Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438675-2438698--5807-2445821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Sf:te 5 Wiener Nachrichten Große zionistische Massenversammlungen in Wien. Dienstag, den 21. Mai fand unter dem Vorsitz des Herrn L.ö b 1 T a u b e s eine Versammlung . im „Bayrischen Hoi“ statt, die durchwegs von Juden, die man sonst bei derartigen Versammlungen nicht zu sehen pflegte, besucht war. Die Versammlung war der Stellungnahme zur öffentlichen Tätigkeit der neuesten „Retter“ des Judentums vor der zionistischen Gefahr, der deutschen Doktoren Kohn und Karlebach, gewidmet. Herr Dr. Leopold Plaschkes beleuchtete das Programm der Herren, wie es in der berüchtigten Denkschrift an das Stockholmer Komitee zutage tritt. Dr. Tisch geißelte die verleumderische Taktik dieser Herren, die vor keinem unehrlichen Mittel scheuen, um der Jüdischen Masse eine propolnische Politik aufbürden, die sogar den Polen nicht genehm sein, die Juden aber ins Verderben stürzen muß. Die Zuhörerschaft gab ihre Zustimmung durch oft wiederholte Beifallskundgebungen zu erkennen. Einige Tage nachher, Sonntag, den 26. Mai, fand in demselben Saal eine Versammlung statt, die einen derartigen Besuch auizuweisen hatte, daß hunderte Personen aus Raummangel Weggehen mußten. Den Vorsitz führte Herr D a w i d Hor ow i tz. Dr. Plaschkes begründete in einstündiger Rede die Forderung nach nationaler Autonomie, wonach Herr Adolf Stand die gegenwärtige Lage der Juden besprach, die überall,, ohne Ausnahme, unsicher sei. während die zionistische Lösung die einzige mögliche Hilfe biete. Stürmische Beifallskundgebungen begleiteten die Ausführungen der Redner. Zur selben Stunde fand eine gutbesuchte Versammlung im 20. Bezirk unter Vorsitz des-Herrn Salomon Picker statt. Die Zuhörerschaft, welche sich größtenteils aus Kreisen rekrutierte, die bis jetzt unserer Idee verständnislos gegenüberstand, lauschte mit sichtlichem Interesse den zweieinhalbstündigen Ausführungen des Herrn Löbl Taubes über die Notwendigkeit selbständiger jüdischer Politik. All diese Versammlungen waren das Werk der Propagandakommission der jungen Organisation der Zionisten aus dem Osten in Wien (Zionistischer Zentralverein, Sekt. II). Dem -Nationalfonds wurden bei dieser Gelegenheit mehrere hundert Kronen und dem Vereine eine große Anzahl von Mitgliedern zugeführt. S. P. Ein Turnfest in Wien. Die jüdische Turnerschaft tritt am 23. d. M. zum ersten Male seit Kriegsbeginn mit einer Veranstaltung vor die Oeffentlichkeit und widmet den eventuellen Reingewinn dem Fonds des Arbeits-Ausschusses der jüd. Studentenschaft für die Notstandsaktion für Palästina. Da die Mitglieder der Männerabteilungen vollzählig unter den Waffen stehen, die übrigen Abteilungen somit der ausgebildeten Vorturner entraten müssen, und da überdies die jetzigen Verkehrsverhältnisse eine aktive Beteiligung seitens der Provinzvereine unmöglich machen, wird die Zahl der Antretendeu verhältnismäßig bescheiden sein und sich überhaupt nur auf die Zöglings-, Damen- und Kinderabteilungen beschränken müssen. Das Programm des Festes umfaßt ein leichtathletisches Meeting am Nachmittage auf dem Hakoah-Sportplatze und ein . Schauturne'n im großen Konzerthaussaale, bei welch letzterem auch der jüdische Gesangverein „Hakinor“ Chöre zum Vortrag bringen wird. Die strenge Einhaituug der Polizeistunde macht es nötig, mit beiden Teilen der Veranstaltung pünktlich zu beginnen, und zwar wird das Meeting präzise ha'b 3 Uhr nachmittags und das Schauturnen präzise 7 Uhr abends seinen Anfang nehmen Karten zu K 2.— bis 20.— sind im Vorverkauf im Bureau der jüd. Turnerschatf, II. Cirkusgasse 33, im jüd Jugendheim, II. Obere Dunaustraße 91, und in der Buchhandlung R. Löwit, 1 Rotemuririsiraße 22. erhältlich. Zionistische Frauensektiön. Der Organisation der Zionisten aus dem Osten in Wien (Z. Z.