekraft der Aguddas-.lisroel-Bewegung“. gibt der Verfasser zunächst eine im ganzen ziemlich zutreffende Darstellung und Charakteristik der zionistischen Gedankenwelt und der bedeutendsten zionistischen Systeme, die durch führende Persönlichkeiten vertreten werden. Dem politischen Zionismus Herzls. . von dem der Territorialismus hur eine Abzweigung war, stellt er den Gedanken der nationalen Autonomie,, wie er seinerzeit vor allem von Birnbaum propagiert wurde, entgegen, weiters den von positivem . Judaismus erfüllten Zionismus Acliad Haams. der wieder von dem „Kulturzionismus“ der Jungen (Berdyczewski) bekämpft Wird: Vor dem Kriege sei Achad Haam auf der ganzen Linie Sieger gewesen, während unter dem Einfluß des Krieges wieder die alten Tendenzen wach geworden seien. Nach einer Darstellung der Anschauung Klatzkins. (s. dessen Aufsätze im „Juden“) gibt dann der Verfasser eine eingehende Begründung, warum das gesetzestreue Judentum den Zionismus und Nationalismus ab- 1 ebnen müsse, ln dieser Polemik befindet sich manches höchst. Bemerkenswerte. Individualismus, Nationalismus und Universalismüs sindbei einer *) „Jesdiurun“. Monatschrift für Lehre und Leben im Judentum. .Herausgeber Dr. J. Wohlgemuth. Berlin N 24. Preis Mk. .8—. 5. J'ahrg:, 1918. Heit 1—6 (3 Doppelhefte). richtigen Auffassung des Berufes des jüdischen Volkes eine untrennbare Einheit. für dessen geistige Konstitution. Diese Auffassung ist durchaus mit der unseren verwandt; wir haben stets betont, daß unser jüdischer „Nationalismus“ etwas vom Nationalismus anderer Völker grundverschiedenes ist. und wenn Dr. W. sagt, „nur ein Volk kann Afuster und Vorbild für die Völker sein“, so ist das keine Polemik gegen uns. die den Anspruch, ein vorbildliches Gemeinwesen zu errichten. nicht aufgeben. Dieser Teil des Aufsatzes erschienenen drei Doppelhefte ein Aufsatz des Herausgebers über „Zionismus. Nationaljudentum hat nur den Zweck, nachzuweisen, daß der jüdische Nationalismus nie zu bestehen aufgehört hat und daß auch die Orthodoxie durchaus national sei. Nur lehne sie das „Nationaljudentum“ als Bekenntnis ab. weil dieses eine völlige Unterordnung unter die eine Idee verlange. Der Verfasser fordert also die Aufnahme nationaler Tendenzen in das gesetzestreue Judentum und verwirft den An- ' Schluß des Misrachi an den Zionismus. In der richtigen Erkenntnis der Sterilität der westjüdischen Orthodoxie fordert Dr. W. einen innigen Anschluß an das Ostiudentum. Beschäftigung mit seiner Kultur, jiddischer Sprache usf„ sein Ziel ist . die Verschmelzung von westlicher Orthodoxie , und Chassidismus. Es ist hier nicht der Ort. auf die insbesondere im praktischen Teil oft etwas widerspruchsvollen und den Tatsachen nicht Rechnung tragenden, jedoch interessanten und jedenfalls symptomatischen Ausführungen näher einzugehen. Von großer Bedeutung ist nur. daß von dem führenden Organ der Orthodoxie die politische Tätigkeit der Rabbiner K o h n und C a r 1 e b ä-c h, die gewissermaßen als Emissäre der Aguddas- Jisroel nach Polen kamen, einer vernichtenden Kritik unterzogen wird. Dr. Wohlgemuth ist der Ansicht, daß der gesetzestreue Jude zwar die Idee des NationaJjudentums..ablebnen müsse, jedoch in den . praktischen' 'Politisch en Fo r d er u n g e n i n d en ei n z el n en Ländern mit den N a t i o na 1 j ud e n zu-, s a m m e n g e h e n s o 11 e. Auch spricht - er sich zum Schluß durchaus für eine Annäherung und Zusammenschluß, gegen den Gedanken der Tren-= nungsorthodoxie. aus. Die in Aussicht gestellte weitere Aufsatzfolge soll nach dieser Auseinandersetzung mit dem Nationalismus noch die Auseinandersetzung mit dem Zionismus bringen. Auch aus einigen anderen Beiträgen dieser durchaus auf gediegenem Niveau stehenden Zeitschrift ist der Einfluß der lebendigen nationalen Bewegung zu bemerken. Dr. J. L e w y schildert in einem Aufsatz „Von den Juden Ostgaliziens und ihrer Jugend“ die jüdische Jugendbewegung der Schomrim, hebt ihre Verdienste hervor, um sie aber schließlich doch als Gefahr für die orthodoxe Jugend hinzustellen, weil die Schomrim vor dem Essen keine Broche machen u. ä. — Auch ein Misrachist, Dr: A. Blau, kommt in einem Artikel ^.Religiöse und nationale Erziehung“ zu Wort. —1 Weiters enthalten die Hefte zahlreiche Beiträge literarhistorischer, kulturgeschichtlicher, exegetischer und literarischer Natur, die zum Teil sehr interessantes Material und wertvolle Aspekte bieten. In Nr. 19 der vorzüglich redigierten freiheitlich-demokratischen Wiener Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur „Der Fried e“ (der Name schon ist ein Programm) macht Anton Kuh Bemerkungen zum „Pogrom“, die zum Teil von der Zensur unterdrückt wurden. Die geistreichen Apperqus sind richtig und falsch zugleich; jedenfalls gilt, wie einer unserer Freimde uns aus diesem Anlaß schreibt, für den echten (üblen) Literaten der Grundsatz: „Se non e verov e. bucM ditto“. Der Anlaß ist jedenfalls zu traurig, um in ein paar paradoxen Wendlingen erledigt zu sein. Kuh vergleicht das Judentum mit dem blinden Simson. der blind die Mühlen der Philister dreht: es besorgt die Angelegenheiten der anderen und drängt sich in ihre Ideale. Die tragische Schuld des Judentums ist Vordringlichkeit, nicht etwa in Genuß und Luxus, sondern zu den frpmden Idealen, Denn . Europa läßt sich nichts vormachen, erkennt das Parasitentum und antwortet mit dem Pogrom: