Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ni:. 25 Seite 5 betriebenen Wahlrechtsverschlechterung einzuleiten. Die Repräsentanz will nämlich an Stelle des bisherigen allgemeinen Wahlrechtes — ein nach dem Geldsack' abgestuftes Kur i e n w a h 1recht, einführen. ' * *■ w- Unbekümmert um diesen Kampf schreitet die sachliche Arbeit des Nationalvereines, dessen Mitgljeierzahl ständig wächst, ruhig fort. So hat er vor kurzem einen Aufruf zur Sammlung einer Krigsstafistik verschickt, welche den Zweck hat, unseren Feinden durch Ziffern zu beweisen, daß die Juden hierzulande ihre Pflicht gegen ihr Vaterland Voll und ganz erfüllt haben. Der Aufruf hat volles Interesse bei der Judenschaft gefunden und hofft der J. N. V. binnen kurzem im Besitze einer genauen Statistik über die Rriegsleistungen der Juden zu sein. Andere Projekte reifen ihrer Erfüllung entgegen.' Diese so vielversprechende Arbeit würde durch ein strafferes Zusammenwirken der Parteigenossen aller Provinzen Oesterreichs überdies gefördert. Hoffentlich werden die diesbezüglichen an die Zentrale in Wien gerichteten Vorschläge Beachtung finden. Jakobus. Die Tragödie der rumänischen Juden*) Von Dr. S. ,B ernst ein. III. Am 3/26. Oktober 1917 erschien in der „Odesskija Nowosti“ der warme Appell des an der rumänischen Front wirkenden russischen Militärarztes Dr. S. T e m k i n. „Man darf nicht schweigen“, ruft das ergreifende Schreiben, das berechtigtes Aufsehen erregt hat. „Es gibt Momente, wo das Schweigen nicht nur unzulässig, sondern auch verbrecherisch ist. Ein solcher Moment ist nun im Leben der rechtlosen und geknechteten Juden Rumäniens eingetreten, deren Verfolgungen ihren Gipfel erreicht haben. Die jetzigen Verfolgungen der Juden, mit welchen die rumänischen Behörden die Koryphäen der .luaenfresserei, wie Pobedonoszew und Plehve, übertreffen, haben nun seit Beginn des Krieges und ganz besonders seit dem Ausbruch der russischen Revolution ihren Höhepunkt erreicht. Die grenzenlose Nichtachtung der primitiven Rechte kennt kein Maß mehr; die Juden werden der Spionage und des Verrats bezichtigt; sie werden in Gefängnisse geworfen, weil sie auf der Straße oder in ihren Synagogen (!) das Jüdische gebrauchen; massenweise werden die Juden — Kinder, Männer und Frauen — ohne Unterschied des Alters, halb nackt, halb verhungert aus den Städten und Dörfern getrieben, wie es in Tecuzio, Iwesti und anderen Orten der Fall war. Und dies alles ohne jeden Grund, ausschließlich aus Böswilligkeit und Verfolgungssucht der Behördeu. Das.Wort „Verräter“, ist mit.der Bezeichnung Jude in Rumänien identisch geworden. Die Juden in Rumänien sind nicht nur ihrer bürgerlichen Rechte beraubt. Sie werden als Fremde und Ausländer bezeichnet und genießen keinen Schutz durch Gesetz oder Behörden. Ich bringe hier als Beispiel einen wörtlichen Befehl an die Sanitätsbehörde Nr. 147/98. „Laut Befehl des Generalquartiers wird befohlen, aus allen Hospitälern sämtliche Personen, Männer und Frauen, die nicht zur rumänischen Nationalität gehören, zu entfernen. Der Jude darf nicht in den Hospitälern geduldet werden, ln bezug auf die Juden darf kein Gefühl der Humanität oder Sentimentalität geduldet werden. Es ist festgestellt, daß diese Personen sich unter der Maske *) Siehe vorige Nummer. ansiedeln, ziehen die Juden es vor, sich in bestimmten Gebieten der Stadt zu sammeln. „Dieser letztere Umstand erlangte eine gewisse Bedeutung für die Wahlen; denn während die Tschechen bei ihrer Verteilung höchstens bei einer engeren Wahl da oder dort in Betracht kamen, erlangten die Juden im II., IX. und zum Teil im I. Bezirke Einfluß. Was ihnen zur Majorität fehlte, ersetzten sie durch ihre Regsamkeit. Für den Geologen ist es lehrreich, zu sehen, wie die aus Nord und Nordost kommende Welle in der blähe jener Linie sich abgrenzt, die von Nußdorf zur Bergstraße und Rotenturmstraße ziehend, als der erste Steilrand (das ältere Donauufer) bezeichnet worden ist und der Politiker 'mag sehen, wie die steigende Gehässigkeit gegen die Juden dazu beigetragen hat, ihre Zerstreuung zu hemmen und eben hiedurch ihren politischen Einfluß zu erhöhen.“ Dieser Satz ist geeignet, zu demonstrieren, daß man von uns die Entfaltung eines politischen Einflusses erwartet, da wir die Voraussetzungen hiezu erfüllen, daß wir aber durch die Indolenz unserer „liberalen politischen Führer“ von dieser Möglichkeit noch inuner nicht den richtigen Gebrauch machen. Acht inhaltsreiche, auf einer großen Quellenliteratur basierende Seiten (345—353) seines Werkes widmet Sueß einer kurzen Skizze der Judenverfolgungen in Wien. Der Historiker mag von dieser Skizze manche fruchtbare Anregung zu weiteren selbstständigen Stadien schöpfen. Ich möchte hier zum Schlüsse nur eine Mitteilung des Gelehrten wiedergeben, welche von speziellem Interesse ist. Auf Seite 357 ist zu lesen; „In der Tat war die geistig führende Gruppe der Judenschaft damals (1873) Von den inneren Angelegenheiten ihrer Konfession in' Anspruch genommen. Die Regierung hatte die Errichtung einer israelitisch-theologischen Fakul- ■ tät oder, wie es später hieß, einer höheren Rabbinatsschule zugestimmt und seit 1869 in dem Kapitel 8 b) „Theologische Fakultäten außer dem JÜDISCHE ZEITUNG der Barmherzigkeit und menschenfreundlichen Hilfeleistung an unsere Kranken und Verwundeten herändrängt und sich dann als Spione erwiesen haben.“ Hier noch ein Befehl des Generalquartiers Nr. 4164 vom 14. August 1917, der seinem Inhalt nach der grausamste, zynischeste und schamloseste ist: „Bei Beginn der Attacke müssen alle Juden sofort in die erste Linie g es c h ick t fw er den.“ Weiter kann man nicht gehen. Die Schamlosigkeit dieses Befehls bedarf keines Kommentars. Mit ruhigem Gewissen schicken die rumänischen Behörden die jüdischen Soldaten ins Feuer, einzig und allein in der Absicht, sie dem Tode zu weihen. Das große, freie Rußland kann und darf nicht ein ruhiger Zuschauer bleiben gegenüber grausamen, ungesetzlichen, mittelalterlichen Gewalttätigkeiten,- die an 250.000 rumänischen Juden verübt werden. „Der Tod ist uns nicht schrecklich, aber in Sklaverei sterben können und wollen wir nicht!“ so schreiben die unglücklichen jüdischen Flüchtlinge in ihrem Memorandum an die russische Regierung. „Das Leben,“ heißt es weiter in diesem Memorandum, „ist das einzige, was uns persönlich gehört, und. leichten Herzens sind wir bereit, es für die russische Revolution zu opfern, in dem Bewußtsein, in den Reihen der russischen Armee zu dienen. Wir rumänischen Juden bezahlen die Freiheit, die das russische Volk erkämpft hat, mit den Tränen unserer Mütter, unserer Frauen und Kinder, mit unserem Blut und Leben. Denn der Haß der rumänischen Reaktion gegen die russische Revolution richtet sich in erster Linie gegen uns Schutzlose und Verfolgte, die aber grenzenlos vertrauen auf die Kraft und Macht der russischen Revolution. Die Leiden, die die russische Nation vor der Revolution zu ertragen hatte, jetzt müssen wir sie durchleben. Wir bitten, wir fordern Schutz von der befreiten russischen' Nation!“ Diese Bitten, diese Forderung ist mit dem Herzblut der rumänischen Judenheit geschrieben. Dieses blutige „Memento“ verlangt gebieterisch von der gesamten russischen Demokratie, daß sie ihre Stimme zugunsten der Unterdrückten und Verfolgten erhebe. Weiter zu schweigen ist verbrecherisch und keine noch so schönen „Interviews rumänischer Premiers“ sind imstande, die Wahrheit über die Lage der rumänischen Juden zu unterdrücken. Die Wahrheit ist auf dem Marsche und niemand wird imstande sein, sie aufzuhalten.“ c i I) c © w n o w (> w Neue Bücher des Verlages R. Löwfit, ... ...... . Ende dieses Monats gelangt zur Ausgabe die Neuauflage von' Prof. Dr. Heinrich Graetz Volkstümliche Geschiehte der Juden, Schon geh/ in 3 Bdn. K 33.— Demnächst erscheint: Dr. Max Rosenfeld Die polnische Judenfrage. Problem und Losung K 11.— Gleichzeitig sei empfohlen Oie selbstständig erschienene Schrift von Dr. Max Rosenfeld Nationales Selbstbestimmungsrecht der Juden S in Pojen K 2.64 Kürzlich erschien: O M. J. bin Gorion tl. Vom östlichen Judentum, Religiöses, Literarisches, Politisches. ® 2. Zwei Generationen, Erzählungen. K 3.85 S Soeben wird ausgegeben •- ® JoseJ Kastein 9 Logos und Pan. Eine Liederkette aus unserem a Leben K 4.95 Cb - 2 R. LÖW1T, Verlag, Wien, l., Fleischmarkt I. * Eine jüdische Sektion iür jüdische Volkskunde bat sich in der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde gebildet. Sie hat zum Zwecke die Erforschung der Sitten. Bräuche. Ucberlieierungen, Volksmärchen und Lieder vorzüglich der Ostjudenheit. Die Gesellschaft soll bereits ein ziemlich umfangreiches Material gesammelt haben, das in absehbarer Zeit zur Veröffentlichung gelangen wird. * Der Brand von StambuL Anläßlich der Brandkatastrophe von Stambul wendet sich das Konstantinopler jüdische Blatt „L’Aurore“ an die Judenschaft der mit der Türkei verbündeten Länder, insbesondere an die großen jüdischen Organisationen. mit einem warmen Appell, zur Linderung des Unglückes durch Geldspenden beizutragen. ,,L’ Aurore" gibt der Ansicht Ausdruck, daß die Hilfe der Juden nicht nur eine Pflicht der Menschlichkeit, sondern auch ein Beweis der Sympathie für die stets judenfreundliche Türkei sein soll, und fordert die jüdischen Zeitungen auf, für diese Hilfsaktion einzutreten. oiouoBOUOBOzaaoaoaoio RUNDSCHAU § * Die Juden im amerikanischen Heere. Louis Marshai!, der Präsident der jüdischen Vereinigung in Amerika, hat an den amerikanischen Kriegsminister Bäcker eine energische Verwahrung gegen die schlechte Behandlung der Juden in der Armee der Vereinigten Staaten gerichtet. Marshall wendet sich gegen die Außerachtlassung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden und führt aus, daß die jüdischen Soldaten von der durch das schnelle Wachstum der amerikanischen Armee bedingten raschen Beförderung zu Offizieren bisher völlig ausgeschlossen wurden. Vor kurzem hat auch Präsident Wilson eingreifen müssen, um einen gegen die jüdischen Erkrankten gerichteten Erlaß des amerikanischen Kriegsministeriums aufzuheben. * Bergson an der Universität Jerusalem. Mehrere Blätter verbreiten die (nicht sehr glaubwürdige) Nachricht, dali. Henri Bergson, der berühmte Philosoph der Pariser Sorbonne, dessen Werke in Deutschland durch die im Verlag von Eugen Diederichs in Jena erschienenen Uebersetzungen einem weiteren Publikum bekanntgeworden sind, sich als Professor für die in Jerusalem zu errichtende jüdische Universität angeboten habe. Bergson, der Abstammung nach polnischer Jude, hat bisher niemals Interesse iür den Zionismus bekundet. Vielfach wurde versucht, in seiner Philosophie jüdische Ideen nachzuweisen. (s. z. B. den Aufsatz von Kurt Singer im Sammelbuch „Vom Judentum“). Es ist immerhin nicht unmöglich, daß das Durchdringen des zionistischen Gedankens in den Ententeländern auch auf Bergson Eindruck gemacht hat. doch ist die Nachricht jedenfalls mit Vorsicht aufzunehmen. Verbände mit einer Universität“ Beträge in das