-V. S. II) Baten während der kurzen Zeit ihres Bestandes zirka 150 Frauen und Mädchen bei. Diese wurden jetzt zu einer separaten Sektion konstituiert. Mittwoch, den 29. Mai, fand deren Generalversammlung im Zionistischen Zentralbüro statt, zu der fast 100 Damen erschienen. Frau Dr. Kümmerker-Sirker referierte „über die Erziehung der jüdischen Frau“, wonach Frau Dr. Eva Salz das Arbeitsprogramm der Sektion klarlegte, welches eine Debatte hervorrief, die für das richtige Verständnis und die frohe Arbeitswilligkeit der Teilnehmerinnen das beste Zeugnis ablegte. Die Leitung der Sektion wurde einem. Ausschuß anvertraut, dem folgende Damen, angehören: Frau Dr. Cilli Kummerker-Sirker als Präsidentin. ferner Frl. Sosana Brandstätter, Frl. Mina Blum, Frau Blau, Frl. Rosa Berstein. Frau Pesel Horowitz, Frl. Rose Katz, Frl. Ida Rosenblum. Frl. Rachel Schuber, Frau Dr. Eva Salz und Frl. Lea Wirt. S. P. Zirei Israel. Es werden Anmeldungen für folgende Kurse entgegengenommen: 1. Talmud. 2. Hebräische Sprache und 3. Geschichte der Weltliteratur. Den ausschließlich von Vereinsmitgliedcrn zu haltenden Vortragszyklus „Chachmei Israel“ wird Chawer S. Federbusch mit einem Vortrag „Rabi Jehuda Hanasj“ am Montag, den 17. d. M., 6 Uhr abends, Untere Donaustraße 39/10, einleiten. Alle Mitglieder werden um pünktliches Erscheinen ersucht. Jugendliche Gäste willkommen. Organisation der jüdischnationalen technischen Hochschüler. Um weitesten Kreisen der Mitglieder die Möglichkeit regster Mitarbeit zu geben, schrieb der Ausschuß am 8. Mai Neuwahlen aus, die folgendes Ergebnis hatten: Vorsitz: Plawner, Vizepräs.: W ul kan. Schriftführer: Lichtenstein. Kassier: Schnabel, Bibliothekar: Wiesen. Zion. Sektion jüd. Mediziner und Juristen. Sonntag, den 16. Juni hält Herr Dr. Glanz den vierten und letzten Vortrag über Palästinakunde. Beginn K10 Uhr. Ort: Rede- und Lesehalle jüd. Hochschüler. IX. Türkenstraße 9, 3. Stiege. Mezzanin. Humanitärer Unterstützungsverein der Kolomeaer in Wien. Bei der am 31. Mai 1918 stattgefundenen Ausschußsitzung wurde die Wahl eines .neuen Präsidiums vorgenommen. An Stelle der "demissionierten Herren S. Haber, A. Sennensieb und J. Siegel wurden gewählt: Ais Obmann Herr Adolf Hecht, als Obmann-Stellvertreter Herr Salomon Beiser, als Schriftführer Herr Wilhelm Kreindler, als Sekretär wurde Herr Samuel Kantor berufen. Konzert Don Fuchs. Am 30. Mai gab Oberkantor Don Fuchs im Konzerthaus einen „Jüdischen Liederabend“, aut dessen Programm verschiedene Gesänge über biblische Thejnen, ferner hebräische und jüdische Volkslieder standen. Don Fuchs sang mit künstlerischem Verständnis und mit der Klangfülle seiner prächtigen Stimme. Die zahlreiche Zuhörerschaft folgte mit Aufmerksamkeit und dankte durch stürmischen Beifall für den hohen künstlerischen Genuß. Der ALeud. <•.; den, auch die Herren Hoforganist Dite und Prof. Manhart, sowie die Damen Hanna und Sidonie Schwarz verdienstlich mitwirkten, stand unter der Leitung von Prof. Wolf und hinterließ einen starken Eindruck; neben der Anerkennung für die gesangliche Leistung gebührt dem Veranstalter Dank für die Vermittlung der zum Teil noch wenig bekannten Stücken jüdischen Charakters. H. Berichte und Korrespondenzen Martin Buber in Lemberg (Von unserem Korrespondenten.) Einer Einladung der sehr rührigen zionistisch-akademischen Vereinigung „Herzliah“ folgend. kam Dr. Martin Buber nach Lemberg, um seinen in Wien gehaltenen Vortrag. ..Die Verwirklichung des Judentums“, auch hier zu halten. Vor einem zahlreichen Publikum, welches sich in der großen Mehrheit aus der studierenden Jugend beiderlei Geschlechtes und aus in Lemberg weilenden Offizieren zusammensetzte und welches den großen Saal des ukrainischen Konzertsaales bis aufs letzte