Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Seite 3 mentern verlesen wurde, und der unter den Juden großen Schrecken hervorgerufen hat. In diesem Tagesbefehl stand mit großen Lettern: „Wer sind die Spione? Die Juden, die Händler, Frauen und Kinder!“ (Wörtlich: „Cine sunt spioni? Ewrei, negustori, ferne si copii!“) Dieser Tagesbefehl wurde auch unter der Bevölkerung verteilt. In Vasliü druckte ihn die Zeitung „Penes si Curcanul“ als Leitartikel ab. Der Befehl mußte vor den, den Jassy er Bahnhof bewachenden Truppen von einem jüdischen Feldwebel verlesen werden. Nach der Verlesung waren die Soldaten sehr auigeregt und als der Zug ankam, suchten die Soldaten den Zug nach Juden ab. Unter den Passagieren fanden sie einen einzigen Juden, den Kaufmann Schur aus Crajova. Er wurde blutig zugerichtet und mußte halbtot nach dem städtischen Hospital gebracht werden. Der Kommandant von D o r o h o i erließ seit September 1916 bis Jänner 1917 zahlreiche Aufrufe an die Bevölkerung, in denen vor den Juden als den Spionen und I.andesverrätern gewarnt wurde. Die Mehrzahl der Einwohner in Dorohoi besteht aus Juden und so zwang edie Juden, diese Tagesbefehle an ihren Fenstern und Geschäften auszuhängen. Unter einem solchen Schreckensregiment seufzte die jüdische Bevölkerung in Rumänien seit dem Eintritt dieses Landes m den Weltkrieg — zur Zeit, als das benachbarte russische Reich sich noch unter dem Joche des Zarismus befand. II.' Eine der herzlosesten und provozicrendsten Maßnahmen gegen die Juden war das Verbot des Gebrauches der jüdischen Sprache. An sich wurde nicht die jüdische, sondern die deutsche Sprache verboten. Aber die Militär- und Polizeibehörden, angefangen vom Minister bis zum Unteroffizier und Landgendarmen erklärten die jüdische Sprache als „deutsch“. Um die Tragweite dieses Gewaltaktes zu verstehen, muß man wissen, daß die ganze jüdische Bevölkerung in der Moldau, mehr als 175.000 Menschen, jüdisch als ihre Muttersprache gebraucht. Bald ist die Anzeige wegen Gebrauchs der jüdischen Sprache das beliebteste Mittel aller Denunzianten und Erpresser geworden. Es kam zu tragischen Szenen. Unzählige Eltern, die nur jüdisch können, sprachen kein Wort mit ihren Kindern, aus Angst, von den rumänischen Nachbarn belauscht zu werden. Die Fenster jüdischer Wohnungen wurden nie geöifnet, damit die Vorübergehenden ein gesprochenes jüdisches Wort nicht hörten. Es kam so weit, daß mehrere Juden verhaftet wurden, weil sie angeblich in der Synagoge „deutsch“ gebetet haben. Dem Jassyer Rabbiner ist es gelungen, diese Juden zu befreien, nachdem er den Beweis geliefert hat, daß die Juden in der Synagoge nicht „deutsch“, sondern hebräisch gebetet haben. Die Verfolgungen wegen Gebrauchs der jüdischen Sprache begannen Mitte September 1916. Täglich wurden zahlreiche Juden, Frauen, selbst Kinder, in die Polizeistationen gebracht. An jedem Nachmittag konnte man in Jassy, sehen, wie diese „Spione“ kolonnenweise nach den Gefängnissen geführt wurden. Im Monat Januar 1917 ist die Zahl der verhafteten Juden in der Moldau, hauptsächlich im Distrikt Jassy, Botosani, ebenso in Dorohoi, Bacau und Falticeni 9000 gewesen. Im ganzen wird die Gesamtzahl der verhafteten Juden in der Moldau auf 11.000 bis 12.000 geschätzt. Das Verbot des Gebrauches der jüdischen Sprache hatte zum einzigen Zweck, die Juden, die größtenteils jüdisch als ihre Muttersprache gebrauchen, von vornherein bei der übrigen Bevölkerung zu verdächtigen. Verhaftungen wegen Gebrauchs der jüdischen Sprache wurden in der Moldau täglich vorgenommen. In S u I i t z a i n, ln der Nähe von Botosani, ereignete sich folgendes: Ein Polizist kam im Dezember 1916 in das Haus des Rabbiners R. M o s c h e 1 e wegen irgend einer Erkundigung. Als die kleine Tochter des Rabbiners, die beim Schreiben eines Briefes in jüdi- ( scher Sprache saß, den Polizisten bemerkte, versteckte sie in ihrem Schreck den Brief unter der j Tischdecke. Kurz darauf erschien der Polizist, der j Verdacht geschöpft hatte, in Begleitung einer Mii litär-Eskorte. Das Haus wurde umzingelt, der alte Rabbi mit seiner Frau und sechs Kindern wurden gefesselt und nach Jassy transportiert. Alle Bemühungen der Juden, den Rabbiner wenigstens über den herannahenden Sabbath im Gefängnis zu lassen, um dem Geistlichen die Entweihung des Sabbath durch die Fahrt zu ersparen, waren vergebens. Naeh wochenlanger Haft ist die ganze Familie ohne jede Anklage entlassen worden. . Aber durch das ganze Land wurde die Nachricht von dem spionierenden Rabbi verbreitet und eine Zeit lang wagte keine Zeitung diese Lüge zu dementieren. Bukarester Brief* *) In politischer Beziehung sind die Juden in Rumänien voller Hoffnung und voller Befürchtung. Sie. hoffen, daß die Stunde der Lösung der Judenfrage für sie geschlagen hat, sie sind besorgt wegen der gehässigen Stimmung, die gegen Sie zum Ausdrucke gebracht wird. Sie sind hoffnungsvoll, weil die jüdische Solidarität und das europäische Gewissen sich in Kundgebungen äußern. Nach den Aeußerungen rumänischer Führer gegenüber den Vertretern der Union der einheimischen Juden ist zu hoffen, daß die Einsichtsvollen hier im Lande es ernst mit der Lösung der Judenfrage nehmen werden. *) Diese Darstellung des gegenwärtigen jüdischen Lebens in Bukarest wurde uns durch einen Feldpostbrief übermittelt. I RISCHE ZEITUNG Inzwischen suchen die hiesigen Juden ihren philantropischen und kulturellen Aufgaben gerecht zu werden. Das Zentralhilfskomitee unter dem Präsidium der Herren Dr. Beck. Dr. Niemirower, Adolf Salomon und Ely Berkowitz setzt seine Tätigkeit fort. Das Komitee für die Interniertgcwesenen hat in letzter Zeit besonders für Rabbiner, Kantoren und Lehrer, die sich in Bukarest aufhalten — infolge einer Intervention des osterr. Generalkonsuls Baron Bornemissa bei Rabbiner Dr. Niemirower — Sorge getragen. Das Komitee für Geiangengewesene, steht jetzt infolge der Demobilisierung vor großen Aufgaben. Daß die rumänischen Juden auch aus eigener Kraft einander zu helfen suchen, beweisen die glänzenden Erfolge von zwei Veranstaltungen. Das Kinderheim erreichte bei einem Wohltätigkeitsfeste 18.000 Lei, die Loge „Noua Fraternitate“ hatte bei einem Feste das Erträgnis von 70.000 Lei. Die Chewra Ke.doscha und das Zentralschulkomitcc haben vom Mazzothyerkauf die Summe von 170.000 Lei erzielt, welche für Erhaltung der Schulen und Aufbesserung der Lage der Lehrerschaft verwendet werden soll. In kultureller Hinsicht ist zu melden, daß der von d.en Herren Dr. I. Niemirower und M. Schweig geleitete Kulturverein „S a r o n“ viel Erfolg mit der Errichtung der Lehrkurse für Hebräisch hat. Vier Kurse werden abgehalten: 2 für Gymnasiasten, 1 für Erwachsene und 1 für Hochschüler. Die Gesamtzahl derjenigen, die diese Kurse frequentieren, übersteigt 200. Der „Saron“ edierte jetzt auch, nachdem er letztens Herzls „Altneuland“ in neuer rumänischer Uebersetzung herausgegeben, ein Novellenbuch aus dem Leben der rumänischen Juden von Horia Carp. genannt „Suflete Obosite“ (Müde Seelen). Der Klub „Liberiatea“, geleitet von den Herren Adolphe Roller und Ad. A. Gold- ' stein legt eine allgemeine und jüdische Bibliothek im großen Stile an. Die Zionisten hielten mehrere Beratungen ab und ernannten eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. I. Niemirower, M. Sctnvarzfeld, M. Schweig, Ing. J. Kanner, A. L. Zissu, Josef Herscovici und Leon Lazarovici, welche das Programm iür die Tätigkeit in der gegenwärtigen Phase der Entwicklung des rumänischen Zionismus feststellen soll. Die B‘nei Bri.th Loge „Noua Fraternitate“ hat' auf die Initiative ihres Präsidenten Dr. Niemirower eine KommUsion gebildet, welche die Frage der Gestaltung der jüd. Kultusgemeinden studieren soll. Die Kommission besteht aus den Herren Dr. Beck, Dr. Niemirower, Dr. Alpenin, H. Schaeffer, Adolf Schwarz, K. Kempner und Adolf Salomon. AAAAAAAAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Juden! Paläst inalstinNot! Palästina hungert, die Seuchen wüten, der Tod hält Ernte, die Spitäler sind überfüllt. Das Schulwerk, das hebräische Schulwerk geht zugrunde. Die Lehrerschaft wird nur noch durch die Spannkraft der Idee aufrecht erhalten und durch die Hoffnung auf die Hilfe der Diaspora. Hunderte unversorgte Waisenkinder gehen zugrunde. Seit der Evakuierung von Jaffa irren die Vertriebenen obdachlos umher, auf momentane Unterstützung angewiesen. Aber noch nie war die Not so groß wie jetzt, wo richtige Hungersnot wutei, die Preise phantastische Höhe erreicht haben, Sterblichkeit und Krankheit ungeheuren Umfang angenommen haben. Was die österreichische Judenschaft für Palästina getan hat, ist erbärmlich wenig. Die Sache ist zu groß und ernst, als daß wir viele Worte machen müßten. Helft rasch! i Helft mit Liebe! ■*l Arbeitsgruppe der Jüdischen Studentenschaft Oesterreichs. b|Au unsere Vertrauensmänner! [f _ Großzügige Sammlungen sind sofort einzulciten, Gelder an das Bankhaus Rothschild mit dem Vermerk „Für die Evakuierten“ einzusenden. TVTfTTTTTTTTTTTVVTVTTTTVTTTVV^ RUNDSCHAU 5 Oesterreich und der Zionismus. Der Aufsatz von Tng. Robert Stricker, den wir in der vorigen Nummer auszugsweise wiedergegeben haben, ist nunmehr auch in der „Zeit“ erschienen: zahlreiche große reichsdeutsche Blätter haben von ihm Notiz genommen, u. a. die „Frankfurter Zeitung" vom 9. Juni. 9 © 0 9 0 0 9 0 9 Schriften von größter poli- tischer Bedeutung f Dr. Lazar Felix Pinkus, Vor der Gründung des 2 Judenstaates K 3.30 Ö Dr. S. Bernstein, Die iudenpolitik der ru- 2mänischen Regierung K 8.80 0 Dr. Max Rosenfeld, Nationales Selbstbe- £ stimmungtrecht der ludfenin Polen K 2.64 0 Demnächst erscheint: J Dr. Max Rosenfeld, Die polnische Judenfrage, © Problem und Lösung. K 11.— Zu beziehen durch Buchhandlung R. Löwit, Wien I., Rotenturmstr. 