Budget eingefügt. Sie wurden aber nicht in Anspruch genommen. Im Jahre 1872 knüpfte der Budgetausschuß an diese Post von 4300 fl. die Bemerkung, daß in Preßburg eine Rabbinatsschule der orthodoxen Partei eröffnet werde, und daß hier ein Gegengewicht mit einer höheren, dem Fortschritte auf religiösem Gebiete förderlichen Schule geschaffen werden solle. Im Jahre 1873 beantragte zwar der Ausschuß die Genehmigung der gleichen Summe, fügte jedoch hinzu, daß wegen der Uneinigkeit der israelitischen Glaubensgenossen noch immer nichts, geschehen sei, und drohte mit Streichung der Post.“ „Im Jahre 1874 fiel mir für eine Reihe von Jahren die Berichterstattung zu. Die Post wurde auf 1000 fl. ermäßigt, um den Fortbestand der Absicht anzuzeigen. Drei Jahre später galt die Sache als hoffnungslos und wurde auch dieser Rest gestrichen. In Ungarn trafen die Versuche E ö t v ö s, die jüdischen Angelegenheiten zu regeln, auf die gleichen Schwierigkeiten.“ Vor 44 Jahren hat uns die „Uneinigkeit der israelitischen Glaubensgenossen“ die Möglichkeit der Erreichung gewisser kultureller Vorteile bei einer wohlwollenden Verwaltungsbehörde und bei einem gutgesinnten Budgetberichterstatter verscherzt. Heute, wo uns weder die Verwaltungsbehörde wohlwollend, noch der Budgetkünstler gutgesinnt gegenübersteht, kranken wir an demselben Uebel, welches bei den geänderten Verhältnissen katastrophale Folgen nach sich ziehen kann. Wien. Dr. Arnold Friedmann. Zeitschriften Das „Kartell jüdischer Verbindungen“ (K. J. V.) ist der große Verband jüdischer Studentenverbindungen Deutschlands, dessen Programm es ist, /.seine Mitglieder zu Männer zu erziehen, die in dem Bewußtsein der nationalen Einheit der jüdischen Gemeinschaft entschlossen sind, für eine der Vergangenheit des Judentums würdige Erneuerung des jüdischen Volkstums oinzutreten“. Diese Korporation hat bisher eine interne Zeitschrift „Der jüdische Student“ herausgegeben; jetzt wird diese Zeitschrift öffentlich erscheinen, unter dem Namen „Der jüdische Will e". Das erste Zweimonatsheft ist im April herausgekommen. Als Redakteure zeichnen Erich Cohn und Gustav Krojanker. Die Zeitschrift verspricht eine wertvolle Bereicherung unserer Publizistik zu werden. Sie wendet sich weniger an Außenstehende, als sie vielmehr vor dem Forum der Oeffentlichkeit die Fragen, die dem Interessenkreis des K. J. V. angehören, diskutieren will, um eine Vertiefung der zionistischen. Probleme zu bewirken und insbesondere auf die heranwachsende Jugend anregend zu wirken. Das erste Heit führt die Zeitschrift gut ein. Es enthält nach dem Geleitwort Krojankers einen Aufsatz über die „Mischehe“ von Dr. A. Pelz, der wohl in dieser Form Anlaß zu weitgehenden Meinungsverschiedenheiten geben wird; ferner eine „Politische Revue“ von Fritz Löwenstein; eine Auseinandersetzung mit dem „Philosemitismus“, den Dr. Walter Stein vom Standpunkt des selbstbewußten Juden ablehnt. Kurt Sternberg schreibt über „Die Einwanderung der Juden nach Palästina nach dem Krieg“; Rubaschoff veröffentlicht und bespricht unter dem Titel „Erstlinge“ die drei Reden, die Eduard Gans im Jahre 1821 im „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden“ in Berlin gehalten hat, ein interessantes Dokument zur Geschichte der Assimilation. Es folgt ein literarischer Essay von Siegfried Wcitzmann über Alfred Woifenstein. Sehr interessant sind die angeschlossenen Feldpostbriefe von K. J.' Wern, welche über die Erlebnisse junger nationalgesinnter Juden irn östlichen Kriegsgebiet berichten. Mit einer Polemik gegen den K. C., die assimilatorische Studentenverbindung Deutschlands, schließt das Heft. Die Zeitschrift wird viele Freunde iin*-