Plätzchen füllte, sprach Martin Buber am 1. Juni abends über seine Auffassung der geistigen und nationalen Lösung der Judenfrage. Durch zweieinhalb Stunden folgte die Zuhörerschaft seinen fesselnden Ausführungen, deren wesentlicher Inhalt den Lesern der ..Jüdischen Zeitung“ bereits bekannt ist. Am 2. Juni I. J. benützte Dr. Buber die Gelegenheit. um mit der organisierten Jugend in engere Berührung zu treten und um in einer zwanglosen Form von Frage und Antwort verschiedene Probleme der Jugendorganisation und -erziehiing im einzelnen, wie auch der Judenfrage zu besprechen und seinen Standpunkt darzulegen. Von halb fünf bis halb sieben Uhr nachmittags dauerte dieses Beisammensein, an welchem sich über Wunsch des Gastes fast sämtliche Mitglieder der „Schomrim Zeire Zion“-Organisation beteiligten. H. stud. Wolf leitete die Diskussion ein. indem er die Frage der Vereinigung der ..Schomrim“- und der „Zeire Zion“-Organisationen aufwarf. Dr. Buber gab seiner Ansicht Ausdruck, daß die „Schomrim“-Bewegung die Bewegung der Zukunft unter der Jugend sei. Er sei aber gegen eine gewaltsam aufoktroierte Zusammenschmelzung beider Organisationen. Er glaube vielmehr, daß die der „Schomrim“-Idee innewohnende magnetische Kraft im Laufe der Zeit von selbst die jüdische Jugend an sich ziehen werde. Am Abend desselben Tages fand ein feier- ' licher Konvent der „Herzliah“ statt, zu welchem auch einige Gäste von den bekannten und hier weilenden Zicnisten geladen und erschienen waren. Der Senior der Vereinigung. Gg. Heinrich Lauter- Pacht, eröffnete den Reigen der festlichen Ansprachen und verkündete den einmütigen Beschluß, des Konvents, mit welchem der Ulustre Gast zum ersten Ehrenmitgliede der „Herzliah“ ernannt wurde. Ihm erwiderte sofort Dr. Buber. daß er sich durch diese Ernennung sehr geehrt fühle und entwarf in einer retrospektiven Schilderung ein Bild seiner geistigen Entwicklung und seines Verhältnisses zum Zionismus und zur Jugend seit ungefähr dem Jahre 1897. Er schloß seine Rede mit einem „Hedad" auf die „Herzliah“. Rauschender Beifall lohnte seine Ausführungen. Es sprachen noch Gg. Dr. Schmorak namens des Zentralkomitees der zionistischen Landesorganisation, Frau Rosa Pomeran z-Melzer, Herr Diesendruck Zewi. Dr. F. W a s c h i t z und Dr. Israel Rath. Im gemütlichen Beisammensein, in gehobener Stimmung und beim Klange vieler hebräischer Lieder verbrachten die Teilnehmer einen sehr angenehmen Abend, der gewiß noch lange in der Erinnerung nachklingen wird. Ben Mordechai. Der akademische Verein jüdischer Mediziner veranstaltet Sonntag, den 23. d. M.. um Mil Uhr vormittags, in der Jüd. Bühne (Hotel Stefanie. Taborstraße) eine Scholetn Aleichem- Matinee. — Karten bei R. Löwit. Rotenturmstraße 27 und an der Kasse. Mielec. Am 5. Mai iand im hiesigen Jugendvereine Beth Jehuda eine Gedenkfeier für den gefallenen Dichter Ludwig Franz Meier statt, wobei der Obmann Herr Leib Salpeter die Rede hielt. Krakau. Der Verein zion. Hochschüler „Haschachar“, Krakau, eröffnete im eigenen Lokal. Zielona 15, Parterre, ein Lesezimmer. Amtsstunden täglich l'A—9M Uhr abends. Vorträge finden jeden Samstag, VA Uhr abends, statt. Auswärtige Gg. jederzeit herzlich willkommen. Radymno. Unser Gg. Simon Eisenberg veranstaltete am Lag-beomcr in dem neugegründeten ..Sapha berurah“-Verein einen Tschlenow-Abend und hielt eine Gedenkrede. Hieraui wurde der ausgewiesene Betrag für den J. N. F. einkassiert. Zürich. Am 23. Juni findet eine Tagung der Schweizerischen Landeskonferenz des M i sraclii, verbunden mit Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Tachkemonischule in Jaffa statt. Literarische Notizen Ein wiedergefundenes Manuskript Boruchows. Eine sehr wertvolle literarische Arbeit des kürzlich verstorbenen Boruchow, die schon iür verloren gehalten wurde, ist