22 Daselbst stets vorrätig sämtliche Werke zur judenfrage, zum Zionismus und zur lugendbewegung, schöne Literatur u. Wissenschaft!. Werke. Spezialität: Einrichtung von jüdischen Vereins- und Volksbib!io~ iheken. — Fachkundigste Beratung. * Bei den Wahlen in den jüdischen Gemeinde- Vorstand von Minsk erhielten die Orthodoxen 2471, die Zionisten 2330, der „Bund" 1883, die Poale Zion 901 Stimmen. Die Wahl war eine Listenwahl, an der sich 10 Parteien mit verschiedenen Listen beteiligten. * Die Wahlen zur jüdischen Gemeinde in Czenstochau, die Ende April stattgeiunden haben, ergaben laut dem „Czenstochauer Tageblatt“ einen Sieg der Liste des Vereinigten Wahl- Komitees (Zionisten. Nationalisten, Orthodoxe) und ' eine vollkommene Niederlage der Assimilanten. '' In den polnischen Staatsrat wurde als Vertreter der jüdischen ..Religionsgenossenschaft" nicht, wie ursprünglich gemeldet, der Vorsteher der Warschauer Gemeinde Bergson. sondern der älteste Warschauer Rabbiner. Perlmutter, berufen. * Die Boykottbewegung in Polen lebt wieder auf. Die „Gazeta Poranna“ (Dwa grosze) hat wieder eine Abteilung „Oekonomischer Wiederaufbau“ eingerichtet, in der sie unter der alten Losung „swoj do swego“ (Jeder kaufe bei den Seinen) Boykott betreibt. Jedes Mittel, das geeignet ist, um eine Hetze einzuleiten, wird angewendet. Alle Zeitungen betonen aufreizend, daß die Juden in der Provinz die polnischen nichtgesetzlichen Feiertage nicht durch Geschäitsschluß feiern und stellen die Juden deshalb als Feinde des katholischen Glaubens und der polnischen Nation hin. * Das Landerwerbsverbot für Juden noch nicht außer Kraft gesetzt. Entgegen den von polnisch propagandistischer Seite vielfach verbreiteten Nachrichten ist das Gesetz, das den Juden Erwerb von bäuerlichem Land verbietet, noch nicht aufgehoben, da die österreichischen Gerichte gemäß den alten russischen Vorschriften vielfach Urteile zu Ungunsten der Juden erlassen und einzelne polnische Gerichte in ähnlichen Fällen der Praxis unter Berufung auf die Okkupationsmächte bereitwilligst nachahmen. Eine Zionistenkonferenz in Warschau hat dagegen protestiert und Abschaffung des Gesetzes, das in Rußland durch die revolutionäre Regierung soiort aufgehoben wurde, gefordert. Die endliche Aufhebung des Gesetzes wird von der jüdischen Bevölkerung mit Ungeduld erwartet, umsomehr als von polnisch-antisemitischer Seite Materialien gesammelt und Schritte vorbereitet werden, um ein Gesetz zu erwirken, das den Juden die Ansiedlung auf dem Lande unmöglich macht. Der Kampf der beiden Richtungen wird wahrscheinlich im Staatsrat ausgetragen. ' Jüdische Gymnasien. In der Ukraina gibt es gegenwärtig 63 jüdische Gymnasien. In vielen ist jüdisch die Unterrichtssprache. 3 Eine hebräische Tageszeitung unter dem Namen „Negew“ wird demnächst in Odessa zu erscheinen beginnen. * Aus dem bessarabischen Landtag. Wie das ukrainische Telegraphenbiiro aus Kiew meldete, weigerten sich die Juden am 9. April ihre Stimme in der Sitzung des bessarabischen Landtages abzugeben, um nicht von Rumänien annektiert zu werden. Infolgedessen beschließt die ukrainische Regierung eine aus dein Minister iür die Angelegenheiten der Juden und einem Mitglied des Appeüationshofes bestehende Delegation abzuordnen, die an den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Rumänien bezüglich des zukünftigen Loses Bessarabiens teilnehmen soll.