wiedergefunden worden. Boruchow brachte, als er nach Ausbruch der russischen Revolution aus Amerika zurückkehrte, die Handschirft seiner Geschichte der jiddischen Literatur mit, an der er zehn Jahre gearbeitet hatte. Er übergab in Stockholm das Manuskript dem russischen Regierungskurier, mit dem er nach Petersburg fahren wollte, doch im letzten Augenblick verfehlte er den Kurier. Bald nach seiner Ankunft in Rußland starb er, die Arbeit schien verloren. Nunmehr hat L. Chasanowitsch während eines Petersburger Aufenthaltes Schritte unternommen, um das Manuskript zu finden. Nach langem Suchen von Departement zu. Departement fand Chasanowisch mit Aronow zusammen die Arbeit, die bereits — zum Verbrennen vorbereitet war! Das Manuskript, das nunmehr gerettet ist, besteht aus 7 Heften mit über 7000 numerierten Notizen, gegen hundert photographischen Aufnahmen aus alten jüdischen Büchern, die Boruchow im British Museum hatte aniertigen lassen. Strindberg auf der jüdischen Bühne. Die Bialystoker jiddische Bühne versucht sich mit Vorliebe und sicherem Griff an den großen Dichtern der verschiedenen Nationen. Ein Versuch, das Strindberg sehe Drama „Der Vater“ ins Jiddische zu übertragen und diese Uebersetzung dem Publikum darzubieten, gab einen vollen Erfolg. Die Schauspieler gaben das Werk mit feiner Darstellungskunst und tiefem psychologischen Verständnis. Das Publikum nahm das Stück mit tiefem Interesse auf. Die Aufführungen wurden bereits öfter wiederholt und iand lebhaften Beifall. Max Brods „Die Arche Noahs“ (aus „Die Höhe des Gefühls“) erscheint gegenwärtig in h e - bräischer Uebersetzung von P. L. (achower) im Feuilleton der Warschauer Wochenschrift „Hazephirah“. * Das zweite Heft der von Dr. Siegfried B e r n f e I d herausgegebenen Jugendzeitschrift „Jerubbaal“ ist soeben erschienen. Das „G h e 11 o 1 i e d c ii e n" von Hugo Zuckermann ist in einer Vertonung von Siegfried G r z y b soeben im Verlag der Musikalienhandlung S. G. Porstes. Prag, erschienen. Jüdische Volksbichlech. Eine neue poDulärwissenschaftliche Ausgabe in jüdischer SDrache soll demnächst den jüdischen Büchermarkt bereichern. Lange schon hat das Volk ein Bedürfnis nach derlei Erscheinungen empfunden, welche alles Wissenswerte aus den verschiedensten Gebieten in mundgerechter Form und um billiges Geld bieten sollen. — Das erste Heft: Volkswirtschaft von Masror erscheint schon in den nächsten Tagen. Dann sollen in zwangloser Aufeinanderfolge Hefte erscheinen, welche durchwegs gute und nützliche Stoffe behandeln werden. Jedes Heft ist zumindest 64 Seiten stark. Zeitschriftenachau „Das größere Deutschland!* bringt im 48. Heft des 4. Jahrganges einen Aufsatz über „Die jüdisch-deutsche Kolonisation Palästinas und die türkisch-deutsche ZukunftsDolitik“. Darin wird als Hauptaufgabe der deutscheu Orientpolitik eine wirtschaftliche und politische Hebung der Türkei hingestellt: als ein Hauptfaktor hiezu kommen die Juden in Betracht. Der Verfasser des Aufsatzes. Karl Jünger, gibt dann eine eingehende Darstellung des zionistischen Kolonisationswerkes und seiner Bedeutung für die Türkei, der die Erschließung Palästinas durch die Juden eine bedeutende Mehrung ihrer Steuer-, Nähr- und Wehrkraft bringen muß und in „besonderem Maße zur wirtschaftlichen und politischen Stärkung unseres türkischen Bundesgenossen berufen ist“. Im Zusammenhang damit führt Jünger aus. wie sehr die iüdische Siedlung Palästinas füc Deutschland nützlich sein könne, wenn sich die Deutschen die Sympathien des zionistischen Elements zu sichern verstünden, und iordert eine starke Unterstützung des Zionismus seitens Deutschlands, insbesondere in Hinblick auf die weitgehenden Versprechungen Englands, damit nicht auch dieser Fall eine Bestätigung des Bismuarckschen Wortes von den „verpaßten Gelegenheiten“ wird.